{"id":49944,"date":"1991-08-27T13:37:39","date_gmt":"1991-08-27T11:37:39","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=49944"},"modified":"2013-06-23T13:41:01","modified_gmt":"2013-06-23T11:41:01","slug":"bfh-urteil-vom-27-8-1991-viii-r-84_89-bstbl-1992-ii-s-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-27-8-1991-viii-r-84_89-bstbl-1992-ii-s-9\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 27.8.1991    (VIII R 84\/89) BStBl. 1992 II S. 9"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 27.8.1991 (VIII R 84\/89) BStBl. 1992 II S. 9<\/strong><\/p>\n<p>1. Die Erhebung von Hinterziehungszinsen setzt voraus, da\u00df objektiv und subjektiv die Tatbestandsmerkmale einer Steuerhinterziehung vorliegen.<\/p>\n<p>2. Bei der Erhebung von Hinterziehungszinsen handelt es sich nicht um eine Strafma\u00dfnahme. Die Regelungen in \u00a7 235 AO 1977 bezwecken vielmehr, beim Nutznie\u00dfer einer Steuerhinterziehung dessen Zinsvorteil abzusch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>3. Hinterziehungszinsen k\u00f6nnen auch noch nach dem Tod des Steuerpflichtigen, der den Tatbestand der Steuerhinterziehung verwirklicht hat, festgesetzt werden. Art. 6 Abs. 2 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten steht dem nicht entgegen.<\/p>\n<p>4. Der Anspruch auf rechtliches Geh\u00f6r ist nicht deshalb verletzt, weil der Steuerpflichtige wegen seines Todes vor Gericht nicht mehr geh\u00f6rt werden kann. Anspruch auf rechtliches Geh\u00f6r haben die am Verfahren jeweils Beteiligten.<\/p>\n<p>GG Art. 103 Abs. 1; MRK Art. 6 Abs. 2; AO 1977 \u00a7\u00a7 91, 235, 370; EGAO 1977 Art. 97 \u00a7 15; FGO \u00a7 96 Abs. 2, \u00a7 118 Abs. 2; StS\u00e4umG \u00a7 4 a.<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Sachverhalt<\/p>\n<p>Der im Mai 1984 verstorbene Ehemann (k\u00fcnftig E) der Kl\u00e4gerin und Revisionskl\u00e4gerin (Kl\u00e4gerin) war pers\u00f6nlich haftender Gesellschafter und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der X-KG und an dieser mit 60 v. H. beteiligt. Bei einer Au\u00dfenpr\u00fcfung, die sich zun\u00e4chst auf die Einkommensteuer 1977 bis 1981 der Kl\u00e4gerin und E erstreckte und infolge der Einleitung eines Steuerstrafverfahrens gegen E auf den Pr\u00fcfungszeitraum 1971 bis 1976 erweitert wurde, wurden folgende Abweichungen der von E erkl\u00e4rten und zu den von ihm tats\u00e4chlich erzielten Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen festgestellt:<\/p>\n<table width=\"438\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">lt. Einkommenssteuer-<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">erkl\u00e4rung bzw.<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">lt. Au\u00dfenpr\u00fcfung<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">nachtr\u00e4glicher Angabe<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">DM<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">DM<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"43%\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"43%\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1972<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">2.172<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">28.819<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1973<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">2.334<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">47.644<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1974<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">4.169<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">50.848<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1975<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">6.833<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">45.735<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1976<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">4.968<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">53.038<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1977<