{"id":69063,"date":"2022-10-22T11:58:42","date_gmt":"2022-10-22T09:58:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=69063"},"modified":"2022-10-22T11:58:42","modified_gmt":"2022-10-22T09:58:42","slug":"114-prozent-inflation-fuer-familien-mit-niedrigem-einkommen-grosse-soziale-spreizung-bei-teuerung-beruhigung-in-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/114-prozent-inflation-fuer-familien-mit-niedrigem-einkommen-grosse-soziale-spreizung-bei-teuerung-beruhigung-in-sicht\/","title":{"rendered":"11,4 Prozent Inflation f\u00fcr Familien mit niedrigem Einkommen, gro\u00dfe soziale Spreizung bei Teuerung, Beruhigung in Sicht"},"content":{"rendered":"\n<p>Durch neue Preissch\u00fcbe bei Haushaltsenergie und Nahrungsmitteln sowie den Wegfall von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket hat die Inflation im September f\u00fcr alle Haushalte in Deutschland noch einmal deutlich angezogen, auf durchschnittlich 10,0 Prozent. Weit \u00fcberdurchschnittlich belastet sind einkommensschwache Familien und, in etwas abgeschw\u00e4chter Form, Alleinlebende mit niedrigem Einkommen. Gemessen an den f\u00fcr diese Haushaltstypen repr\u00e4sentativen Warenk\u00f6rben trugen Familien mit niedrigem Einkommen im September eine Inflationsbelastung von 11,4 Prozent, bei \u00e4rmeren Singles waren es 10,8 Prozent. Dagegen weisen Alleinlebende mit hohem Einkommen wie in den Vormonaten die im Vergleich geringste haushaltsspezifische Teuerungsrate auf: 8,0 Prozent. Damit hat sich die soziale Schere bei den Inflationsraten gegen\u00fcber August noch einmal deutlich ge\u00f6ffnet, von 2,1 auf 3,4 Prozentpunkte. Das ist der h\u00f6chste in diesem Jahr gemessene Wert und liegt daran, dass die gr\u00f6\u00dften Preistreiber \u2013 Haushaltsenergie und Lebensmittel \u2013 bei den Eink\u00e4ufen von Haushalten mit niedrigen bis mittleren Einkommen einen gr\u00f6\u00dferen Anteil ausmachen als bei wohlhabenden. Auch Alleinerziehende und Familien mit jeweils mittleren Einkommen hatten mit 10,4 Prozent bzw. 10,2 Prozent etwas \u00fcberdurchschnittliche Teuerungsraten zu tragen, w\u00e4hrend kinderlose Paare und Alleinlebende mit jeweils mittleren Einkommen mit 9,9 Prozent sehr nahe am allgemeinen Durchschnitt lagen. Familien und Alleinlebende mit jeweils h\u00f6heren Einkommen wiesen unterdurchschnittliche Raten von 9,3 bzw. 9,5 Prozent auf. Das ergibt der IMK Inflationsmonitor des Instituts f\u00fcr Makro\u00f6konomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, der monatlich die spezifischen Teuerungsraten f\u00fcr neun repr\u00e4sentative Haushaltstypen liefert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie spezifischen Inflationsraten zeigen, dass Haushalte mit geringeren Einkommen durch den Preisanstieg bei Haushaltsenergie \u00fcberproportional belastet sind und sich hier auch die Verteuerung der Nahrungsmittel st\u00e4rker niederschl\u00e4gt\u201c, erkl\u00e4ren Dr. Silke Tober und Prof. Dr. Sebastian, die den Monitor erstellen. So schlugen bei Familien mit zwei Kindern und niedrigem Einkommen diese beiden G\u00fctergruppen des t\u00e4glichen Grundbedarfs mit 7,2 Prozentpunkten auf die haushaltsspezifische Inflationsrate von 11,4 Prozent durch, bei einkommensschwachen Alleinlebenden machten sie sogar 7,9 Prozentpunkte der 10,8 Prozent spezifische Teuerung aus. Bei einkommensstarken Alleinlebenden entfielen darauf hingegen lediglich 3,3 Prozentpunkte von insgesamt 8,0 Prozent. Bei diesen Haushalten sorgten dagegen die im Vorjahresvergleich ebenfalls erheblichen Preisanstiege bei Pauschalreisen, Gastst\u00e4ttendienstleistungen oder Wohnungsinstandhaltung f\u00fcr h\u00f6here Ausgaben. Erheblich von den Preisspr\u00fcngen bei Lebensmitteln und Haushaltsenergie betroffen waren auch Familien mit mittleren Einkommen, bei denen diese Komponenten 5,3 Prozentpunkte von 10,2 Prozent Teuerungsrate ausmachten. Zus\u00e4tzlich schlugen bei Familien mit mittleren und niedrigen Einkommen auch die Kostensteigerungen f\u00fcr Kraftstoffe und \u00f6ffentlichen Verkehr nach Auslaufen von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket sp\u00fcrbar zu Buche.