{"id":45592,"date":"2001-05-16T14:55:01","date_gmt":"2001-05-16T12:55:01","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=45592"},"modified":"2013-06-23T15:00:34","modified_gmt":"2013-06-23T13:00:34","slug":"bfh-urteil-vom-16-5-2001-i-r-102_00-bstbl-2001-ii-s-710","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-16-5-2001-i-r-102_00-bstbl-2001-ii-s-710\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 16.5.2001 (I R 102\/00)     BStBl. 2001 II S. 710"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 16.5.2001 (I R 102\/00) BStBl. 2001 II S. 710<\/strong><\/p>\n<p>1. Die Anwendung von \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 Buchst. a i.V.m. Satz 2 EStG 1990\/1994 auf eine auf Jahre vor 1994 entfallende sog. Marktrendite von Optionsanleihen verst\u00f6\u00dft nicht gegen das verfassungsrechtliche R\u00fcckwirkungsverbot.<\/p>\n<p>2. Der Sparer-Freibetrag gem\u00e4\u00df \u00a7 20 Abs. 4 EStG 1990 ist sowohl bei der Ermittlung der inl\u00e4ndischen Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen als auch bei der Ermittlung der ausl\u00e4ndischen Kapitaleink\u00fcnfte im Rahmen des \u00a7 34c Abs. 1 EStG 1990 zu ber\u00fccksichtigen. Ma\u00dfstab f\u00fcr die Aufteilung des Sparer-Freibetrags ist das Verh\u00e4ltnis der ausl\u00e4ndischen zu den inl\u00e4ndischen Eink\u00fcnften aus Kapitalverm\u00f6gen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>EStG 1990 i.d.F. des StMBG \u00a7 20 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 und Satz 2, Abs. 4, \u00a7 34c Abs. 1, \u00a7 52 Abs. 1; DBA-USA Art. 23 Abs. 2 Buchst. b Doppelbuchst. aa; GG Art. 20 Abs. 3.<\/p>\n<p>Vorinstanz: Nieders\u00e4chsisches FG (EFG 2001, 374)<\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Arial; color: #7f0000; font-size: small;\">Sachverhalt<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger und Revisionskl\u00e4ger (Kl\u00e4ger) wurden als Eheleute zusammen zur Einkommensteuer 1994 veranlagt. Der Kl\u00e4ger erzielte im Streitjahr 1994 Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen in H\u00f6he von 26.246 DM, wovon 1.118 DM aus den USA stammten. Die erkl\u00e4rten Werbungskosten in H\u00f6he von 10.399 DM betrafen allein die inl\u00e4ndischen Einnahmen. Auf die ausl\u00e4ndischen Eink\u00fcnfte zahlte der Kl\u00e4ger ausl\u00e4ndische Steuern in H\u00f6he von 167 DM.<\/p>\n<p>Der Beklagte und Revisionsbeklagte (das Finanzamt &#8211; FA -) ermittelte die Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen hiernach wie folgt:<\/p>\n<table width=\"488\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"33%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">Inland<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">Ausland<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"23%\">\n<p align=\"right\">Gesamt<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"23%\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\"><span style=\"font-family: Arial; color: #7f0000; font-size: small;\">Einnahmen:<\/span><\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">25.128 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">1.118 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"23%\">\n<p align=\"right\">26.246 DM<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"23%\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\"><span style=\"font-family: Arial; color: #7f0000; font-size: small;\">Werbungskosten:<\/span><\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">10.399 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">0 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"23%\">\n<p