{"id":79083,"date":"2026-02-01T15:44:28","date_gmt":"2026-02-01T13:44:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=79083"},"modified":"2026-02-01T15:44:28","modified_gmt":"2026-02-01T13:44:28","slug":"bfh-verspaetungszuschlag-und-corona-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bfh-verspaetungszuschlag-und-corona-krise\/","title":{"rendered":"BFH: Versp\u00e4tungszuschlag und Corona-Krise"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Keine Ermessensentscheidung bei gesetzlicher Fristverl\u00e4ngerung \u2013 FAQ Corona bieten keinen Schutz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Bundesfinanzhof hat mit Urteil vom 30.07.2025 (Az. X R 7\/23) entschieden, dass Versp\u00e4tungszuschl\u00e4ge auch w\u00e4hrend der Corona-Pandemie zwingend festzusetzen waren, wenn die verl\u00e4ngerten gesetzlichen Abgabefristen vers\u00e4umt wurden. Die FAQ Corona des Bundesfinanzministeriums begr\u00fcnden keinen Vertrauensschutz.<\/p>\n\n\n\n<h2>Der Sachverhalt<\/h2>\n\n\n\n<p>Der steuerlich beratene Kl\u00e4ger reichte seine Gewerbesteuererkl\u00e4rung f\u00fcr 2019 erst am 28.12.2021 ein. Aufgrund der Corona-Pandemie hatte der Gesetzgeber die Abgabefrist bis zum 31.08.2021 verl\u00e4ngert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Finanzamt setzte f\u00fcr die vier angefangenen Monate seit September 2021 einen Versp\u00e4tungszuschlag fest \u2013 eine Entscheidung, die der Kl\u00e4ger f\u00fcr ermessensfehlerhaft hielt.<\/p>\n\n\n\n<h2>Die Argumentation des Kl\u00e4gers<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Kl\u00e4ger machte zwei zentrale Einw\u00e4nde geltend:<\/p>\n\n\n\n<ol><li><strong>FAQ Corona des BMF:<\/strong> Die vom Bundesfinanzministerium ver\u00f6ffentlichten &#8222;FAQ Corona Steuern&#8220; w\u00fcrden eine zwingende Festsetzung nicht gebieten und dem Finanzamt Ermessen einr\u00e4umen.<\/li><li><strong>\u00a7 152 Abs. 3 AO:<\/strong> Es liege ein Fall der Fristverl\u00e4ngerung durch eine Finanzbeh\u00f6rde vor, bei dem ein Versp\u00e4tungszuschlag im Ermessen der Beh\u00f6rde stehe.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2>Die Entscheidung des BFH<\/h2>\n\n\n\n<h3>Gesetzliche vs. beh\u00f6rdliche Fristverl\u00e4ngerung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der X. Senat stellte klar: Die Abgabefristen wurden durch Gesetz und nicht durch Verwaltungsentscheidung verl\u00e4ngert. Dies hat entscheidende Konsequenzen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei gesetzlicher Fristverl\u00e4ngerung:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Versp\u00e4tungszuschl\u00e4ge sind zwingend festzusetzen (\u00a7 152 Abs. 1 und 2 AO)<\/li><li>Kein Ermessensspielraum der Finanzbeh\u00f6rde<\/li><li>Die verl\u00e4ngerte Frist wird wie die urspr\u00fcngliche Frist behandelt<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Bei beh\u00f6rdlicher Fristverl\u00e4ngerung (\u00a7 152 Abs. 3 AO):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Versp\u00e4tungszuschlag steht im Ermessen<\/li><li>Diese Regelung war hier nicht anwendbar<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3>FAQ Corona ohne Bindungswirkung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der BFH f\u00fchrte aus, dass die FAQ Corona weder unmittelbare Bindungswirkung gegen\u00fcber dem Finanzamt entfalten noch zu einer Selbstbindung der Verwaltung f\u00fchren, die einen Ermessensspielraum er\u00f6ffnen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob die FAQ Corona grunds\u00e4tzlich Vertrauensschutz begr\u00fcnden k\u00f6nnen, lie\u00df der BFH ausdr\u00fccklich offen. Im konkreten Fall scheiterte ein m\u00f6glicher Vertrauensschutz jedenfalls daran, dass die vom Kl\u00e4ger herangezogene Fassung vom 14.12.2021 erst drei Monate nach Ablauf der Abgabefrist ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kernaussage:<\/strong> Wer sich auf Vertrauensschutz berufen will, muss sich auf Verlautbarungen st\u00fctzen k\u00f6nnen, die zum Zeitpunkt des relevanten Verhaltens bereits ver\u00f6ffentlicht waren.<\/p>\n\n\n\n<h2>Rechtliche Einordnung<\/h2>\n\n\n\n<h3>Systematik der Versp\u00e4tungszuschl\u00e4ge<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung verdeutlicht die unterschiedliche Behandlung von Fristvers\u00e4umnissen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwingender Versp\u00e4tungszuschlag (\u00a7 152 Abs. 1, 2 AO):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Bei \u00dcberschreitung gesetzlicher Abgabefristen<\/li><li>Auch bei durch Gesetz verl\u00e4ngerten Fristen<\/li><li>Kein Ermessen, keine Billigkeitspr\u00fcfung m\u00f6glich<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Versp\u00e4tungszuschlag im Ermessen (\u00a7 152 Abs. 3 AO):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Nur bei beh\u00f6rdlich verl\u00e4ngerter