{"id":64708,"date":"2021-11-05T16:53:31","date_gmt":"2021-11-05T14:53:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=64708"},"modified":"2021-11-30T18:45:23","modified_gmt":"2021-11-30T16:45:23","slug":"flexible-arbeitszeiten-ohne-taegliche-grenze-leidet-erholung-deutlich-mehr-ueberstunden-ohne-zeiterfassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/flexible-arbeitszeiten-ohne-taegliche-grenze-leidet-erholung-deutlich-mehr-ueberstunden-ohne-zeiterfassung\/","title":{"rendered":"Flexible Arbeitszeiten: Ohne t\u00e4gliche Grenze leidet Erholung \u2013 Deutlich mehr \u00dcberstunden ohne Zeiterfassung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Schutzvorschriften zur Begrenzung der t\u00e4glichen Arbeitszeit geschw\u00e4cht werden, so wie im Sondierungspapier f\u00fcr eine Ampelkoalition als \u201ebegrenzte M\u00f6glichkeit\u201c skizziert, d\u00fcrfte das f\u00fcr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zus\u00e4tzliche Belastungen bringen: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann durch mehr \u00dcberstunden verschlechtert statt verbessert werden. Die f\u00fcr die Gesundheit dringend notwendige Erholung wird weiter erschwert \u2013 schon jetzt hat rund die H\u00e4lfte der Erwerbst\u00e4tigen Schwierigkeiten, von der Arbeit abzuschalten. Besonders betroffen sind Besch\u00e4ftigte, deren Arbeit \u201eflexibel\u201c \u00fcber Projekte oder Deadlines organisiert wird, oder in Betrieben mit d\u00fcnner Personaldecke. Damit steigt die Gefahr von Stresserkrankungen oder Burnout. Statt Abweichungen von den t\u00e4glichen Erholungszeiten zu beg\u00fcnstigen, w\u00e4re es wichtig, die vom Europ\u00e4ischen Gerichtshof (EuGH) schon vor gut zwei Jahren eingeforderte betriebliche Arbeitszeiterfassung gesetzlich umzusetzen, insbesondere bei mobiler Arbeit. Denn beispielsweise machen Besch\u00e4ftigte im Homeoffice aktuell fast doppelt so viele \u00dcberstunden, wenn die Arbeitszeit nicht aufgezeichnet wird. Das ergibt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung. Sie st\u00fctzt sich auf aktuelle Ergebnisse aus der repr\u00e4sentativen Erwerbst\u00e4tigenbefragung der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung sowie den Stand der arbeitssoziologischen und -medizinischen Forschung. Gerade angesichts von verbreitetem Multitasking, \u201eagilem\u201c und mobilem Arbeiten, von internationaler Vernetzung und umfassender digitaler Erreichbarkeit werde deutlich: \u201eEine vereinbarkeits- und gesundheitsf\u00f6rderliche Flexibilisierung der Arbeitszeit h\u00e4ngt sowohl von einem starken Arbeitszeitgesetz und Arbeitsschutzgesetz, als auch von einer transparenten und im Betrieb verbindlich geregelten Arbeitszeiterfassung ab\u201c, res\u00fcmieren die WSI-Forscherinnen Dr. Yvonne Lott und Dr. Elke Ahlers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verschiedene Akteure dr\u00e4ngen auf eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, allerdings mit ganz unterschiedlicher Sto\u00dfrichtung. Die Gewerkschaften, die Gr\u00fcnen, die SPD und die Linken fordern, dass Besch\u00e4ftigte st\u00e4rker selbst \u00fcber ihre Arbeitszeit bestimmen sollten. Arbeitgeberverb\u00e4nde und die FDP zielen dagegen darauf ab, das Arbeitszeitgesetz zu lockern, um l\u00e4ngere t\u00e4gliche Arbeitszeiten zu erlauben. Dies ist laut Wahlprogramm n\u00f6tig, um mit dem wachsenden internationalen Wettbewerb mithalten und individualisierte Kundenw\u00fcnsche erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Ein Teil dieser Forderungen findet sich im gemeinsamen Sondierungspapier mit SPD und Gr\u00fcnen wieder, wo es hei\u00dft, dass eine \u201eM\u00f6glichkeit zur Abweichung von den derzeit bestehenden Regelungen des Arbeitszeitgesetzes hinsichtlich der Tagesh\u00f6chstarbeitszeit\u201c \u00fcber Tarifvertr\u00e4ge oder Betriebsvereinbarungen geschaffen werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Reihe von Studien zeigt: Wenn Besch\u00e4ftigte \u00fcber ihre Arbeitszeit mitentscheiden k\u00f6nnen, wirkt sich das in der Regel positiv auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben aus. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Wenn beispielsweise Besch\u00e4ftigte dauernd \u00dcberstunden leisten oder im Homeoffice st\u00e4ndig erreichbar sein m\u00fcssen, leidet darunter die Work-Life-Balance.