{"id":76376,"date":"2025-01-13T12:22:38","date_gmt":"2025-01-13T10:22:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=76376"},"modified":"2025-01-13T12:22:38","modified_gmt":"2025-01-13T10:22:38","slug":"bfh-6-prozent-zinsen-sind-verfassungswidrig-auch-bei-aussetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bfh-6-prozent-zinsen-sind-verfassungswidrig-auch-bei-aussetzung\/","title":{"rendered":"<strong>BFH: 6 Prozent Zinsen sind verfassungswidrig \u2013 auch bei Aussetzung<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p>Da ist er wieder, der Zinssatz von 6 %. Seit 2019 betr\u00e4gt der Zinssatz f\u00fcr Nachzahlungs- und Erstattungszinsen nur noch 1,8 Prozent, also 0,15 Prozent pro Monat. Dies ist auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur\u00fcckzuf\u00fchren, das die urspr\u00fcnglich hohen 6 % pro Jahr als verfassungswidrig eingestuft hatte. Nun k\u00f6nnte ein weiteres Urteil folgen, diesmal f\u00fcr die sogenannten Aussetzungszinsen. Grund daf\u00fcr ist ein Beschluss des Bundesfinanzhofs (BFH) vom 08.05.2024 (Az.: VIII R 9\/23).<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Was ist passiert?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der VIII. Senat des BFH h\u00e4lt den gesetzlichen Zinssatz von 6 % pro Jahr f\u00fcr Aussetzungszinsen f\u00fcr verfassungswidrig und hat die Angelegenheit dem Bundesverfassungsgericht (BVerfG) vorgelegt. Diese Entscheidung k\u00f6nnte erhebliche Auswirkungen auf Steuerpflichtige und die steuerrechtliche Praxis haben.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Grunds\u00e4tzliches zu Aussetzungszinsen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Im Steuerrecht haben Einspruch und Klage gegen Steuerbescheide keine aufschiebende Wirkung. Das bedeutet, dass Steuerpflichtige die festgesetzte Steuer trotz Rechtsmittelverfahren zun\u00e4chst zahlen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sogenannte <strong>Aussetzung der Vollziehung (AdV)<\/strong> kann jedoch angeordnet werden, wenn ernsthafte Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit eines Steuerbescheids bestehen. Wird die Steuerzahlung ausgesetzt und der Steuerpflichtige verliert das Verfahren, fallen <strong>Aussetzungszinsen<\/strong> an. Diese betragen bisher <strong>0,5 % pro Monat<\/strong>, also <strong>6 % pro Jahr<\/strong> (\u00a7 237 i.V.m. \u00a7 238 Abs. 1 Satz 1 AO).<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Der Streitfall<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Im aktuellen Verfahren hatte ein Steuerpflichtiger seinen Einkommensteuerbescheid f\u00fcr 2012 angefochten. Das Finanzamt setzte die Vollziehung des Bescheids aus. Als die Klage des Steuerpflichtigen letztlich erfolglos blieb, wurden f\u00fcr den Zeitraum der Aussetzung \u2014 vom 01.01.2019 bis zum 15.04.2021 \u2014 Aussetzungszinsen in H\u00f6he von 6 % pro Jahr festgesetzt. Der Steuerpflichtige wehrte sich gegen diese Festsetzung mit dem Argument, der Zinssatz sei verfassungswidrig.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Bisherige Rechtsprechung des BVerfG zur Zinsh\u00f6he<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Bundesverfassungsgericht hatte bereits mit Beschluss vom 08.07.2021 (Az.: 1 BvR 2237\/14) die <strong>H\u00f6he der Nachzahlungs- und Erstattungszinsen<\/strong> f\u00fcr Zeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2014 als unvereinbar mit dem Grundgesetz erkl\u00e4rt (\u00a7 233a i.V.m. \u00a7 238 Abs. 1 Satz 1 AO). Infolgedessen wurde der Zinssatz f\u00fcr diese Verzinsungstatbest\u00e4nde ab dem 01.01.2019 auf <strong>1,8 % pro Jahr<\/strong> reduziert. Allerdings bezog sich diese Entscheidung nicht ausdr\u00fccklich auf Aussetzungszinsen.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Wie urteilte der BFH?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der BFH sieht den Zinssatz von 6 % p.a. f\u00fcr Aussetzungszinsen ebenfalls als verfassungswidrig an. Zwei wesentliche Argumente sind dabei ausschlaggebend:<\/p>\n\n\n\n<ol><li><strong>Niedrigzinsphase:<\/strong><ul><li>W\u00e4hrend einer strukturellen Niedrigzinsphase, wie sie seit Jahren herrscht, ist ein Zinssatz von 6 % pro Jahr evident unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Der gesetzliche Zinssatz ist nicht mehr erforderlich, um einen m\u00f6glichen Liquidit\u00e4tsvorteil des Steuerpflichtigen auszugleichen.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Ungleichbehandlung:<\/strong><ul><li>Steuerpflichtige, die Aussetzungszinsen zahlen m\u00fcssen, werden ungleich behandelt im Vergleich zu solchen, die Nachzahlungszinsen zahlen. Denn w\u00e4hrend Nachzahlungszinsen seit dem 01.01.2019 nur noch mit 1,8 % pro Jahr berechnet werden, verbleiben die Aussetzungszinsen bei 6 %. Diese <strong>Zinssatzspreizung<\/strong> ist verfassungsrechtlich nicht gerechtfertigt.<\/li><\/ul><\/li><\/ol>\n\n\n\n<h3><strong>Ausblick: Entscheidung des BVerfG steht aus<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Bundesverfassungsgericht muss nun \u00fcber die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des Zinssatzes f\u00fcr Aussetzungszinsen entscheiden. Sollte das Gericht der Argumentation des BFH folgen, w\u00e4re eine gesetzliche Anpassung auch in diesem Bereich unvermeidlich.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die erneute Diskussion um den 6 %-Zinssatz zeigt, wie dringend eine Reform der steuerlichen Verzinsungsregelungen insgesamt notwendig ist. F\u00fcr Steuerpflichtige, die von hohen Aussetzungszinsen betroffen sind, k\u00f6nnte eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts finanzielle Entlastung bringen. Bis dahin sollten Betroffene, die hohe Aussetzungszinsen zahlen m\u00fcssen, pr\u00fcfen lassen, ob es Sinn macht, diese Bescheide anzufechten oder ruhen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Falls Sie Fragen zur aktuellen Rechtslage oder zu M\u00f6glichkeiten der Anfechtung haben, stehen wir Ihnen gern zur Verf\u00fcgung!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ist er wieder, der Zinssatz von 6 %. Seit 2019 betr\u00e4gt der Zinssatz f\u00fcr Nachzahlungs- und Erstattungszinsen nur noch 1,8 Prozent, also 0,15 Prozent pro Monat. Dies ist auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur\u00fcckzuf\u00fchren, das die urspr\u00fcnglich hohen 6 % pro Jahr als verfassungswidrig eingestuft hatte. 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