{"id":14491,"date":"2012-12-19T14:59:45","date_gmt":"2012-12-19T12:59:45","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=14491"},"modified":"2012-12-19T14:59:45","modified_gmt":"2012-12-19T12:59:45","slug":"ix-r-45-08-feststellung-der-verfassungswidrigkeit-eines-steuergesetzes-durch-das-bverfg-kein-rueckwirkendes-ereignis-und-keine-neue-tatsache-wirksamkeit-des-par-23-estg-normatives-vollzugsdefizit-verw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/ix-r-45-08-feststellung-der-verfassungswidrigkeit-eines-steuergesetzes-durch-das-bverfg-kein-rueckwirkendes-ereignis-und-keine-neue-tatsache-wirksamkeit-des-par-23-estg-normatives-vollzugsdefizit-verw\/","title":{"rendered":"IX&nbsp;R&nbsp;45\/08 &#8211; Feststellung der Verfassungswidrigkeit eines Steuergesetzes durch das BVerfG &#8211; Kein r&uuml;ckwirkendes Ereignis und keine neue Tatsache &#8211; Wirksamkeit des &sect; 23 EStG &#8211; Normatives Vollzugsdefizit &#8211; Verwerfungsmonopol des BVerfG"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Urteil vom 12.5.2009, IX R 45\/08<\/p>\n<p class=\"titel\">Feststellung der Verfassungswidrigkeit eines Steuergesetzes durch das BVerfG &#8211; Kein r&uuml;ckwirkendes Ereignis und keine neue Tatsache &#8211; Wirksamkeit des &sect; 23 EStG &#8211; Normatives Vollzugsdefizit &#8211; Verwerfungsmonopol des BVerfG<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Leits&auml;tze<\/p>\n<div>\n<p>1. Die &Auml;nderung eines Steuerbescheids wegen nachtr&auml;glich bekannt gewordener Tatsachen gem&auml;&szlig; &sect; 173 AO kommt nicht in Betracht, wenn das FA bei urspr&uuml;nglicher Kenntnis der Tatsachen nicht anders h&auml;tte entscheiden k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>2. Die Feststellung der Verfassungswidrigkeit eines Steuergesetzes durch das BVerfG ist keine Tatsache i.S. von &sect; 173 AO.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>      <\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                I. Die Kl&auml;ger und Revisionsbeklagten (Kl&auml;ger), zusammen zur Einkommensteuer veranlagte Ehegatten, wurden f&uuml;r das Streitjahr 1998 u.a. wegen Eink&uuml;nften aus Spekulationsgesch&auml;ften in H&ouml;he von 30 816 DM (Kl&auml;ger) und 3 378 DM (Kl&auml;gerin) &#8211;zuletzt mit &Auml;nderungsbescheid vom 15. Mai 2001&#8211; bestandskr&auml;ftig zur Einkommensteuer veranlagt. Im Juni 2004 beantragten die Kl&auml;ger die &Auml;nderung dieses Steuerbescheids nach &sect; 173 Abs. 1 Nr. 2 der Abgabenordnung (AO), da das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) die Besteuerung von Spekulationsgewinnen mit Urteil vom 9. M&auml;rz 2004 in den Jahren 1997 und 1998 f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;rt habe. Da die Erkl&auml;rung im Jahr 2000 eingereicht worden sei, sei die Festsetzungsfrist noch nicht abgelaufen. Der gegen die Zur&uuml;ckweisung des Antrags erhobene Einspruch blieb ohne Erfolg. Das Finanzgericht (FG) hat in seinem in Entscheidungen der Finanzgerichte (EFG) 2008, 1593 ver&ouml;ffentlichten Urteil der Klage stattgegeben. Zwar sei die Feststellung der Verfassungswidrigkeit eines Gesetzes durch das BVerfG keine neue Tatsache i.S. von &sect; 173 AO, wohl aber das vom BVerfG hinsichtlich des &sect; 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. b des Einkommensteuergesetzes in der im Streitjahr anzuwendenden Fassung (EStG) festgestellte Vollzugs- bzw. Erhebungsdefizit. Der Beklagte und Revisionskl&auml;ger (das Finanzamt &#8211;FA&#8211;) h&auml;tte bei urspr&uuml;nglicher Kenntnis dieses Vollzugsdefizits den angefochtenen Bescheid nicht erlassen d&uuml;rfen. Das BVerfG habe ein Vollzugsdefizit und damit eine Tatsache festgestellt, die