{"id":70873,"date":"2023-04-15T14:16:46","date_gmt":"2023-04-15T12:16:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=70873"},"modified":"2023-04-15T14:16:46","modified_gmt":"2023-04-15T12:16:46","slug":"zehn-prozent-der-erwerbstaetigen-in-deutschland-arbeiten-suchthaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/zehn-prozent-der-erwerbstaetigen-in-deutschland-arbeiten-suchthaft\/","title":{"rendered":"Zehn Prozent der Erwerbst\u00e4tigen in Deutschland arbeiten suchthaft"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wer suchthaft arbeitet, hat mehr gesundheitliche Probleme, sucht aber selten \u00e4rztliche Hilfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zehn Prozent der Erwerbst\u00e4tigen in Deutschland arbeiten suchthaft. Betroffene arbeiten nicht nur sehr lang, schnell und parallel an unterschiedlichen Aufgaben, sie k\u00f6nnen auch nur mit schlechtem Gewissen freinehmen und f\u00fchlen sich oft unf\u00e4hig, am Feierabend abzuschalten und zu entspannen. Das geht auf die Gesundheit: Suchthaft Arbeitende stufen ihren Gesundheitszustand etwa doppelt so h\u00e4ufig als weniger gut oder schlecht ein wie nicht betroffene Erwerbst\u00e4tige. Deutlich h\u00e4ufiger als andere haben sie k\u00f6rperliche oder psychosomatische Beschwerden, suchen deswegen aber seltener \u00e4rztliche Hilfe. Das ergibt eine neue Studie von Forschenden des Bundesinstituts f\u00fcr Berufsbildung (BIBB) und der Technischen Universit\u00e4t Braunschweig, die die Hans-B\u00f6ckler-Stiftung gef\u00f6rdert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00f6gliche langfristige Folgen bei suchthaftem Arbeiten sind erh\u00f6hte Risiken f\u00fcr Burnout oder depressive Verstimmungen \u2013 psychische Leiden, die zu langwierigen Arbeitsausf\u00e4llen f\u00fchren k\u00f6nnen. Exzessivem und zwanghaftem Arbeiten vorzubeugen, erscheint auch vor dem Hintergrund zunehmender Fachkr\u00e4fteengp\u00e4sse angezeigt, betonen die Forschenden. Ansatzpunkte seien die Gesundheitsf\u00f6rderung, \u00c4nderungen der Betriebskultur sowie die Mitbestimmung durch Betriebsr\u00e4te.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der weit verbreitete Begriff \u201eWorkaholic\u201c beschreibt das, was Forschende mit suchthaftem Arbeiten meinen, nur zum Teil. Denn im allt\u00e4glichen Sprachgebrauch wird er oft zur Beschreibung von Menschen genutzt, die einfach viel arbeiten \u2013 und dabei gl\u00fccklich sind. Der zwanghafte Aspekt, der mit negativen Faktoren wie schlechter Gesundheit einhergeht, wird dabei zu wenig ber\u00fccksichtigt. Beatrice van Berk (BIBB), Prof. Dr. Christian Ebner (TU Braunschweig) und Dr. Daniela Rohrbach-Schmidt (BIBB), die das Ph\u00e4nomen in dem Forschungsprojekt f\u00fcr die Hans-B\u00f6ckler-Stiftung untersucht haben, benutzen ihn deshalb nicht. Die Wissenschaftlerinnen und der Wissenschaftler haben ermittelt, wie viele Erwerbst\u00e4tige in Deutschland betroffen sind und wie es um deren Gesundheit bestellt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie beruht auf Daten des BIBB und der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, f\u00fcr die in den Jahren 2017 und 2018 gut 8.000 Erwerbst\u00e4tige zu ihrem Arbeitsverhalten und ihrem Wohlbefinden befragt worden sind. Die Ergebnisse zeigen den Forschenden zufolge \u201edeutlich, dass suchthaftes Arbeiten in Deutschland im Zusammenhang mit schlechterer Gesundheit steht. Dies gilt f\u00fcr die subjektive Selbsteinstufung des allgemeinen Gesundheitszustandes der Befragten genauso wie f\u00fcr die Zahl der berichteten psychosomatischen und k\u00f6rperlichen Beschwerden.\u201c Au\u00dferdem gehen die Betroffenen bei gesundheitlichen Beschwerden seltener zu \u00c4rztin oder Arzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschenden ordnen rund ein Zehntel der Befragten in die Kategorie suchthaftes Arbeiten ein. Das hei\u00dft, diese Erwerbst\u00e4tigen arbeiten nicht nur \u201eexzessiv\u201c, sondern auch \u201ezwanghaft\u201c \u2013 wobei Ersteres wesentlich weiterverbreitet ist als Letzteres. Ein zwanghaftes Verh\u00e4ltnis zum Job attestieren van Berk, Ebner und Rohrbach-Schmidt Erwerbst\u00e4tigen, die Aussagen zustimmen wie: \u201eEs ist wichtig f\u00fcr mich, hart zu arbeiten, auch wenn mir das, was ich tue, keinen Spa\u00df macht\u201c, \u201eEs f\u00e4llt mir schwer zu entspannen, wenn ich nicht arbeite\u201c oder \u201eIch habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir frei nehme.