{"id":78950,"date":"2026-01-10T13:43:13","date_gmt":"2026-01-10T11:43:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=78950"},"modified":"2026-01-10T13:43:13","modified_gmt":"2026-01-10T11:43:13","slug":"auslegung-von-doppelbesteuerungsabkommen-bmf-konkretisiert-den-umgang-mit-dem-oecd-musterkommentar-schreiben-vom-24-12-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/auslegung-von-doppelbesteuerungsabkommen-bmf-konkretisiert-den-umgang-mit-dem-oecd-musterkommentar-schreiben-vom-24-12-2025\/","title":{"rendered":"Auslegung von Doppelbesteuerungsabkommen: BMF konkretisiert den Umgang mit dem OECD-Musterkommentar (Schreiben vom 24.12.2025)"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit koordiniertem L\u00e4ndererlass vom <strong>24.12.2025<\/strong> (Az. <strong>IV B 2 \u2013 S 1301\/01508\/004\/038<\/strong>) hat das BMF zur <strong>Auslegung von Abkommen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung (DBA)<\/strong> Stellung genommen. Anlass ist die (geplante) Ver\u00f6ffentlichung des <strong>BFH-Urteils vom 05.12.2023 \u2013 I R 42\/20<\/strong> im Bundessteuerblatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fokus steht eine f\u00fcr die Beratungspraxis zentrale Frage: <strong>Wann und in welcher Fassung<\/strong> darf der <strong>OECD-Musterkommentar (OECD-MK)<\/strong> zur Auslegung herangezogen werden \u2013 und wo sind die Grenzen?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>1. Ausgangspunkt: DBA sind v\u00f6lkerrechtliche Vertr\u00e4ge \u2013 Wortlaut als Auslegungsgrenze<\/h2>\n\n\n\n<p>Das BMF betont (in \u00dcbereinstimmung mit der BFH-Rechtsprechung), dass DBA <strong>nach Art. 31 Abs. 1 W\u00dcRV<\/strong> auszulegen sind: nach Treu und Glauben, anhand der gew\u00f6hnlichen Bedeutung der Begriffe im Kontext sowie im Lichte von Ziel und Zweck des Abkommens. <strong>Der Wortlaut ist dabei die Grenze der Auslegung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Praktische Konsequenz:<\/strong> Eine \u201eteleologische\u201c oder \u201esystematische\u201c Interpretation kann den Text nicht \u201e\u00fcberholen\u201c. In Einspruchs- und Klageverfahren ist der <strong>Textvergleich<\/strong> daher regelm\u00e4\u00dfig der erste Pr\u00fcfstein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>2. OECD-Musterkommentar als Indiz \u2013 aber ma\u00dfgeblich ist zun\u00e4chst die Fassung beim Zustimmungsgesetz<\/h2>\n\n\n\n<p>Wenn die auszulegende DBA-Vorschrift (zwischen OECD-Staaten) <strong>identisch oder zumindest vergleichbar<\/strong> mit einer Vorschrift des <strong>OECD-Musterabkommens (OECD-MA)<\/strong> ist, ist der OECD-MK <strong>in der Fassung, die bei der Umsetzung des DBA in deutsches Recht galt<\/strong>, als <strong>widerlegliches Indiz f\u00fcr die Staatenpraxis<\/strong> zu werten. Das BMF kn\u00fcpft dabei ausdr\u00fccklich an das <strong>Zustimmungsgesetz nach Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG<\/strong> an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beraterhinweis:<\/strong> Das ist eine \u201eAnker-Fassung\u201c. Wer mit dem OECD-MK argumentiert, sollte in der Akte dokumentieren, <strong>welche MK-Version<\/strong> zum Zeitpunkt des Zustimmungsgesetzes ma\u00dfgeblich war (und welche \u201eobservations\u201c einzelner Staaten relevant sind).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>3. Dynamische Komponente: Auch der OECD-MK \u201ezum Anwendungszeitpunkt\u201c kann relevant sein \u2013 bei Klarstellungen\/Pr\u00e4zisierungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Das BMF stellt zugleich klar: Innerhalb des Wortlauts kann auch die <strong>jeweils zum Anwendungszeitpunkt<\/strong> geltende Fassung des OECD-MK herangezogen werden, <strong>soweit es sich insbesondere um Klarstellungen und Pr\u00e4zisierungen<\/strong> gegen\u00fcber fr\u00fcheren Fassungen handelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wichtig f\u00fcr die Praxis:<\/strong> Damit steigt die Bedeutung der Abgrenzung<\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>\u201eKlarstellung\/Pr\u00e4zisierung\u201c<\/strong> (eher verwendbar) vs.<\/li><li><strong>\u201ematerielle Fortentwicklung\/Neuregelung\u201c<\/strong> (kritischer, ggf. nicht \u00fcbertragbar).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Im Streitfall ist diese Einordnung regelm\u00e4\u00dfig <strong>begr\u00fcndungsbed\u00fcrftig<\/strong> (z. B. anhand \u00c4nderungsvermerken, OECD-Diskussionsst\u00e4nden, Systematik).