{"id":48615,"date":"1998-02-11T10:47:31","date_gmt":"1998-02-11T08:47:31","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=48615"},"modified":"2013-06-17T10:48:27","modified_gmt":"2013-06-17T08:48:27","slug":"bfh-urteil-vom-11-2-1998-i-r-150_94-bstbl-1998-ii-s-503","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-11-2-1998-i-r-150_94-bstbl-1998-ii-s-503\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil    vom 11.2.1998 (I R 150\/94) BStBl. 1998 II S. 503"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 11.2.1998 (I R 150\/94) BStBl. 1998 II S. 503<\/strong><\/p>\n<p>1. Eine R\u00fcckw\u00e4rtsberichtigung fehlerhafter Bilanzans\u00e4tze ist nur m\u00f6glich, wenn der fehlerhafte Bilanzansatz sich steuerlich noch nicht ausgewirkt hat oder wenn die auf ihm beruhenden Veranlagungen nach allgemeinen Grunds\u00e4tzen berichtigt oder ge\u00e4ndert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>2. \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 l\u00e4\u00dft die Aufhebung oder \u00c4nderung eines Steuerbescheides, in dem ein fr\u00fcherer Bilanzierungsfehler korrigiert wurde, nicht allein mit der Begr\u00fcndung zu, da\u00df mit der Aufhebung oder \u00c4nderung des angefochtenen Bescheides die M\u00f6glichkeit geschaffen wird, die Vorjahresbilanz zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>3. Die Korrektur eines fehlerhaften Bilanzansatzes in der ersten noch offenen Bilanz setzt voraus, da\u00df noch ein Bilanzierungsfehler vorliegt.<\/p>\n<p>AO 1977 \u00a7 174 Abs. 4; EStG \u00a7 4 Abs. 1.<\/p>\n<p>Vorinstanz: FG M\u00fcnster<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Sachverhalt<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin und Revisionsbeklagte (Kl\u00e4gerin), eine GmbH, verarbeitet Magermilchpulver zu Futtermitteln und beantragt hierf\u00fcr stets Beihilfe gem\u00e4\u00df Verordnung (EWG) Nr. 1725\/79 (VO Nr. 1725\/79) vom 26. Juli 1979 (Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften &#8211; ABlEG &#8211; L 199\/1). Ihr Wirtschaftsjahr entspricht dem Kalenderjahr.<\/p>\n<p>Bei der Kl\u00e4gerin fand f\u00fcr die Veranlagungszeitr\u00e4ume 1982 bis 1984 eine Betriebspr\u00fcfung statt, die &#8211; \u00e4hnlich den Feststellungen der Vorbetriebspr\u00fcfung f\u00fcr 1978 bis 1981 &#8211; zum 31. Dezember 1984<\/p>\n<p>&#8211; den Beihilfeanspruch f\u00fcr die Verarbeitung von Magermilchpulver im Dezember 1984 aktivierte und<\/p>\n<p>&#8211; die R\u00fcckstellung f\u00fcr evtl. Beihilfer\u00fcckforderungen, die Pauschalwertberichtigung auf Forderungen, die R\u00fcckstellung f\u00fcr drohende Verluste aus Einkaufskontrakten und die R\u00fcckstellung f\u00fcr Pensionsverpflichtungen k\u00fcrzte.<\/p>\n<p>Nach erfolgreicher Anfechtung der Betriebspr\u00fcfungsanordnung und der anschlie\u00dfend ergangenen Anordnung zur Wiederholung der Betriebspr\u00fcfung hob der Beklagte und Revisionskl\u00e4ger (das Finanzamt &#8211; FA -) am 14. Februar 1989 den Vorbehalt der Nachpr\u00fcfung in den K\u00f6rperschaftsteuerbescheiden f\u00fcr 1982 bis 1984 auf.<\/p>\n<p>Die K\u00f6rperschaftsteuer 1985 (Streitjahr) setzte das FA am 3. Mai 1988 unter dem Vorbehalt der Nachpr\u00fcfung fest, erkannte die R\u00fcckstellung f\u00fcr Garantieverpflichtungen nicht an, k\u00fcrzte die R\u00fcckstellungen f\u00fcr Verluste aus Einkaufskontrakten und f\u00fcr gew\u00e4hrte Beihilfen sowie die pauschale Forderungsberichtigung. Dagegen legte die Kl\u00e4gerin Einspruch u. a. mit dem Hinweis ein, da\u00df die im Rahmen der Betriebspr\u00fcfung f\u00fcr 1982 bis 1984 getroffenen Feststellungen nicht verwertet werden d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Im Jahr 1988 fand bei der Kl\u00e4gerin eine Betriebspr\u00fcfung f\u00fcr die Jahre 1985 bis 1987 statt, die zum 