{"id":78418,"date":"2025-10-08T11:41:14","date_gmt":"2025-10-08T09:41:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=78418"},"modified":"2025-10-08T11:41:14","modified_gmt":"2025-10-08T09:41:14","slug":"ermittlung-des-teilwerts-einer-pensionsrueckstellung-bei-dynamischer-anpassung-verstoss-gegen-%c2%a7-30c-abs-1-i-v-m-%c2%a7-16-abs-3-nr-1-betravg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/ermittlung-des-teilwerts-einer-pensionsrueckstellung-bei-dynamischer-anpassung-verstoss-gegen-%c2%a7-30c-abs-1-i-v-m-%c2%a7-16-abs-3-nr-1-betravg\/","title":{"rendered":"<strong>Ermittlung des Teilwerts einer Pensionsr\u00fcckstellung bei dynamischer Anpassung \u2013 Versto\u00df gegen \u00a7 30c Abs. 1 i. V. m. \u00a7 16 Abs. 3 Nr. 1 BetrAVG<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>FG Schleswig-Holstein, Urteil vom 05.02.2025 \u2013 1 K 41\/23 (nicht rechtskr\u00e4ftig, BFH-Az.: IX R 8\/25)<\/strong><br \/><em>Mitteilung des Schleswig-Holsteinischen Finanzgerichts vom 06.10.2025<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83d\udd0d <strong>Kernaussagen des Urteils<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul><li>Eine <strong>dynamische Anpassungsverpflichtung<\/strong> von Betriebsrenten um j\u00e4hrlich 1 % darf <strong>nicht steuermindernd<\/strong> ber\u00fccksichtigt werden, wenn sie <strong>gegen die \u00dcbergangsvorschrift des \u00a7 30c Abs. 1 BetrAVG<\/strong> verst\u00f6\u00dft.<\/li><li>Die Pensionsr\u00fcckstellung darf insoweit <strong>nicht um den Anpassungsfaktor erh\u00f6ht<\/strong> werden, wenn die Anpassungsverpflichtung arbeitsrechtlich <strong>unwirksam<\/strong> ist.<\/li><li>Der Ma\u00dfstab f\u00fcr die steuerliche Anerkennung einer Pensionsverpflichtung richtet sich nach den <strong>arbeitsrechtlichen Wirksamkeitsvoraussetzungen<\/strong> der Zusage.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\u2696\ufe0f <strong>Sachverhalt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Kl\u00e4gerin, eine Kapitalgesellschaft, war Teil eines Konzerns, dessen Muttergesellschaft eine <strong>konzernweite Betriebsvereinbarung zur betrieblichen Altersversorgung<\/strong> eingef\u00fchrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Urspr\u00fcnglich galt: Anpassung der laufenden Betriebsrenten nach der <strong>gesetzlichen Pr\u00fcfungspflicht des \u00a7 16 BetrAVG<\/strong>.<\/li><li>Sp\u00e4ter wurde ein neuer Rentenplan eingef\u00fchrt, der eine <strong>j\u00e4hrliche Erh\u00f6hung um 1 %<\/strong> der laufenden Versorgungsleistungen vorsah.<\/li><li>Diese dynamische Anpassung wurde <strong>auch auf Altzusagen<\/strong> angewendet \u2013 also auf Arbeitnehmer, deren Versorgungsanspr\u00fcche <strong>vor dem 1. Januar 1999<\/strong> begr\u00fcndet worden waren.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das Unternehmen bildete daraufhin <strong>h\u00f6here Pensionsr\u00fcckstellungen<\/strong>, da es die 1 %-Dynamik in die <strong>versicherungsmathematische Bewertung<\/strong> einbezog.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <strong>Finanzamt<\/strong> k\u00fcrzte diese R\u00fcckstellungen im Rahmen einer Au\u00dfenpr\u00fcfung mit der Begr\u00fcndung, dass die dynamische Anpassungsverpflichtung f\u00fcr Altzusagen <strong>arbeitsrechtlich nichtig<\/strong> sei (\u00a7 30c Abs. 1 BetrAVG) und somit <strong>kein durchsetzbarer Anspruch<\/strong> bestehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kl\u00e4gerin hielt dem entgegen, die Verpflichtung sei vertraglich wirksam vereinbart und m\u00fcsse daher bei der steuerlichen Bewertung ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83e\uddfe <strong>Entscheidung des Finanzgerichts<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der 1. Senat des FG Schleswig-Holstein wies die Klage ab:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Die <strong>dynamische 1 %-Anpassung<\/strong> der Rentenanspr\u00fcche sei <strong>f\u00fcr Altzusagen unwirksam<\/strong>, da sie gegen \u00a7 30c Abs. 1 i. V. m. \u00a7 16 Abs. 3 Nr. 1 BetrAVG versto\u00dfe.