{"id":78831,"date":"2025-12-10T12:54:38","date_gmt":"2025-12-10T10:54:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=78831"},"modified":"2025-12-10T12:54:38","modified_gmt":"2025-12-10T10:54:38","slug":"grundsteuer-bundesfinanzhof-haelt-bundesmodell-fuer-verfassungskonform-was-heisst-das-fuer-sie-als-eigentuemer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/grundsteuer-bundesfinanzhof-haelt-bundesmodell-fuer-verfassungskonform-was-heisst-das-fuer-sie-als-eigentuemer\/","title":{"rendered":"<strong>Grundsteuer: Bundesfinanzhof h\u00e4lt Bundesmodell f\u00fcr verfassungskonform \u2013 was hei\u00dft das f\u00fcr Sie als Eigent\u00fcmer?<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Bundesfinanzhof (BFH) hat mit Urteilen vom 12.11.2025 (II R 25\/24, II R 31\/24 und II R 3\/25) entschieden:<br \/>Das sog. <strong>Bundesmodell<\/strong> der Grundsteuer ist <strong>verfassungsgem\u00e4\u00df<\/strong>. Die neue Grundsteuer, die ab dem 01.01.2025 gilt, bleibt damit zun\u00e4chst bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden erhalten Sie einen verst\u00e4ndlichen \u00dcberblick, was der BFH entschieden hat \u2013 und was das konkret f\u00fcr Sie als Eigent\u00fcmer bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>1. Worum ging es in den Verfahren?<\/h2>\n\n\n\n<p>Geklagt hatten Wohnungseigent\u00fcmer aus:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Nordrhein-Westfalen (K\u00f6ln)<\/li><li>Sachsen<\/li><li>Berlin<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Es ging jeweils um <strong>Eigentumswohnungen<\/strong>, bei denen das Finanzamt zum Stichtag 01.01.2022 nach dem <strong>Ertragswertverfahren<\/strong> den Grundsteuerwert festgestellt hatte. Diese Werte sind die Basis f\u00fcr die Grundsteuer ab 2025.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kl\u00e4ger hielten das Bundesmodell im Kern f\u00fcr verfassungswidrig, u. a. weil:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>der Gesetzgeber seine Gesetzgebungskompetenz falsch genutzt habe,<\/li><li>die Bewertung zu stark pauschaliere (Bodenrichtwerte, Nettokaltmieten),<\/li><li>dadurch der Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 Abs. 1 GG) verletzt sei.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die Finanzgerichte hatten die Klagen bereits abgewiesen \u2013 der BFH hat diese Entscheidungen nun best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>2. Was hat der BFH entschieden?<\/h2>\n\n\n\n<h3>2.1 Formell: Der Bund durfte das Bundesmodell regeln<\/h3>\n\n\n\n<p>Der BFH sieht das <strong>Grundsteuer-Reformgesetz (GrStRefG) von 2019<\/strong> als formell verfassungsgem\u00e4\u00df an:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Der Bund hatte nach <strong>Art. 105 Abs. 2 GG<\/strong> die konkurrierende Gesetzgebungskompetenz.<\/li><li>Dass sich der Gesetzgeber in der Begr\u00fcndung teilweise auf die \u201eFortschreibungskompetenz\u201c (Art. 125a GG) berufen hat, spielt keine Rolle \u2013 entscheidend ist, dass die Kompetenz im Grundgesetz zum Zeitpunkt des Gesetzes bestand.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Eine \u201eErmessensunterschreitung\u201c lag nach Auffassung des BFH nicht vor.<\/p>\n\n\n\n<h3>2.2 Materiell: Typisierung ja \u2013 aber verfassungskonform<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Kernpunkt: Verst\u00f6\u00dft das Bundesmodell gegen den Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 Abs. 1 GG)?<\/p>\n\n\n\n<p>Der BFH sagt <strong>nein<\/strong> \u2013 und begr\u00fcndet das im Wesentlichen so:<\/p>\n\n\n\n<ol><li><strong>Belastungsgrund ist klar<\/strong>: Besteuert wird das <strong>Innehaben von Grundbesitz<\/strong> und die M\u00f6glichkeit, daraus Ertr\u00e4ge zu erzielen (Sollertrag). Das spiegelt die objektive Leistungsf\u00e4higkeit wider.