align=\"right\">10.399 DM<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"23%\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\"><span style=\"font-family: Arial; color: #7f0000; font-size: small;\">Zwischensumme:<\/span><\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">14.729 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">1.118 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"23%\">\n<p align=\"right\">15.847 DM<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"23%\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\"><span style=\"font-family: Arial; color: #7f0000; font-size: small;\">Sparer-Freibetrag:<\/span><\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">11.155 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">845 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"23%\">\n<p align=\"right\">12.000 DM<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"22%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"23%\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"33%\"><span style=\"font-family: Arial; color: #7f0000; font-size: small;\">Eink\u00fcnfte:<\/span><\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">3.574 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"22%\">\n<p align=\"right\">273 DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"23%\">\n<p align=\"right\">3.847 DM<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Von der tariflichen Einkommensteuer in H\u00f6he von 25.036 DM zog das FA f\u00fcr die auf die ausl\u00e4ndischen Eink\u00fcnfte einbehaltene Quellensteuer einen Betrag in H\u00f6he von 57 DM ab. Diesen Betrag errechnete das FA wie folgt: 25.036 DM (Einkommensteuer) x 273 DM (ausl\u00e4ndische Eink\u00fcnfte): 122.019 DM (Gesamtbetrag der Eink\u00fcnfte) = 56,01 DM, aufgerundet 57 DM.<\/p>\n<p>In den inl\u00e4ndischen Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen ist ein Betrag in H\u00f6he von 2.280 DM enthalten, der auf einer im Streitjahr erfolgten R\u00fcckzahlung von Optionsanleihen einer inl\u00e4ndischen Aktiengesellschaft beruht. Der Kl\u00e4ger erwarb diese Optionsanleihen in H\u00f6he eines Nominalwertes von 10.000 DM im Jahre 1985 zum Kurswert von 7.675 DM, zuz\u00fcglich 44,24 DM St\u00fcckzinsen, insgesamt somit f\u00fcr aufgerundet 7.720 DM. Die Differenz zwischen den Anschaffungskosten und dem Nominalwert der Anleihen erfasste das FA nach \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 Buchst. a i.V.m. Satz 2 des Einkommensteuergesetzes 1990 i.d.F. des Gesetzes zur Bek\u00e4mpfung des Missbrauchs und zur Bereinigung des Steuerrechts (Missbrauchsbek\u00e4mpfungs- und Steuerbereinigungsgesetz &#8211; StMBG -) vom 21. Dezember 1993 (BGBl I 1993, 2310, BStBl I 1994, 50) &#8211; EStG 1990\/1994 &#8211; als Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die gegen den auf diesen Grundlagen ergangenen Einkommensteuerbescheid gerichtete Klage blieb erfolglos. Das Urteil des Finanzgerichts (FG) ist in Entscheidungen der Finanzgerichte (EFG) 2001, 374 abgedruckt.<\/p>\n<p>Die Revision der Kl\u00e4ger wird auf Verletzung materiellen Rechts gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger beantragen, das FG-Urteil aufzuheben, den angefochtenen Einkommensteuerbescheid 1994 in Gestalt der Einspruchsentscheidung zu \u00e4ndern und die Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen um 2.160 DM herabzusetzen sowie ausl\u00e4ndische Quellensteuer von insgesamt 167 DM anzurechnen.<\/p>\n<p>Das FA beantragt, die Revision zur\u00fcckzuweisen.