{"id":78432,"date":"2025-10-14T12:15:44","date_gmt":"2025-10-14T10:15:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=78432"},"modified":"2025-10-14T12:15:44","modified_gmt":"2025-10-14T10:15:44","slug":"bfh-zur-unkenntnis-der-finanzbehoerde-bei-steuerhinterziehung-durch-unterlassen-%c2%a7-370-abs-1-nr-2-ao","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bfh-zur-unkenntnis-der-finanzbehoerde-bei-steuerhinterziehung-durch-unterlassen-%c2%a7-370-abs-1-nr-2-ao\/","title":{"rendered":"<strong>BFH zur Unkenntnis der Finanzbeh\u00f6rde bei Steuerhinterziehung durch Unterlassen (\u00a7 370 Abs. 1 Nr. 2 AO)<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BFH, Urteil vom 14.05.2025 \u2013 VI R 14\/22<\/strong><br \/><em>Zur Abgrenzung zwischen Kenntnis und blo\u00dfer Abrufbarkeit elektronischer Daten bei Steuerhinterziehung durch Unterlassen<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Leits\u00e4tze des Urteils<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>F\u00fcr die Beurteilung, ob die Finanzbeh\u00f6rde Kenntnis von den f\u00fcr die Steuerfestsetzung wesentlichen tats\u00e4chlichen Umst\u00e4nden hat, ist auf diejenigen Personen abzustellen, <strong>die innerhalb der zust\u00e4ndigen Finanzbeh\u00f6rde organisatorisch f\u00fcr den Steuerfall zust\u00e4ndig sind<\/strong> \u2013 also insbesondere auf die Sachbearbeiter, die den (zu \u00e4ndernden) Steuerbescheid erlassen haben.<\/li><li><strong>Elektronisch gespeicherte Daten<\/strong>, die zwar mit der Steuernummer des Steuerpflichtigen verkn\u00fcpft, aber <strong>nicht automatisch in die Papierakte oder elektronische Steuerakte<\/strong> aufgenommen werden, gelten <strong>nicht allein deshalb als \u201ebekannt\u201c<\/strong> im Sinne des \u00a7 370 Abs. 1 Nr. 2 AO, nur weil sie technisch abrufbar w\u00e4ren.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Hintergrund der Entscheidung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Streitfall hatte die Finanzverwaltung dem Steuerpflichtigen vorgeworfen, durch <strong>Unterlassen<\/strong> einer Anzeige steuerlich relevanter Tatsachen eine <strong>Steuerhinterziehung nach \u00a7 370 Abs. 1 Nr. 2 AO<\/strong> begangen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Steuerpflichtige verteidigte sich mit dem Argument, dass der Finanzverwaltung die ma\u00dfgeblichen Umst\u00e4nde bereits bekannt gewesen seien, da entsprechende Informationen <strong>elektronisch gespeichert<\/strong> und mit seiner <strong>Steuernummer verkn\u00fcpft<\/strong> waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der BFH musste kl\u00e4ren, ob das blo\u00dfe <strong>Vorhandensein elektronischer Daten in den Systemen der Finanzverwaltung<\/strong> bereits ausreicht, um von einer \u201eKenntnis\u201c der Finanzbeh\u00f6rde auszugehen \u2013 und damit eine Steuerhinterziehung durch Unterlassen ausschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Entscheidung des BFH<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der <strong>BFH<\/strong> stellte klar, dass eine <strong>Kenntnis der Finanzbeh\u00f6rde<\/strong> im Sinne des \u00a7 370 Abs. 1 Nr. 2 AO <strong>nicht bereits dann vorliegt<\/strong>, wenn die entsprechenden Daten <strong>theoretisch abrufbar<\/strong> oder <strong>elektronisch gespeichert<\/strong> sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ma\u00dfgeblich ist vielmehr,<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>ob die <strong>zust\u00e4ndige Organisationseinheit oder Sachbearbeitung<\/strong> tats\u00e4chlich <strong>Einblick<\/strong> in die Daten hatte oder<\/li><li>diese im <strong>normalen Arbeitsablauf<\/strong> automatisch in die Steuerakte aufgenommen wurden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Blo\u00dfe <strong>technische Verf\u00fcgbarkeit<\/strong> von Daten \u2013 etwa in zentralen Datenbanken oder IT-Systemen der Verwaltung \u2013 gen\u00fcgt nicht, um eine tats\u00e4chliche Kenntnis anzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit grenzt der BFH die <strong>Kenntnis der Beh\u00f6rde<\/strong> ausdr\u00fccklich von der <strong>Kenntnis einzelner IT-Systeme oder Datenbanken<\/strong> ab.