{"id":35321,"date":"1987-08-11T09:50:33","date_gmt":"1987-08-11T07:50:33","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=35321"},"modified":"2013-06-04T16:54:12","modified_gmt":"2013-06-04T14:54:12","slug":"bfh-urteil-vom-11-8-1987-ix-r-135_83-bstbl-1988-ii-s-141","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-11-8-1987-ix-r-135_83-bstbl-1988-ii-s-141\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 11.8.1987 (IX R 135\/83) BStBl. 1988 II S. 141"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 11.8.1987 (IX R 135\/83) BStBl. 1988 II S. 141<\/strong><\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung des einen Verfahrensbeteiligten, nicht auf m\u00fcndliche Verhandlung zu verzichten, ist als Antrag auf m\u00fcndliche Verhandlung i. S. von Art. 3 \u00a7 5 Satz 2 VGFGEntlG zu werten mit der Folge, da\u00df auch der andere Verfahrensbeteiligte nicht nach Vorschrift des Gesetzes (\u00a7 119 Nr. 4 FGO) vertreten war, wenn das FG ohne m\u00fcndliche Verhandlung entscheidet (Erg\u00e4nzung zum BFH-Beschlu\u00df vom 9. Juni 1986 IX B 90\/85, BFHE 146, 395, BStBl II 1986, 679).<\/p>\n<p>FGO \u00a7 119 Nr. 4; VGFG-EntlG Art. 3 \u00a7 5 Satz 2.<\/p>\n<p>Vorinstanz: FG Rheinland-Pfalz<\/p>\n<p align=\"center\">Sachverhalt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger und Revisionskl\u00e4ger (Kl\u00e4ger) sind zur Einkommensteuer zusammenveranlagte Ehegatten. Sie erzielen im Zusammenhang mit einem von ihnen durch notariellen Vertrag vom 26. Oktober 1979 gemeinsam angeschafften Zweifamilienhaus Eink\u00fcnfte aus Vermietung und Verpachtung.<\/p>\n<p>Mit ihrer Klage begehrten die Kl\u00e4ger &#8211; nach erfolglosem Einspruchsverfahren &#8211; eine von der Einkommensteuerveranlagung des Streitjahres 1979 abweichende Aufteilung der durch die Anschaffung des bebauten Grundst\u00fcckes entstandenen Kosten f\u00fcr das Geb\u00e4ude und f\u00fcr den Grund und Boden.<\/p>\n<p>Der Beklagte und Revisionbeklagte (das Finanzamt &#8211; FA -) teilte in seiner Klageerwiderung vom 16. April 1982 u. a. mit, da\u00df auf m\u00fcndliche Verhandlung nicht verzichtet werde.<\/p>\n<p>Das Finanzgericht (FG) wies die Klage unter Hinweis auf Art. 3 \u00a7 5 des Gesetzes zur Entlastung der Gerichte in der Verwaltungs- und Finanzgerichtsbarkeit vom 31. M\u00e4rz 1978 &#8211; VGFGEntlG &#8211; (BGBl I 1978, 446, BStBl I 1978, 174) ohne m\u00fcndliche Verhandlung durch Urteil mit abgek\u00fcrztem Tatbestand und Entscheidungsgr\u00fcnden i. S. von \u00a7 105 Abs. 5 der Finanzgerichtsordnung (FGO) als unbegr\u00fcndet ab.<\/p>\n<p>Mit ihrer vom FG zugelassenen Revision r\u00fcgen die Kl\u00e4ger die Verletzung ihres Rechts auf rechtliches Geh\u00f6r, weil das FG ohne m\u00fcndliche Verhandlung entschieden habe. Die Erkl\u00e4rung des FA, nicht auf m\u00fcndliche Verhandlung zu verzichten, sei von ihnen als Antrag auf m\u00fcndliche Verhandlung i. S. von Art. 3 \u00a7 5 Satz 2 VGFGEntlG angesehen worden. Sie h\u00e4tten darauf vertraut, da\u00df das FG nach diesem Antrag verfahren werde und &#8211; weil \u00fcberfl\u00fcssig &#8211; selbst keinen entsprechenden Antrag gestellt.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger beantragen die Aufhebung der Vorentscheidung und Zur\u00fcckverweisung der Sache an die Vorinstanz.<\/p>\n<p>Das FA beantragt, die Revision als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<\/p>\n<p align=\"center\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Revision ist begr\u00fcndet. Sie f\u00fchrt zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Zur\u00fcckverweisung der Sache an das FG zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung (\u00a7 126 Abs. 3 Nr. 2 FGO).<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger sind im Streitfall gem\u00e4\u00df \u00a7 119 Nr. 4 FGO &#8222;nicht nach Vorschrift des Gesetzes vertreten&#8220; gewesen.