{"id":16134,"date":"2012-12-18T16:23:12","date_gmt":"2012-12-18T14:23:12","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=16134"},"modified":"2012-12-18T16:23:12","modified_gmt":"2012-12-18T14:23:12","slug":"vii-b-252-07-zur-pflicht-der-gerichte-zur-durchsetzung-des-gemeinschaftsrechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/vii-b-252-07-zur-pflicht-der-gerichte-zur-durchsetzung-des-gemeinschaftsrechts\/","title":{"rendered":"VII&nbsp;B&nbsp;252\/07 &#8211; Zur Pflicht der Gerichte zur Durchsetzung des Gemeinschaftsrechts"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 20.10.2008, VII B 252\/07<\/p>\n<p class=\"titel\">Zur Pflicht der Gerichte zur Durchsetzung des Gemeinschaftsrechts<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>    <\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>I. Die Kl&auml;gerin und Beschwerdef&uuml;hrerin (Kl&auml;gerin) stellte bis Mitte des Jahres 2006 unter zwei verschiedenen Marken filterlose Zigarillos her. Hierbei handelte es sich um Tabakstr&auml;nge mit einem Deckblatt und einem Umblatt aus rekonstituiertem Tabak sowie einer Einlage aus geschnittenem Tabak mit einer Schnittbreite von 2,3 mm. Das Deckblatt war schraubenf&ouml;rmig mit einem spitzen Winkel zur L&auml;ngsseite des Tabakstrangs von mindestens 30&deg; aufgelegt. Das St&uuml;ckgewicht der Tabakstr&auml;nge betrug 0,9 Gramm. Mit Steueranmeldung vom 1. August 2006 bestellte die Kl&auml;gerin 100 Bogen Steuerzeichen f&uuml;r Zigarren und wies in einem Begleitschreiben darauf hin, dass die Steuerzeichen f&uuml;r die als Zigarillos vertriebenen Marken bestimmt seien. Der Beklagte und Beschwerdegegner (das Hauptzollamt &#8211;HZA&#8211;) lehnte die Auslieferung der bestellten Steuerzeichen ab. Zur Begr&uuml;ndung wies er darauf hin, dass die von der Kl&auml;gerin vertriebenen Produkte als Zigaretten anzusehen seien.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Einspruch und Klage hatten keinen Erfolg. Das Finanzgericht (FG) deutete die Klage als Verpflichtungsklage nach &sect; 40 Abs. 1 der Finanzgerichtsordnung (FGO). Bei den Produkten handle es sich entgegen der Auffassung des HZA zwar nicht um Zigaretten nach &sect; 2 Abs. 2 Nr. 2 des Tabaksteuergesetzes (TabStG), sondern um Zigarillos i.S des &sect; 2 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 TabStG in der Fassung der Verordnung vom 10. Juli 2006 (BGBl I, 1473), dennoch bestehe kein Anspruch auf Auslieferung der Steuerzeichen f&uuml;r Zigarillos. Der Auslieferung stehe Art. 3 Nr. 3 der Richtlinie 95\/59\/EG (RL 95\/59\/EG) des Rates vom 27. November 1995 &uuml;ber die anderen Verbrauchsteuern auf Tabakwaren als die Umsatzsteuer (Amtsblatt der Europ&auml;ischen Gemeinschaften &#8211;ABlEG&#8211; Nr. L 291\/40) i.d.F. der Richtlinie 2002\/10\/EG (RL 2002\/10\/EG) des Rates vom 12. Februar 2002 zur &Auml;nderung der Richtlinie 92\/79\/EWG, der Richtlinie 92\/80\/EWG und der Richtlinie 95\/59\/EG hinsichtlich der Struktur und der S&auml;tze der Verbrauchsteuern auf Tabakwaren (ABlEG Nr. L 46\/26) entgegen. Danach erfordere die Einstufung des Produktes als Zigarillo u.a. ein St&uuml;ckgewicht ohne Filter und Mundst&uuml;ck von 1,2 Gramm. Zwar sei der Bundesrepublik Deutschland gem&auml;&szlig; Art. 4 Abs. 2 1. Anstrich RL 2002\/10\/EG eine &Uuml;bergangsfrist f&uuml;r die Umsetzung der Neuregelung des Art. 3 Nr. 3 RL 95\/59\/EG bis zum 1. Januar 2008 einger&auml;umt worden. Jedoch sah sich das FG, das &uuml;ber die Klage im November 2007 entschieden hat, nicht mehr befugt, das HZA zu verpflichten, der Kl&auml;gerin die begehrten Steuerzeichen auszuliefern. Denn bei einer Auslieferung der Steuerzeichen k&ouml;nne die rechtzeitige Umsetzung der Richtlinienbestimmungen unter Einhaltung der &Uuml;bergangsfrist nicht mehr gew&auml;hrleistet werden. Dabei sei zu ber&uuml;cksichtigen, dass die Kl&auml;gerin die Steuerzeichen noch zum gemeinschaftsrechtswidrigen Vertrieb der Tabakwaren als Zigarillos nach dem 31. Dezember 2007 verwenden k&ouml;nnte.