<\/li><li><strong>Typisierung und Pauschalierung sind zul\u00e4ssig<\/strong>:<ul><li>Bodenrichtwerte basieren auf Marktdaten der Gutachteraussch\u00fcsse und d\u00fcrfen als Durchschnittswerte verwendet werden, auch wenn das einzelne Grundst\u00fcck davon abweicht.<\/li><li>Nettokaltmieten werden landesweit typisiert und \u00fcber Mietniveaustufen pauschal angepasst. Das f\u00fchrt zwar im Einzelfall zu \u00dcber- oder Unterbewertungen, ist aber aus Praktikabilit\u00e4tsgr\u00fcnden hinnehmbar.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Automatisierter Massen\u00advollzug hat Vorrang vor Detailgerechtigkeit<\/strong>:<br \/>Der Gesetzgeber darf Bewertungs-Ungenauigkeiten in Kauf nehmen, um die Bewertung von rund 36 Mio. Grundst\u00fccken praktikabel und automatisiert durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/li><li><strong>D\u00e4mpfungseffekte in der Steuerberechnung<\/strong>:<ul><li>Die <strong>Steuermesszahl<\/strong> f\u00fcr Wohnimmobilien im Bundesmodell ist mit 0,31 \u2030 sehr niedrig.<\/li><li>Abweichungen bei der Bewertung f\u00fchren dadurch oft nur zu <strong>relativ geringen Steuerunterschieden<\/strong>.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Korrekturm\u00f6glichkeit bei krasser \u00dcberbewertung<\/strong>:<br \/>Eigent\u00fcmer k\u00f6nnen einen <strong>niedrigeren gemeinen Wert<\/strong> nachweisen, wenn der festgestellte Grundsteuerwert diesen um mindestens 40 % \u00fcbersteigt (\u00a7 220 Abs. 2 BewG n. F.).<\/li><\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>3. F\u00fcr welche Bundesl\u00e4nder gilt das Urteil?<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Urteil betrifft <strong>das Bundesmodell<\/strong>, das aktuell in folgenden L\u00e4ndern angewendet wird:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Berlin<\/li><li>Brandenburg<\/li><li>Bremen<\/li><li>Mecklenburg-Vorpommern<\/li><li>Nordrhein-Westfalen<\/li><li>Rheinland-Pfalz<\/li><li>Sachsen<\/li><li>Sachsen-Anhalt<\/li><li>Saarland<\/li><li>Schleswig-Holstein<\/li><li>Th\u00fcringen<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>In diesen L\u00e4ndern sind die Erfolgsaussichten von Klagen <strong>gegen das Bundesmodell an sich<\/strong> nun deutlich gesunken.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine unmittelbaren Auswirkungen hat das Urteil auf die L\u00e4nder mit <strong>eigenen Grundsteuermodellen<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Baden-W\u00fcrttemberg<\/li><li>Bayern<\/li><li>Hamburg<\/li><li>Hessen<\/li><li>Niedersachsen<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Zu den L\u00e4ndermodellen sind teilweise noch Verfahren beim BFH anh\u00e4ngig; u. a. plant der BFH f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg m\u00fcndliche Verhandlungen voraussichtlich im April 2026.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>4. Was bedeutet das f\u00fcr Sie als Eigent\u00fcmer konkret?<\/h2>\n\n\n\n<h3>4.1 Einspr\u00fcche gegen das Bundesmodell<\/h3>\n\n\n\n<ul><li>Wenn Ihr Einspruch sich <strong>nur allgemein<\/strong> auf die angebliche Verfassungswidrigkeit des Bundesmodells st\u00fctzt, sind die Chancen nach dieser BFH-Entscheidung <strong>sehr gering<\/strong>.<\/li><li>Das bedeutet aber nicht, dass <strong>jeder<\/strong> Einspruch aussichtslos ist \u2013 es kommt darauf an, <strong>was<\/strong> Sie angreifen:<ul><li>Berechnungsfehler<\/li><li>falsche Zuordnung von Fl\u00e4chen, Nutzungen<\/li><li>offensichtlich falsche Bodenrichtwerte<\/li><li>nachweisbar \u00fcberh\u00f6hter Wert im Einzelfall (Stichwort: \u00a7 220 Abs. 2 BewG \u2013 Nachweis eines niedrigeren gemeinen Werts).