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df \u00a7 90 Abs. 1 FGO entscheidet das Gericht vorbehaltlich der Abs\u00e4tze 2 und 3 auf Grund m\u00fcndlicher Verhandlung. Mit Einverst\u00e4ndnis der Beteiligten kann es ohne m\u00fcndliche Verhandlung entscheiden (Absatz 2).<\/p>\n<p>Ein Verfahrensmangel i. S. des \u00a7 119 Nr. 4 FGO ist u. a. dann anzunehmen, wenn das FG irrt\u00fcmlich einen Verzicht auf m\u00fcndliche Verhandlung angenommen und unter Versto\u00df gegen \u00a7 90 Abs. 1 und \u00a7 90 Abs. 2 FGO durch Urteil entschieden hat (Urteil des Bundesfinanzhofs &#8211; BFH &#8211; vom 25. August 1982 I R 120\/82, BFHE 136, 518, BStBl II 1983, 46). Das gleiche gilt, wenn das FG im Anwendungsbereich des Art. 3 \u00a7 5 VGFGEntlG \u00fcbersehen hat, da\u00df von einem der Beteiligten die Durchf\u00fchrung einer m\u00fcndlichen Verhandlung beantragt worden ist. Entscheidet das FG in diesem Fall unter Versto\u00df gegen Art. 3 \u00a7 5 Satz 2 VGFGEntlG ohne m\u00fcndliche Verhandlung durch Urteil, so liegt ein Verfahrensmangel i. S. des \u00a7 119 Nr. 4 FGO vor (Beschl\u00fcsse des Senats vom 9. Juni 1986 IX B 90\/85, BFHE 146, 395, BStBl II 1986, 679, und vom 5. Juni 1986 IX R 152\/84, BFH\/NV 1986, 629, jeweils zu \u00a7 116 Abs. 1 Nr. 3 FGO).<\/p>\n<p>Im Streitfall durfte das FG nicht gem\u00e4\u00df Art. 3 \u00a7 5 Satz 2 VGFGEntlG ohne m\u00fcndliche Verhandlung entscheiden. Denn das FA hatte einen Antrag auf m\u00fcndliche Verhandlung im Sinne dieser Vorschrift gestellt. Der Senat hat im Beschlu\u00df in BFHE 146, 395, BStBl II 1986, 679 die Auffassung vertreten, da\u00df ein Antrag auf m\u00fcndliche Verhandlung i. S. des Art. 3 \u00a7 5 Satz 2 VGFGEntlG in der Absichtserkl\u00e4rung eines Beteiligten gesehen werden k\u00f6nne, Sachantr\u00e4ge in der m\u00fcndlichen Verhandlung stellen zu wollen. Er bejaht dies auch bei dem im Streitfall zu beurteilenden Sachverhalt, in dem ein Beteiligter ausdr\u00fccklich zu erkennen gegeben hat, er verzichte nicht auf m\u00fcndliche Verhandlung. Hierin kommt ebenfalls hinreichend deutlich die auf Abhaltung einer m\u00fcndlichen Verhandlung abzielende Proze\u00dferkl\u00e4rung des Beteiligten zum Ausdruck (so auch Ziemer\/Haarmann\/Lohse\/Beermann, Rechtsschutz in Steuersachen, Tz. 12532). In diesem Zusammenhang ist unerheblich, da\u00df die Kl\u00e4ger zur Frage der m\u00fcndlichen Verhandlung im Verfahren vor dem FG keine Erkl\u00e4rung abgegeben haben. Durch den Antrag des FA war das FG verpflichtet, eine solche durchzuf\u00fchren. Die Entscheidung des FG durch Urteil ohne m\u00fcndliche Verhandlung stellt damit einen Verfahrensmangel dar, der auch von dem Verfahrensgegner jedenfalls dann geltend gemacht werden kann, wenn dieser nicht auf m\u00fcndliche Verhandlung verzichtet hat.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger durften darauf vertrauen, da\u00df das FG wegen der Erkl\u00e4rung des FA, es verzichte nicht auf m\u00fcndliche Verhandlung, nicht ohne R\u00fcckfrage bei den Beteiligten von der M\u00f6glichkeit Gebrauch machen w\u00fcrde, gem\u00e4\u00df Art. 3 \u00a7 5 VGFGEntlG ohne m\u00fcndliche Verhandlung zu entscheiden (s. dazu Beschlu\u00df des Senats in BFHE 146, 395, BStBl II 1986, 679).<\/p>\n<p>Das angefochtene Urteil mu\u00df wegen dieses Verfahrensfehlers aufgehoben werden (\u00a7 119 Nr. 4 FGO). Die Sache geht zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das FG zur\u00fcck (\u00a7 126 Abs. 3 Nr. 2 FGO).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 11.8.1987 (IX R 135\/83) BStBl. 1988 II S. 141 Die Erkl\u00e4rung des einen Verfahrensbeteiligten, nicht auf m\u00fcndliche Verhandlung zu verzichten, ist als Antrag auf m\u00fcndliche Verhandlung i. 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