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Mit ihrer dagegen gerichteten Beschwerde begehrt die Kl&auml;gerin die Zulassung der Revision wegen grunds&auml;tzlicher Bedeutung (&sect; 115 Abs. 2 Nr. 1 FGO). Von grunds&auml;tzlicher Bedeutung sei die Frage, ob ein Gericht tats&auml;chlich nicht mehr befugt sei, einen dem Grunde nach bestehenden Anspruch (auf Auslieferung von Steuerzeichen) zuzusprechen, da die M&ouml;glichkeit einer missbr&auml;uchlichen Verwendung (der bezogenen Steuerzeichen) bestehe. Das Problem des Streitfalles stelle sich f&uuml;r jeden Steuerpflichtigen, der von Umsetzungsfristen betroffen sei. Die Argumentation des HZA f&uuml;hre zu erheblicher Rechtsunsicherheit und stelle einen Versto&szlig; gegen den Grundsatz der Steuergerechtigkeit dar. Auch w&uuml;rde eine Vorverurteilung der Kl&auml;gerin erfolgen; ihr w&uuml;rde unterstellt die Steuerzeichen rechtswidrig zu verwenden. Im Streitfall stelle sich die Frage, ob und f&uuml;r welchen Zeitrahmen ein Steuerpflichtiger auf &Uuml;bergangsfristen vertrauen und in welchem Ma&szlig;e ein Mitgliedstaat solche &Uuml;bergangsfristen aussch&ouml;pfen d&uuml;rfe. Das FG habe sich mit der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europ&auml;ischen Gemeinschaften (EuGH), insbesondere mit dem EuGH-Urteil vom 18. Dezember 1997 C-129\/96 (Slg. 1997, I-7411), nicht besch&auml;ftigt. Fraglich sei, ob bereits ein einzelner Verwaltungsakt das Erreichen des Umsetzungsziels gef&auml;hrden k&ouml;nne.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Das HZA ist der Beschwerde entgegengetreten. Es ist der Ansicht, dass die Kl&auml;gerin die grunds&auml;tzliche Bedeutung der von ihr aufgeworfenen Frage nicht hinreichend dargelegt habe.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>      <\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                II. Die Beschwerde hat keinen Erfolg. Die Revision ist nicht zuzulassen. Die Rechtssache hat keine grunds&auml;tzliche Bedeutung (&sect; 115 Abs. 2 Nr. 1 FGO).      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                1. Mit Ablauf des Jahres 2007 ist die &Uuml;bergangsfrist f&uuml;r die Umsetzung des Art. 3 Nr. 3 RL 95\/59\/EG abgelaufen. Die auf Verpflichtung des HZA zur Zuteilung von Steuerzeichen gerichtete Verpflichtungsklage ist jedenfalls damit unbegr&uuml;ndet geworden; denn die Kl&auml;gerin hat keinen Anspruch auf die Auslieferung von Steuerzeichen, von denen sie rechtm&auml;&szlig;ig keinen Gebrauch mehr machen kann. Die von der Beschwerde aufgeworfene Frage, ob das FG die Klage abweisen durfte, obwohl vorgenannte &Uuml;bergangsfrist im Zeitpunkt seiner Entscheidung und des Eintritts der Rechtskraft dieser Entscheidung noch nicht abgelaufen war, sondern deren Ablauf erst unmittelbar bevorstand, w&uuml;rde sich folglich in dem angestrebten Revisionsverfahren nicht stellen, weil die vom FG ausgesprochene Klageabweisung im Revisionsverfahren von dem beschlie&szlig;enden Senat jedenfalls im Ergebnis als (zumindest jetzt) richtig best&auml;tigt werden m&uuml;sste (&sect; 126 Abs. 4 FGO). Es fehlt mithin im Hinblick auf die von der Beschwerde aufgeworfene angebliche Grundsatzfrage an der Kl&auml;rungsf&auml;higkeit, welche Voraussetzung f&uuml;r eine Zulassung der Revision wegen grunds&auml;tzlicher Bedeutung ist.