{"id":76172,"date":"2024-12-12T18:15:23","date_gmt":"2024-12-12T16:15:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=76172"},"modified":"2024-12-12T18:15:23","modified_gmt":"2024-12-12T16:15:23","slug":"krankenkasse-muss-insolvenzantrag-gegen-steuerberater-wegen-ermessensfehlers-zuruecknehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/krankenkasse-muss-insolvenzantrag-gegen-steuerberater-wegen-ermessensfehlers-zuruecknehmen\/","title":{"rendered":"Krankenkasse muss Insolvenzantrag gegen Steuerberater wegen Ermessensfehlers zur\u00fccknehmen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>LSG Nordrhein-Westfalen, Pressemitteilung vom 11.12.2024 zum Beschluss L 10 KR 343\/24 B ER vom 24.07.2024<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen (LSG) hat mit Beschluss vom 24.07.2024 (Az. L 10 KR 343\/24 B ER) entschieden, dass eine gesetzliche Krankenkasse ihren Insolvenzantrag gegen einen Steuerberater aufgrund eines Ermessensfehlers zur\u00fccknehmen muss. Diese Entscheidung hat weitreichende Bedeutung f\u00fcr den Umgang von Sozialversicherungstr\u00e4gern mit insolvenzrechtlichen Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sachverhalt<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Antragsteller, ein selbst\u00e4ndiger Steuerberater, hatte seit Dezember 2021 die Gesamtsozialversicherungsbeitr\u00e4ge f\u00fcr einen Arbeitnehmer nicht gezahlt. Die gesetzliche Krankenkasse als Antragsgegnerin stellte daraufhin beim Amtsgericht Essen einen Antrag auf Er\u00f6ffnung des Regelinsolvenzverfahrens gegen den Antragsteller in dessen Eigenschaft als Arbeitgeber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Steuerberater wandte sich gegen diesen Antrag und beantragte im Wege des einstweiligen Rechtsschutzes, die Krankenkasse zur R\u00fccknahme des Insolvenzantrags zu verpflichten. Das Sozialgericht Gelsenkirchen lehnte diesen Antrag ab. Die daraufhin eingelegte Beschwerde des Steuerberaters war vor dem LSG erfolgreich.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Entscheidung des LSG<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das LSG verpflichtete die Krankenkasse, den Insolvenzantrag zur\u00fcckzunehmen. Die zentrale Begr\u00fcndung lautete:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li><strong>Sozialrechtliches Ermessen:<\/strong><ul><li>Die Krankenkasse hatte verkannt, dass die Stellung eines Insolvenzantrags nicht allein durch das Vorliegen insolvenzrechtlicher Voraussetzungen gerechtfertigt ist.<\/li><li>Vielmehr h\u00e4tte die Krankenkasse eine sozialrechtliche Ermessensentscheidung treffen m\u00fcssen, bei der auch weniger einschneidende Ma\u00dfnahmen zu pr\u00fcfen gewesen w\u00e4ren.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit:<\/strong><ul><li>Die Krankenkasse hatte sich vorzeitig der einschneidendsten Ma\u00dfnahme, n\u00e4mlich des Insolvenzantrags, bedient. Zuvor h\u00e4tte sie weniger belastende Vollstreckungsma\u00dfnahmen wie Pf\u00e4ndungen aussch\u00f6pfen m\u00fcssen.<\/li><li>Angesichts des vorhandenen Immobilienverm\u00f6gens des Antragstellers h\u00e4tten diese Ma\u00dfnahmen nicht von vornherein als aussichtslos gelten k\u00f6nnen.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Gef\u00e4hrdung der Berufsaus\u00fcbung:<\/strong><ul><li>Der Insolvenzantrag w\u00e4re besonders einschneidend gewesen, da im Falle der Insolvenzer\u00f6ffnung gem\u00e4\u00df <strong>\u00a7 46 Abs. 2 Nr. 4 Steuerberatungsgesetz (StBerG)<\/strong> die Bestellung zum Steuerberater widerrufen werden kann. Ein solcher Widerruf wird vermutet, wenn ein Insolvenzverfahren \u00fcber das Verm\u00f6gen des Steuerberaters er\u00f6ffnet ist.<\/li><\/ul><\/li><\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Relevanz f\u00fcr die Praxis<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li><strong>Sozialversicherungstr\u00e4ger:<\/strong><ul><li>Diese Entscheidung verdeutlicht, dass Krankenkassen und andere Sozialversicherungstr\u00e4ger ihre Ermessensspielr\u00e4ume bei der Durchsetzung von Forderungen umfassend pr\u00fcfen m\u00fcssen.<\/li><li>Der Griff zu drastischen Mitteln wie einem Insolvenzantrag ist nur zul\u00e4ssig, wenn mildere Mittel nicht zielf\u00fchrend sind.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Steuerberater und andere Berufsgruppen:<\/strong><ul><li>F\u00fcr Berufsgruppen, die bei einer Insolvenzer\u00f6ffnung ihre berufliche Zulassung riskieren, ist die Entscheidung des LSG von erheblicher Bedeutung. Sie schafft mehr Schutz vor unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Ma\u00dfnahmen der Gl\u00e4ubiger.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Pr\u00fcfung der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit:<\/strong><ul><li>Der Beschluss betont die Bedeutung einer sorgf\u00e4ltigen Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeitspr\u00fcfung vor der Einleitung von Insolvenzverfahren durch Sozialversicherungstr\u00e4ger.<\/li><\/ul><\/li><\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das LSG Nordrhein-Westfalen hat klargestellt, dass Insolvenzantr\u00e4ge durch Sozialversicherungstr\u00e4ger nicht automatisch gerechtfertigt sind, sondern einer genauen Pr\u00fcfung unterzogen werden m\u00fcssen. Die Entscheidung st\u00e4rkt die Rechte von Selbst\u00e4ndigen und betont die Notwendigkeit einer verantwortungsvollen Ermessensaus\u00fcbung durch Krankenkassen. Betroffene Berufsgruppen sollten sich bei derartigen Ma\u00dfnahmen rechtzeitig rechtlich beraten lassen, um ihre berufliche Existenz zu sch\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>LSG Nordrhein-Westfalen, Pressemitteilung vom 11.12.2024 zum Beschluss L 10 KR 343\/24 B ER vom 24.07.2024 Das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen (LSG) hat mit Beschluss vom 24.07.2024 (Az. L 10 KR 343\/24 B ER) entschieden, dass eine gesetzliche Krankenkasse ihren Insolvenzantrag gegen einen Steuerberater aufgrund eines Ermessensfehlers zur\u00fccknehmen muss. 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