<\/p>\n<p align=\"center\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Die Revision ist begr\u00fcndet. Sie f\u00fchrt zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Zur\u00fcckverweisung der Sache an das FG (\u00a7 126 Abs. 3 Nr. 2 der Finanzgerichtsordnung &#8211; FGO -).<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger haben mit ihrer Revision zwar keinen Erfolg, soweit sie sich gegen die anteilige Ber\u00fccksichtigung des Sparer-Freibetrages gem\u00e4\u00df \u00a7 20 Abs. 4 EStG 1990 bei der Anrechnung der ausl\u00e4ndischen Quellensteuer nach \u00a7 34c EStG 1990 wenden (2.). Der Senat folgt ihnen auch nicht in der Annahme, dass \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 EStG 1990\/1994 und die darin &#8211; mit erstmaliger Wirkung vom Veranlagungszeitraum 1994 an &#8211; angeordnete Besteuerung der sog. Marktrendite bestimmter Wertpapiere in verfassungswidriger Weise in abgeschlossene Sachverhalte zur\u00fcckwirke (1.b). Die tatrichterlichen Feststellungen der Vorinstanz reichen jedoch nicht aus, um abschlie\u00dfend beurteilen zu k\u00f6nnen, ob die Einnahmen, die der Kl\u00e4ger aus der Ver\u00e4u\u00dferung der Optionsanleihen erzielt hat, hiernach tats\u00e4chlich der Einkommensteuer unterliegen (1.a).<\/p>\n<p>1. Nach \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 Buchst. a EStG 1990\/1994 geh\u00f6ren zu den Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen auch Einnahmen aus der Ver\u00e4u\u00dferung abgezinster Kapitalforderungen durch den ersten und jeden weiteren Erwerber. Die Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen bestehen grunds\u00e4tzlich in der rechnerisch auf die Besitzzeit des Ver\u00e4u\u00dferers entfallenden sog. Emissionsrendite (\u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 letzter Halbsatz EStG 1990\/1994). Nur wenn der Steuerpflichtige diese Rendite nicht nachweist, gilt der Unterschied zwischen dem Entgelt f\u00fcr die Abtretung oder Einl\u00f6sung der Wertpapiere und Kapitalforderungen als Kapitalertrag (sog. Marktrendite; \u00a7 20 Abs. 2 Satz 2 EStG 1990\/1994).<\/p>\n<p>a) Die Beteiligten gehen im Streitfall davon aus, dass die von dem Kl\u00e4ger erzielte Marktrendite f\u00fcr die Optionsanleihe in H\u00f6he von 2.280 DM hiernach in die Besteuerung einzubeziehen ist. Die Vorinstanz ist dem gefolgt, allerdings ohne dazu weitere Feststellungen zu treffen. Der Senat kann deswegen nicht abschlie\u00dfend beurteilen, ob der Annahme der Steuerbarkeit beigepflichtet werden kann.<\/p>\n<p>Die ertragsteuerliche Erfassung der sog. Marktrendite gem\u00e4\u00df \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 Buchst. a EStG 1990\/1994 kann nur dann in Betracht kommen, wenn der bei Einl\u00f6sung der niedrigverzinslichen Optionsanleihe am Ende ihrer Laufzeit zur\u00fcckgezahlte Betrag als Summe aus r\u00fcckgezahltem Nennbetrag f\u00fcr den Erwerb der Anleihe und nachgezahltem Zins &#8211; allein &#8211; f\u00fcr die &#8222;optierte&#8220; Schuldverschreibung zu behandeln w\u00e4re. Das daneben gew\u00e4hrte Optionsrecht bliebe hingegen sowohl im Zeitpunkt seiner Hingabe als auch seiner Ver\u00e4u\u00dferung steuerfrei (vgl. z.B. Harenberg in Herrmann\/Heuer\/Raupach, Einkommensteuer- und K\u00f6rperschaftsteuergesetz, Kommentar, \u00a7 20 EStG Anm. 810 und 850, jeweils Stichwort Optionsanleihen und m.w.N.). Dem ist im Schrifttum jedoch entgegengehalten worden, der bei Einl\u00f6sung gezahlte Betrag in H\u00f6he des Nennbetrages der Schuldverschreibung entfalle nach den \u00fcblicherweise verwendeten Konditionen der Emittenten regelm\u00e4\u00dfig in