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im n\u00e4chsten Schritt haben die Forschenden Angaben der Befragten zu ihrer Gesundheit hinzugezogen. Die befragten Erwerbst\u00e4tigen sollten sowohl eine allgemeine Einsch\u00e4tzung ihrer Gesundheit abgeben \u2013 ausgezeichnet, sehr gut, gut, weniger gut oder schlecht \u2013 als auch Angaben zu 22 konkreten Arten von Gesundheitsbeschwerden machen. Von Kopfschmerzen \u00fcber Verdauungsprobleme und Nervosit\u00e4t bis zu geschwollenen Beinen. Au\u00dferdem wurde nach Arztbesuchen und Fehltagen gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von den suchthaft Arbeitenden gaben 28 Prozent an, ihr allgemeiner Gesundheitsstatus sei weniger gut oder schlecht. Bei den \u201egelassen\u201c Arbeitenden, der Mehrheit der Erwerbst\u00e4tigen, waren es hingegen nur 14 Prozent. Erwerbst\u00e4tige, die exzessiv, aber nicht zwanghaft arbeiten, sch\u00e4tzen ihre Gesundheit \u00e4hnlich gut ein wie gelassen Arbeitende. \u00c4hnlich ist das Ergebnis bei den abgefragten Einzelbeschwerden: Nur 8 Prozent der suchthaft Arbeitenden gaben an, in den vergangenen zw\u00f6lf Monaten keine Beschwerden gehabt zu haben, bei den gelassen Arbeitenden waren es 20 Prozent. Im Schnitt nannte die erste Gruppe 7,1 Beschwerden, die zweite 4,3. Alle Arten von Beschwerden sind bei den suchthaft Arbeitenden h\u00e4ufiger. Das gilt im Besonderen f\u00fcr die psychosomatischen Beschwerden, etwa Schlafst\u00f6rungen und Niedergeschlagenheit, aber auch f\u00fcr Muskel- und Skelettbeschwerden wie R\u00fcckenschmerzen. Suchthaft Arbeitende gehen wegen ihrer Beschwerden zudem seltener zu \u00c4rztinnen oder \u00c4rzten. Rund 30 Prozent von ihnen haben mehr als sechs unbehandelte Beschwerden. Bei den Gelassenen sind es 15 Prozent mit mehr als sechs unbehandelten Beschwerden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen deutlichen Unterschied machen die Forschenden auch bei den Fehltagen aus. Mit 45 Prozent meldete sich fast die H\u00e4lfte der suchthaft Arbeitenden an keinem einzigen Tag im Jahr vor der Befragung krank. Bei den Gelassenen waren es lediglich 36 Prozent. Es deutet sich an, dass \u201esuchthaft Arbeitende der Behandlung und Genesung ihrer Beschwerden weniger Beachtung schenken als gelassen Arbeitende\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sei auf Grundlage der Befunde und des Forschungsstands zudem anzunehmen, dass suchthaft Arbeitende \u201ebesonders von einem erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr Burnout und depressiven Verstimmungen betroffen\u201c seien, folgern van Berk, Ebner und Rohrbach-Schmidt. Das sei nicht nur aus Perspektive der Betroffenen, sondern auch f\u00fcr Betriebe und die Gesellschaft problematisch. Insbesondere vor dem Hintergrund von demografischem Wandel und Fachkr\u00e4ftemangel seien Arbeitskr\u00e4fte schon jetzt in vielen Branchen knapp.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daher ist es nach Analyse der Forschenden dringend geboten, \u201eBetriebskulturen zu etablieren, die exzessivem und zwanghaftem Arbeiten entgegenwirken\u201c. Dabei spielen betriebliche Gesundheitsf\u00f6rderung und Mitbestimmung der Besch\u00e4ftigten wichtige Rollen, wie die erhobenen Daten zeigen: So arbeiten in Betrieben mit Betriebsrat 8,7 Prozent der Besch\u00e4ftigten suchthaft, in Betrieben ohne betriebliche Mitbestimmung sind es 11,9 Prozent. Eine besondere Rolle d\u00fcrften in diesem Kontext Betriebsvereinbarungen spielen \u2013 \u201eein wichtiges Instrument der betrieblichen Regulierung, welches exzessivem und zwanghaftem Arbeiten entgegenwirken kann\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 11.04.2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer suchthaft arbeitet, hat mehr gesundheitliche Probleme, sucht aber selten \u00e4rztliche Hilfe Zehn Prozent der Erwerbst\u00e4tigen in Deutschland arbeiten suchthaft. 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