{"id":46427,"date":"1989-11-28T16:48:20","date_gmt":"1989-11-28T14:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=46427"},"modified":"2013-06-18T16:49:54","modified_gmt":"2013-06-18T14:49:54","slug":"bfh-urteil-vom-28-11-1989-viii-r-83_86-bstbl-1990-ii-s-458","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-28-11-1989-viii-r-83_86-bstbl-1990-ii-s-458\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom    28.11.1989 (VIII R 83\/86) BStBl. 1990 II S. 458"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 28.11.1989 (VIII R 83\/86) BStBl. 1990 II S. 458<\/strong><\/p>\n<p>1. \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 erlaubt eine zweifache \u00c4nderung des Steuerbescheids zumindest dann, wenn der urspr\u00fcngliche Steuerbescheid nicht endg\u00fcltig ergangen ist.<\/p>\n<p>2. Die \u00c4nderungssperre des \u00a7 173 Abs. 2 AO 1977 steht der \u00c4nderung von Steuerbescheiden nach \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 nicht entgegen.<\/p>\n<p>AO 1977 \u00a7\u00a7 173 Abs. 2, 174 Abs. 3.<\/p>\n<p>Vorinstanz: FG Baden-W\u00fcrttemberg (EFG 1986, 534)<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Sachverhalt<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger und Revisionskl\u00e4ger (Kl\u00e4ger) sind Eheleute und werden zur Einkommensteuer zusammen veranlagt. Sie waren im Streitjahr 1974 die beiden Gesellschafter-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer GmbH. Die GmbH verpflichtete sich in der Erg\u00e4nzung der Arbeitsvertr\u00e4ge der Kl\u00e4ger vom 29. Dezember 1970, anl\u00e4\u00dflich des 25. Firmenjubil\u00e4ums und des 20. Arbeitsjubil\u00e4ums der Kl\u00e4ger, im Gesch\u00e4ftsjahr 1971\/72 den Kl\u00e4gern einmalige Zuwendungen zu gew\u00e4hren. Die Zuwendungen sollten binnen 14 Tagen seit der Genehmigung der Bilanz zum 31. August 1972 durch die GmbH-Gesellschafter f\u00e4llig sein. Die Genehmigung erfolgte am 20. Dezember 1973. 1974 zahlte die GmbH die Zuwendungen an den Kl\u00e4ger von 180.000 DM und an die Kl\u00e4gerin von 60.000 DM aus.<\/p>\n<p>In ihrer Einkommensteuererkl\u00e4rung 1974 vom 2. M\u00e4rz 1976 erkl\u00e4rten die Kl\u00e4ger die Jubil\u00e4umszuwendungen von zusammen 240.000 DM als Eink\u00fcnfte aus nichtselbst\u00e4ndiger Arbeit und beantragten die Verteilung auf 1965 bis 1968. Der vorl\u00e4ufige Einkommensteuerbescheid 1974 vom 27. Oktober 1976 erging insoweit erkl\u00e4rungsgem\u00e4\u00df. Anl\u00e4\u00dflich einer Betriebspr\u00fcfung bei der GmbH und dem Kl\u00e4ger vertrat der Pr\u00fcfer die Ansicht, da\u00df die Zuwendungen in H\u00f6he von 230.000 DM in 1972 bei der GmbH als verdeckte Gewinnaussch\u00fcttungen und bei dem Kl\u00e4ger als Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen zu behandeln seien. In dieser H\u00f6he seien die Zuwendungen in 1974 bei den Eink\u00fcnften aus nichtselbst\u00e4ndiger Arbeit zu streichen. Der Beklagte und Revisionsbeklagte (das Finanzamt &#8211; FA -) schlo\u00df sich dieser Ansicht an und erlie\u00df jeweils am 23. Mai 1978 ge\u00e4nderte Einkommensteuerbescheide 1972 und 1974. In den Erl\u00e4uterungen des bestandskr\u00e4ftigen \u00c4nderungsbescheids 1974 wurde auf den Betriebspr\u00fcfungssonderbericht verwiesen. Im Einspruchsverfahren hob das FA den ge\u00e4nderten Einkommensteuerbescheid 1972 vom 23. Mai 1978 mit Bescheid vom 29. September 1978 auf. Am gleichen Tag erfa\u00dfte es in dem nach \u00a7 174 Abs. 4 der Abgabenordnung (AO 1977) ge\u00e4nderten Einkommensteuerbescheid 1974 die Jubil\u00e4umszuwendungen in H\u00f6he von 230.000 DM als Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen. Einspruch und Klage gegen diesen Einkommensteuerbescheid 1974 vom 29. September 1978 blieben erfolglos.