{"id":75199,"date":"2024-08-21T11:56:22","date_gmt":"2024-08-21T09:56:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=75199"},"modified":"2024-08-21T11:56:22","modified_gmt":"2024-08-21T09:56:22","slug":"vollverzinsung-und-unionsrecht-finanzgericht-baden-wuerttemberg-bestaetigt-rechtmaessigkeit-der-zinsfestsetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/vollverzinsung-und-unionsrecht-finanzgericht-baden-wuerttemberg-bestaetigt-rechtmaessigkeit-der-zinsfestsetzung\/","title":{"rendered":"<strong>Vollverzinsung und Unionsrecht: Finanzgericht Baden-W\u00fcrttemberg best\u00e4tigt Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Zinsfestsetzung<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage, ob die deutschen Regelungen zur <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/Steuerrechner\/Zinsen-auf-Steuern.html\">Vollverzinsung<\/a> mit dem Unionsrecht vereinbar sind, wurde k\u00fcrzlich durch das Finanzgericht Baden-W\u00fcrttemberg im Urteil 12 K 1476\/23 vom 08.02.2024 behandelt. Das Gericht kam zu dem Ergebnis, dass die Vollverzinsungsregeln der \u00a7\u00a7 233a und 238 Abs. 1a Abgabenordnung (AO) sowohl in Bezug auf den Beginn des Zinslaufs als auch die Zinsh\u00f6he die Lage an den Zinsm\u00e4rkten weiterhin realit\u00e4tsgerecht widerspiegeln. Zudem versto\u00dfen diese Regelungen nicht gegen die unionsrechtlichen Grunds\u00e4tze der \u00c4quivalenz und Effektivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sachverhalt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kl\u00e4gerin reichte ihre Umsatzsteuererkl\u00e4rung f\u00fcr das Jahr 2019 im M\u00e4rz 2020 ein. Nachdem das Finanzamt im August 2022 der Erkl\u00e4rung zugestimmt hatte, wurde ein Umsatzsteuer-Erstattungsanspruch von 2.100,13 Euro festgesetzt. Die Zinsfestsetzung erfolgte zun\u00e4chst mit 0 Euro, wurde jedoch im Dezember 2022 korrigiert, und es wurden Erstattungszinsen in H\u00f6he von 32 Euro f\u00fcr 300 Zinstage nachtr\u00e4glich festgesetzt. Die Kl\u00e4gerin erhob dagegen Klage und argumentierte, dass ihr nach Unionsrecht eine h\u00f6here Zinserstattung zustehe. Das Finanzgericht wies die Klage jedoch ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Beginn des Zinslaufs und Zinsh\u00f6he<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zinslauf f\u00fcr den Besteuerungszeitraum 2019 begann nach \u00a7 233a Abs. 2 Satz 1 AO am 01.10.2021. Die Verz\u00f6gerung um sechs Monate ergab sich aus den Auswirkungen der Corona-Pandemie, die eine Verl\u00e4ngerung der Erkl\u00e4rungsfrist notwendig machte. Die Zinsh\u00f6he wurde gem\u00e4\u00df \u00a7 238 Abs. 1a AO ab dem 01.01.2019 mit 0,15 % pro Monat (1,8 % pro Jahr) festgesetzt, was das Finanzamt korrekt umgesetzt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kein Versto\u00df gegen Unionsrecht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kl\u00e4gerin argumentierte, dass das Unionsrecht einen h\u00f6heren Zinssatz und einen fr\u00fcheren Zinslauf erfordere. Das Finanzgericht stellte jedoch klar, dass die von der Kl\u00e4gerin angef\u00fchrte EU-Richtlinie 2008\/9 EG nur f\u00fcr grenz\u00fcberschreitende Sachverhalte gilt, bei denen der Steuerpflichtige im EU-Ausland ans\u00e4ssig ist. Da die Kl\u00e4gerin im Mitgliedstaat der Erstattung ans\u00e4ssig ist, fand die Richtlinie keine Anwendung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Berufung auf Art. 183 der Mehrwertsteuersystemrichtlinie (MwStSystRL) wurde vom Gericht zur\u00fcckgewiesen. Der Gerichtshof der Europ\u00e4ischen Union (EuGH) hatte in fr\u00fcheren Urteilen festgestellt, dass diese Bestimmung keine h\u00f6heren Zinsen oder einen fr\u00fcheren Zinsbeginn verlangt, als in den nationalen Regelungen vorgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vollverzinsung mit dem Unionsrecht vereinbar<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Finanzgericht betonte, dass die Regelungen der \u00a7\u00a7 233a und 238 AO den unionsrechtlichen Grunds\u00e4tzen der \u00c4quivalenz und Effektivit\u00e4t entsprechen. Der einheitliche Zinssatz f\u00fcr Erstattungen und Nachforderungen sei angemessen und nicht ung\u00fcnstiger als bei \u00e4hnlichen Forderungen, die auf innerstaatlichem Recht beruhen. Zudem machten die Regelungen die Aus\u00fcbung von Rechten, die die Unionsrechtsordnung einr\u00e4umt, nicht praktisch unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vollverzinsung im Einklang mit dem Grundgesetz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch das Bundesverfassungsgericht hatte in einem fr\u00fcheren Beschluss (08.07.2021, 1 BvR 2237\/14 und 1 BvR 2422\/17) das Prinzip der Vollverzinsung als verfassungsgem\u00e4\u00df eingestuft, sofern der Zinssatz angepasst wird. Der im Jahr 2019 angewendete Zinssatz von 1,8 % pro Jahr wurde vom Finanzgericht als verfassungsgem\u00e4\u00df und unionsrechtskonform beurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Urteil des Finanzgerichts Baden-W\u00fcrttemberg best\u00e4tigt, dass die deutschen Regelungen zur Vollverzinsung sowohl mit dem Grundgesetz als auch mit dem Unionsrecht vereinbar sind. Steuerpflichtige k\u00f6nnen sich daher nicht auf das Unionsrecht berufen, um einen h\u00f6heren Zinssatz oder einen fr\u00fcheren Beginn des Zinslaufs zu erzwingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Finanzgericht Baden-W\u00fcrttemberg, Newsletter 1\/2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, ob die deutschen Regelungen zur Vollverzinsung mit dem Unionsrecht vereinbar sind, wurde k\u00fcrzlich durch das Finanzgericht Baden-W\u00fcrttemberg im Urteil 12 K 1476\/23 vom 08.02.2024 behandelt. 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