{"id":79426,"date":"2026-05-07T12:38:11","date_gmt":"2026-05-07T10:38:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/?p=79426"},"modified":"2026-05-07T12:38:11","modified_gmt":"2026-05-07T10:38:11","slug":"bfh-vertrauensschutz-bei-innergemeinschaftlicher-lieferung-auch-ohne-gelangensbestaetigung-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/blog\/bfh-vertrauensschutz-bei-innergemeinschaftlicher-lieferung-auch-ohne-gelangensbestaetigung-moeglich\/","title":{"rendered":"BFH: Vertrauensschutz bei innergemeinschaftlicher Lieferung auch ohne Gelangensbest\u00e4tigung m\u00f6glich"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BFH, Urteil vom 18.12.2025 \u2013 V R 3\/25<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bundesfinanzhof hat mit Urteil vom <strong>18. Dezember 2025<\/strong> entschieden, dass der Vertrauensschutz bei innergemeinschaftlichen Lieferungen nach <strong>\u00a7 6a Abs. 4 Satz 1 UStG<\/strong> nicht zwingend voraussetzt, dass der Unternehmer eine <strong>Gelangensbest\u00e4tigung<\/strong> im Sinne des <strong>\u00a7 17a Abs. 2 Nr. 2 UStDV<\/strong> besitzt. Jedenfalls seit Inkrafttreten der Neuregelung des \u00a7 17a UStDV zum <strong>1. Oktober 2013<\/strong> ist die Gelangensbest\u00e4tigung nicht mehr die alleinige Voraussetzung f\u00fcr den Vertrauensschutz.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hintergrund: Steuerfreie innergemeinschaftliche Lieferung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine innergemeinschaftliche Lieferung ist unter bestimmten Voraussetzungen umsatzsteuerfrei. Das betrifft Lieferungen von Deutschland in einen anderen EU-Mitgliedstaat an einen Unternehmer, der den Gegenstand dort f\u00fcr sein Unternehmen erwirbt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Steuerfreiheit setzt insbesondere voraus, dass:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>der Gegenstand tats\u00e4chlich in einen anderen EU-Mitgliedstaat gelangt,<\/li><li>der Abnehmer Unternehmer ist,<\/li><li>der Erwerb im anderen EU-Staat der Erwerbsbesteuerung unterliegt,<\/li><li>die formellen Nachweis- und Aufzeichnungspflichten erf\u00fcllt werden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Praxis ist gerade der Nachweis des Gelangens in das \u00fcbrige Gemeinschaftsgebiet ein h\u00e4ufiger Streitpunkt in Betriebspr\u00fcfungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was ist eine Gelangensbest\u00e4tigung?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gelangensbest\u00e4tigung ist ein Beleg, mit dem der Abnehmer best\u00e4tigt, dass der Liefergegenstand in das \u00fcbrige EU-Gebiet gelangt ist. Sie kann ein wichtiger Nachweis f\u00fcr die Steuerfreiheit einer innergemeinschaftlichen Lieferung sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Typischerweise enth\u00e4lt sie Angaben zu:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Abnehmer,<\/li><li>Liefergegenstand,<\/li><li>Menge,<\/li><li>Ort und Monat des Erhalts,<\/li><li>Ausstellungsdatum,<\/li><li>Unterschrift bzw. elektronische Best\u00e4tigung.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gelangensbest\u00e4tigung bleibt weiterhin ein wichtiges und empfehlenswertes Nachweisdokument. Der BFH stellt aber klar: F\u00fcr den <strong>Vertrauensschutz<\/strong> ist sie nicht zwingend erforderlich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Worum ging es im Streitfall?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Streitfall hatte ein Unternehmer eine Lieferung als steuerfreie innergemeinschaftliche Lieferung behandelt. Sp\u00e4ter stellte sich die Frage, ob die Steuerfreiheit zu versagen ist, weil die Voraussetzungen tats\u00e4chlich nicht vollst\u00e4ndig nachgewiesen waren und keine Gelangensbest\u00e4tigung vorlag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Unternehmer berief sich auf den Vertrauensschutz nach <strong>\u00a7 6a Abs. 4 UStG<\/strong>. Danach kann eine Lieferung trotz fehlender objektiver Voraussetzungen als steuerfrei behandelt werden, wenn die Inanspruchnahme der Steuerbefreiung auf unrichtigen Angaben des