{"id":79113,"date":"2026-02-06T12:46:50","date_gmt":"2026-02-06T10:46:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=79113"},"modified":"2026-02-06T12:46:50","modified_gmt":"2026-02-06T10:46:50","slug":"bfh-fehlerhafte-gerichtsbesetzung-nach-vertagung-ehrenamtliche-richter-muessen-turnusmaessig-wechseln-ii-b-7-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bfh-fehlerhafte-gerichtsbesetzung-nach-vertagung-ehrenamtliche-richter-muessen-turnusmaessig-wechseln-ii-b-7-25\/","title":{"rendered":"BFH: Fehlerhafte Gerichtsbesetzung nach Vertagung \u2013 ehrenamtliche Richter m\u00fcssen turnusm\u00e4\u00dfig wechseln (II B 7\/25)"},"content":{"rendered":"\n<p>Der BFH hat mit Beschluss vom <strong>14.01.2026 \u2013 II B 7\/25<\/strong> klargestellt: <strong>Wird eine m\u00fcndliche Verhandlung nach ihrem Schluss vertagt und ein neuer Termin \u201evon Gerichts wegen\u201c bestimmt, liegt grunds\u00e4tzlich keine blo\u00dfe Unterbrechung vor.<\/strong> Folge: F\u00fcr den Folgetermin sind die <strong>ehrenamtlichen Richter turnusm\u00e4\u00dfig nach der Liste\/Gesch\u00e4ftsverteilung<\/strong> heranzuziehen. Geschieht das nicht, ist das Finanzgericht <strong>nicht vorschriftsm\u00e4\u00dfig besetzt<\/strong> \u2013 ein <strong>Verfahrensmangel i.S.d. \u00a7 119 Nr. 1 FGO<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>1) Worum ging es?<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Streitfall hatte das Schleswig-Holsteinische Finanzgericht am <strong>15.10.2024<\/strong> m\u00fcndlich verhandelt (drei Berufsrichter + zwei ehrenamtliche Richter <strong>A und B<\/strong>). Im Protokoll wurde die Sitzung w\u00e4hrend des Tages zwar mehrfach <strong>\u201eunterbrochen\u201c<\/strong>, am Ende aber ausdr\u00fccklich beschlossen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eDie m\u00fcndliche Verhandlung wird <strong>vertagt<\/strong>. Ein neuer Termin ergeht von gerichtswegen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Am <strong>19.11.2024<\/strong> fand die n\u00e4chste m\u00fcndliche Verhandlung statt \u2013 erneut mit <strong>denselben<\/strong> ehrenamtlichen Richtern <strong>A und B<\/strong>. Der Kl\u00e4ger r\u00fcgte die Besetzung unter Hinweis auf den Gesch\u00e4ftsverteilungsplan (dort: Wechsel bei Vertagung), nahm die R\u00fcge in der Verhandlung aber sp\u00e4ter zur\u00fcck. Das FG entschied anschlie\u00dfend gegen die Kl\u00e4ger; Revision wurde nicht zugelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der BFH hob das FG-Urteil wegen <strong>unvorschriftsm\u00e4\u00dfiger Besetzung<\/strong> auf und verwies zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>2) Kernaussage: \u201eVertagung\u201c ist nicht \u201eUnterbrechung\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Der BFH grenzt strikt ab:<\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Vertagung<\/strong> (nach Schluss der m\u00fcndlichen Verhandlung, neuer Termin wird bestimmt):<br \/>\u2192 Die Zust\u00e4ndigkeit der konkret mitwirkenden Richter endet mit der Vertagungsentscheidung; die Besetzung des Folgetermins richtet sich dann <strong>allein nach den abstrakt-generellen Regeln<\/strong> (Gesch\u00e4ftsverteilungsplan\/Listen).<\/li><li><strong>Unterbrechung<\/strong> (mehrt\u00e4gige Fortsetzung derselben Verhandlung):<br \/>\u2192 Dann <strong>muss<\/strong> die Verhandlung in <strong>identischer Besetzung<\/strong> fortgesetzt werden; ein Richterwechsel ist gerade <strong>nicht<\/strong> zul\u00e4ssig.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Im konkreten Fall war die Einordnung eindeutig, weil das Protokoll innerhalb des Termins bewusst zwischen \u201eunterbrochen\u201c (laufender Sitzungstag) und am Ende \u201evertagt\u201c (nach Schluss) unterschieden hat.