{"id":49029,"date":"1990-07-31T15:59:40","date_gmt":"1990-07-31T13:59:40","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=49029"},"modified":"2013-06-18T16:05:15","modified_gmt":"2013-06-18T14:05:15","slug":"bfh-urteil-vom-31-7-1990-i-r-116_88-bstbl-1991-ii-s-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-31-7-1990-i-r-116_88-bstbl-1991-ii-s-22\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 31.7.1990    (I R 116\/88) BStBl. 1991 II S. 22"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 31.7.1990 (I R 116\/88) BStBl. 1991 II S. 22<\/strong><\/p>\n<p>Tr\u00e4gt ein Steuerpflichtiger in seinen Gewerbesteuererkl\u00e4rungen den nach \u00a7 10a GewStG zu k\u00fcrzenden Verlust fr\u00fcherer Jahre nicht ein und ber\u00fccksichtigt deshalb das FA die Verluste nicht, so sind die Gewerbesteuerme\u00dfbescheide nicht &#8222;offenbar unrichtig&#8220; i.S. des \u00a7 129 AO 1977.<\/p>\n<p>GewStG \u00a7 10a; AO 1977 \u00a7 129.<\/p>\n<p>Vorinstanz: FG N\u00fcrnberg<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Sachverhalt<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Streitig ist, ob Gewerbesteuer-Me\u00dfbescheide wegen offenbarer Unrichtigkeit ge\u00e4ndert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin und Revisionsbeklagte (Kl\u00e4gerin) ist eine Kreditgenossenschaft. In ihrer Gewerbesteuererkl\u00e4rung 1980 erkl\u00e4rte sie einen Verlust aus Gewerbebetrieb. Sie vermerkte in der Zeile 46 des Erkl\u00e4rungsvordrucks unter dem Stichwort: Gewerbeverlust: &#8222;Verlustr\u00fccktrag nach 1979 201.255 DM&#8220;. Im Gewerbesteuer-Me\u00dfbescheid 1980 setzte der Beklagte und Revisionskl\u00e4ger (das Finanzamt &#8211; FA -) den Steuerme\u00dfbetrag nach dem Gewerbeertrag auf 0 DM fest.<\/p>\n<p>In den Gewerbesteuererkl\u00e4rungen f\u00fcr die Streitjahre 1981 bis 1983 erkl\u00e4rte die Kl\u00e4gerin positive Gewerbeertr\u00e4ge. In den Erkl\u00e4rungen 1981 und 1982 waren in den Zeilen &#8222;Gewerbeverlust aus den&#8220; (vorangegangenen) &#8222;Erhebungszeitr\u00e4umen&#8220; waagerechte Striche angebracht. In der Gewerbesteuererkl\u00e4rung 1983 waren die entsprechenden Zeilen nicht ausgef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Das FA erlie\u00df f\u00fcr die Streitjahre Gewerbesteuer-Me\u00dfbescheide, in denen der Verlust 1980 unber\u00fccksichtigt blieb. Die Bescheide wurden bestandskr\u00e4ftig.<\/p>\n<p>Am 3. Mai 1985 beantragte die Kl\u00e4gerin, die Gewerbesteuer-Me\u00dfbescheide der Streitjahre wegen des Verlustes 1980 zu berichtigen. Sie habe irrt\u00fcmlich in der Gewerbesteuererkl\u00e4rung 1980 einen R\u00fccktrag des Gewerbeverlustes beantragt. Erst im Rahmen der Pr\u00fcfung des Jahresabschlusses 1984 habe sie festgestellt, da\u00df die erwartete Gewerbesteuer-Erstattung noch immer in der Bilanz aktiviert gewesen sei.<\/p>\n<p>Das FA lehnte am 16. Juli 1985 eine Berichtigung der Gewerbesteuer- Me\u00dfbescheide ab. Nach erfolglosem Einspruchsverfahren erhob die Kl\u00e4gerin Klage, der das Finanzgericht (FG) stattgab. Das FG hielt eine Berichtigung der Gewerbesteuer-Me\u00dfbescheide 1981 bis 1983 wegen offenbarer Unrichtigkeit nach \u00a7 129 der Abgabenordnung (AO 1977) f\u00fcr geboten.<\/p>\n<p>Das FA r\u00fcgt mit seiner Revision Verletzung der \u00a7\u00a7 129, 88 AO 1977. Die Gewerbesteuer-Me\u00dfbescheide 1981 bis 1983 enthielten keine offenbaren Unrichtigkeiten.