{"id":78412,"date":"2025-10-08T11:28:47","date_gmt":"2025-10-08T09:28:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=78412"},"modified":"2025-10-08T11:28:47","modified_gmt":"2025-10-08T09:28:47","slug":"kein-vertrauensschutz-bei-rett-blocker-gestaltungen-nach-bfh-rechtsprechungsaenderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/kein-vertrauensschutz-bei-rett-blocker-gestaltungen-nach-bfh-rechtsprechungsaenderung\/","title":{"rendered":"<strong>Kein Vertrauensschutz bei RETT-Blocker-Gestaltungen nach BFH-Rechtsprechungs\u00e4nderung<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>FG Schleswig-Holstein, Urteil vom 03.06.2025 \u2013 3 K 47\/23 (Revision anh\u00e4ngig: BFH II R 32\/25)<\/strong><br \/><em>Mitteilung des Schleswig-Holsteinischen Finanzgerichts vom 06.10.2025<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83d\udd0d <strong>Hintergrund<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Finanzgericht Schleswig-Holstein hatte \u00fcber zwei zentrale Fragen im Zusammenhang mit sogenannten <strong>RETT-Blocker-Gestaltungen<\/strong> (Real Estate Transfer Tax Blocker) zu entscheiden:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>Besteht <strong>Vertrauensschutz<\/strong> nach einer <strong>Rechtsprechungs\u00e4nderung<\/strong> des Bundesfinanzhofs zur grunderwerbsteuerlichen Behandlung solcher Gestaltungen?<\/li><li>War das <strong>Finanzamt befugt<\/strong>, die Anwendbarkeit des \u00a7 176 Abs. 1 Nr. 3 AO (Schutz des Vertrauens in die Rechtsprechung) <strong>isoliert per Verwaltungsakt<\/strong> festzustellen?<\/li><\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\u2696\ufe0f <strong>Sachverhalt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Kl\u00e4gerin hielt Beteiligungen an mehreren grundst\u00fcckshaltenden Gesellschaften.<br \/>Im Zuge einer Umstrukturierung 2012 ergab sich folgende Struktur:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Die Kl\u00e4gerin hielt <strong>mittelbar 93,34 %<\/strong> an einer grundst\u00fccksbesitzenden Gesellschaft.<\/li><li>Die restlichen <strong>6,66 %<\/strong> hielt eine <strong>X-GmbH &amp; Co. KG<\/strong>, deren alleinige Kommanditistin wiederum die Kl\u00e4gerin war.<\/li><li>Die Komplement\u00e4r-GmbH der X-KG stand nicht im Eigentum der Kl\u00e4gerin \u2013 ein klassischer <strong>RETT-Blocker<\/strong> also.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst erfolgte keine Grunderwerbsteuerfestsetzung. Nach einer Betriebspr\u00fcfung im Jahr 2019 stellte das Finanzamt jedoch fest, dass der Kl\u00e4gerin auch die \u00fcber die X-KG gehaltenen Anteile <strong>grunderwerbsteuerlich zuzurechnen<\/strong> seien \u2013 eine Anteilsvereinigung i. S. d. \u00a7 1 Abs. 3 Nr. 1 GrEStG sei somit bereits 2012 eingetreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kl\u00e4gerin beantragte daraufhin:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>eine <strong>Billigkeitsentscheidung nach \u00a7 163 AO<\/strong>,<\/li><li>sowie die <strong>Gew\u00e4hrung von Vertrauensschutz nach \u00a7 176 Abs. 1 Nr. 3 AO<\/strong>.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Beide Antr\u00e4ge lehnte das Finanzamt ab \u2013 letzteres sogar durch einen gesonderten <strong>\u201eBescheid\u201c<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83e\uddfe <strong>Entscheidung des Finanzgerichts<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der 3. Senat des FG Schleswig-Holstein hat:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>Den sogenannten <strong>Bescheid \u00fcber die Nichtanwendung des \u00a7 176 AO aufgehoben<\/strong>,<\/li><li>Den <strong>Vertrauensschutzantrag in der Sache abgewiesen<\/strong>.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h3>\ud83d\udc49 <strong>Begr\u00fcndung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<ul><li>Der \u201eBescheid\u201c des Finanzamts \u00fcber die Nichtanwendung des \u00a7 176 AO sei <strong>kein Verwaltungsakt im materiellen Sinne<\/strong>, sondern lediglich ein <strong>blo\u00df formeller Verwaltungsakt<\/strong>.<br \/>\u2192 Ein solcher sei <strong>rechtswidrig<\/strong> und <strong>vom Finanzgericht ohne weitere Sachpr\u00fcfung aufzuheben<\/strong>.<\/li><li>In der <strong>Sache selbst<\/strong> bestehe <strong>kein Anspruch auf Vertrauensschutz<\/strong>:<br \/>Der Umstand, dass der Bundesfinanzhof seine Rechtsprechung zu RETT-Blocker-Gestaltungen <strong>nachtr\u00e4glich ge\u00e4ndert<\/strong> habe, begr\u00fcnde <strong>keine Unbilligkeit im Rechtssinne<\/strong>.<\/li><li>Auch ein <strong>Versto\u00df gegen den Gleichheitssatz (Art. 3 Abs. 1 GG)<\/strong> liege nicht vor.<br \/>Der Rechtsgedanke des \u00a7 176 AO k\u00f6nne nicht dazu herangezogen werden, eine \u201eUnbilligkeit\u201c zu konstruieren, wo die gesetzliche Regelung selbst nicht greift.