Abnehmers beruht und der Unternehmer diese Unrichtigkeit auch bei Beachtung der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns nicht erkennen konnte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kernaussage des BFH<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der BFH entschied zugunsten des Vertrauensschutzes: Die Gew\u00e4hrung von Vertrauensschutz setzt seit der Neufassung des \u00a7 17a UStDV zum <strong>1. Oktober 2013<\/strong> nicht voraus, dass der Unternehmer eine Gelangensbest\u00e4tigung besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist vielmehr, ob der Unternehmer seinen Nachweispflichten <strong>ihrer Art nach<\/strong> nachgekommen ist und ob er bei der Lieferung die <strong>Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns<\/strong> beachtet hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit wendet sich der BFH gegen eine zu formale Betrachtung. Das Fehlen einer Gelangensbest\u00e4tigung allein darf den Vertrauensschutz nicht automatisch ausschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum ist das Urteil wichtig?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Urteil ist f\u00fcr die Praxis erheblich, weil innergemeinschaftliche Lieferungen regelm\u00e4\u00dfig Gegenstand von Umsatzsteuer-Sonderpr\u00fcfungen und Betriebspr\u00fcfungen sind. Bislang wurde die Gelangensbest\u00e4tigung h\u00e4ufig als nahezu unverzichtbarer Nachweis behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der BFH macht nun deutlich: Der Nachweis des Gelangens kann auch mit anderen zul\u00e4ssigen Beweismitteln gef\u00fchrt werden. Entscheidend ist die Gesamtw\u00fcrdigung der Unterlagen und Umst\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Welche Nachweise kommen neben der Gelangensbest\u00e4tigung in Betracht?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben einer Gelangensbest\u00e4tigung k\u00f6nnen je nach Fall insbesondere folgende Unterlagen relevant sein:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Frachtbrief,<\/li><li>Spediteursbescheinigung,<\/li><li>Tracking- und Versandnachweise,<\/li><li>CMR-Frachtbrief,<\/li><li>schriftliche Versicherung des Abnehmers,<\/li><li>Kaufvertrag mit Transportvereinbarung,<\/li><li>Rechnung mit zutreffender Anschrift und USt-IdNr.,<\/li><li>Zahlungsnachweise,<\/li><li>Korrespondenz mit dem Abnehmer,<\/li><li>Abholvollmacht und Ausweiskopie bei Abholf\u00e4llen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtig ist, dass die Unterlagen insgesamt plausibel belegen, dass der Liefergegenstand in einen anderen EU-Mitgliedstaat gelangt ist oder dass der Unternehmer jedenfalls gutgl\u00e4ubig auf die Angaben des Abnehmers vertrauen durfte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Besonderheit bei Abholf\u00e4llen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders risikobehaftet sind sogenannte <strong>Abholf\u00e4lle<\/strong>. Dabei holt der Abnehmer oder ein von ihm beauftragter Dritter die Ware beim Lieferanten im Inland ab und verbringt sie anschlie\u00dfend in einen anderen EU-Mitgliedstaat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade hier ist der liefernde Unternehmer h\u00e4ufig darauf angewiesen, dass der Abnehmer zutreffende Angaben macht. Der BFH h\u00e4lt es f\u00fcr m\u00f6glich, dass auch eine Versicherung des Abnehmers oder seines Beauftragten, den Gegenstand in das \u00fcbrige Gemeinschaftsgebiet zu bef\u00f6rdern, im Rahmen des Vertrauensschutzes gen\u00fcgen kann. Im entschiedenen Fall war insbesondere die im Kaufvertrag enthaltene Versicherung, den Pkw nach Rum\u00e4nien zu bef\u00f6rdern, relevant.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vertrauensschutz bedeutet nicht Nachl\u00e4ssigkeit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Urteil sollte nicht missverstanden werden. Der BFH sagt nicht, dass Nachweise entbehrlich sind. Er sagt nur, dass die Gelangensbest\u00e4tigung nicht zwingend die einzige M\u00f6glichkeit ist, Vertrauensschutz zu erlangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Unternehmer muss weiterhin sorgf\u00e4ltig handeln. Dazu geh\u00f6rt insbesondere:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>USt-IdNr. des Abnehmers pr\u00fcfen,<\/li><li>Identit\u00e4t des Abnehmers nachvollziehbar dokumentieren,<\/li><li>Transport in das EU-Ausland plausibel belegen,<\/li><li>widerspr\u00fcchliche Angaben aufkl\u00e4ren,<\/li><li>bei ungew\u00f6hnlichen Gesch\u00e4ftsabl\u00e4ufen erh\u00f6hte Vorsicht walten lassen,<\/li><li>Unterlagen vollst\u00e4ndig und geordnet aufbewahren.