31. Dezember 1985 zu folgenden ge\u00e4nderten Bilanzans\u00e4tzen f\u00fchrte:<\/p>\n<p>&#8211; Ausgehend von tats\u00e4chlichen Forderungsausf\u00e4llen in H\u00f6he von 1,5 % K\u00fcrzung der Pauschalwertberichtigung von 4 % auf 3 %;<\/p>\n<p>&#8211; K\u00fcrzung der R\u00fcckstellung f\u00fcr drohende Verluste aus Einkaufskontrakten anhand einzelner Verluste; &#8211; K\u00fcrzung der Pensionsr\u00fcckstellung;<\/p>\n<p>&#8211; Aktivierung des Beihilfeanspruchs f\u00fcr Magermilchverarbeitung im Monat Dezember 1985;<\/p>\n<p>&#8211; K\u00fcrzung der R\u00fcckstellung f\u00fcr Beihilfer\u00fcckforderungen.<\/p>\n<p>Das FA erlie\u00df am 14. Februar 1989 einen entsprechend ge\u00e4nderten K\u00f6rperschaftsteuerbescheid f\u00fcr 1985.<\/p>\n<p>Im Einspruchs- und Klageverfahren vertrat die Kl\u00e4gerin die Auffassung, da\u00df von den gewinnerh\u00f6henden Positionen (4.588.505 DM) 3.992.999 DM bereits 1983 bzw. 1984 zu erfassen gewesen w\u00e4ren. Die Frage der materiellen Richtigkeit der streitigen Bilanzans\u00e4tze zum 31. Dezember 1985 lie\u00df die Kl\u00e4gerin zun\u00e4chst ausdr\u00fccklich dahingestellt.<\/p>\n<p>Die Klage hatte Erfolg.<\/p>\n<p>Mit der Revision r\u00fcgt das FA insbesondere eine Verletzung des \u00a7 174 Abs. 4 der Abgabenordnung (AO 1977) und beantragt, das Urteil des Finanzgerichts (FG) aufzuheben und die Klage abzuweisen.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin beantragt, die Revision als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Die Revision des FA ist begr\u00fcndet. Sie f\u00fchrt zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Zur\u00fcckverweisung der Sache an das FG (\u00a7 126 Abs. 3 Nr. 2 der Finanzgerichtsordnung &#8211; FGO -).<\/p>\n<p>1. Gem\u00e4\u00df \u00a7 4 Abs. 1 Satz 1 des Einkommensteuergesetzes (EStG), \u00a7 8 Abs. 1 des K\u00f6rperschaftsteuergesetzes ist Gewinn der Unterschiedsbetrag zwischen dem Betriebsverm\u00f6gen am Schlu\u00df des Wirtschaftsjahres und dem Betriebsverm\u00f6gen am Schlu\u00df des vorangegangenen Wirtschaftsjahres, vermehrt um den Wert der Entnahmen und vermindert um den Wert der Einlagen. Der Gewinn des Streitjahres 1985 ermittelt sich demgem\u00e4\u00df nach der H\u00f6he des Betriebsverm\u00f6gens zum 31. Dezember 1985 und dem Betriebsverm\u00f6gen zum 31. Dezember 1984, das unver\u00e4ndert in das Anfangsverm\u00f6gen zum 1. Januar 1985 eingeht. Nach nunmehr st\u00e4ndiger Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH), der sich \u00fcberwiegend auch das Schrifttum angeschlossen hat, ist bei der Bestimmung des Anfangsverm\u00f6gens an die Ans\u00e4tze der Bilanz anzukn\u00fcpfen, die der Besteuerung des Vorjahres zugrunde lag (sog. formeller Bilanzzusammenhang; vgl. z. B. Beschlu\u00df des Gro\u00dfen Senats des BFH vom 29. November 1965 GrS 1\/65 S, BFHE 84, 392, BStBl III 1966, 142; BFH-Urteil vom 8. Dezember 1988 IV R 33\/87, BFHE 155, 532, BStBl II 1989, 407; vgl. auch z. B. BFH-Beschlu\u00df vom 22. M\u00e4rz 1994 IV B 82\/93, BFH\/NV 1994, 781; Schmidt\/Heinicke, Einkommensteuergesetz, 16. Aufl., \u00a7 4 Rdnr. 684; Nieland in Littmann\/Bitz\/Hellwig, Das Einkommensteuerrecht, \u00a7\u00a7 4, 5 EStG Rdnr. 552; Birkholz in Lademann, Kommentar zum Einkommensteuergesetz, \u00a7\u00a7 4, 5 Rdnr. 6; Bl\u00fcmich\/Wacker, Einkommensteuergesetz, \u00a7 4 Rdnr. 336; a. A. Weber-Grellet in Kirchhof\/S\u00f6hn, Einkommensteuergesetz, \u00a7 4 C 136; hierzu s. BFH in BFH\/NV 1994, 781). Diesen Grunds\u00e4tzen entspricht der angefochtene K\u00f6rperschaftsteuerbescheid.