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83e\udde9 <strong>Praktische Bedeutung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Urteil stellt klar:<\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Kein allgemeiner Vertrauensschutz<\/strong> besteht, wenn der Bundesfinanzhof seine <strong>Rechtsprechung zur Grunderwerbsteuer \u00e4ndert<\/strong> \u2013 selbst bei bereits vollzogenen Umstrukturierungen.<\/li><li>Unternehmen und Berater k\u00f6nnen sich <strong>nicht auf fr\u00fchere Verwaltungsauffassungen oder Rechtsprechungslinien<\/strong> berufen, wenn die aktuelle BFH-Rechtsprechung abweicht.<\/li><li>Ein <strong>\u201eVerwaltungsakt \u00fcber Vertrauensschutz\u201c<\/strong> ohne gesetzliche Grundlage ist <strong>formell rechtswidrig<\/strong> und aufzuheben.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das Verfahren hat erhebliche Relevanz f\u00fcr die <strong>Gestaltungspraxis bei Anteils\u00fcbertragungen und Konzernumstrukturierungen<\/strong>, insbesondere bei <strong>grundst\u00fcckshaltenden Gesellschaften<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\u26a0\ufe0f <strong>Ausblick<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision ist beim <strong>Bundesfinanzhof unter dem Az. II R 32\/25<\/strong> anh\u00e4ngig.<br \/>Der BFH wird damit Gelegenheit haben, die <strong>Grenzen des Vertrauensschutzes bei Rechtsprechungs\u00e4nderungen<\/strong> sowie die <strong>formelle Befugnis der Finanzverwaltung<\/strong> in solchen F\u00e4llen abschlie\u00dfend zu kl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83d\udca1 <strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das FG Schleswig-Holstein best\u00e4tigt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Ein Vertrauensschutz nach \u00a7 176 Abs. 1 Nr. 3 AO greift <strong>nicht allgemein<\/strong>, wenn sich die h\u00f6chstrichterliche Rechtsprechung \u00e4ndert.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Unternehmen sollten daher bei <strong>RETT-Blocker- und \u00e4hnlichen Gestaltungen<\/strong> stets aktuelle Entwicklungen in der BFH-Rechtsprechung im Blick behalten und bei Umstrukturierungen <strong>steuerliche R\u00fcckstellungen f\u00fcr m\u00f6gliche Nachforderungen<\/strong> bilden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\ud83d\udcda <strong>Quelle:<\/strong><br \/>Schleswig-Holsteinisches Finanzgericht, Urteil vom 03.06.2025 \u2013 3 K 47\/23<br \/>(Pressemitteilung vom 06.10.2025; Revision anh\u00e4ngig: BFH II R 32\/25)<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>1\ufe0f\u20e3 Gestaltungs- und Handlungshinweise:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Fr\u00fchzeitige Pr\u00fcfung:<\/strong> Vor jeder Umstrukturierung mit Immobilienbezug sollte gepr\u00fcft werden, ob eine <strong>Anteilsvereinigung i. S. d. \u00a7 1 Abs. 3 GrEStG<\/strong> vorliegt.<\/li><li><strong>Dokumentation:<\/strong> Sanierungs- oder Restrukturierungsschritte detailliert dokumentieren, insbesondere Beteiligungsquoten und wirtschaftliche Eigent\u00fcmerstellung.<\/li><li><strong>Vermeidung formeller Fehler:<\/strong> Ein Antrag nach \u00a7 176 AO sollte <strong>nicht isoliert<\/strong> gestellt werden, sondern stets im Rahmen eines Einspruchs- oder Billigkeitsverfahrens.<\/li><li><strong>Alternativen zur RETT-Blocker-Struktur:<\/strong> Pr\u00fcfen Sie alternative Holdingmodelle oder Zwischengesellschaften ohne RETT-Risiko.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>2\ufe0f\u20e3 Risikomanagement:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Vertrauensschutz begrenzt:<\/strong> Nachtr\u00e4gliche \u00c4nderungen der BFH-Rechtsprechung bieten <strong>keinen Bestandsschutz<\/strong>.<\/li><li><strong>Nachforderungen m\u00f6glich:<\/strong> Alte Gestaltungen k\u00f6nnen durch neue Rechtsprechung <strong>nachtr\u00e4glich steuerpflichtig<\/strong> werden.<\/li><li><strong>R\u00fcckstellungspflicht:<\/strong> Bei laufenden Betriebspr\u00fcfungen oder offenen Verfahren sollten <strong>R\u00fcckstellungen f\u00fcr Grunderwerbsteuer<\/strong> erwogen werden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>3\ufe0f\u20e3 Pr\u00fcfung von Altf\u00e4llen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eDie Finanzverwaltung und die Gerichte wenden neue BFH-Entscheidungen regelm\u00e4\u00dfig auch auf Altf\u00e4lle an. Ein Vertrauensschutz besteht nur in eng begrenzten Ausnahmef\u00e4llen. Daher sollten bestehende Strukturen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberpr\u00fcft werden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FG Schleswig-Holstein, Urteil vom 03.06.2025 \u2013 3 K 47\/23 (Revision anh\u00e4ngig: BFH II R 32\/25)Mitteilung des Schleswig-Holsteinischen Finanzgerichts vom 06.10.2025 \ud83d\udd0d Hintergrund Das Finanzgericht Schleswig-Holstein hatte \u00fcber zwei zentrale Fragen im Zusammenhang mit sogenannten RETT-Blocker-Gestaltungen (Real Estate Transfer Tax Blocker) zu entscheiden: Besteht Vertrauensschutz nach einer Rechtsprechungs\u00e4nderung des Bundesfinanzhofs zur grunderwerbsteuerlichen Behandlung solcher Gestaltungen? 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