<\/li><li>Diese Regelung schlie\u00dft eine r\u00fcckwirkende Anwendung der neuen, ab 1999 eingef\u00fchrten Anpassungsmechanismen ausdr\u00fccklich aus.<\/li><li>Es fehle zudem an einer <strong>vertraglichen Anrechnungsregelung<\/strong> oder <strong>Fortgeltungsklausel<\/strong>, wonach die neue Dynamik die alte gesetzliche Anpassungspr\u00fcfung erg\u00e4nzen sollte.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Daher seien die betroffenen Altzusagen <strong>nicht dynamisch anpassbar<\/strong>, und die steuerliche Bewertung der Pensionsr\u00fcckstellung habe <strong>ohne 1 %-Steigerung<\/strong> zu erfolgen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>\ud83e\udde9 <strong>Begr\u00fcndung im Detail<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<ul><li>Nach \u00a7 6a Abs. 1 Nr. 1 EStG d\u00fcrfen nur solche Verpflichtungen passiviert werden, die <strong>rechtlich entstanden und durchsetzbar<\/strong> sind.<\/li><li>Ist die zugrundeliegende Anpassungsverpflichtung <strong>arbeitsrechtlich nichtig<\/strong>, besteht <strong>kein einklagbarer Anspruch<\/strong> \u2013 die R\u00fcckstellung darf nicht erh\u00f6ht werden.<\/li><li>Der steuerliche Teilwert einer Pensionsverpflichtung muss daher an die arbeitsrechtlich <strong>wirksame Rechtslage<\/strong> angepasst werden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das Gericht st\u00fctzte sich dabei auf die Rechtsprechung des <strong>BFH<\/strong> und des <strong>Bundesarbeitsgerichts (BAG)<\/strong>, wonach bei Verst\u00f6\u00dfen gegen \u00a7 30c Abs. 1 BetrAVG eine Erweiterung der Anpassungspflicht auf Altzusagen <strong>nichtig<\/strong> ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Revision wurde wegen <strong>grunds\u00e4tzlicher Bedeutung<\/strong> zugelassen (BFH-Az. IX R 8\/25).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83e\udde9 <strong>Bedeutung f\u00fcr die Praxis<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Urteil hat erhebliche <strong>Auswirkungen auf die steuerbilanzielle Bewertung von Pensionsr\u00fcckstellungen<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Bei <strong>Altzusagen vor 1999<\/strong> darf eine <strong>nachtr\u00e4gliche Dynamisierung<\/strong> nur dann steuermindernd ber\u00fccksichtigt werden, wenn sie <strong>arbeitsrechtlich zul\u00e4ssig<\/strong> und <strong>einklagbar<\/strong> ist.<\/li><li>Eine pauschale Anwendung von 1 %-Steigerungen auf alle Versorgungsf\u00e4lle kann zu <strong>\u00fcberh\u00f6hten R\u00fcckstellungen<\/strong> f\u00fchren.<\/li><li>F\u00fcr die steuerliche Anerkennung ist <strong>ma\u00dfgeblich<\/strong>, ob tats\u00e4chlich eine <strong>rechtsverbindliche Verpflichtung<\/strong> zur Anpassung besteht.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83e\uddf0 <strong>Praxisbox <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>1\ufe0f\u20e3 Pr\u00fcfungsschritte f\u00fcr steuerliche Pensionsr\u00fcckstellungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Pr\u00fcfen Sie, <strong>wann<\/strong> die Versorgungszusage urspr\u00fcnglich erteilt wurde (vor oder nach dem 01.01.1999).<\/li><li>Analysieren Sie, ob die Anpassungsverpflichtung <strong>vertraglich oder durch Betriebsvereinbarung<\/strong> geregelt wurde.<\/li><li>Pr\u00fcfen Sie, ob eine <strong>Fortgeltungs- oder Anrechnungsregel<\/strong> zur gesetzlichen Anpassungspflicht (\u00a7 16 BetrAVG) enthalten ist.<\/li><li>Bei fehlender Rechtswirksamkeit der Dynamisierung: <strong>Korrektur der R\u00fcckstellung<\/strong> auf Basis des statischen Leistungsniveaus.