voller H\u00f6he auf die R\u00fcckzahlung der Anleihevaluta und enthalte keine nachbezahlten Zinsertr\u00e4ge. Zwar werde f\u00fcr den Betrag, der f\u00fcr den Erwerb der Optionsanleihe hingegeben werde, naturgem\u00e4\u00df auch ein Zins geleistet. Das geschehe jedoch nicht im Wege der Nachzahlung bei Einl\u00f6sung des Papiers, sondern im Voraus in Gestalt des Optionsrechts als Zinsersatz. Dieser Zinsersatz stelle die Gegenleistung f\u00fcr den Verzicht auf eine markt\u00fcbliche Nominalverzinsung der Schuldverschreibung dar und sei als solcher im Zeitpunkt der Zeichnung zu versteuern (vgl. im Einzelnen Arndt\/Muhler, Der Betrieb &#8211; DB &#8211; 1988, 2167, 2169; F. D\u00f6tsch in Kirchhof\/S\u00f6hn\/Mellinghoff, Einkommensteuergesetz, \u00a7 20 Rdnr. I 123, Stichwort Optionsanleihe). Im Einzelnen h\u00e4ngt dies von den zugrunde liegenden Anleihebedingungen ab. Es ist Sache des FG, dem nachzugehen.<\/p>\n<p>b) Sollte sich nach Vornahme dieser Pr\u00fcfung best\u00e4tigen, dass der vom Kl\u00e4ger erzielte Einl\u00f6sungsbetrag als Marktrendite zu bewerten und als solche gem\u00e4\u00df \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 Buchst. a EStG 1990\/1994 zu besteuern ist, st\u00fcnde das verfassungsrechtliche Verbot der r\u00fcckwirkenden Anwendung von Gesetzen (vgl. Art. 20 Abs. 3 des Grundgesetzes &#8211; GG -) dem nicht entgegen. Dass die in Rede stehenden Kapitalforderungen &#8211; wie im Streitfall &#8211; zu einem fr\u00fcheren Zeitpunkt erworben wurden, als die daraus erzielte &#8222;Marktrendite&#8220; noch nicht steuerbar war, \u00e4ndert daran nichts. Der Gesetzgeber hat durch die gesetzliche Neuregelung nicht in rechtsstaatlich unzul\u00e4ssiger Weise r\u00fcckwirkend in bereits abgeschlossene Lebenssachverhalte eingegriffen und nicht das Vertrauen der beteiligten Steuerpflichtigen verletzt.<\/p>\n<p>aa) Nach dem Rechtsstaatsprinzip des Grundgesetzes bedarf es besonderer Rechtfertigung, wenn der Gesetzgeber die Rechtsfolge eines der Vergangenheit zugeh\u00f6rigen Verhaltens nachtr\u00e4glich belastend \u00e4ndert. Die Verl\u00e4sslichkeit der Rechtsordnung ist eine Grundbedingung freiheitlicher Verfassungen. Es w\u00fcrde den Einzelnen in seiner Freiheit gef\u00e4hrden, d\u00fcrfte die \u00f6ffentliche Gewalt an sein Verhalten oder an ihn betreffende Umst\u00e4nde im Nachhinein &#8211; r\u00fcckwirkend &#8211; belastendere Rechtsfolgen kn\u00fcpfen, als sie zum Zeitpunkt seines rechtserheblichen Verhaltens galten (vgl. Beschl\u00fcsse des Bundesverfassungsgerichts &#8211; BVerfG &#8211; vom 14. Mai 1986 2 BvL 2\/83, BVerfGE 72, 200, 257; vom 3. Dezember 1997 2 BvR 882\/97, BVerfGE 97, 67, 78).<\/p>\n<p>Herk\u00f6mmlicherweise wird dabei zwischen der verfassungsrechtlich grunds\u00e4tzlich unzul\u00e4ssigen sog. echten R\u00fcckwirkung und der regelm\u00e4\u00dfig verfassungsrechtlich zul\u00e4ssigen sog. unechten R\u00fcckwirkung unterschieden (vgl. BVerfG-Beschl\u00fcsse in BVerfGE 72, 200, 257 f., und in BVerfGE 97, 67, 78 f.). Der 2. Senat des BVerfG legt seiner Beurteilung eine abgewandelte Definition zugrunde: Eine Rechtsnorm entfalte dann R\u00fcckwirkung &#8211; im Unterschied zur tatbestandlichen R\u00fcckankn\u00fcpfung, die den sachlichen Anwendungsbereich einer Norm betreffe -, wenn der Beginn ihres zeitlichen Anwendungsbereichs hinsichtlich der Rechtsfolgen auf einen Zeitpunkt festgelegt sei, der vor dem Zeitpunkt liege, zu dem die Norm rechtlich existent, d.h. g\u00fcltig geworden sei (vgl. BVerfG-Beschl\u00fcsse in BVerfGE 72, 200, 241 f., und vom 13. November 1990 2 BvF 3\/88, BVerfGE 83, 89, 110). Diesem rechtsfolgenbezogenen R\u00fcckwirkungsbegriff hat sich der erkennende Senat in der Vergangenheit angeschlossen (vgl. Urteil vom 11. Februar 1998 I R 81\/97, BFHE 185, 393, BStBl II 1998, 485).