{"id":45507,"date":"2016-11-30T10:11:06","date_gmt":"2016-11-30T08:11:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=45507"},"modified":"2022-11-25T11:56:58","modified_gmt":"2022-11-25T09:56:58","slug":"neuer-europaeischer-tarifbericht-des-wsi-loehne-in-europa-steigen-real-aber-meist-nur-durch-die-extrem-niedrige-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/neuer-europaeischer-tarifbericht-des-wsi-loehne-in-europa-steigen-real-aber-meist-nur-durch-die-extrem-niedrige-inflation\/","title":{"rendered":"Neuer europ\u00e4ischer Tarifbericht des WSI: L\u00f6hne in Europa steigen real, aber meist nur durch die extrem niedrige Inflation"},"content":{"rendered":"<article>\n<h4>In den meisten EU-L\u00e4ndern sind die durchschnittlichen L\u00f6hne 2015 st\u00e4rker gestiegen als die Preise, auch 2016 d\u00fcrften Besch\u00e4ftigte in fast allen EU-Staaten im Mittel real mehr Geld in der Tasche haben. Entsprechend stiegen die realen Effektivl\u00f6hne im Durchschnitt der 28 EU-Staaten 2015 um 1,4 Prozent, in diesem Jahr wird mit 1,7 Prozent gerechnet. Das liegt allerdings vielerorts nicht an einer kr\u00e4ftigen Lohnentwicklung, sondern vor allem an der extrem niedrigen und 2015 in elf L\u00e4ndern sogar deflation\u00e4ren Preisentwicklung. Um die Binnennachfrage und das Wachstum in Europa nachhaltig zu beleben, w\u00e4ren deutlichere Lohnsteigerungen n\u00f6tig. Insbesondere in S\u00fcdeuropa wird das nur funktionieren, wenn Tarifvertragsstrukturen, die w\u00e4hrend der Eurokrise unter dem Druck der europ\u00e4ischen Institutionen zerschlagen wurden, wieder neu entstehen. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Europ\u00e4ische Tarifbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung. Er erscheint in der neuen Ausgabe der WSI-Mitteilungen.<\/h4>\n<\/article>\n<article>Europas Arbeitnehmer haben eine lange Durststrecke hinter sich, zeigt die Analyse des WSI-Tarifexperten Prof. Dr. Thorsten Schulten: Preisbereinigt sind die L\u00f6hne zwischen 2010 und 2016 in elf EU-Staaten gesunken. In neun weiteren lagen die durchschnittlichen Zuwachsraten bei unter einem Prozent pro Jahr. Deutschland rangiert mit einer kumulierten Reallohnsteigerung von 9,6 Prozent f\u00fcr diesen Sieben-Jahres-Zeitraum im oberen Mittelfeld der L\u00e4nder mit Zuw\u00e4chsen. Im vergangenen Jahr lag Deutschland mit einem durchschnittlichen realen Lohnwachstum um 2,6 Prozent hinter acht osteurop\u00e4ischen EU-L\u00e4ndern und Schweden auf Rang 10 in der Gemeinschaft. Allerdings war die Bundesrepublik in der Dekade zuvor auch das einzige europ\u00e4ische Land, in dem die Reall\u00f6hne zur\u00fcckgegangen waren: um 5,7 Prozent von 2001 bis 2009 (siehe auch die Abbildungen 5 und 6 im Tarifbericht; Link unten).<\/p>\n<p>Zwar ging es 2015 und 2016 mit der Kaufkraft der Arbeitnehmer in der EU parallel zur moderaten wirtschaftlichen Erholung wieder bergauf: W\u00e4hrend die Reall\u00f6hne 2014 noch in sechs L\u00e4ndern sanken, geschah das 2015 nur noch in Belgien, Griechenland und Portugal. In diesem Jahr prognostiziert die EU-Kommission lediglich f\u00fcr Griechenland reale Lohnverluste. Die Zuw\u00e4chse bei den Reall\u00f6hnen in den meisten Staaten seien allerdings in erster Linie der extrem niedrigen Inflation zu verdanken, so Schulten, der f\u00fcr seinen Bericht unter anderem Daten der EU und der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) ausgewertet hat. Das nominale Lohnwachstum war dagegen \u201enicht nur niedrig, sondern blieb auch konstant hinter den vorgesagten Werten zur\u00fcck\u201c, zitiert der WSI-Forscher Analysen der EZB.