{"id":67230,"date":"2022-06-09T15:04:02","date_gmt":"2022-06-09T13:04:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=67230"},"modified":"2022-06-09T15:04:02","modified_gmt":"2022-06-09T13:04:02","slug":"bahnmitarbeiter-wird-zeuge-eines-gleissuizids-unfallversicherung-muss-ptbs-als-unfallfolge-anerkennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bahnmitarbeiter-wird-zeuge-eines-gleissuizids-unfallversicherung-muss-ptbs-als-unfallfolge-anerkennen\/","title":{"rendered":"Bahnmitarbeiter wird Zeuge eines Gleissuizids: Unfallversicherung muss PTBS als Unfallfolge anerkennen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein 52-j\u00e4hriger Kundendienstmitarbeiter der Deutschen Bahn AG erteilte am Bahnsteig im D\u00fcsseldorfer Hauptbahnhof einem Mann Auskunft, der sich nach einem Zug erkundigte. Der Mann stieg jedoch nicht in den Zug ein, sondern rannte los. Nachdem der angefahrene Zug gestoppt hatte, fand der Mitarbeiter den zweigeteilten Leichnam.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer kurzen Arbeitsunf\u00e4higkeit \u00fcbte der Mitarbeiter seine T\u00e4tigkeit zun\u00e4chst weiter aus, litt aber an Flash-backs, Albtr\u00e4umen und Schlafst\u00f6rungen. Die ihn sp\u00e4ter behandelnden Fach\u00e4rzte und Psychotherapeuten diagnostizierten eine posttraumatische Belastungsst\u00f6rung (PTBS). Der mittlerweile voll erwerbsgeminderte Versicherte aus dem Wetteraukreis beantragte gegen\u00fcber der Unfallversicherung Bund und Bahn die Anerkennung als Arbeitsunfall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Unfallversicherung stellte als Unfallfolge lediglich eine vor\u00fcbergehende akute Belastungsreaktion fest. Die aktuellen Beschwerden des Kl\u00e4gers seien unfallunabh\u00e4ngig. Gegen eine PTBS als Folge des Unfalls spreche, dass der Versicherte zun\u00e4chst lediglich zwei Wochen arbeitsunf\u00e4hig gewesen sei und danach weitergearbeitet habe. Eine fortlaufende Traumafolgest\u00f6rung h\u00e4tten die eingeholten Gutachten nicht ergeben. Auch habe der Versicherte weitere Schicksalsschl\u00e4ge erlitten, die ebenfalls als Ursachen zu ber\u00fccksichtigen seien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Versicherte erhob Klage und beantragte die Anerkennung einer PTBS als weitere Unfallfolge. Er befinde sich wegen der andauernden Erkrankung in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"unfallereignis-war-f%c3%bcr-die-entstehung-der-ptbs-die-wesentliche-ursache\">Unfallereignis war f\u00fcr die Entstehung der PTBS die wesentliche Ursache<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Darmst\u00e4dter Richter verurteilten die Unfallversicherung, eine PTBS als weitere Unfallfolge anzuerkennen. Die Diagnosekriterien einer PTBS seien erf\u00fcllt. Das Unfallereignis sei ein objektiv schwerwiegendes Ereignis. Flash-Backs und Albtr\u00e4ume seien best\u00e4tigt. Auch vermeide der Versicherte inzwischen Reize, die mit dem traumatischen Erlebnis verbunden seien, insbesondere Bahnh\u00f6fe und Bahnsteige.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die PTBS h\u00e4tte sich ohne das Unfallereignis nicht entwickelt. Den konkurrierenden Ursachen \u2013 Tod des Bruders und weitere Schicksalsschl\u00e4ge \u2013 k\u00e4men keine \u00fcberragende Bedeutung zu, wie der gerichtliche Sachverst\u00e4ndige \u00fcberzeugend dargelegt habe. Insbesondere sei der Bruder des Versicherten erst ein Jahr nach dem Arbeitsunfall gestorben. Danach habe sich das psychische Befinden des Versicherten nicht verschlechtert, sodass auch keine Verschiebung der Wesensgrundlage belegt sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Erleben des Gleissuizids hat sich ein vom Schutzzweck der gesetzlichen Unfallversicherung umfasstes Risiko verwirklicht, welches die Entstehung der PTBS derart wesentlich gepr\u00e4gt hat, dass die \u00fcbrigen in Pers\u00f6nlichkeit und Lebensgeschichte des Kl\u00e4gers begr\u00fcndeten Mitursachen als nicht \u00fcberragend erscheinen, so die Richter des 3. Senats des Hessischen Landessozialgerichts in einem am 02.06.2022 ver\u00f6ffentlichten Urteil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Revision wurde nicht zugelassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"hinweise-zur-rechtslage\">Hinweise zur Rechtslage<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00a7 2 Sozialgesetzbuch Siebtes Buch (SGB VII)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(1) Kraft Gesetzes sind versichert<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Besch\u00e4ftigte, (\u2026)<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00a7 8 SGB VII<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(1) Arbeitsunf\u00e4lle sind Unf\u00e4lle von Versicherten infolge einer den Versicherungsschutz (\u2026) begr\u00fcndenden T\u00e4tigkeit (versicherte T\u00e4tigkeit). (\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: LSG Hessen, Pressemitteilung vom 02.06.2022 zum Urteil L 3 U 146\/19<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein 52-j\u00e4hriger Kundendienstmitarbeiter der Deutschen Bahn AG erteilte am Bahnsteig im D\u00fcsseldorfer Hauptbahnhof einem Mann Auskunft, der sich nach einem Zug erkundigte. Der Mann stieg jedoch nicht in den Zug ein, sondern rannte los. Nachdem der angefahrene Zug gestoppt hatte, fand der Mitarbeiter den zweigeteilten Leichnam. 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