<\/p>\n<p>Im Einzelnen k\u00f6nnen diese Unterscheidungen f\u00fcr den Urteilsfall aber dahinstehen; sie kommen hier nicht zum Tragen. Die Steuerpflicht f\u00fcr die fragliche Marktrendite kn\u00fcpft an die Ver\u00e4u\u00dferung &#8211; bzw. Einl\u00f6sung bei Endf\u00e4lligkeit &#8211; der betreffenden Kapitalforderungen und den Zufluss der hieraus erzielten Einnahmen beim Ver\u00e4u\u00dfernden\/Einl\u00f6senden an. Die Steuerpflicht greift also nicht in bereits abgeschlossene Besteuerungszeitr\u00e4ume ein, sie wird erst in den Jahren ab In-Kraft-Treten der erg\u00e4nzenden Neuregelung begr\u00fcndet. Es ist sonach von einer &#8211; unbedenklichen &#8211; tatbestandlichen R\u00fcckankn\u00fcpfung und damit zugleich von einer sog. unechten R\u00fcckwirkung im Sinne der Rechtsprechung des BVerfG auszugehen.<\/p>\n<p>bb) Gesetze, die auf gegenw\u00e4rtige, noch nicht abgeschlossene Rechtsbeziehungen f\u00fcr die Zukunft einwirken, k\u00f6nnen Grundrechte ber\u00fchren, wobei in die erforderliche grundrechtliche Bewertung die Grunds\u00e4tze des Vertrauensschutzes einflie\u00dfen (BVerfG-Beschl\u00fcsse in BVerfGE 72, 200, 242 f., und vom 11. Oktober 1988 1 BvR 743\/86, 1 BvL 80\/86, BVerfGE 79, 29, 46). Gegen diese Grunds\u00e4tze wird versto\u00dfen, wenn das Gesetz einen Eingriff vornimmt, mit dem der Betroffene nicht zu rechnen brauchte, und wenn sein Vertrauen schutzw\u00fcrdiger ist als das mit dem Gesetz verfolgte Anliegen; es ist abzuw\u00e4gen zwischen dem Ausma\u00df des Vertrauensschadens des Einzelnen und der Bedeutung des gesetzlichen Anliegens f\u00fcr das Wohl der Allgemeinheit (vgl. Senatsurteil in BFHE 185, 393, BStBl II 1998, 485, m.w.N.). Bei dieser Abw\u00e4gung kann der Steuerb\u00fcrger allerdings nicht ohne weiteres darauf vertrauen, dass der Gesetzgeber steuerrechtliche Freir\u00e4ume f\u00fcr alle Zukunft beibeh\u00e4lt und dass eine f\u00fcr ihn g\u00fcnstige Rechtslage dauerhaft erhalten bleibt (vgl. BVerfG-Beschluss vom 30. September 1987 2 BvR 933\/82, BVerfGE 76, 256, 348; Senatsurteile in BFHE 185, 393, BStBl II 1998, 485, und vom 22. Oktober 1998 I R 35\/97, BFHE 187, 440, BStBl II 1999, 171, 173 f.; vgl. zuletzt BFH-Beschluss vom 5. M\u00e4rz 2001 IX B 90\/00, Deutsches Steuerrecht &#8211; DStR &#8211; 2001, 481, m.w.N.).<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist im Streitfall das Vertrauen des Kl\u00e4gers auf den Fortbestand der bisherigen Gesetzeslage und in eine unver\u00e4nderte Steuerfreiheit der Marktrenditen nicht sch\u00fctzenswert. Es hat zur\u00fcckzutreten. Zum einen war das Bestreben des Gesetzgebers, bei der Ver\u00e4u\u00dferung von Auf- und Abzinsungspapieren realisierte Wertzuw\u00e4chse steuerlich als Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen zu erfassen, schon in den 80er Jahren ersichtlich. Die gesetzlichen Regelungen wurden seitdem fortlaufend nachgebessert; Ziel des Gesetzgebers war es, mit dem best\u00e4ndigen Bem\u00fchen von Banken und Steuerpflichtigen Schritt zu halten, durch sog. Finanzinnovationen Zinsen oder zins\u00e4hnliche Gegenleistungen in die Verm\u00f6genssph\u00e4re zu verlagern und auf diese Weise der Besteuerung der Kapitaleink\u00fcnfte zu entgehen (vgl. \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 EStG 1990 i.d.F. des Steuerreformgesetzes 1990 &#8211; StRG 1990 &#8211; vom 25. Juli 1988, BGBl I 1988, 1093, BStBl