<\/p>\n<p>So sind die nominalen Tarifverdienste im Euroraum &#8211; f\u00fcr den Rest der EU liegen keine Daten vor &#8211; 2015 nach WSI-Berechnungen im Schnitt um 1,5 Prozent gestiegen. \u201eDies ist die niedrigste Steigerungsrate seit Anfang der 2000er Jahre\u201c, schreibt Schulten. Die nominalen Effektivl\u00f6hne \u2013 also die tats\u00e4chlich gezahlten Geh\u00e4lter &#8211; stiegen EU-weit zwar etwas st\u00e4rker um durchschnittlich 2,0 Prozent. Allerdings legen die Projektionen der EZB f\u00fcr 2016 bei den nominalen Effektivl\u00f6hnen wieder einen sp\u00fcrbaren R\u00fcckgang auf 1,3 Prozent nahe, w\u00e4hrend sich das Wachstum der Tarifl\u00f6hne auf 1,4 Prozent verlangsamt. Beide Werte liegen deutlich unter der EZB-Zielinflationsrate von knapp unter zwei Prozent.<\/p>\n<p>Dass sich die Inflation so verhalten entwickelt, erkl\u00e4rt Schulten zum einen mit den niedrigen Energiepreisen. Zum anderen zeigten sich darin aber die Folgen der Spar- und Deregulierungspolitik im Zuge der Euroraum-Krise. Die \u00f6konomischen Schattenseiten der schwachen Lohnentwicklung \u201etreten heute immer offener zutage\u201c, schreibt der Forscher. \u201eIm Kern wird hierdurch die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage systematisch beschr\u00e4nkt.\u201c Die Lohnentwicklung sei in vielen L\u00e4ndern Teil eines Problemkreislaufs: Ohne Nachfrage-Impulse bleibt die Preissteigerung schwach und die Arbeitslosigkeit hoch. Wenn Jobs entstehen, dann \u00fcberwiegend im Niedriglohnsektor und mit geringer Produktivit\u00e4t. Da aber die Summe aus Produktivit\u00e4t und Preissteigerung den Verteilungsspielraum definiere, den \u00d6konomen als Orientierungsgr\u00f6\u00dfe f\u00fcr die k\u00fcnftige Lohnentwicklung ansehen, w\u00fcrde wiederum die Lohnentwicklung gebremst.<\/p>\n<p>Diesen Zusammenhang konstatieren nach Schultens Analyse mittlerweile nicht nur die europ\u00e4ischen Gewerkschaften, sondern zunehmend mehr Wirtschafts- und Finanzmarktanalysten sowie die EZB. So erkl\u00e4rte Notenbank-Pr\u00e4sident Mario Draghi im September vor dem Europ\u00e4ischen Parlament: \u201eThe case for higher wages is unquestionable.\u201c Gleichzeitig geh\u00f6re die EZB aber nach wie vor zu \u201eden f\u00fchrenden Akteuren, die in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern auf Arbeitsmarktreformen gedr\u00e4ngt haben oder immer noch dr\u00e4ngen, die heute eine st\u00e4rkere Lohndynamik behindern\u201c, betont Schulten. L\u00f6sen lasse sich das Problem daher nur durch einen tiefgreifenden Politikwechsel. Dazu geh\u00f6re, dass zur St\u00e4rkung der Lohnentwicklung \u201ein vielen L\u00e4ndern auch die institutionellen Voraussetzungen, wie angemessene Mindestl\u00f6hne und umfassende Tarifvertragssysteme, wiederhergestellt werden.\u201c<\/p>\n<div class=\"clearfix\">\u00a0Den &#8222;Europ\u00e4ischen Tarifbericht&#8220; finden Sie auf der Homepage der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung.<\/div>\n<div class=\"clearfix\"><\/div>\n<\/article>\n<p>Quelle: Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 30.11.2016<\/p>\n<article>&nbsp;<\/p>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den meisten EU-L\u00e4ndern sind die durchschnittlichen L\u00f6hne 2015 st\u00e4rker gestiegen als die Preise, auch 2016 d\u00fcrften Besch\u00e4ftigte in fast allen EU-Staaten im Mittel real mehr Geld in der Tasche haben. Entsprechend stiegen die realen Effektivl\u00f6hne im Durchschnitt der 28 EU-Staaten 2015 um 1,4 Prozent, in diesem Jahr wird mit 1,7 Prozent gerechnet. 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