{"id":29112,"date":"2013-05-15T11:52:44","date_gmt":"2013-05-15T09:52:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.steuer.org\/?p=29112"},"modified":"2013-05-15T11:52:44","modified_gmt":"2013-05-15T09:52:44","slug":"verlust-des-rechts-einen-richter-wegen-besorgnis-der-befangenheit-abzulehnen-art-6-abs-1-emrk-im-finanzgerichtlichen-verfahren-nicht-anwendbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/verlust-des-rechts-einen-richter-wegen-besorgnis-der-befangenheit-abzulehnen-art-6-abs-1-emrk-im-finanzgerichtlichen-verfahren-nicht-anwendbar\/","title":{"rendered":"Verlust des Rechts, einen Richter wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen &#8211; Art 6 Abs 1 EMRK im finanzgerichtlichen Verfahren nicht anwendbar"},"content":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 18.3.2013, VII B 134\/12<\/p>\n<p>Verlust des Rechts, einen Richter wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen &#8211; Art 6 Abs 1 EMRK im finanzgerichtlichen Verfahren nicht anwendbar<\/p>\n<p>Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>1<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>I. Der Beklagte und Beschwerdegegner (das Finanzamt &#8211;FA&#8211;) hat gegen\u00fcber der Bank des Kl\u00e4gers und Beschwerdef\u00fchrers (Kl\u00e4ger) eine Pf\u00e4ndungs- und Einziehungsverf\u00fcgung erlassen. Den dagegen gerichteten Einspruch hat das FA als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen; der vom Kl\u00e4ger zudem beantragte Vollstreckungsaufschub wurde nicht gew\u00e4hrt. Nachdem die Drittschuldnerin die Steuerr\u00fcckst\u00e4nde beglichen hatte, erhob der Kl\u00e4ger mit der Begr\u00fcndung Klage, das FA habe das ihm zustehende Ermessen fehlerhaft ausge\u00fcbt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>2<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Am 9.\u00a0November 2011 hat die beim Finanzgericht (FG) mit der Sache befasste Berichterstatterin einen Er\u00f6rterungstermin durchgef\u00fchrt, zu dem der Kl\u00e4ger mit Schreiben vom 9.\u00a0Dezember 2011 Stellung nahm. Zwei Tage vor der m\u00fcndlichen Verhandlung lehnte der Kl\u00e4ger die Berichterstatterin wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Zur Begr\u00fcndung f\u00fchrte er an, die Berichterstatterin habe ihm auf seinen Hinweis, der Ermessensspielraum sei verkannt worden, entgegnet: &#8222;Sie wollen doch keine griechischen Verh\u00e4ltnisse.&#8220;<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>3<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Aufgrund der durch die Tilgung der Steuerr\u00fcckst\u00e4nde eingetretenen Erledigung der angefochtenen Verwaltungsentscheidungen und aufgrund des fehlenden Feststellungsinteresses wies das FG die Klage als unzul\u00e4ssig ab. Als unzul\u00e4ssig erachtete das FG auch den Befangenheitsantrag, der rechtsmissbr\u00e4uchlich gestellt worden sei. Zudem habe der Kl\u00e4ger ein etwaiges Recht zur Richterablehnung bereits vor Stellung des Antrags am 21.\u00a0Mai 2012 verloren, da er sich zuvor durch Einreichung der Schrifts\u00e4tze vom 9.\u00a0Dezember 2011 und vom 13.\u00a0Januar 2012 in eine Verhandlung eingelassen habe.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>4<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Unter Hinweis auf den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 25.\u00a0Juli 2012\u00a0\u00a02\u00a0BvR\u00a0615\/11 (Neue Juristische Wochenschrift &#8211;NJW&#8211; 2012, 3228) begehrt der Kl\u00e4ger mit seiner Beschwerde die Zulassung der Revision wegen eines Verfahrensfehlers (\u00a7\u00a0115 Abs.