<\/p>\n<p>Zur Begr\u00fcndung f\u00fchrte das Finanzgericht (FG) im wesentlichen aus:<\/p>\n<p>Das FA habe den Einkommensteuerbescheid 1974 vom 23. Mai 1978 zu Recht nach \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 ge\u00e4ndert. Aufgrund des Einspruchs der Kl\u00e4ger habe es seinen Irrtum erkannt, da\u00df die Zuwendungen in H\u00f6he von 230.000 DM erst in 1974 zugeflossen seien, daraufhin den ge\u00e4nderten Einkommensteuerbescheid 1972 vom 23. Mai 1978 aufgehoben und die Zuwendungen als Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen in der Einkommensteuerveranlagung 1974 ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Mit der vom FG hinsichtlich der Frage, ob im Streitfall \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 angewendet werden kann, wegen grunds\u00e4tzlicher Bedeutung der Rechtssache zugelassenen Revision beantragen die Kl\u00e4ger sinngem\u00e4\u00df, unter Aufhebung des FG-Urteils, der Einspruchsentscheidung, des Einkommensteuerbescheids 1974 vom 29. September 1978 und der sp\u00e4ter ergangenen zum Gegenstand des Verfahrens gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a7 68, 123 Satz 2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) erkl\u00e4rten \u00c4nderungsbescheide die Einkommensteuer 1974 nach einem um 230.000 DM geminderten Betrag festzusetzen. Sie r\u00fcgen Verletzung der \u00a7\u00a7 174 Abs. 4 und 173 Abs. 2 AO 1977.<\/p>\n<p>Das FA beantragt die Zur\u00fcckweisung der Revision.<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/p>\n<p>Die Revision ist unbegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Zu Recht hat das FG entschieden, da\u00df das FA den ge\u00e4nderten Einkommensteuerbescheid 1974 vom 23. Mai 1978 durch den Einkommensteuerbescheid 1974 vom 29. September 1978 \u00e4ndern konnte. F\u00fcr die Entscheidung \u00fcber die Revision kann die unter den Beteiligten streitige Frage dahinstehen, ob das angefochtene Urteil \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 verletzt. Es war jedenfalls deshalb im Ergebnis zu best\u00e4tigen, weil eine Befugnis des FA zur \u00c4nderung seines Einkommensteuerbescheids 1974 vom 23. Mai 1978 aus \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 herzuleiten ist.<\/p>\n<p>Ist ein bestimmter Sachverhalt in einem Steuerbescheid erkennbar in der Annahme nicht ber\u00fccksichtigt worden, da\u00df er in einem anderen Steuerbescheid zu ber\u00fccksichtigen sei, und stellt sich diese Annahme als unrichtig heraus, so kann die Steuerfestsetzung, bei der die Ber\u00fccksichtigung des Sachverhalts unterblieben ist, nach \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 insoweit nachgeholt, aufgehoben oder ge\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>Diese Voraussetzungen liegen im Streitfall vor. \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 erlaubt eine zweifache \u00c4nderung eines Steuerbescheids zumindest dann, wenn der urspr\u00fcngliche Steuerbescheid nicht endg\u00fcltig ergangen ist.