{"id":13828,"date":"2012-12-08T14:39:46","date_gmt":"2012-12-08T12:39:46","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=13828"},"modified":"2012-12-08T14:39:46","modified_gmt":"2012-12-08T12:39:46","slug":"ix-b-174-07-verletzung-des-rechtlichen-gehoers-bei-nicht-ordnungsgemaesser-ladung-postzustellungsurkunde-als-oeffentliche-urkunde-gegenbeweis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/ix-b-174-07-verletzung-des-rechtlichen-gehoers-bei-nicht-ordnungsgemaesser-ladung-postzustellungsurkunde-als-oeffentliche-urkunde-gegenbeweis\/","title":{"rendered":"IX&nbsp;B&nbsp;174\/07 &#8211; Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs bei nicht ordnungsgem&auml;&szlig;er Ladung &#8211; Postzustellungsurkunde als &ouml;ffentliche Urkunde &#8211; Gegenbeweis"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 1.4.2009, IX B 174\/07<\/p>\n<p class=\"titel\">Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs bei nicht ordnungsgem&auml;&szlig;er Ladung &#8211; Postzustellungsurkunde als &ouml;ffentliche Urkunde &#8211; Gegenbeweis<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>      <\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                I. Der gemeinsam mit seiner Ehefrau zusammen veranlagte Kl&auml;ger und Beschwerdef&uuml;hrer (Kl&auml;ger) erzielte im Streitjahr 2003 &#8211;ebenso wie seine Ehefrau&#8211; u.a. Eink&uuml;nfte aus nichtselbst&auml;ndiger Arbeit sowie Vermietung und Verpachtung. Der Beklagte und Beschwerdegegner (das Finanzamt &#8211;FA&#8211;) lie&szlig; eine K&uuml;rzung des vom Arbeitgeber des Kl&auml;gers gem&auml;&szlig; &sect; 8 Abs. 2 S&auml;tze 2 und 3 des Einkommensteuergesetzes (EStG) pauschal ermittelten Arbeitslohns f&uuml;r den dem Kl&auml;ger &uuml;berlassenen Firmen-PKW auf Privatfahrten und auf Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsst&auml;tte nicht zu, weil der Kl&auml;ger kein ordnungsgem&auml;&szlig;es Fahrtenbuch eingereicht habe. Zudem wurden Aufwendungen in H&ouml;he von 1 032 EUR bei den Eink&uuml;nften aus Vermietung und Verpachtung mangels Nachweises nicht als Werbungskosten anerkannt.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Nach insoweit erfolglosem Einspruch wies das Finanzgericht (FG) die Klage aufgrund m&uuml;ndlicher Verhandlung am 31. Juli 2007 als unbegr&uuml;ndet ab: Das vorgelegte Fahrtenbuch sei nicht ordnungsgem&auml;&szlig;; auch bei den &uuml;brigen Aufwendungen fehle es am Nachweis.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Dagegen richtet sich die Nichtzulassungsbeschwerde des Kl&auml;gers, mit der ausschlie&szlig;lich die Versagung rechtlichen Geh&ouml;rs wegen Nichtladung zur m&uuml;ndlichen Verhandlung vor dem FG ger&uuml;gt wird. Die Zustellung der betreffenden Ladung sei nicht in der in der Postzustellungsurkunde dokumentierten Form erfolgt; weder sei versucht worden, die Ladung pers&ouml;nlich zu &uuml;bergeben, noch sei die Ladung in den Briefkasten des Prozessbevollm&auml;chtigten des Kl&auml;gers (Pb) eingeworfen worden. F&uuml;r den fehlenden &Uuml;bergabeversuch benenne er zwei Mitarbeiterinnen des Pb als Zeuginnen. Im Briefkasten, dessen Leerung allein der Pb vornehme, habe sich die Ladung ebenfalls nicht befunden. Entsprechend sei auch keine Benachrichtigung an den Kl&auml;ger erfolgt, wie das Postausgangsbuch des Pb belege.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Demgegen&uuml;ber beruft sich das FA auf die Beweiskraft der Postzustellungsurkunde.