Frist<\/li><li>Finanzamt kann von Festsetzung absehen<\/li><li>Einzelfallpr\u00fcfung m\u00f6glich<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Keine Festsetzung (\u00a7 152 Abs. 4 AO):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Bei bestimmten Ausnahmetatbest\u00e4nden<\/li><li>Z.B. wenn Steuerfestsetzung zu einer Erstattung f\u00fchrt<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3>Corona-Sonderregelungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Gesetzgeber hatte mit der Verl\u00e4ngerung der Steuererkl\u00e4rungsfristen f\u00fcr 2019 bereits R\u00fccksicht auf pandemiebedingte Erschwernisse genommen. Diese gesetzliche Regelung war nach Auffassung des BFH ausreichend und abschlie\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Erleichterungen durch Verwaltungsanweisungen oder FAQ waren rechtlich nicht geboten und konnten die gesetzliche Regelung nicht verdr\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<h2>Praktische Konsequenzen<\/h2>\n\n\n\n<h3>F\u00fcr Steuerpflichtige und Berater<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung hat weitreichende Bedeutung:<\/p>\n\n\n\n<ol><li><strong>Gesetzliche Fristen sind zwingend:<\/strong> Auch in Krisenzeiten bieten verl\u00e4ngerte gesetzliche Fristen keinen zus\u00e4tzlichen Spielraum f\u00fcr Kulanzregelungen.<\/li><li><strong>FAQ und Verwaltungsanweisungen:<\/strong> Diese k\u00f6nnen die gesetzlichen Regelungen nicht au\u00dfer Kraft setzen und begr\u00fcnden keinen verl\u00e4sslichen Vertrauensschutz, insbesondere wenn sie erst nach dem relevanten Zeitpunkt ver\u00f6ffentlicht werden.<\/li><li><strong>Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung:<\/strong> F\u00fcr einen m\u00f6glichen Vertrauensschutz ist entscheidend, dass Verlautbarungen zum Zeitpunkt der Disposition bereits bekannt waren.<\/li><li><strong>Keine Corona-Sonderbehandlung:<\/strong> Die Pandemie rechtfertigte keine \u00fcber die gesetzlichen Fristverl\u00e4ngerungen hinausgehenden Ermessensspielr\u00e4ume bei Versp\u00e4tungszuschl\u00e4gen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h3>Handlungsempfehlungen<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Fristenbewusstsein:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Auch verl\u00e4ngerte gesetzliche Fristen sind strikt einzuhalten<\/li><li>Keine Erwartung von Kulanzregelungen durch die Verwaltung<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Fr\u00fchzeitige Fristverl\u00e4ngerungsantr\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Bei absehbaren Verz\u00f6gerungen rechtzeitig Fristverl\u00e4ngerung beantragen<\/li><li>Nur beh\u00f6rdlich verl\u00e4ngerte Fristen er\u00f6ffnen Ermessensspielraum<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Vorsicht bei Verwaltungsanweisungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>FAQ und \u00e4hnliche Verlautbarungen sind rechtlich nicht bindend<\/li><li>Keine sichere Rechtsgrundlage f\u00fcr Dispositionen<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Dokumentation:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Bei Berufung auf Vertrauensschutz zeitnahe Kenntnis der Verlautbarung nachweisen<\/li><li>Datum der Ver\u00f6ffentlichung beachten<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h2>Bedeutung f\u00fcr k\u00fcnftige Krisen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung macht deutlich, dass in Krisensituationen prim\u00e4r der Gesetzgeber gefordert ist, angemessene Fristverl\u00e4ngerungen zu schaffen. Die Finanzverwaltung kann durch Verwaltungsanweisungen keine zus\u00e4tzlichen Erleichterungen schaffen, die der gesetzlichen Systematik widersprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr k\u00fcnftige Ausnahmesituationen bedeutet dies: Nur klare gesetzliche Regelungen schaffen Rechtssicherheit. Verwaltungspraxis und FAQ k\u00f6nnen diese nicht ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Quelle:<\/strong> Bundesfinanzhof, Pressemitteilung Nr. 5\/26 vom 29.01.2026 zum Urteil X R 7\/23 vom 30.07.2025 (LEXinform-Dokument Nr. 0954716)<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine individuelle steuerrechtliche Beratung. Bei Fragen zu Versp\u00e4tungszuschl\u00e4gen und Fristverl\u00e4ngerungen sprechen Sie uns gerne an.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Ermessensentscheidung bei gesetzlicher Fristverl\u00e4ngerung \u2013 FAQ Corona bieten keinen Schutz Der Bundesfinanzhof hat mit Urteil vom 30.07.2025 (Az. X R 7\/23) entschieden, dass Versp\u00e4tungszuschl\u00e4ge auch w\u00e4hrend der Corona-Pandemie zwingend festzusetzen waren, wenn die verl\u00e4ngerten gesetzlichen Abgabefristen vers\u00e4umt wurden. Die FAQ Corona des Bundesfinanzministeriums begr\u00fcnden keinen Vertrauensschutz. 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