<\/p>\n<p>2. Eine R\u00fcckw\u00e4rtsberichtigung fehlerhafter Bilanzans\u00e4tze kommt nach der Entscheidung des Gro\u00dfen Senats in BFHE 84, 392, BStBl III 1966, 142 nur in Betracht, wenn der fehlerhafte Bilanzansatz sich steuerlich noch nicht ausgewirkt hat oder wenn die auf ihm beruhenden Veranlagungen nach allgemeinen Grunds\u00e4tzen berichtigt oder ge\u00e4ndert werden k\u00f6nnen und berichtigt und ge\u00e4ndert worden sind. Da Veranlagungen vor dem Streitjahr weder berichtigt und ge\u00e4ndert worden sind. Die Veranlagungen vor dem Streitjahr weder berichtigt noch ge\u00e4ndert wurden, liegen die vom Gro\u00dfen Senat aufgestellten Voraussetzungen f\u00fcr eine R\u00fcckw\u00e4rtsberichtigung im Streitfall nicht vor (s. auch Beschlu\u00df des Gro\u00dfen Senats des BFH vom 10. November 1997 GrS 1\/96, BFHE 184, 1, BStBl II 1998, 83).<\/p>\n<p>Es ist zwischen den Beteiligten unstreitig, da\u00df im Streitfall als Rechtsgrundlage f\u00fcr eine \u00c4nderung der Vorjahresveranlagung allenfalls \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 in Betracht gezogen werden kann. Der Gro\u00dfe Senat des BFH hat hierzu auf Vorlage des erkennenden Senats mit Beschlu\u00df in BFHE 184, 1, BStBl 1998, 83 entschieden, da\u00df \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 die Aufhebung oder \u00c4nderung eines Steuerbescheides, in dem ein fr\u00fcherer Bilanzierungsfehler korrigiert wurde, nicht allein mit der Begr\u00fcndung zul\u00e4\u00dft, da\u00df mit der Aufhebung oder \u00c4nderung des angefochtenen Bescheides nach \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 die M\u00f6glichkeit geschaffen wird, die Vorjahresbilanz zu \u00e4ndern. Der Gro\u00dfe Senat hat damit die Auffassung der Vorinstanz nicht best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Die Entscheidung des Gro\u00dfen Senats des BFH ist bindend (\u00a7 11 Abs. 7 Satz 3 FGO). Der erkennende Senat kann daher nicht, wie die Kl\u00e4gerin meint, gem\u00e4\u00df \u00a7 242 des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuches unter Hinweis auf die vom Gro\u00dfen Senat nicht best\u00e4tigte Rechtsprechung zu einer vom Gro\u00dfen Senat abweichenden Entscheidung gelangen.<\/p>\n<p>3. Die Sache ist an das FG zur\u00fcckzuverweisen (\u00a7 126 Abs. 3 Nr. 2 FGO).<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin hat im finanzgerichtlichen Verfahren die Frage, ob die streitigen Bilanzans\u00e4tze zum 31. Dezember 1985 in materieller Hinsicht zutreffend sind, dahingestellt sein lassen. Hier\u00fcber ist nunmehr zu entscheiden. Zwar hat die Kl\u00e4gerin im Revisionsverfahren (vgl. Schriftsatz vom 8. Februar 1995) erkl\u00e4rt, da\u00df sie die Bilanzans\u00e4tze zum 31. Dezember 1985 jedenfalls f\u00fcr das Streitjahr hingenommen habe. Das FG hat aber die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit eines Steuerbescheides, sobald und solange eine (zul\u00e4ssige) Klage anh\u00e4ngig ist, innerhalb des Klagebegehrens von Amts wegen in vollem Umfang zu \u00fcberpr\u00fcfen (vgl. Beschl\u00fcsse des Gro\u00dfen Senats des BFH vom 17. Juli 1967 GrS 1\/66, BFHE 91, 393, BStBl II 1968, 344; vom 26. November 1979 GrS 1\/78, BFHE 129, 117, BStBl II 1980, 99).<\/p>\n<p>Vorsorglich wird darauf hingewiesen, da\u00df f\u00fcr eine Bilanzkorrektur zum 31. Dezember 1985 nur insoweit Raum ist, als zu diesem Stichtag noch ein Bilanzfehler vorliegt. Hat ein Steuerpflichtiger im Vorjahr (hier: zum 31. Dezember 1984) Aktivposten zu niedrig und\/oder Passivposten zu hoch angesetzt, und hat sich insoweit im Folgejahr (hier: 1985) der erh\u00f6hte Gewinn realisiert, so scheidet eine Korrektur von Bilanzpositionen zum Stichtag des Folgejahres (hier: 31. Dezember 1985) aus (so z. B. Anspruch auf Beihilfe f\u00fcr Dezember 1984; R\u00fcckstellung f\u00fcr Beihilfer\u00fcckforderungen, soweit 1985 zur\u00fcckbezahlt o. \u00e4.).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 11.2.1998 (I R 150\/94) BStBl. 1998 II S. 503 1. 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