letztlich dazu gef&uuml;hrt habe, dass &sect; 23 EStG nichtig sei. Bei &sect; 173 AO handele es sich um eine besondere gesetzliche Regelung i.S. von &sect; 79 Abs. 2 des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes (BVerfGG). Hiergegen richtet sich die Revision des FA, mit der dieses die Verletzung materiellen Rechts r&uuml;gt. Insbesondere liege keine neue Tatsache vor. Die Feststellung der Verfassungswidrigkeit einer Rechtsnorm sei dem BVerfG vorbehalten; solange es eine verfassungskonform zustande gekommene Norm nicht f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;re, sei diese anzuwenden. Das FA beantragt, das Urteil des FG aufzuheben und die Klage abzuweisen. Die Kl&auml;ger beantragen, die Revision zur&uuml;ckzuweisen.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>      <\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                II. Die Revision ist begr&uuml;ndet. Sie f&uuml;hrt zur Aufhebung der finanzgerichtlichen Entscheidung und zur Abweisung der Klage (&sect; 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 der Finanzgerichtsordnung &#8211;FGO&#8211;). Zu Unrecht hat das FG das vom BVerfG im Urteil vom 9. M&auml;rz 2004&nbsp;&nbsp;2 BvL 17\/02 (BVerfGE 110, 94, BStBl II 2005, 56) festgestellte Vollzugsdefizit bei der Besteuerung von Spekulationsgewinnen in den Veranlagungszeitr&auml;umen 1997 und 1998 als eine Tatsache i.S. von &sect; 173 AO qualifiziert und eine Verpflichtung des FA angenommen, den Einkommensteuerbescheid 1998 nach &sect; 173 Abs. 1 Nr. 2 AO zu &auml;ndern.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                1. Die Voraussetzungen des &sect; 173 Abs. 1 Nr. 2 AO liegen im Streitfall nicht vor.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                a) Gem&auml;&szlig; &sect; 173 Abs. 1 Nr. 2 AO sind Steuerbescheide u.a. zu &auml;ndern, soweit Tatsachen nachtr&auml;glich bekannt werden, die zu einer niedrigeren Steuer f&uuml;hren und den Steuerpflichtigen kein grobes Verschulden daran trifft, dass die Tatsachen erst nachtr&auml;glich bekannt werden. Ein Steuerbescheid darf aber nicht wegen nachtr&auml;glich bekannt gewordener Tatsachen zugunsten des Steuerpflichtigen ge&auml;ndert werden, wenn das FA bei urspr&uuml;nglicher Kenntnis der Tatsachen nicht anders entschieden h&auml;tte. Eine &Auml;nderung nach &sect; 173 Abs. 1 AO scheidet daher aus, wenn die Unkenntnis der sp&auml;ter bekannt gewordenen Tatsache f&uuml;r die urspr&uuml;ngliche Veranlagung nicht urs&auml;chlich (rechtserheblich) gewesen ist (st&auml;ndige Rechtsprechung, z.B. Urteile des Bundesfinanzhofs &#8211;BFH&#8211; vom 15. M&auml;rz 2007 III R 57\/06, BFH\/NV 2007, 1461; vom 19. Oktober 2006 III R 31\/06, BFH\/NV 2007, 392; BFH-Beschluss vom 10. Oktober 2007 VI B 48\/06, BFH\/NV 2008, 191, m.w.N.). Rechtfertigender Grund f&uuml;r die Durchbrechung der Bestandskraft nach &sect; 173 AO ist nicht die Unrichtigkeit der Steuerfestsetzung, sondern der Umstand, dass das FA bei seiner Entscheidung von einem unvollst&auml;ndigen Sachverhalt ausgegangen ist. Eine nachtr&auml;gliche Ber&uuml;cksichtigung neuer Tatsachen ist zu unterscheiden von der Korrektur von Rechtsfehlern. &Uuml;ber den Umweg des &sect; 173 Abs. 1 AO d&uuml;rfen solche weder zu Lasten noch zu Gunsten des Steuerpflichtigen berichtigt werden. Diesem Kriterium der Rechtserheblichkeit tr&auml;gt auch &sect; 79 Abs. 2 BVerfGG Rechnung, wonach selbst die Verfassungswidrigkeit eines Gesetzes zur Durchbrechung von Rechts- und Bestandskraft regelm&auml;&szlig;ig nicht ausreicht.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                b) Diesen Grunds&auml;tzen entspricht das FG-Urteil nicht.