I 1988, 224 und i.d.F. des Gesetzes zur \u00c4nderung des Steuerreformgesetzes 1990 sowie zur F\u00f6rderung des Mietwohnungsbaus und von Arbeitspl\u00e4tzen in Privathaushalten &#8211; StRG 1990 \u00c4ndG &#8211; vom 30. Juni 1989, BGBl I 1989, 1267, BStBl I 1989, 251; s. allgemein zur Rechtsentwicklung des \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 EStG F. D\u00f6tsch in Kirchhof\/S\u00f6hn\/Mellinghoff, a.a.O., \u00a7 20 Rdnr. O 1 ff.; Harenberg in Herrmann\/Heuer\/Raupach, a.a.O., \u00a7 20 EStG Anm. 1081). Der Kl\u00e4ger musste also schon beim Kauf der Papiere damit rechnen, dass solche Wertzuw\u00e4chse einer (k\u00fcnftigen) Besteuerung unterworfen sein w\u00fcrden. Zum anderen hat er selbst nicht geltend gemacht, die in Rede stehenden Optionsanleihen seinerzeit in der Erwartung erworben zu haben, um daraus erzielte Ver\u00e4u\u00dferungsgewinne steuerfrei vereinnahmen zu k\u00f6nnen. Insoweit fehlte es an entsprechenden konkreten Dispositionen. Dies wird nicht zuletzt daraus ersichtlich, dass ihn die nachfolgenden Gesetzes\u00e4nderungen, durch die der Besteuerungszugriff kontinuierlich erweitert wurde, nicht veranlasst haben, die Papiere beizeiten zu ver\u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>2. Der Sparer-Freibetrag gem\u00e4\u00df \u00a7 20 Abs. 4 EStG 1990 ist anteilig bei der Ermittlung der anzurechnenden Steuer zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>a) Nach Art. 23 Abs. 2 Buchst. b Doppelbuchst. aa des Abkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika zur Vermeidung der Doppelbesteuerung und zur Verhinderung der Steuerverk\u00fcrzung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen und vom Verm\u00f6gen und einiger anderer Steuern (DBA-USA) wird bei einer in der Bundesrepublik Deutschland ans\u00e4ssigen Person auf die deutsche Einkommensteuer unter Beachtung der Vorschriften des deutschen Steuerrechts \u00fcber die Anrechnung ausl\u00e4ndischer Steuern jene Steuer der Vereinigten Staaten angerechnet, die nach dem US-amerikanischen Recht und in \u00dcbereinstimmung mit dem DBA-USA auf Eink\u00fcnfte aus Dividenden i.S. des Art. 10 DBA-USA gezahlt worden ist.<\/p>\n<p>b) Die hiernach im Streitfall gebotene inl\u00e4ndische Anrechnung der vom Kl\u00e4ger gezahlten US-amerikanischen Quellensteuer ist &#8211; auch &#8211; ihrer H\u00f6he nach nicht zu beanstanden.<\/p>\n<p>Wie der Senat wiederholt entschieden hat (Urteile vom 16. M\u00e4rz 1994 I R 42\/93, BFHE 174, 509, BStBl II 1994, 799; vom 9. April 1997 I R 178\/94, BFHE 183, 114, BStBl II 1997, 657; vom 29. M\u00e4rz 2000 I R 15\/99, BFHE 191, 521, BStBl II 2000, 577), richtet sich (allein) nach innerstaatlichem Recht, also nach \u00a7\u00a7 34c, 34d EStG 1990, welche Steuer auf ausl\u00e4ndische Dividenden im abkommensrechtlichen Sinne entf\u00e4llt. Nach \u00a7 34c Abs. 1 Satz 2 EStG 1990 ist die auf die ausl\u00e4ndischen Eink\u00fcnfte entfallende deutsche Einkommensteuer in der Weise zu ermitteln, dass die sich bei der Veranlagung des zu versteuernden Einkommens einschlie\u00dflich der ausl\u00e4ndischen Eink\u00fcnfte ergebende deutsche Einkommensteuer im Verh\u00e4ltnis dieser ausl\u00e4ndischen Eink\u00fcnfte zur Summe der Eink\u00fcnfte aufgeteilt wird. Zu den in diese Berechnung gem\u00e4\u00df \u00a7 34c Abs. 1 Satz 2 EStG 1990 einzubeziehenden ausl\u00e4ndischen Eink\u00fcnften geh\u00f6ren nach \u00a7 34d Nr. 6 EStG 1990 Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen i.S. des \u00a7 20 EStG 1990, die ihrerseits unter Ber\u00fccksichtigung der Werbungskosten (\u00a7 9 Abs. 1 Satz 1 EStG 1990), aber auch unter Abzug des Sparer-Freibetrages gem\u00e4\u00df \u00a7 20 Abs. 4 EStG 1990 zu ermitteln sind. Die nach \u00a7 20 EStG 1990 zu versteuernden Eink\u00fcnfte sind also um den Freibetrag gemindert und gehen (lediglich) in diesem geminderten Umfang in die ma\u00dfgebliche Bemessungsgrundlage der Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen i.S. des \u00a7 20 Abs. 1 Nr. 1 EStG 1990 ein.