{"id":79121,"date":"2026-02-06T12:54:11","date_gmt":"2026-02-06T10:54:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=79121"},"modified":"2026-02-06T12:54:11","modified_gmt":"2026-02-06T10:54:11","slug":"bfh-zur-betriebsaufgabe-im-insolvenzverfahren-einkommensteuer-erst-einheitlich-ermitteln-dann-insolvenzrechtlich-aufteilen-x-r-29-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bfh-zur-betriebsaufgabe-im-insolvenzverfahren-einkommensteuer-erst-einheitlich-ermitteln-dann-insolvenzrechtlich-aufteilen-x-r-29-21\/","title":{"rendered":"BFH zur Betriebsaufgabe im Insolvenzverfahren: Einkommensteuer erst einheitlich ermitteln \u2013 dann insolvenzrechtlich aufteilen (X R 29\/21)"},"content":{"rendered":"\n<p>Der BFH hat mit Urteil vom <strong>30.07.2025 \u2013 X R 29\/21<\/strong> (ver\u00f6ffentlicht am 05.02.2026) zentrale Grunds\u00e4tze zur <strong>Betriebsaufgabe eines freigegebenen Betriebs<\/strong> und zur <strong>Aufteilung der Einkommensteuerschuld<\/strong> im er\u00f6ffneten Insolvenzverfahren pr\u00e4zisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung ist f\u00fcr die Praxis besonders relevant, wenn<\/p>\n\n\n\n<ul><li>der Insolvenzverwalter eine selbstst\u00e4ndige T\u00e4tigkeit nach <strong>\u00a7 35 Abs. 2 InsO<\/strong> freigibt,<\/li><li>der Schuldner den Betrieb danach fortf\u00fchrt und sp\u00e4ter <strong>aufgibt<\/strong>,<\/li><li>\u00dcbergangs- und\/oder Aufgabegewinne entstehen (h\u00e4ufig bei Wechsel der Gewinnermittlungsart oder \u201eSchluss-\/Aufgabebilanz-Themen\u201c).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>1) Kernaussage 1: Zweistufiges Vorgehen \u2013 erst Steuerrecht, dann Insolvenzrecht<\/h2>\n\n\n\n<p>Der BFH verlangt ein <strong>zweistufiges Schema<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ol><li><strong>Einkommensteuer \u201eeinheitlich\u201c nach Einkommensteuerrecht ermitteln<\/strong> (also wie gewohnt nach EStG-Grunds\u00e4tzen, inkl. \u00dcbergangs- und Aufgabegewinn).<\/li><li>Anschlie\u00dfend die so ermittelte <strong>Einkommensteuerschuld \u201einsolvenzrechtlich\u201c aufteilen<\/strong> \u2013 im Verh\u00e4ltnis der jeweiligen Eink\u00fcnfte auf die verschiedenen insolvenzrechtlichen Verm\u00f6gensbereiche.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><strong>Praxis\u00fcbersetzung:<\/strong> Sie rechnen steuerlich zun\u00e4chst \u201enormal\u201c. Erst danach stellt sich die Frage, <strong>welcher Anteil der Steuer<\/strong> als <strong>Masseverbindlichkeit<\/strong>\/gegen den Verwalter festzusetzen ist und welcher Anteil dem <strong>insolvenzfreien Bereich<\/strong> bzw. dem Schuldner zuzuordnen ist (Festsetzungsadressat\/Haftungszugriff).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>2) Kernaussage 2: Freigabe nach \u00a7 35 Abs. 2 InsO \u201ezieht\u201c nicht r\u00fcckwirkend und nicht \u00fcber vorhandenes Verm\u00f6gen<\/h2>\n\n\n\n<p>Der BFH schlie\u00dft sich ausdr\u00fccklich der zivil-\/insolvenzrechtlichen Linie des <strong>BGH (21.02.2019 \u2013 IX ZR 246\/17)<\/strong> an:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Die Freigabe der selbst\u00e4ndigen T\u00e4tigkeit nach \u00a7 35 Abs. 2 InsO erfasst <strong>kein Verm\u00f6gen<\/strong>, das dem Schuldner <strong>bei Wirksamwerden der Freigabeerkl\u00e4rung bereits geh\u00f6rte<\/strong>.