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bestehen erkennbare Zweifel an der Richtigkeit der Angaben des Abnehmers, kann sich der Unternehmer nicht ohne Weiteres auf Vertrauensschutz berufen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bedeutung f\u00fcr die Rechnungstellung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei innergemeinschaftlichen Lieferungen sollte die Rechnung weiterhin ordnungsgem\u00e4\u00df ausgestellt werden. Sie sollte insbesondere enthalten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Hinweis auf die Steuerfreiheit der innergemeinschaftlichen Lieferung,<\/li><li>USt-IdNr. des Lieferanten,<\/li><li>USt-IdNr. des Abnehmers,<\/li><li>vollst\u00e4ndige Angaben zum Leistungsempf\u00e4nger,<\/li><li>eindeutige Leistungsbeschreibung,<\/li><li>zutreffendes Lieferdatum.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fehler in der Rechnung oder bei der USt-IdNr. k\u00f6nnen in der Praxis weiterhin erhebliche Risiken ausl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Praxishinweis<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unternehmer sollten die Entscheidung nicht als Freibrief verstehen, auf Gelangensbest\u00e4tigungen zu verzichten. Die Gelangensbest\u00e4tigung bleibt ein starkes Nachweismittel und sollte weiterhin m\u00f6glichst eingeholt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Urteil hilft aber in F\u00e4llen, in denen eine Gelangensbest\u00e4tigung fehlt, der Unternehmer jedoch andere belastbare Nachweise besitzt und gutgl\u00e4ubig gehandelt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Empfehlenswert ist insbesondere:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li><strong>Gelangensbest\u00e4tigung weiterhin anfordern<\/strong><br \/>Sie bleibt ein wichtiges Standarddokument.<\/li><li><strong>Alternative Nachweise systematisch sammeln<\/strong><br \/>Versand-, Fracht-, Zahlungs- und Vertragsunterlagen sollten vollst\u00e4ndig dokumentiert werden.<\/li><li><strong>Abholf\u00e4lle besonders absichern<\/strong><br \/>Bei Abholung durch den Kunden sollten Ausweiskopie, Vollmacht, Bef\u00f6rderungserkl\u00e4rung und Zielort dokumentiert werden.<\/li><li><strong>USt-IdNr. pr\u00fcfen und speichern<\/strong><br \/>Die qualifizierte Best\u00e4tigungsabfrage sollte dokumentiert werden.<\/li><li><strong>Auff\u00e4lligkeiten ernst nehmen<\/strong><br \/>Ungew\u00f6hnliche Zahlungswege, abweichende Anschriften oder widerspr\u00fcchliche Angaben sollten vor Lieferung aufgekl\u00e4rt werden.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der BFH st\u00e4rkt mit seinem Urteil den Vertrauensschutz bei innergemeinschaftlichen Lieferungen. Eine Gelangensbest\u00e4tigung ist seit der Neuregelung des \u00a7 17a UStDV zum <strong>1. Oktober 2013<\/strong> nicht zwingende Voraussetzung f\u00fcr den Vertrauensschutz nach <strong>\u00a7 6a Abs. 4 UStG<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Unternehmer ist das eine wichtige Entlastung. Gleichzeitig bleibt eine sorgf\u00e4ltige Dokumentation unverzichtbar. Wer innergemeinschaftliche Lieferungen steuerfrei behandelt, sollte die Voraussetzungen weiterhin umfassend pr\u00fcfen und die Nachweise geordnet aufbewahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quelle:<\/strong> BFH, Urteil vom 18.12.2025 \u2013 V R 3\/25, \u201eInnergemeinschaftliche Lieferung: Gelangensbest\u00e4tigung keine Voraussetzung f\u00fcr Vertrauensschutz\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH, Urteil vom 18.12.2025 \u2013 V R 3\/25 Der Bundesfinanzhof hat mit Urteil vom 18. 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