{"id":78510,"date":"2025-10-20T18:12:33","date_gmt":"2025-10-20T16:12:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=78510"},"modified":"2025-10-20T18:12:33","modified_gmt":"2025-10-20T16:12:33","slug":"steuerbefreiung-von-ueberstundenzuschlaegen-bringt-kaum-entlastung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/steuerbefreiung-von-ueberstundenzuschlaegen-bringt-kaum-entlastung\/","title":{"rendered":"Steuerbefreiung von \u00dcberstundenzuschl\u00e4gen bringt kaum Entlastung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Neue WSI-Studie: Besch\u00e4ftigte mit niedrigeren Einkommen gehen weitgehend leer aus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, Mitteilung vom 17.10.2025<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Hintergrund<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach den Pl\u00e4nen der schwarz-roten Koalition sollen k\u00fcnftig <strong>\u00dcberstundenzuschl\u00e4ge unter bestimmten Bedingungen steuerfrei<\/strong> gestellt werden. Ziel der Regelung ist es, Mehrarbeit steuerlich zu beg\u00fcnstigen und so Anreize f\u00fcr zus\u00e4tzliche Arbeitsstunden zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine aktuelle Untersuchung des <strong>Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI)<\/strong> der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung zeigt nun jedoch: Der Effekt der Steuerbefreiung ist <strong>\u00e4u\u00dferst gering<\/strong> \u2013 sowohl was die Zahl der Beg\u00fcnstigten als auch die finanzielle Entlastung betrifft.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Nur 1,4 % der Besch\u00e4ftigten profitieren<\/h3>\n\n\n\n<p>Laut der auf Daten des Statistischen Bundesamtes basierenden Studie k\u00f6nnten <strong>nur etwa 1,4 % aller Besch\u00e4ftigten<\/strong> von der geplanten Steuerbefreiung profitieren.<br \/>Im Durchschnitt ergibt sich damit eine <strong>monatliche Steuerersparnis von lediglich 0,87 Euro<\/strong>, die <strong>mittlere Entlastung<\/strong> liegt sogar nur bei <strong>0,31 Euro pro Monat<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders deutlich zeigt sich die ungleiche Verteilung:<\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Vollzeitbesch\u00e4ftigte:<\/strong> profitieren mit 2,4 % am h\u00e4ufigsten,<\/li><li><strong>Teilzeitkr\u00e4fte:<\/strong> nur 0,2 %,<\/li><li><strong>geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigte:<\/strong> gehen vollst\u00e4ndig leer aus.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Frauen besonders benachteiligt<\/h3>\n\n\n\n<p>Frauen sind laut Studie <strong>\u00fcberproportional von der Regelung ausgeschlossen<\/strong>, da sie h\u00e4ufiger in Teilzeit arbeiten.<br \/>Nur <strong>0,5 % der Frauen<\/strong> k\u00f6nnten vom Steuerbonus profitieren \u2013 bei M\u00e4nnern sind es <strong>2,2 %<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Entlastungsh\u00f6he unterscheidet sich deutlich:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>M\u00e4nner: \u00d8 <strong>1,46 \u20ac steuerfrei pro Monat<\/strong>,<\/li><li>Frauen: \u00d8 <strong>0,23 \u20ac steuerfrei pro Monat<\/strong>.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Studienautor <strong>Dr. Malte L\u00fcbker<\/strong> sieht darin einen klaren Hinweis auf eine <strong>mittelbare Benachteiligung von Frauen<\/strong>: Das Vollzeiterfordernis f\u00fchre faktisch zu einer systematischen Ungleichbehandlung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Ungleichheit in der Einkommensverteilung<\/h3>\n\n\n\n<p>Rund <strong>95 % des Entlastungsvolumens<\/strong> k\u00e4men laut Studie <strong>Besch\u00e4ftigten aus der oberen H\u00e4lfte der Einkommensverteilung<\/strong> zugute.<br \/>F\u00fcr Arbeitnehmer:innen mit einem <strong>Bruttomonatsverdienst unter 3.041 \u20ac<\/strong> liegt die durchschnittliche Steuerersparnis bei gerade einmal <strong>3 Cent pro Monat<\/strong>, w\u00e4hrend das oberste Zehntel der Einkommen durchschnittlich <strong>1,18 \u20ac<\/strong> mehr im Monat h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>WSI-Direktorin <strong>Prof. Dr. Bettina Kohlrausch<\/strong> kritisiert die soziale Schieflage des Vorhabens deutlich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eStatt eine breite Entlastung zu bewirken, w\u00fcrde von dem Steuerprivileg in erster Linie eine kleine Gruppe profitieren, die ohnehin \u00fcberdurchschnittlich verdient. Das tr\u00e4gt weiter zur Ungleichheit in der Gesellschaft bei.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Kritik von Expert:innen und Wissenschaftlichem Beirat<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch der <strong>Wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium der Finanzen<\/strong> hatte die geplante Steuerbefreiung bereits kritisiert. Neben der geringen Entlastung warnten die Expert:innen vor <strong>zus\u00e4tzlicher steuerlicher Komplexit\u00e4t<\/strong> und <strong>B\u00fcrokratiekosten<\/strong> f\u00fcr Arbeitgeber und Finanzverwaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue WSI-Studie zeigt zudem: Der tats\u00e4chliche Steuerbonus pro \u00dcberstunde d\u00fcrfte mit <strong>durchschnittlich 1,35 Euro<\/strong> noch <strong>deutlich geringer<\/strong> ausfallen als bislang angenommen. F\u00fcr Besch\u00e4ftigte mit niedrigen Einkommen liegt die Entlastung sogar nur bei <strong>0,39 Euro<\/strong> pro steuerbeg\u00fcnstigter \u00dcberstunde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Handlungsbedarf liegt woanders<\/h3>\n\n\n\n<p>Statt Steuerprivilegien f\u00fcr eine kleine Besch\u00e4ftigtengruppe zu schaffen, sieht das WSI <strong>dringenden Reformbedarf<\/strong> bei der <strong>Arbeitszeiterfassung<\/strong>:<br \/>Mehr als die H\u00e4lfte aller geleisteten \u00dcberstunden wird derzeit <strong>weder bezahlt noch durch Freizeit ausgeglichen<\/strong>. Nach Berechnungen des Instituts haben sich inzwischen <strong>rund 500 Millionen \u00dcberstunden<\/strong> auf Arbeitszeitkonten angesammelt \u2013 im Gegenwert von <strong>rund 9,5 Milliarden Euro<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eOb ein \u00dcberstundenzuschlag steuerfrei bleibt oder nicht, ist f\u00fcr viele Besch\u00e4ftigte zweitrangig\u201c, so L\u00fcbker. \u201eWichtiger ist, dass \u00dcberstunden \u00fcberhaupt erfasst, verg\u00fctet oder durch Freizeit ausgeglichen werden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Quelle<\/h3>\n\n\n\n<p>Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, <strong>Pressemitteilung vom 17.10.2025<\/strong><br \/>WSI Policy Brief Nr. 93, Oktober 2025: <em>\u201eSteuerliche Freistellung von \u00dcberstundenzuschl\u00e4gen \u2013 Geringe Entlastung und problematische Verteilungswirkungen\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue WSI-Studie: Besch\u00e4ftigte mit niedrigeren Einkommen gehen weitgehend leer aus Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, Mitteilung vom 17.10.2025 Hintergrund Nach den Pl\u00e4nen der schwarz-roten Koalition sollen k\u00fcnftig \u00dcberstundenzuschl\u00e4ge unter bestimmten Bedingungen steuerfrei gestellt werden. 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