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>4. OECD-MK nur bei Vergleichbarkeit: Kein \u201eWortlaut-Match\u201c, keine MK-Auslegung<\/h2>\n\n\n\n<p>Weicht der DBA-Text <strong>erkennbar<\/strong> vom OECD-MA ab oder ist er <strong>nicht zumindest vergleichbar<\/strong>, scheidet eine Auslegung <strong>unter Heranziehung des OECD-MK<\/strong> aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der BFH unterstreicht dieses Prinzip ebenfalls: Je weiter ein konkretes DBA in Formulierung\/Aufbau vom OECD-MA abweicht, desto geringer ist die Aussagekraft des OECD-MK; im entschiedenen DBA-USA-Fall war eine bestimmte OECD-Kommentierung deshalb <strong>f\u00fcr die konkrete Normauslegung nicht relevant<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Praxisfolge:<\/strong> Vor jeder OECD-MK-Argumentation steht zwingend der <strong>Text- und Strukturvergleich<\/strong> (DBA-Artikel vs. OECD-MA-Artikel).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>5. Vorrang anderer Verwaltungsanweisungen gegen\u00fcber dem OECD-MK<\/h2>\n\n\n\n<p>Das BMF ordnet ausdr\u00fccklich an: Ergibt sich aus <strong>anderen Verwaltungsanweisungen<\/strong> (dazu z\u00e4hlt auch die <strong>BStBl-II-Ver\u00f6ffentlichung<\/strong> von BFH-Entscheidungen) ein anderes Abkommensverst\u00e4ndnis, <strong>geht dieses dem OECD-MK vor<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Praktisch hei\u00dft das:<\/strong> In der Argumentation ist die \u201eNormenhierarchie\u201c sauber aufzubauen:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>DBA-Wortlaut (W\u00dcRV-Auslegung),<\/li><li>einschl\u00e4gige BMF-Schreiben\/BStBl-Rechtsprechung,<\/li><li>OECD-MK (nur innerhalb der Wortlautgrenze und bei Vergleichbarkeit).<\/li><\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>6. Abl\u00f6sung der bisherigen Verwaltungsauffassung (BMF 19.04.2023)<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Schreiben vom 24.12.2025 <strong>ersetzt<\/strong> ausdr\u00fccklich das <strong>BMF-Schreiben vom 19.04.2023 \u2013 IV B 2 \u2013 S 1301\/22\/10002 :004<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einordnung:<\/strong> F\u00fcr laufende F\u00e4lle (Einspr\u00fcche, BP-Feststellungen, Verst\u00e4ndigungsverfahren) sollte gepr\u00fcft werden, ob die neue Verwaltungsauffassung <strong>Argumentationsspielr\u00e4ume er\u00f6ffnet oder schlie\u00dft<\/strong> \u2013 insbesondere dort, wo bislang stark mit \u201eaktuellen\u201c OECD-MK-Passagen gearbeitet wurde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>7. Checkliste f\u00fcr die Beratungspraxis<\/h2>\n\n\n\n<ul><li><strong>Schritt 1:<\/strong> Relevanten <strong>DBA-Artikel<\/strong> und Wortlautvarianten (DE\/EN) sichern.<\/li><li><strong>Schritt 2:<\/strong> <strong>Vergleichbarkeit<\/strong> mit OECD-MA pr\u00fcfen (identisch, \u00e4hnlich, abweichend).<\/li><li><strong>Schritt 3:<\/strong> OECD-MK-Fassung <strong>zum Zustimmungsgesetz<\/strong> identifizieren (Anker-Fassung).<\/li><li><strong>Schritt 4:<\/strong> OECD-MK-Fassung <strong>zum Anwendungszeitpunkt<\/strong> nur nutzen, wenn belastbar <strong>Klarstellung\/Pr\u00e4zisierung<\/strong> (und innerhalb des Wortlauts).<\/li><li><strong>Schritt 5:<\/strong> <strong>Observations<\/strong> der betroffenen Staaten pr\u00fcfen und dokumentieren.<\/li><li><strong>Schritt 6:<\/strong> Vorrangige <strong>Verwaltungsanweisungen\/BStBl-II-Rechtsprechung<\/strong> abgleichen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p>Das BMF st\u00e4rkt eine <strong>methodisch strikte<\/strong> DBA-Auslegung: <strong>Wortlaut first<\/strong>, OECD-MK <strong>nur bei Vergleichbarkeit<\/strong> und mit klarer <strong>Versionenlogik<\/strong> (Anker-Fassung beim Zustimmungsgesetz; sp\u00e4tere Fassungen nur als Klarstellung\/Pr\u00e4zisierung). Gleichzeitig wird die Bedeutung <strong>vorrangiger Verwaltungsanweisungen<\/strong> ausdr\u00fccklich hervorgehoben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit koordiniertem L\u00e4ndererlass vom 24.12.2025 (Az. IV B 2 \u2013 S 1301\/01508\/004\/038) hat das BMF zur Auslegung von Abkommen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung (DBA) Stellung genommen. Anlass ist die (geplante) Ver\u00f6ffentlichung des BFH-Urteils vom 05.12.2023 \u2013 I R 42\/20 im Bundessteuerblatt. 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