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem, dass Haushalte mit niedrigem bis mittlerem Einkommen aktuell auch noch besonders hohe Inflationsbelastungen tragen, wird dadurch versch\u00e4rft, dass vor allem \u00c4rmere grunds\u00e4tzlich besonders unter starker Teuerung leiden, unterstreichen Tober und Dullien: Die Alltagsg\u00fcter, die sie vor allem kaufen, sind kaum zu ersetzen. Zudem besitzen diese Haushalte kaum Spielr\u00e4ume, ihr Konsumniveau durch R\u00fcckgriff auf Erspartes aufrecht zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"gaspreisbremse-politik-muss-pr%c3%bcfauftrag-f%c3%bcr-obergrenze-bei-entlastung-ernst-nehmen\">Gaspreisbremse: Politik muss Pr\u00fcfauftrag f\u00fcr Obergrenze bei Entlastung ernst nehmen<\/h2>\n\n\n\n<p>Umso wichtiger sind nach Analyse der Inflationsexpertin und des wissenschaftlichen Direktors des IMK die Stabilisierung von Einkommen und die staatliche Entlastungspolitik. Die von der Bundesregierung ergriffenen Ma\u00dfnahmen gingen, insbesondere nach den durch das 3. Entlastungspaket vorgenommenen Erg\u00e4nzungen, \u201eweitgehend in die richtige Richtung\u201c, konstatieren Tober und Dullien. So komme die Energiepreispauschale in H\u00f6he von 300 Euro, die Erwerbst\u00e4tige im September erhalten haben, und die im Dezember an Menschen im Ruhestand und andere zuvor ausgelassene Gruppen gezahlt wird, insbesondere Haushalten mit niedrigerem Einkommen zugute, da sie versteuert werden muss. Dasselbe gilt f\u00fcr die Pauschalen, die f\u00fcr Kinder gezahlt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorschl\u00e4ge der Gaskommission f\u00fcr eine Gaspreisbremse sind f\u00fcr die Forschenden ein wichtiger Baustein, um weitere deutliche Preissch\u00fcbe in den kommenden Monaten zumindest in wichtigen Teilen abzufangen. Auch die Senkung der Mehrwertsteuer auf Erdgas und der Verzicht auf die Gasumlage lassen Tober und Dullien \u2013 bei allen Unw\u00e4gbarkeiten durch weitere Eskalationen im Ukraine-Krieg \u2013 etwas optimistischer auf den weiteren Inflationsverlauf schauen als noch vor einem Monat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist die Gaspreisbremse in der derzeit diskutierten Form nach Analyse von IMK-Direktor Dullien insgesamt \u201eein gro\u00dfer Beitrag, um \u00fcber den Winter Zahlungsausf\u00e4lle und finanzielle Not bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein zu verhindern\u201c. Der Staat w\u00fcrde im Schnitt etwas mehr als 40 Prozent der Heizrechnung \u00fcbernehmen, wenn Haushalte weiter so Gas verbrauchen wie im Vorjahr. Diese prozentuale Entlastung ist unabh\u00e4ngig vom Gasverbrauch und Einkommen, und gilt damit f\u00fcr Menschen in einer 60-Quadratmeter-Wohnung genauso wie f\u00fcr jene mit einem alten, schlecht isolierten Haus auf dem Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorgeschlagene prozentuale \u00dcbernahme der Heizkosten basierend auf dem \u00fcblichen Verbrauch durch den Staat bedeute allerdings auch, dass Haushalte mit hohem Verbrauch und hoher Heizrechnung in Euro gerechnet st\u00e4rker entlastet werden als Haushalte mit niedrigem Verbrauch. Und w\u00e4hrend es auch bei Geringverdienenden Haushalte mit hohem Gasverbrauch gibt, kommt das in den oberen Einkommensdezilen mit durchschnittlich gr\u00f6\u00dferen Wohnfl\u00e4chen h\u00e4ufiger vor. Wenn die Entlastung ohne Obergrenze geschehe, erhielten Besitzer von gro\u00dfen Luxusimmobilien Entlastungsbetr\u00e4ge, die im Extremfall den Durchschnitt um ein Mehrfaches \u00fcbersteigen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Energieversorger aktuell gar nicht wissen, ob hinter einem Anschluss beispielsweise eine Villa mit Privatschwimmbad oder ein Mehrfamilienhaus mit 10 Mietparteien steckt, sei dieses Problem administrativ nicht einfach zu l\u00f6sen, betont Dullien. Schon gar nicht bei dem enormen Zeitdruck, unter dem die Gaskommission arbeiten musste. Die Kommission habe die Problematik aber erkannt und deshalb einen deutlichen Pr\u00fcfauftrag an die Bundesregierung gegeben, wie man die Entlastung zumindest bei Haushalten mit extremem Energieverbrauch begrenzen kann. Eine im Kommissionsbericht genannte M\u00f6glichkeit w\u00e4re eine H\u00f6chstzahl an Kilowattstunden, die als subventioniertes Grundkontingent gutgeschrieben werden. Das empfehlen auch Tober und Dullien: Eine m\u00f6gliche Schieflage sollte \u201eunbedingt dadurch korrigiert werden, dass Obergrenzen eingezogen werden, die nur dann durchl\u00e4ssig sind, wenn nachgewiesen wird, dass es sich bei dem Anschluss um einen Anschluss mehrerer Wohnungsparteien handelt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Quelle: Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 18.10.2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch neue Preissch\u00fcbe bei Haushaltsenergie und Nahrungsmitteln sowie den Wegfall von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket hat die Inflation im September f\u00fcr alle Haushalte in Deutschland noch einmal deutlich angezogen, auf durchschnittlich 10,0 Prozent. Weit \u00fcberdurchschnittlich belastet sind einkommensschwache Familien und, in etwas abgeschw\u00e4chter Form, Alleinlebende mit niedrigem Einkommen. 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