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                2. Ob die Kl&auml;gerin zu einer Fortsetzungsfeststellungsklage h&auml;tte &uuml;bergehen k&ouml;nnen, insbesondere ob sie das daf&uuml;r erforderliche Rechtsschutzbed&uuml;rfnis h&auml;tte, kann dahinstehen. Denn bei der von dem beschlie&szlig;enden Senat in diesem Verfahren zu treffenden Entscheidung ist von dem Klageantrag auszugehen, &uuml;ber den das FG entschieden hat. Dass es das FG verfahrensfehlerhaft unterlassen hat, die Kl&auml;gerin zu veranlassen, ihren Klageantrag umzustellen, nachdem erkennbar geworden war, dass dem Verpflichtungsbegehren der Kl&auml;gerin nicht mehr w&uuml;rde entsprochen werden k&ouml;nnen, ist jedenfalls bis zum Ablauf der Beschwerdebegr&uuml;ndungsfrist nicht schl&uuml;ssig ger&uuml;gt worden, so dass die Revision auch nicht wegen eines diesbez&uuml;glichen Verfahrensmangels (&sect; 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO) zugelassen werden kann.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=top>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>                3. Im &Uuml;brigen w&auml;re die von der Kl&auml;gerin aufgeworfene Rechtsfrage auch einer &uuml;ber den Streitfall hinausreichenden allgemeing&uuml;ltigen Kl&auml;rung nicht zug&auml;nglich. Es liegt auf der Hand, dass nicht nur die Finanzverwaltung, sondern auch die Gerichte zur Beachtung und Durchsetzung des Gemeinschaftsrechts verpflichtet sind. Der Kl&auml;gerin ist zuzugeben, dass sich die Verpflichtung zu Umsetzung von Richtlinien, die gem&auml;&szlig; Art. 249 des Vertrags zur Gr&uuml;ndung der Europ&auml;ischen Gemeinschaft (EG) nur hinsichtlich des zu erreichenden Ziels Verbindlichkeit entfalten, in erster Linie an die mit der Rechtsetzung befassten staatlichen Stellen richtet. Nach Art. 10 EG sind die Mitgliedstaaten jedoch gehalten, alle Ma&szlig;nahmen zu unterlassen, die die Verwirklichung der Ziele des EG gef&auml;hrden k&ouml;nnten. Das Postulat gemeinschaftsrechtskonformen Verhaltens bindet dabei auch die Gerichte (EuGH-Urteil vom 14. Dezember 2000 C-344\/98, Slg. 2000, I-11369, und vom 26. September 2000 C-262\/97, Slg. 2000, I-7321), die die fristgerechte Umsetzung einer Richtlinie durch ihre Rechtsprechung nicht erschweren oder vereiteln d&uuml;rfen. Die Frage, unter welchen Umst&auml;nden von einer solchen Gefahr auszugehen ist, richtet sich nach den streitentscheidenden Richtlinienbestimmungen, den evtl. einger&auml;umten &Uuml;bergangsfristen und den bereits getroffenen staatlichen Umsetzungsma&szlig;nahmen. Die Art der von den staatlichen Organen zu treffenden Ma&szlig;nahmen h&auml;ngt damit von der konkreten Situation ab und steht grunds&auml;tzlich im Ermessen der Mitgliedstaaten (von Bogdandy in Grabitz\/Hilf, Das Recht der Europ&auml;ischen Union, Art. 10 EGV Rz 26). Auch aus diesen Gr&uuml;nden kommt der von der Kl&auml;gerin aufgeworfenen Rechtsfrage, die einen Einzelfall betrifft, keine grunds&auml;tzliche Bedeutung zu.      <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>   <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 20.10.2008, VII B 252\/07 Zur Pflicht der Gerichte zur Durchsetzung des Gemeinschaftsrechts Tatbestand &nbsp; 1&nbsp; I. Die Kl&auml;gerin und Beschwerdef&uuml;hrerin (Kl&auml;gerin) stellte bis Mitte des Jahres 2006 unter zwei verschiedenen Marken filterlose Zigarillos her. 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