<\/p>\n<p>a) Es war f\u00fcr die Kl\u00e4ger erkennbar, da\u00df das FA die Jubil\u00e4umszuwendungen in H\u00f6he von 230.000 DM in dem ge\u00e4nderten Einkommensteuerbescheid 1974 vom 23. Mai 1978 in der Annahme nicht ber\u00fccksichtigte, diese Zuwendungen seien im ge\u00e4nderten Einkommensteuerbescheid 1972 vom 23. Mai 1978 als Eink\u00fcnfte aus Kapitalverm\u00f6gen anzusetzen. Es reicht aus, da\u00df die Annahme des FA f\u00fcr den Steuerpflichtigen aus dem gesamten Sachverhaltsablauf &#8211; im Streitfall aus dem Hinweis auf den Betriebspr\u00fcfungssonderbericht in den Erl\u00e4uterungen des ge\u00e4nderten Einkommensteuerbescheids 1974 vom 23. Mai 1978 &#8211; erkennbar war (Urteile des Bundesfinanzhofs &#8211; BFH &#8211; vom 13. November 1985 II R 208\/82, BFHE 145, 487, BStBl II 1986, 241; vom 21. Dezember 1984 III R 75\/81, BFHE 143, 110, BStBl II 1985, 283; vom 1. August 1984 V R 67\/82, BFHE 141, 490, BStBl II 1984, 788).<\/p>\n<p>b) Der Anwendung des \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 auf den Streitfall steht nicht entgegen, da\u00df das FA den angefochtenen \u00c4nderungsbescheid 1974 vom 29. September 1978 auf \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 gest\u00fctzt hat. Ein Austausch des Rechtsgrundes f\u00fcr die \u00c4nderung ist zul\u00e4ssig. \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 stellt die \u00c4nderung nicht in das Ermessen des FA (BFH-Urteile vom 21. Februar 1989 IX R 67\/84, BFH\/NV 1989, 687 m.w.N.; in BFHE 145, 487, BStBl II 1986, 241).<\/p>\n<p>c) \u00a7 173 Abs. 2 AO 1977 steht der \u00c4nderung des \u00c4nderungsbescheids 1974 vom 23. Mai 1978 ebenfalls nicht entgegen. Denn die \u00c4nderungssperre des \u00a7 173 Abs. 2 AO 1977 verbietet nur eine Aufhebung oder \u00c4nderung wegen neuer Tatsachen oder Beweismittel. Dies ergibt sich aus dem Standort der Vorschrift des Absatzes 2, aus den Worten &#8222;Abweichend von Absatz 1&#8220; in \u00a7 173 Abs. 2 AO 1977 und aus der \u00dcberschrift des \u00a7 173 AO 1977. Auch der Sinn und Zweck des \u00a7 173 Abs. 2 AO 1977 spricht gegen eine Ausdehnung der \u00c4nderungssperre auf F\u00e4lle der \u00c4nderung wegen widerstreitender Steuerfestsetzungen nach \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977. Es ist der Sinn des \u00a7 173 Abs. 2 AO 1977, einem aufgrund einer Au\u00dfenpr\u00fcfung ergangenen Steuerbescheid erh\u00f6hte Rechtsbest\u00e4ndigkeit zu verleihen, weil die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse in der Au\u00dfenpr\u00fcfung aufgekl\u00e4rt werden konnten. Erfolgt eine \u00c4nderung &#8211; wie im Fall des \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 &#8211; aber nicht wegen neuer Tatsachen oder Beweismittel, so beruht sie nicht auf tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnissen, deren Aufkl\u00e4rung regelm\u00e4\u00dfig Gegenstand einer Au\u00dfenpr\u00fcfung ist (BFH-Urteil vom 10. September 1987 V R 69\/84, BFHE 150, 509, BStBl II 1987, 834; Tipke\/Kruse, Abgabenordnung-Finanzgerichtsordnung, 13. Aufl. 1988, Stand Juli 1989, \u00a7 173 AO 1977 Tz. 34 am Ende).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 28.11.1989 (VIII R 83\/86) BStBl. 1990 II S. 458 1. \u00a7 174 Abs. 3 AO 1977 erlaubt eine zweifache \u00c4nderung des Steuerbescheids zumindest dann, wenn der urspr\u00fcngliche Steuerbescheid nicht endg\u00fcltig ergangen ist. 2. 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