<\/li><\/ul><\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3>4.2 Schwerpunkt k\u00fcnftig: Bewertung im Einzelfall<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Weg der \u201eMusterverfahren gegen das Bundesmodell\u201c ist durch die BFH-Entscheidung praktisch versperrt. K\u00fcnftig r\u00fccken st\u00e4rker in den Fokus:<\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Einzelfallbewertung<\/strong> (z. B. stark abweichender Marktwert)<\/li><li>Fehler bei der Datenerhebung oder \u00dcbernahme in die Bescheide<\/li><li>Besonderheiten des Grundst\u00fccks (Altlasten, Zuschnitt, baurechtliche Einschr\u00e4nkungen), die im Bodenrichtwert nicht abgebildet sind.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3>4.3 Auswirkungen auf Mieter<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Grundsteuer formal von den Eigent\u00fcmern geschuldet wird, kann sie in aller Regel \u00fcber die Nebenkosten auf Mieter umgelegt werden. Die Entscheidung des BFH stabilisiert das System \u2013 aber nicht unbedingt die H\u00f6he der Belastung. Kommunen behalten weiterhin ihre <strong>Hebesatzhoheit<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>5. Was sollten Sie jetzt tun?<\/h2>\n\n\n\n<ol><li><strong>Grundsteuerwert- und Messbescheide pr\u00fcfen<\/strong><ul><li>Stimmen Grundst\u00fccksfl\u00e4che, Wohnfl\u00e4che, Baujahr, Nutzung?<\/li><li>Ist die Zuordnung (z. B. Wohnen vs. Gewerbe) korrekt?<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Bodenrichtwerte plausibilisieren<\/strong><ul><li>Liegt Ihr Objekt in einer atypischen Lage innerhalb der Bodenrichtwertzone (z. B. neben Bahntrasse, Altlast, schlechte Erschlie\u00dfung)?<\/li><li>Ggf. lohnt sich eine gutachterliche \u00dcberpr\u00fcfung, insbesondere bei sehr hoher Steuerlast.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Einspruchsstrategie anpassen<\/strong><ul><li>Reine \u201eVerfassungs-Einspr\u00fcche\u201c gegen das Bundesmodell sind nach der BFH-Entscheidung praktisch chancenlos.<\/li><li>Sinnvoll sind <strong>konkrete, belegbare Einwendungen<\/strong> zur individuellen Bewertung.<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Kommunale Hebes\u00e4tze beobachten<\/strong><ul><li>Die BFH-Entscheidung betrifft die Bewertung, nicht die Hebes\u00e4tze.<\/li><li>Erh\u00f6ht Ihre Gemeinde den Hebesatz, steigt die Steuer \u2013 trotz unver\u00e4ndertem Grundsteuerwert.<\/li><\/ul><\/li><\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>6. Fazit: Rechtsrahmen steht \u2013 Gestaltung bleibt m\u00f6glich<\/h2>\n\n\n\n<p>Der BFH hat mit klaren Worten best\u00e4tigt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Das Bundesmodell zur Grundsteuer ist verfassungskonform.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Eigent\u00fcmer bedeutet das:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Die <strong>Grundsteuer-Reform 2025 bleibt<\/strong> \u2013 jedenfalls auf Basis des Bundesmodells.<\/li><li>Erfolg verspricht k\u00fcnftig weniger der \u201egro\u00dfe\u201c Angriff auf das System, sondern die <strong>saubere Pr\u00fcfung und Gestaltung im Einzelfall<\/strong>.<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bundesfinanzhof (BFH) hat mit Urteilen vom 12.11.2025 (II R 25\/24, II R 31\/24 und II R 3\/25) entschieden:Das sog. Bundesmodell der Grundsteuer ist verfassungsgem\u00e4\u00df. Die neue Grundsteuer, die ab dem 01.01.2025 gilt, bleibt damit zun\u00e4chst bestehen. 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