<\/p>\n<p>Das FA beantragt, das angefochtene Urteil aufzuheben und die Klage abzuweisen.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin beantragt, die Revision als unbegr\u00fcndet abzuweisen.<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Die Revision des FA ist begr\u00fcndet. Sie f\u00fchrte zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur Abweisung der Klage (\u00a7 126 Abs. 3 Nr. 1 der Finanzgerichtsordnung &#8211; FGO -). Die Vorentscheidung beruht auf einer unzutreffenden Auslegung des \u00a7 129 AO 1977.<\/p>\n<p>1. Nach \u00a7 129 AO 1977 kann die Finanzbeh\u00f6rde Schreibfehler, Rechenfehler und \u00e4hnliche offenbare Unrichtigkeiten, die beim Erla\u00df eines Verwaltungsakts unterlaufen sind, jederzeit berichtigen. &#8222;\u00c4hnliche offenbare Unrichtigkeiten&#8220; in diesem Sinne m\u00fcssen einem Schreib- oder Rechenfehler \u00e4hnlich sein, d.h. es mu\u00df sich um mechanische Versehen handeln, die ebenso mechanisch, d.h. ohne weitere Pr\u00fcfung erkannt und berichtigt werden k\u00f6nnen (Urteil des Bundesfinanzhofs &#8211; BFH &#8211; vom 24. Juli 1984 VIII R 304\/81, BFHE 141, 485, 486, BStBl II 1984, 785 m.w.N.).<\/p>\n<p>2. Die Gewerbesteuer-Me\u00dfbescheide 1981 bis 1983 k\u00f6nnen nicht aufgrund \u00a7 129 AO 1977 berichtigt werden.<\/p>\n<p>a) Die Bescheide waren zwar &#8222;unrichtig&#8220; im Sinne des \u00a7 129 AO 1977, da sie die nach \u00a7 10a des Gewerbesteuergesetzes (GewStG) zwingend und von Amts wegen vorzunehmende K\u00fcrzung um den Fehlbetrag des Erhebungszeitraums 1980 nicht enthielten.<\/p>\n<p>Der Fehlerhaftigkeit steht nicht entgegen, da\u00df die Bescheide den unrichtigen Steuererkl\u00e4rungen der Kl\u00e4gerin entsprachen, die irrigerweise in die vorgesehenen Zeilen des Erkl\u00e4rungsvordrucks keine Vorjahresverluste eingetragen hatte. Eine &#8222;beim Erla\u00df des Verwaltungsakts unterlaufene Unrichtigkeit&#8220; mu\u00df zwar grunds\u00e4tzlich in der Sph\u00e4re der den Bescheid erlassenden Beh\u00f6rde entstanden sein (BFH-Urteile vom 1. Juli 1954 IV 444\/53 U, BFHE 59, 146, BStBl III 1954, 265, und in BFHE 141, 485, 486, BStBl II 1984, 785). Eine offenbare Unrichtigkeit kann jedoch auch vorliegen, wenn das FA eine in der Steuererkl\u00e4rung enthaltene offenbare, d.h. f\u00fcr das FA erkennbare Unrichtigkeit als eigene \u00fcbernimmt (BFH-Urteile vom 25. Februar 1972 VIII R 141\/71, BFHE 105, 234, BStBl II 1972, 550; in BFHE 141, 485, BStBl II 1984, 785).<\/p>\n<p>b) Die Bescheide enthalten jedoch keine &#8222;beim Erla\u00df eines Verwaltungsakts unterlaufene&#8220; offenbare Unrichtigkeit.<\/p>\n<p>Das FA hat die in den Gewerbesteuererkl\u00e4rungen der Kl\u00e4gerin enthaltenen Unrichtigkeiten nicht als &#8222;eigene&#8220; \u00fcbernommen. Die Unrichtigkeit der Erkl\u00e4rungen der Kl\u00e4gerin w\u00e4re f\u00fcr den zust\u00e4ndigen Sachbearbeiter des FA nur erkennbar gewesen, wenn er die Steuererkl\u00e4rung des Jahres 1980 bei der Veranlagung der Streitjahre zugezogen h\u00e4tte. Soweit das FA auf Vorakten zur\u00fcckgreifen mu\u00df, liegt grunds\u00e4tzlich keine offenbare Unrichtigkeit vor. Eine aus rechtlichen oder tats\u00e4chlichen Gr\u00fcnden erforderliche, vom Sachbearbeiter