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Konsequenz:<\/strong> Eine Freigabe \u201edes Betriebs\u201c ist in Wahrheit <strong>keine Totalfreigabe des gesamten Betriebsverm\u00f6gens<\/strong>, sondern wirkt typischerweise <strong>ex nunc<\/strong> und im Kern auf den <strong>Neuerwerb<\/strong> aus der fortgef\u00fchrten T\u00e4tigkeit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>3) Kernaussage 3: Fortgef\u00fchrter Betrieb kann in mehrere insolvenzrechtliche Bereiche \u201ezerschnitten\u201c sein<\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fchrt der Schuldner den Betrieb nach Freigabe fort, k\u00f6nnen die Wirtschaftsg\u00fcter des Betriebsverm\u00f6gens <strong>unterschiedlichen insolvenzrechtlichen Bereichen<\/strong> zugeordnet sein. Der BFH spricht ausdr\u00fccklich davon, dass es (mit Einschr\u00e4nkungen) <strong>bis zu drei Bereiche<\/strong> sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typisches Bild in der Praxis:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Insolvenzmasse<\/strong>: Verm\u00f6gen, das bereits vor Freigabe (bzw. bei Verfahrenser\u00f6ffnung\/Wirksamwerden der Freigabe) zur Masse geh\u00f6rt.<\/li><li><strong>Freigegebener Neuerwerb<\/strong>: Verm\u00f6gen\/Anspr\u00fcche aus der selbst\u00e4ndigen T\u00e4tigkeit <strong>ab Freigabe<\/strong> (insolvenzfrei gegen\u00fcber Altgl\u00e4ubigern; haftet typischerweise nur Neugl\u00e4ubigern).<\/li><li><strong>Sonstige insolvenzfreie Sph\u00e4re<\/strong>: Je nach Sachverhalt weitere insolvenzfreie Bestandteile.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>4) Kernaussage 4: Betriebsaufgabe trotz Freigabe m\u00f6glich \u2013 auch \u00dcbergangs- und Aufgabegewinne sind aufzuteilen<\/h2>\n\n\n\n<p>Der BFH stellt klar:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Ein im Rahmen einer freigegebenen selbst\u00e4ndigen T\u00e4tigkeit fortgef\u00fchrter Betrieb kann <strong>unter den allgemeinen steuerrechtlichen Voraussetzungen<\/strong> aufgegeben werden.<\/li><li><strong>\u00dcbergangsgewinne und Aufgabegewinne<\/strong> sind <strong>nach ESt-Recht<\/strong> zu ermitteln und anschlie\u00dfend <strong>insolvenzrechtlich<\/strong> auf die Verm\u00f6gensbereiche zu verteilen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Wichtig:<\/strong> Gerade \u00dcbergangs-\/Aufgabegewinne entstehen h\u00e4ufig \u201eaus dem Bestand\u201c (Altverm\u00f6gen) und \u201eaus dem laufenden Betrieb\u201c (Neuerwerb). Der BFH macht deutlich: Diese Gr\u00f6\u00dfen sind <strong>nicht automatisch<\/strong> vollst\u00e4ndig dem freigegebenen Bereich zuzuordnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>5) Praktische Folgen f\u00fcr Beratung, Erkl\u00e4rung und Verfahrensf\u00fchrung<\/h2>\n\n\n\n<h3>A) Getrennte \u201eSph\u00e4ren-Dokumentation\u201c wird entscheidend<\/h3>\n\n\n\n<p>Sie brauchen in der Akte (und idealerweise in der Buchf\u00fchrung\/\u00dcbersichten) eine klare Zuordnung, <strong>welche Ertr\u00e4ge\/Aufwendungen<\/strong> welchen insolvenzrechtlichen Bereichen zuzurechnen sind. Ohne diese Zuordnung wird die sp\u00e4tere <strong>Steueraufteilung<\/strong> kaum belastbar begr\u00fcndbar sein.