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bedeutung f\u00fcr die Praxis<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Urteil hat erhebliche praktische Relevanz f\u00fcr <strong>Steuerstrafverfahren<\/strong> und die <strong>Verj\u00e4hrungspr\u00fcfung<\/strong> bei Steuerhinterziehung durch Unterlassen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>F\u00fcr die Strafbarkeit:<\/strong><br \/>Eine Steuerhinterziehung durch Unterlassen setzt voraus, dass die Finanzbeh\u00f6rde <strong>keine Kenntnis<\/strong> von den steuerlich relevanten Tatsachen hatte. Das Urteil pr\u00e4zisiert, dass diese Kenntnis <strong>organisatorisch-personenbezogen<\/strong> zu pr\u00fcfen ist, nicht systembezogen.<\/li><li><strong>F\u00fcr die Verj\u00e4hrung:<\/strong><br \/>Die Frage, wann die Finanzbeh\u00f6rde Kenntnis erlangt hat, ist auch f\u00fcr den <strong>Beginn der Festsetzungsverj\u00e4hrung<\/strong> (\u00a7 169 Abs. 2 Satz 2 AO) relevant. Das Urteil stellt klar: Die blo\u00dfe elektronische Speicherung von Daten l\u00f6st die Kenntnis und damit den Verj\u00e4hrungsbeginn <strong>nicht automatisch<\/strong> aus.<\/li><li><strong>F\u00fcr die Verwaltungsorganisation:<\/strong><br \/>Finanzbeh\u00f6rden m\u00fcssen sicherstellen, dass relevante Informationen tats\u00e4chlich <strong>aktenkundig<\/strong> werden, wenn sie f\u00fcr die Steuerfestsetzung bedeutsam sind. Eine blo\u00dfe Datenhaltung gen\u00fcgt nicht.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Urteil <strong>VI R 14\/22<\/strong> konkretisiert der BFH die Anforderungen an die \u201eKenntnis\u201c der Finanzbeh\u00f6rde bei Steuerhinterziehung durch Unterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Entscheidung schafft <strong>Rechtssicherheit<\/strong>, indem sie eine klare <strong>Abgrenzung zwischen theoretischer Datenverf\u00fcgbarkeit und tats\u00e4chlicher Kenntnis<\/strong> zieht.<br \/>F\u00fcr Steuerpflichtige bedeutet dies: Eine unterlassene Mitwirkung kann weiterhin strafbar sein, selbst wenn die Finanzverwaltung die relevanten Informationen <strong>irgendwo im System gespeichert<\/strong>, aber <strong>nicht aktiv zur Kenntnis genommen<\/strong> hat.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quelle:<\/strong><br \/>Bundesfinanzhof, Urteil vom 14.05.2025 \u2013 VI R 14\/22<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH, Urteil vom 14.05.2025 \u2013 VI R 14\/22Zur Abgrenzung zwischen Kenntnis und blo\u00dfer Abrufbarkeit elektronischer Daten bei Steuerhinterziehung durch Unterlassen Leits\u00e4tze des Urteils F\u00fcr die Beurteilung, ob die Finanzbeh\u00f6rde Kenntnis von den f\u00fcr die Steuerfestsetzung wesentlichen tats\u00e4chlichen Umst\u00e4nden hat, ist auf diejenigen Personen abzustellen, die innerhalb der zust\u00e4ndigen Finanzbeh\u00f6rde organisatorisch f\u00fcr den Steuerfall zust\u00e4ndig sind &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bfh-zur-unkenntnis-der-finanzbehoerde-bei-steuerhinterziehung-durch-unterlassen-%c2%a7-370-abs-1-nr-2-ao\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\"><strong>BFH zur Unkenntnis der Finanzbeh\u00f6rde bei Steuerhinterziehung durch Unterlassen (\u00a7 370 Abs. 1 Nr. 2 AO)<\/strong><\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1730],"tags":[],"class_list":["post-78432","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-steuern-recht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78432"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78432\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}