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>3) Rechtsfolge: Bei Vertagung m\u00fcssen ehrenamtliche Richter nach Liste wechseln<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Gesch\u00e4ftsverteilungsplan des FG sah ausdr\u00fccklich vor:<\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Bei Vertagung:<\/strong> Zum neuen Termin sind die <strong>turnusm\u00e4\u00dfig an der Reihe<\/strong> befindlichen ehrenamtlichen Richter zu laden.<\/li><li><strong>Ausnahme nur bei Unterbrechung<\/strong> zur Fortsetzung \u201ean einem anderen Tag in gleicher Besetzung\u201c.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Da A und B bereits im ersten Termin mitwirkten, h\u00e4tten sie nach der turnusm\u00e4\u00dfigen Reihenfolge <strong>nicht<\/strong> erneut eingesetzt werden d\u00fcrfen. Das begr\u00fcndet die <strong>nicht vorschriftsm\u00e4\u00dfige Besetzung<\/strong> nach \u00a7 119 Nr. 1 FGO.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>4) Besonders wichtig: Die Besetzungsr\u00fcge ist \u201eunverzichtbar\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Praxis zentral ist Randnummer\/Passage zur R\u00fcge:<\/p>\n\n\n\n<p>Der BFH stellt klar, dass die R\u00fcge der nicht vorschriftsm\u00e4\u00dfigen Besetzung <strong>unverzichtbar<\/strong> ist. Selbst wenn eine Partei die Besetzungsr\u00fcge in der m\u00fcndlichen Verhandlung <strong>zur\u00fccknimmt<\/strong>, kann der Mangel im Beschwerdeverfahren <strong>trotzdem<\/strong> durchgreifen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>5) Praxishinweise f\u00fcr Berater und Prozessvertreter<\/h2>\n\n\n\n<h3>A) Protokollsprache ist entscheidend<\/h3>\n\n\n\n<ul><li>\u201e<strong>Vertagt<\/strong>\u201c im Protokoll ist ein starkes Signal: Dann spricht regelm\u00e4\u00dfig alles f\u00fcr Vertagung \u2013 mit Pflicht zum Listenwechsel.<\/li><li>Unklare F\u00e4lle: BFH orientiert u. a. am <strong>zeitlichen Abstand<\/strong> zwischen Terminen (je l\u00e4nger, desto eher Vertagung).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3>B) Gesch\u00e4ftsverteilungsplan \/ Heranziehungslisten sichern<\/h3>\n\n\n\n<ul><li>Falls Besetzungsfragen relevant werden k\u00f6nnten: <strong>Gesch\u00e4ftsverteilungsplan\/Listenregel<\/strong> anfordern bzw. dokumentieren (oft gen\u00fcgt der einschl\u00e4gige Auszug).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3>C) Besetzungsr\u00fcge erheben \u2013 und nicht \u201ewegmoderieren\u201c lassen<\/h3>\n\n\n\n<ul><li>Auch wenn der BFH hier die Unverzichtbarkeit betont: Prozessual sinnvoll bleibt, die R\u00fcge <strong>rechtzeitig<\/strong> und <strong>klar<\/strong> zu protokollieren, um Streit \u00fcber Pr\u00e4klusion\/Behandlung zu vermeiden.<\/li><li>Praxisziel: Den Punkt <strong>fr\u00fch<\/strong> setzen (sp\u00e4testens zu Beginn des Termins), kurz begr\u00fcnden (Vertagung vs. Unterbrechung; Listenreihenfolge), Protokollkontrolle.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>6) Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Beschluss <strong>II B 7\/25<\/strong> ist ein deutlicher Hinweis an die Finanzgerichte: <strong>Bei Vertagung<\/strong> gilt die <strong>strikte Bindung<\/strong> an Gesch\u00e4ftsverteilungsplan und Listenreihenfolge der ehrenamtlichen Richter. \u201ePraktikabilit\u00e4t\u201c (\u201edie kennen den Fall schon\u201c) rechtfertigt keine Abweichung. Ein Besetzungsfehler ist ein <strong>durchgreifender Verfahrensmangel<\/strong> nach \u00a7 119 Nr. 1 FGO \u2013 und bleibt selbst dann relevant, wenn eine Partei die R\u00fcge sp\u00e4ter zur\u00fccknimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der BFH hat mit Beschluss vom 14.01.2026 \u2013 II B 7\/25 klargestellt: Wird eine m\u00fcndliche Verhandlung nach ihrem Schluss vertagt und ein neuer Termin \u201evon Gerichts wegen\u201c bestimmt, liegt grunds\u00e4tzlich keine blo\u00dfe Unterbrechung vor. Folge: F\u00fcr den Folgetermin sind die ehrenamtlichen Richter turnusm\u00e4\u00dfig nach der Liste\/Gesch\u00e4ftsverteilung heranzuziehen. 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