<\/p>\n\n\n\n<h3>B) Festsetzungsadressat und Haftungsfolgen im Blick behalten<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Aufteilung ist nicht akademisch: Sie steuert, <strong>gegen wen<\/strong> festgesetzt wird (Insolvenzverwalter\/Masse vs. Schuldner) und <strong>aus welcher Verm\u00f6genssph\u00e4re<\/strong> vollstreckt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<h3>C) Aufgabe\/\u00dcbergang nicht \u201epauschal freigegeben\u201c behandeln<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn im Mandat die These auftaucht \u201efreigegeben = alles danach geh\u00f6rt nur dem Schuldner\u201c, ist nach X R 29\/21 besonders vorsichtig zu pr\u00fcfen: <strong>Altverm\u00f6gen<\/strong> bleibt regelm\u00e4\u00dfig <strong>Masse<\/strong>, auch wenn der Betrieb fortgef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>6) Arbeitshilfe: Pr\u00fcf- und Vorgehensschema f\u00fcr die Praxis<\/h2>\n\n\n\n<ol><li><strong>Zeitachse aufstellen<\/strong><ul><li>Verfahrenser\u00f6ffnung<\/li><li>Datum\/Zugang Freigabeerkl\u00e4rung (\u00a7 35 Abs. 2 InsO)<\/li><li>ggf. Aufgabezeitpunkt \/ Betriebsbeendigung<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Steuerlich einheitlich ermitteln<\/strong><ul><li>laufender Gewinn\/Verlust<\/li><li>\u00dcbergangsgewinn\/-verlust (falls Gewinnermittlungsart wechselt\/Schlussbilanzthemen)<\/li><li>Aufgabegewinn\/-verlust<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Insolvenzrechtliche Zuordnung der Komponenten<\/strong><ul><li>Welche Position stammt aus Altverm\u00f6gen (Masse)?<\/li><li>Welche Position ist Neuerwerb nach Freigabe (freigegeben)?<\/li><li>Gibt es Mischpositionen \u2192 Aufteilungsschl\u00fcssel begr\u00fcnden<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Einkommensteuer-Schuld aufteilen<\/strong><ul><li>Verh\u00e4ltnis der Eink\u00fcnfte je Bereich \u2192 Steueranteile ableiten (BFH-Vorgabe)<\/li><\/ul><\/li><li><strong>Verfahrensstrategie<\/strong><ul><li>Klare Darstellung in Einspruch\/Klage: erst ESt-rechtliche Ermittlung, dann insolvenzrechtliche Zuordnung\/Schl\u00fcssel<\/li><\/ul><\/li><\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Urteil <strong>X R 29\/21<\/strong> zwingt zu sauberer Methodik: <strong>Freigabe \u2260 pauschale Entlassung des gesamten Betriebsverm\u00f6gens aus der Masse<\/strong>. Steuerlich gilt: <strong>Erst<\/strong> wird die Einkommensteuer nach ESt-Grunds\u00e4tzen einheitlich ermittelt, <strong>danach<\/strong> wird die Steuerschuld insolvenzrechtlich den Verm\u00f6gensbereichen zugeordnet \u2013 ausdr\u00fccklich auch f\u00fcr \u00dcbergangs- und Aufgabegewinne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der BFH hat mit Urteil vom 30.07.2025 \u2013 X R 29\/21 (ver\u00f6ffentlicht am 05.02.2026) zentrale Grunds\u00e4tze zur Betriebsaufgabe eines freigegebenen Betriebs und zur Aufteilung der Einkommensteuerschuld im er\u00f6ffneten Insolvenzverfahren pr\u00e4zisiert. Die Entscheidung ist f\u00fcr die Praxis besonders relevant, wenn der Insolvenzverwalter eine selbstst\u00e4ndige T\u00e4tigkeit nach \u00a7 35 Abs. 2 InsO freigibt, der Schuldner den Betrieb &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bfh-zur-betriebsaufgabe-im-insolvenzverfahren-einkommensteuer-erst-einheitlich-ermitteln-dann-insolvenzrechtlich-aufteilen-x-r-29-21\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH zur Betriebsaufgabe im Insolvenzverfahren: Einkommensteuer erst einheitlich ermitteln \u2013 dann insolvenzrechtlich aufteilen (X R 29\/21)<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1730],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79121"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79121"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79121\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}