jedoch unterlassene Sachverhaltsermittlung ist kein mechanisches Versehen. In solchen F\u00e4llen hat das FA zwar m\u00f6glicherweise seine Amtsermittlungspflicht verletzt. Eine Verletzung der Amtsermittlungspflicht zuungunsten des Steuerpflichtigen ist aber nicht mit einer offenbaren Unrichtigkeit gleichzusetzen (BFH in BFHE 105, 234, BStBl II 1972, 550). Sie schlie\u00dft vielmehr in der Regel eine offenbare Unrichtigkeit aus (BFH-Urteil vom 18. April 1986 VI R 4\/83, BFHE 146, 350, 355, BStBl II 1986, 541, 544).<\/p>\n<p>c) Der Senat weicht mit dieser Auffassung entgegen der Meinung der Kl\u00e4gerin nicht von den Urteilen des BFH in BFHE 105, 234, BStBl II 1972, 550, 552; BFHE 141, 485, BStBl II 1984, 785, 786, und BFHE 146, 350, 355, BStBl II 1986, 541, 544 ab. In diesen Entscheidungen hat der BFH eine offenbare Unrichtigkeit des auf unrichtigen Angaben des Steuerpflichtigen beruhenden Bescheides bejaht, wenn der Fehler zwar nicht aus der Steuererkl\u00e4rung selbst, wohl aber aus den der Steuererkl\u00e4rung beigef\u00fcgten Unterlagen (z.B. Bilanzen, Gewinn- und Verlustrechnungen) oder aus einer das Veranlagungsjahr betreffenden Kontrollmitteilung erkennbar war. In s\u00e4mtlichen F\u00e4llen handelte es sich aber um Unterlagen, die das Veranlagungsjahr selbst betrafen, also bei der Veranlagung mit zu pr\u00fcfen waren.<\/p>\n<p>3. Auf die Frage eines &#8211; im Streitfall nicht erkennbaren &#8211; und eine offenbare Unrichtigkeit ebenfalls ausschlie\u00dfenden Rechtsirrtums des FA (vgl. BFH-Urteile vom 2. August 1974 VI R 137\/71, BFHE 113, 169, BStBl II 1974, 727; vom 22. November 1974 VI R 138\/72, BFHE 114, 346, BStBl II 1975, 350, 352; vom 24. Mai 1977 IV R 44\/74, BFHE 122, 393, BStBl II 1977, 853, 854, und vom 10. September 1987 V R 69\/84, BFHE 150, 509, BStBl II 1987, 834; Tipke\/Kruse, Abgabenordnung-Finanzgerichtsordnung, 13. Aufl., \u00a7 129 AO 1977 Tz. 2; Klein\/Orlopp, Abgabenordnung, \u00a7 129 Anm. 2) kommt es nicht an, da eine offenbare Unrichtigkeit bereits nach den Ausf\u00fchrungen in Abschnitt II Nr. 2 ausscheidet.<\/p>\n<p>4. F\u00fcr eine \u00c4nderungsm\u00f6glichkeit der Bescheide aufgrund der \u00a7\u00a7 172 bis 177 AO 1977 bietet der Sachverhalt keine Anhaltspunkte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 31.7.1990 (I R 116\/88) BStBl. 1991 II S. 22 Tr\u00e4gt ein Steuerpflichtiger in seinen Gewerbesteuererkl\u00e4rungen den nach \u00a7 10a GewStG zu k\u00fcrzenden Verlust fr\u00fcherer Jahre nicht ein und ber\u00fccksichtigt deshalb das FA die Verluste nicht, so sind die Gewerbesteuerme\u00dfbescheide nicht &#8222;offenbar unrichtig&#8220; i.S. des \u00a7 129 AO 1977. GewStG \u00a7 10a; AO 1977 &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-31-7-1990-i-r-116_88-bstbl-1991-ii-s-22\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH-Urteil vom 31.7.1990    (I R 116\/88) BStBl. 1991 II S. 22<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-49029","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=49029"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49029\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=49029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=49029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=49029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}