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Nach der Postzustellungsurkunde wurde die betreffende Ladung an den Pb zu &uuml;bergeben versucht und, weil das nicht m&ouml;glich war, das Schriftst&uuml;ck in den zum Gesch&auml;ftsraum geh&ouml;renden Briefkasten eingelegt. Entsprechend hatte das FG in der m&uuml;ndlichen Verhandlung die ordnungsgem&auml;&szlig;e Ladung des nicht erschienen Kl&auml;gers festgestellt und ohne ihn verhandelt.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Der erkennende Senat hat auf seinen Beschluss vom 30. Januar 2009 hin Beweis erhoben &uuml;ber die Umst&auml;nde der Zustellung durch Vernehmung der Postzustellerin und der vom Pb benannten Zeuginnen. Wegen des Ergebnisses der Beweisaufnahme wird auf das Sitzungsprotokoll vom 1. April 2009 Bezug genommen.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>      <\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                II. Die Beschwerde ist begr&uuml;ndet; sie f&uuml;hrt zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Zur&uuml;ckverweisung der Sache an das FG zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung (&sect; 116 Abs. 6 der Finanzgerichtsordnung &#8211;FGO&#8211;). Das angefochtene Urteil beruht auf einem Verfahrensmangel i.S. von &sect; 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO; es verletzt den Anspruch des Kl&auml;gers auf rechtliches Geh&ouml;r.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                1. Die Pflicht des Gerichts zur Gew&auml;hrung rechtlichen Geh&ouml;rs (vgl. Art. 103 Abs. 1 des Grundgesetzes, &sect; 96 Abs. 2 FGO, &sect; 119 Nr. 3 FGO) erfordert es u.a., den Verfahrensbeteiligten Gelegenheit zu geben, sich zu entscheidungserheblichen Tatsachen und Beweisergebnissen zu &auml;u&szlig;ern und ihre f&uuml;r wesentlich gehaltenen Rechtsansichten vorzutragen (vgl. Beschluss des Bundesfinanzhofs &#8211;BFH&#8211; vom 6. November 2007 IX B 64\/07, BFH\/NV 2008, 242). Daran fehlt es, wenn der Kl&auml;ger zur vom FG angesetzten m&uuml;ndlichen Verhandlung nicht ordnungsgem&auml;&szlig; geladen worden ist, wie das Vorbringen des Pb und insbesondere die Beweisaufnahme ergeben haben.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                a) Die Postzustellungsurkunde als &ouml;ffentliche Urkunde i.S. von &sect; 418 Abs. 1 i.V.m. &sect; 182 Abs. 1 Satz 2 der Zivilprozessordnung (ZPO) liefert zwar regelm&auml;&szlig;ig den Beweis f&uuml;r den in ihr dokumentierten Zustellungsvorgang. Daher kann dieser nicht durch die blo&szlig;e Behauptung, bis zur Urteilszustellung h&auml;tte der Kl&auml;ger keine Kenntnis von der Zustellung der Ladung erlangt, entkr&auml;ftet werden (BFH-Beschluss vom 21. August 2002 VIII B 58\/02, BFH\/NV 2003, 176). Hierzu ist vielmehr erforderlich, einen anderen Geschehensablauf substantiiert darzulegen und zu beweisen. Das kann insbesondere dadurch geschehen, dass der Kl&auml;ger Umst&auml;nde darlegt, die geeignet sind, ein Fehlverhalten des Zustellers bei der Zustellung und damit eine unzutreffende Beurkundung in der Postzustellungsurkunde zu belegen (vgl. BFH-Beschluss vom 26. Mai 2003 III B 146\/02, BFH\/NV 2003, 1207). Indes d&uuml;rfen an den Gegenbeweis i.S. des &sect; 418 Abs. 2 ZPO keine &uuml;berspannten Anforderungen gestellt werden (st&auml;ndige Rechtsprechung, z.B. Urteil des Bundesgerichtshofs &#8211;BGH&#8211; vom 2. November 2006 III ZR 10\/06, Neue Juristische Wochenschrift &#8211;NJW&#8211; 2007, 603, unter II.1.), insbesondere wenn ein Nullum (hier: Nichterhalt der Ladung) &uuml;ber Indizien bewiesen werden soll. Auch ein Zeugen-Gegenbeweis ist m&ouml;glich (vgl. BGH-Urteil vom 14. Oktober 2004 VII ZR 33\/04, Neue Juristische Wochenschrift-Rechtsprechungs-Report Zivilrecht 2005, 75). Im Fall des Nichterhalts der Ladung kann der Zustellungsmangel auch nicht nach &sect; 189 ZPO geheilt werden.