<\/p>\n<p>Danach ist der Freibetrag sowohl den in- als auch den ausl\u00e4ndischen Eink\u00fcnften aus Kapitalverm\u00f6gen zuzuordnen, weshalb die Steuerpflicht und damit auch die Anrechnung vollen Umfanges entfallen, wenn diese Eink\u00fcnfte den Freibetrag insgesamt nicht erreichen und \u00fcberschreiten (insoweit ebenso Thurmayr, DB 1996, 1696). Daraus folgt gleicherma\u00dfen, dass sich der Freibetrag anteilig auf die Berechnung des Anrechnungsh\u00f6chstbetrages nach Ma\u00dfgabe von \u00a7 34c Abs. 1 Satz 2 EStG 1990 auswirkt. Zwar wird dadurch der Anrechnungsumfang im rechnerischen Ergebnis reduziert, wodurch sich die mit dem Freibetrag verbundene Zielsetzung, n\u00e4mlich &#8222;die Kapitalertr\u00e4ge aus einem bestimmten Sockel-Sparverm\u00f6gen steuerlich zu schonen&#8220; (vgl. BTDrucks 7\/1470, S. 220), in gewisser Weise umkehrt. Eine Zuordnung des Freibetrages allein auf die inl\u00e4ndischen Kapitaleink\u00fcnfte zu Lasten der ausl\u00e4ndischen Eink\u00fcnfte w\u00e4re angesichts des Umstandes, dass dieser Betrag sich einerseits nur auf die Eink\u00fcnfte i.S. von \u00a7 20 EStG 1990, andererseits aber auf jegliche Eink\u00fcnfte in diesem Sinne bezieht, gleichwohl nicht gerechtfertigt. Ausschlaggebend ist, dass der Freibetrag Teil der Bemessungsgrundlage f\u00fcr die hierauf entfallende deutsche Steuer ist. Im Ergebnis verh\u00e4lt es sich insoweit nicht anders als bei Aufwendungen, die anteilig einer inl\u00e4ndischen und einer ausl\u00e4ndischen Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit zuzuordnen sind (vgl. dazu Senatsurteil in BFHE 191, 521, BStBl II 2000, 577). Die entsprechende Verwaltungspraxis (vgl. R 212b Satz 4 der Einkommensteuer-Richtlinien 1993) ist deshalb zu best\u00e4tigen (einhellige Auffassung, vgl. die einschl\u00e4gige Kommentarliteratur, z.B. Frotscher, Einkommensteuergesetz, \u00a7 34c Rz. 15; Probst in Herrmann\/Heuer\/Raupach, a.a.O., 21. Aufl., \u00a7 34c EStG Anm. 92; ferner Urbahns, Die Information \u00fcber Steuer und Wirtschaft 1996, 585; anders nur Thurmayr, DB 1996, 1696).<\/p>\n<p>3. Das Urteil des FG ist wegen der nachzuholenden Sachverhaltspr\u00fcfung im Hinblick auf die Steuerbarkeit der vereinnahmten Ver\u00e4u\u00dferungsgewinne aufzuheben. Die Sache ist an das FG zur\u00fcckzuverweisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 16.5.2001 (I R 102\/00) BStBl. 2001 II S. 710 1. Die Anwendung von \u00a7 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 Buchst. a i.V.m. Satz 2 EStG 1990\/1994 auf eine auf Jahre vor 1994 entfallende sog. Marktrendite von Optionsanleihen verst\u00f6\u00dft nicht gegen das verfassungsrechtliche R\u00fcckwirkungsverbot. 2. Der Sparer-Freibetrag gem\u00e4\u00df \u00a7 20 Abs. 4 &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-16-5-2001-i-r-102_00-bstbl-2001-ii-s-710\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH-Urteil vom 16.5.2001 (I R 102\/00)     BStBl. 2001 II S. 710<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-45592","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45592"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45592\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}