\u00a02 Nr.\u00a03 der Finanzgerichtsordnung &#8211;FGO&#8211;). Das FG habe den Antrag auf Ablehnung der Berichterstatterin wegen Besorgnis der Befangenheit nicht als rechtsmissbr\u00e4uchlich und deshalb unzul\u00e4ssig ablehnen d\u00fcrfen. Deshalb versto\u00dfe das Urteil gegen \u00a7\u00a045 Abs.\u00a01 und \u00a7\u00a044 Abs.\u00a03 der Zivilprozessordnung (ZPO) i.V.m. \u00a7\u00a051 FGO, gegen das Rechtsstaatsprinzip des Grundgesetzes und gegen das Gebot des fairen Verfahrens nach der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK). Die im Ablehnungsgesuch dargelegten Gr\u00fcnde seien geeignet, bei vern\u00fcnftiger Betrachtung Zweifel an der Unvoreingenommenheit der abgelehnten Berichterstatterin zu wecken, die unsachlich reagiert und unjuristisch argumentiert habe.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>5<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Das FA ist der Beschwerde entgegengetreten.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Entscheidungsgr\u00fcnde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>6<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>II. Die Beschwerde hat keinen Erfolg, weil der ger\u00fcgte Verfahrensmangel (\u00a7\u00a0115 Abs.\u00a02 Nr.\u00a03 FGO) zum Teil nicht schl\u00fcssig dargelegt ist, wie es \u00a7\u00a0116 Abs.\u00a03 Satz\u00a03 FGO erfordert, jedenfalls aber nicht vorliegt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>7<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>1. Ein Richter kann gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a051 Abs.\u00a01 Satz\u00a01 FGO i.V.m. \u00a7\u00a042 ZPO wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt werden. Wegen Besorgnis der Befangenheit findet die Ablehnung statt, wenn ein Grund vorliegt, der geeignet ist, Misstrauen gegen die Unparteilichkeit eines Richters zu rechtfertigen. Gr\u00fcnde f\u00fcr ein derartiges Misstrauen sind gegeben, wenn ein Beteiligter von seinem Standpunkt aus bei vern\u00fcnftiger, objektiver Betrachtung davon ausgehen kann, dass der Richter nicht unvoreingenommen entscheiden werde. Jedoch kann eine Partei gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a051 Abs.\u00a01 Satz\u00a01 FGO i.V.m. \u00a7\u00a043 ZPO einen Richter wegen Besorgnis der Befangenheit nicht mehr ablehnen, wenn sie sich bei ihm, ohne den ihr bekannten Ablehnungsgrund geltend zu machen, in eine Verhandlung eingelassen oder Antr\u00e4ge gestellt hat.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>8<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>a) Ein &#8222;Einlassen&#8220; in eine Verhandlung bedeutet jedes prozessuale und der Erledigung eines Streitpunktes dienende Handeln unter Mitwirkung eines Richters. Hierzu geh\u00f6rt auch das Einreichen eines Schriftsatzes (Beschl\u00fcsse des Bundesfinanzhofs &#8211;BFH&#8211; vom 6.\u00a0Juli 2005 II\u00a0R\u00a028\/02, BFH\/NV 2005, 2027, und vom 28.\u00a0Juli 1997 III\u00a0B\u00a056\/96, BFH\/NV 1998, 184, m.w.N.; Gr\u00e4ber\/Stapperfend, Finanzgerichtsordnung, 7.\u00a0Aufl., \u00a7\u00a051 Rz\u00a041). Ausreichend ist, wenn in einem Schriftsatz Ausf\u00fchrungen zur Streitsache gemacht werden, auch wenn keine konkreten Antr\u00e4ge gestellt werden (BFH-Beschluss in BFH\/NV 1998, 184).<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>9<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>b) Im Streitfall hat der Kl\u00e4ger nach dem Er\u00f6rterungstermin im Schriftsatz vom 9.