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>10<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                b) Den Gegenbeweis (&sect; 418 Abs. 2 ZPO) hat der Pb des Kl&auml;gers vorliegend erbracht.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>11<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Zwar best&auml;tigte die Zeugin M als Zustellerin, die keine konkrete Erinnerung mehr an die betreffende Zustellung am 4. Juli 2007, 12.00 Uhr, hatte, die Postzustellungsurkunde ausgef&uuml;llt und unterschrieben zu haben und auch in der von ihr dokumentierten Weise verfahren zu sein. Unglaubhaft ist indes ihre Aussage, dass der jeweilige Versuch der pers&ouml;nlichen Zustellung regelm&auml;&szlig;ig ca. f&uuml;nf Minuten gedauert haben soll. Die Zeuginnen S und K &#8211;damals als Steuerfachangestellte im B&uuml;ro des Pb mit B&uuml;rozeiten vormittags von 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr t&auml;tig&#8211; hatten ebenso keine konkrete Erinnerung an bestimmte Vorg&auml;nge Anfang Juli 2007. S sagte indes glaubhaft aus &#8211;sinngem&auml;&szlig; best&auml;tigt durch K&#8211;, dass man ein evtl. Klingeln von jedem Raum des B&uuml;ros des Pb h&auml;tte h&ouml;ren k&ouml;nnen. Auch erkl&auml;rten beide Zeuginnen, dass ihnen von einem Defekt der Klingel oder der Klingelanlage zum fraglichen Zeitraum nichts bekannt war.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>12<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Zudem erfolgte ausweislich des Postausgangsbuchs im fraglichen Zeitraum keine Benachrichtigung &uuml;ber einen Termin oder Weiterleitung eines Schriftst&uuml;cks an den Kl&auml;ger durch den Pb, der damals nur dessen Zustellungsbevollm&auml;chtigter war.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>13<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Danach ist zur &Uuml;berzeugung des Senats davon auszugehen, dass zumindest ein ordnungsgem&auml;&szlig;er Zustellungsversuch unterblieben ist und die Postzustellungsurkunde insoweit eine unzutreffende Aussage enth&auml;lt.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>14<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                2. Der Senat h&auml;lt es f&uuml;r sachgerecht, das angefochtene Urteil gem&auml;&szlig; &sect; 116 Abs. 6 FGO aufzuheben und den Rechtsstreit zur      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>15<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das FG zur&uuml;ckzuverweisen.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>   <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 1.4.2009, IX B 174\/07 Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs bei nicht ordnungsgem&auml;&szlig;er Ladung &#8211; Postzustellungsurkunde als &ouml;ffentliche Urkunde &#8211; Gegenbeweis Tatbestand &nbsp; 1&nbsp; I. Der gemeinsam mit seiner Ehefrau zusammen veranlagte Kl&auml;ger und Beschwerdef&uuml;hrer (Kl&auml;ger) erzielte im Streitjahr 2003 &#8211;ebenso wie seine Ehefrau&#8211; u.a. Eink&uuml;nfte aus nichtselbst&auml;ndiger Arbeit sowie Vermietung und Verpachtung. 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