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>2\ufe0f\u20e3 Gestaltungshinweise:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Dynamische Rentenanpassungen sollten k\u00fcnftig <strong>klar getrennt<\/strong> zwischen Alt- und Neuzusagen vereinbart werden.<\/li><li>Eine arbeitsrechtlich wirksame Regelung kann z. B. durch <strong>Klarstellung in einer Erg\u00e4nzungsvereinbarung<\/strong> erfolgen, die ausdr\u00fccklich auf \u00a7 16 Abs. 3 Nr. 1 BetrAVG Bezug nimmt.<\/li><li>Steuerlich empfiehlt sich eine <strong>differenzierte Bewertung<\/strong> der R\u00fcckstellungen nach Versorgungsgruppen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>3\ufe0f\u20e3 Kommunikationstipp:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eNicht jede dynamische Rentensteigerung darf steuerlich ber\u00fccksichtigt werden. Entscheidend ist, ob die arbeitsrechtliche Verpflichtung wirksam vereinbart wurde \u2013 insbesondere bei Altzusagen vor 1999.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83d\udcd8 <strong>Infobox: Hintergrund zu \u00a7 16 und \u00a7 30c BetrAVG<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><thead><tr><th><strong>Regelung<\/strong><\/th><th><strong>Inhalt<\/strong><\/th><th><strong>Bedeutung f\u00fcr die Praxis<\/strong><\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>\u00a7 16 BetrAVG (Anpassungspr\u00fcfungspflicht)<\/strong><\/td><td>Arbeitgeber m\u00fcssen alle drei Jahre pr\u00fcfen, ob laufende Betriebsrenten angepasst werden.<\/td><td>Gilt nur f\u00fcr Zusagen, die nach 01.01.1999 erteilt oder ge\u00e4ndert wurden.<\/td><\/tr><tr><td><strong>\u00a7 16 Abs. 3 Nr. 1 BetrAVG<\/strong><\/td><td>Zul\u00e4ssige Alternative: vertragliche j\u00e4hrliche Rentenerh\u00f6hung um 1 %.<\/td><td>Ersetzt die Anpassungspr\u00fcfungspflicht, darf aber nicht r\u00fcckwirkend auf Altf\u00e4lle angewandt werden.<\/td><\/tr><tr><td><strong>\u00a7 30c Abs. 1 BetrAVG (\u00dcbergangsvorschrift)<\/strong><\/td><td>Neue Vorschriften des \u00a7 16 gelten <strong>nicht<\/strong> f\u00fcr Zusagen, die <strong>vor 01.01.1999<\/strong> erteilt wurden.<\/td><td>Dynamisierungen von Altzusagen sind arbeitsrechtlich <strong>nichtig<\/strong>.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>\ud83d\udcac <strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das FG Schleswig-Holstein stellt klar:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Eine dynamische 1 %-Anpassungsverpflichtung bei Altzusagen verst\u00f6\u00dft gegen \u00a7 30c Abs. 1 BetrAVG und darf <strong>nicht steuermindernd<\/strong> ber\u00fccksichtigt werden.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Praxis gilt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Die steuerliche Bewertung von Pensionsr\u00fcckstellungen muss sich an der <strong>arbeitsrechtlich wirksamen Verpflichtung<\/strong> orientieren \u2013 nicht an internen Konzernrichtlinien oder Rentenpl\u00e4nen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\ud83d\udcda <strong>Quelle:<\/strong><br \/>Schleswig-Holsteinisches Finanzgericht, Urteil vom 05.02.2025 \u2013 1 K 41\/23 (nicht rechtskr\u00e4ftig)<br \/>Mitteilung vom 06.10.2025, Newsletter II\/2025<br \/>Revision anh\u00e4ngig: BFH IX R 8\/25<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FG Schleswig-Holstein, Urteil vom 05.02.2025 \u2013 1 K 41\/23 (nicht rechtskr\u00e4ftig, BFH-Az.: IX R 8\/25)Mitteilung des Schleswig-Holsteinischen Finanzgerichts vom 06.10.2025 \ud83d\udd0d Kernaussagen des Urteils Eine dynamische Anpassungsverpflichtung von Betriebsrenten um j\u00e4hrlich 1 % darf nicht steuermindernd ber\u00fccksichtigt werden, wenn sie gegen die \u00dcbergangsvorschrift des \u00a7 30c Abs. 1 BetrAVG verst\u00f6\u00dft. 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