\u00a0Dezember 2011 Ausf\u00fchrungen zu den von der Vertreterin des FA im Termin ge\u00e4u\u00dferten Rechtsauffassungen in Bezug auf die Aus\u00fcbung des Entschlie\u00dfungsermessens gemacht. Auch hat der Kl\u00e4ger die \u00c4u\u00dferung der Berichterstatterin wiedergegeben, er wolle doch auch keine griechischen Verh\u00e4ltnisse, und abschlie\u00dfend ausgef\u00fchrt, der Er\u00f6rterungstermin habe damit best\u00e4tigt, dass die Klage zul\u00e4ssig und begr\u00fcndet sei. Bereits zu diesem Zeitpunkt h\u00e4tte der Kl\u00e4ger die M\u00f6glichkeit gehabt, die zur Kenntnis genommenen und schriftlich festgehaltenen \u00c4u\u00dferungen der Berichterstatterin zum Gegenstand eines Befangenheitsantrags zu machen. Dies hat er jedoch unterlassen. In einem weiteren Schriftsatz vom 13.\u00a0Januar 2012 hat er dem FA geraten, die Klageantr\u00e4ge anzuerkennen und sich vom Finanzminister des Landes Baden-W\u00fcrttemberg fachkundig beraten zu lassen. Auch diesem Schriftsatz ist ein Befangenheitsantrag nicht zu entnehmen. Einen solchen hat der Kl\u00e4ger erst wenige Tage vor der m\u00fcndlichen Verhandlung mit Schriftsatz vom 21.\u00a0Mai 2012 gestellt. Erst in diesem Schriftsatz hat er zu erkennen gegeben, die \u00c4u\u00dferungen der Berichterstatterin werte er als einen Umstand, der bei vern\u00fcnftiger Betrachtung Zweifel an ihrer Unvoreingenommenheit hervorrufe.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>10<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Da der Kl\u00e4ger bereits Monate zuvor zum Ergebnis des Er\u00f6rterungstermins Stellung genommen hat, ohne konkrete Zweifel an der Unvoreingenommenheit der Berichterstatterin zu \u00e4u\u00dfern, erweist sich der Befangenheitsantrag nach \u00a7\u00a043 ZPO als unzul\u00e4ssig. Das FG hat den Antrag demnach zu Recht abgelehnt und unter Mitwirkung der erfolglos abgelehnten Berichterstatterin in der Sache entschieden. Somit liegt der von der Beschwerde ger\u00fcgte Verfahrensfehler nicht vor.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><em>11<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>2. Erg\u00e4nzend weist der beschlie\u00dfende Senat darauf hin, dass nach st\u00e4ndiger Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union und des BFH Art.\u00a06 Abs.\u00a01 EMRK, der das verfahrensrechtliche Fairnessgebot regelt, aufgrund des \u00f6ffentlich-rechtlichen Charakters der Besteuerung im finanzgerichtlichen Verfahren keine Anwendung finden kann (vgl. Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte vom 12.\u00a0Juli 2001\u00a0\u00a044759\/98, NJW 2002, 3453, und vom 13.\u00a0Januar 2005\u00a0\u00a062023\/00, Europ\u00e4ische Grundrechte Zeitschrift 2005, 234, sowie BFH-Beschl\u00fcsse vom 21.\u00a0Februar 2006 I\u00a0B\u00a032\/05, BFH\/NV 2006, 1305, und vom 31.\u00a0Juli 2003 IX\u00a0E\u00a06\/03, BFH\/NV 2003, 1603).<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 18.3.2013, VII B 134\/12 Verlust des Rechts, einen Richter wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen &#8211; Art 6 Abs 1 EMRK im finanzgerichtlichen Verfahren nicht anwendbar Tatbestand 1 I. Der Beklagte und Beschwerdegegner (das Finanzamt &#8211;FA&#8211;) hat gegen\u00fcber der Bank des Kl\u00e4gers und Beschwerdef\u00fchrers (Kl\u00e4ger) eine Pf\u00e4ndungs- und Einziehungsverf\u00fcgung erlassen. 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