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Flexibles Arbeiten ist vor allem problematisch in Betrieben mit unzureichender Personaldecke, h\u00e4ufiger Projektarbeit und knappen Deadlines, macht die aktuelle B\u00f6ckler-Befragung vom Juli 2021 unter rund 4.500 Erwerbst\u00e4tigen deutlich. Bei ausreichend Personal leisten Vollzeitbesch\u00e4ftigte danach im Durchschnitt zwei \u00dcberstunden pro Woche. Bei Personalengp\u00e4ssen sind es durchschnittlich 3,5 \u00dcberstunden. Besch\u00e4ftigte, deren Arbeit \u00fcber zeitlich enge Deadlines gesteuert wird, arbeiten w\u00f6chentlich im Durchschnitt 3,5 Stunden mehr, Besch\u00e4ftigte ohne Deadlines machen drei \u00dcberstunden. Ohne Team-Projektarbeit leisten Vollzeitbesch\u00e4ftigte im Durchschnitt 2,5 \u00dcberstunden pro Woche. Arbeiten sie in Projekten oder Teams, sind es durchschnittlich 3,5 \u00dcberstunden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"wer-am-projekterfolg-gemessen-wird-vergisst-schnell-die-uhr\">Wer am Projekterfolg gemessen wird, vergisst schnell die Uhr<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass solche modernen und zunehmend verbreiteten Arbeitsformen oft mit deutlich l\u00e4ngeren tats\u00e4chlichen Arbeitszeiten verbunden sind, habe allenfalls vordergr\u00fcndig mit freiwilligem Engagement zu tun, betonen die Wissenschaftlerinnen. Oft seien vom Arbeitgeber zu hoch angesetzte Ziele die wahren Gr\u00fcnde. \u201eIn solchen F\u00e4llen entscheiden sich Besch\u00e4ftigte zwar daf\u00fcr, \u00dcberstunden am Abend und am Wochenende zu leisten, aber nicht etwa aus Begeisterung f\u00fcr ihre Arbeit, sondern um ihr Arbeitspensum zu schaffen\u201c \u2013 und weil sie sich f\u00fcr den Erfolg von Projekten und die Einhaltung von Fristen verantwortlich f\u00fchlen. In der Wissenschaft ist in diesem Zusammenhang auch von \u201einteressierter Selbstgef\u00e4hrdung\u201c die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig berichten unter den Besch\u00e4ftigten, f\u00fcr die Personalknappheit, enge Deadlines oder Projektarbeit ein Thema sind, nur 44 bis 49 Prozent, sie w\u00fcrden in ihrer Freizeit nicht oder nur wenig an ihre Arbeit denken. Bei den davon Nicht-Betroffenen gelingt es hingegen immerhin rund 55 bis 63 Prozent, nach Feierabend zumindest weitgehend abzuschalten. Insbesondere f\u00fcr M\u00fctter stellen \u00dcberstunden und unplanbare Arbeitszeiten eine gro\u00dfe Belastung dar, da sie h\u00e4ufig zus\u00e4tzlich einen Gro\u00dfteil der Kinderbetreuung \u00fcbernehmen, schreiben Lott und Ahlers. Leidet die t\u00e4gliche Erholung, beg\u00fcnstigt das nach dem Stand der arbeitsmedizinischen Forschung psychische Beschwerden, etwa Burnouts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob zeit- und ortsflexibles Arbeiten den Besch\u00e4ftigten n\u00fctzt oder schadet, h\u00e4nge wesentlich von den Arbeitsbedingungen im Betrieb und der Unternehmenskultur ab, aber auch von den gesetzlichen Rahmenbedingungen, erkl\u00e4ren Lott und Ahlers. Gesch\u00fctzt werden k\u00f6nnten Besch\u00e4ftigte auch durch die Erfassung der Arbeitszeit. Das gelte auch und gerade f\u00fcr diejenigen, die mobil arbeiten. Nach den Daten der HBS-Erwerbst\u00e4tigenbefragung leisten Besch\u00e4ftigte ohne Zeiterfassung im Homeoffice besonders viele \u00dcberstunden: 3,5 Stunden im Wochendurchschnitt bei einer Vollzeitstelle. Dokumentieren sie ihre mobile Arbeitszeit selber, sind es 3 Stunden, zeichnet das Unternehmen die Arbeitszeit auf, dagegen 2 Stunden. Das schl\u00e4gt auch auf die M\u00f6glichkeit zur Regeneration durch: Wird die Arbeitszeit nicht erfasst, geben nur 46 Prozent an, dass sie sich von der Arbeit erholen. Wird die Arbeitszeit von den Besch\u00e4ftigten selbst dokumentiert, sagen dies 50 Prozent. Und wenn die Arbeitszeit betrieblich erfasst wird, sind es 58 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besser erholt seien also Besch\u00e4ftigte, wenn die Arbeitszeit allgemeing\u00fcltig und f\u00fcr alle im Betrieb dokumentiert wird. Allerdings kommen solche Regelungen bisher nur einer Minderheit zugute \u2013 am h\u00e4ufigsten noch in mitbestimmten und tarifgebundenen Betrieben: In Betrieben mit Betriebsrat geben 32 Prozent an, dass ihre Arbeitszeit im Homeoffice betrieblich erfasst wird, in Betrieben ohne Arbeitnehmervertretung sind es nur 19 Prozent. \u00c4hnlich ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Besch\u00e4ftigten mit und ohne Tarifvertrag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine gesetzliche Pflicht zur Arbeitszeiterfassung \u2013 wie vom EuGH im Jahr 2019 vorgeschrieben \u2013 sei unerl\u00e4sslich, um mehr Besch\u00e4ftigte, vor allem jene in nicht mitbestimmten Betrieben, zu sch\u00fctzen. Gleichzeitig m\u00fcsse die Begrenzung der t\u00e4glichen H\u00f6chstarbeitszeit und die Einhaltung von Ruhezeiten gew\u00e4hrleistet bleiben, betonen die Forscherinnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>WSI Report Nr. 68, Oktober 2021<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 02.11.2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Schutzvorschriften zur Begrenzung der t\u00e4glichen Arbeitszeit geschw\u00e4cht werden, so wie im Sondierungspapier f\u00fcr eine Ampelkoalition als \u201ebegrenzte M\u00f6glichkeit\u201c skizziert, d\u00fcrfte das f\u00fcr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zus\u00e4tzliche Belastungen bringen: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann durch mehr \u00dcberstunden verschlechtert statt verbessert werden. 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