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                aa) Die Feststellung der Verfassungswidrigkeit von &sect; 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. b EStG durch das BVerfG stellt, wovon auch das FG zutreffend ausgeht, keine neue Tatsache i.S. von &sect; 173 AO dar, sondern hat Gesetzeskraft (&sect; 31 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG).      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                bb) Auch bei der Feststellung des Vollzugs- bzw. Erhebungsdefizits hat das BVerfG in seinem Urteil in BVerfGE 110, 94, BStBl II 2005, 56 auf den Widerspruch zwischen dem normativen Befehl der materiell pflichtbegr&uuml;ndenden Steuernorm und der nicht auf Durchsetzung angelegten Erhebungsregel abgestellt. Zur Gleichheitswidrigkeit f&uuml;hrt danach nicht ohne weiteres die empirische Ineffizienz von Rechtsnormen, wohl aber das normative Defizit des widerspr&uuml;chlich auf Ineffektivit&auml;t angelegten Rechts. Das festgestellte Vollzugs- und Erhebungsdefizit ist danach normativer, nicht tats&auml;chlicher Art.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                cc) Zudem h&auml;tte das FA auch bei Kenntnis des Vollzugsdefizits f&uuml;r Spekulationsgewinne keine andere Entscheidung treffen d&uuml;rfen. Vielmehr h&auml;tte es bis zur Entscheidung des BVerfG &sect; 23 EStG anwenden m&uuml;ssen. Gem&auml;&szlig; Art. 20 Abs. 3 des Grundgesetzes (GG) sind alle Rechtsnormen, jedenfalls soweit es nicht offensichtlich an den Mindestvoraussetzungen ihrer Wirksamkeit fehlt, bis zu ihrer Aufhebung durch das zust&auml;ndige Rechtsetzungsorgan oder bis zu einer entsprechenden gerichtlichen Entscheidung als g&uuml;ltig zu behandeln (Sommermann, in: v. Mangold\/ Klein\/Stark, GG II, 5. Aufl., Art. 20 Abs. 3 Rz 271, m.w.N.). Das Verwerfungsmonopol kommt insoweit gem&auml;&szlig; Art. 100 Abs. 1 GG allein dem BVerfG zu. Ein formelles nachkonstitutionelles Gesetz wie &sect; 23 EStG verliert seine Bindungswirkung gegen&uuml;ber der Exekutive (Administrative) i.S. von Art. 20 Abs. 3 GG erst, wenn seine Nichtigkeit durch das BVerfG festgestellt wurde. Nur dies entspricht auch &sect; 79 Abs. 2 BVerfGG.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                2. Im Streitfall sind auch keine anderen Korrekturvorschriften einschl&auml;gig.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>10<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                &sect; 165 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 AO war bei Erlass des angegriffenen Steuerbescheides nicht einschl&auml;gig, da die Vereinbarkeit von &sect; 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. b EStG mit dem Grundgesetz erst durch den Vorlagebeschluss des BFH vom 16. Juli 2002 IX R 62\/99 (BFHE 199, 451, BStBl II 2003, 74) Gegenstand eines Verfahrens vor dem BVerfG wurde.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>11<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                Die Entscheidung des BVerfG stellt auch, worauf das FG zutreffend verweist, kein r&uuml;ckwirkendes Ereignis i.S. von &sect; 175 Abs. 1 Nr. 2 AO dar (st&auml;ndige Rechtsprechung, BFH-Urteil vom 21. M&auml;rz 1996 XI R 36\/95, BFHE 179, 563, BStBl II 1996, 399).      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>   <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Urteil vom 12.5.2009, IX R 45\/08 Feststellung der Verfassungswidrigkeit eines Steuergesetzes durch das BVerfG &#8211; Kein r&uuml;ckwirkendes Ereignis und keine neue Tatsache &#8211; Wirksamkeit des &sect; 23 EStG &#8211; Normatives Vollzugsdefizit &#8211; Verwerfungsmonopol des BVerfG Leits&auml;tze 1. 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