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">3.395<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">56.010<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1978<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">3.975<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">61.724<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1979<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">10.695<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">74.339<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1980<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">4.680<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">78.729<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"14%\">\n<p align=\"center\">1981<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">9.026<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"43%\">\n<p align=\"center\">115.515<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Der Beklagte und Revisionsbeklagte (das Finanzamt &#8211; FA -) \u00e4nderte daraufhin die Einkommensteuerfestsetzungen 1972 bis 1981 entsprechend, wobei es &#8211; wie bisher und wie auch vom Proze\u00dfbevollm\u00e4chtigten der Kl\u00e4gerin beantragt &#8211; alle Zinseinnahmen E zurechnete. Auf den Einspruch der Kl\u00e4gerin erm\u00e4\u00dfigte das FA die Einkommensteuer insoweit, als in der Aufstellung des Betriebspr\u00fcfers Zinseinnahmen doppelt erfa\u00dft waren (1972: 155 DM; 1973: 126 DM; 1974: 1.111 DM; 1975: 3.426 DM; 1976: 533 DM).<\/p>\n<p>Mit Bescheid vom 10. Dezember 1985, der an die Kl\u00e4gerin als alleinige Rechtsnachfolgerin des E gerichtet war, setzte das FA Hinterziehungszinsen f\u00fcr hinterzogene Einkommensteuer 1972 bis 1981 f\u00fcr den Zeitraum der erstmaligen F\u00e4lligkeit bis zum Tag der Zahlung der Mehrsteuern (31. Oktober 1984) in H\u00f6he von 94.798 DM fest.<\/p>\n<p>Der Einspruch der Kl\u00e4gerin blieb erfolglos. Das Finanzgericht (FG) erm\u00e4\u00dfigte die Hinterziehungszinsen um 1.508 DM auf 93.290 DM, weil Zinseinnahmen zum Teil doppelt der Besteuerung zugrunde gelegt wurden und deshalb auch eine Minderung der Hinterziehungszinsen erforderlich war. Im \u00fcbrigen wies das FG die Klage ab.<\/p>\n<p>Das FG f\u00fchrt aus, das FA habe die Hinterziehungszinsen gegen\u00fcber der Kl\u00e4gerin als Rechtsnachfolgerin des E zu Recht festgesetzt. Gem\u00e4\u00df \u00a7 235 Abs. 1 der Abgabenordnung (AO 1977) seien hinterzogene Steuern zu verzinsen. Diese Vorschrift setze voraus, da\u00df objektiv und subjektiv die Tatbestandsmerkmale einer Steuerhinterziehung i. S. des \u00a7 392 der Reichsabgabenordnung (AO) bzw. \u00a7 370 AO 1977 vorliegen. Diese Voraussetzungen seien im Streitfall gegeben.<\/p>\n<p>Mit der Revision r\u00fcgt die Kl\u00e4gerin unrichtige Anwendung des \u00a7 235 AO 1977. Das FG habe ferner unter Mi\u00dfachtung entscheidungserheblicher Beweisantr\u00e4ge vers\u00e4umt, die notwendige Aufkl\u00e4rung herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin tr\u00e4gt hierzu vor, der Versuch, eine Steuerhinterziehung nach dem Tod des Steuerb\u00fcrgers festzustellen, versto\u00dfe gegen fundamentale Rechtsgrunds\u00e4tze. Feststellungen \u00fcber die Schuld eines Toten seien rechtlich nicht zul\u00e4ssig. Dieses Prinzip k\u00f6nne nicht auf das Strafverfahren beschr\u00e4nkt werden, sondern gelte auch in einem steuerlichen Verfahren.<\/p>\n<p>Selbst wenn man diese Rechtsauffassung nicht teile, d\u00fcrfte au\u00dfer Frage stehen, da\u00df hier strenge Anforderungen an eine schl\u00fcssige Beweisf\u00fchrung zu stellen seien. Gegen diesen Grundsatz habe das FG versto\u00dfen. E sei in den letzten Jahrzehnten vor seinem Tode gezwungen gewesen, viele Monate in Krankenh\u00e4usern zuzubringen. Er sei an schwerer Diabetes erkrankt, h\u00e4tte einen Herzinfarkt erlitten und h\u00e4tte sich mehreren lebensgef\u00e4hrlichen Operationen unterziehen m\u00fcssen. Nur medizinische Sachverst\u00e4ndige seien in der Lage gewesen, eine zuverl\u00e4ssige Aussage \u00fcber die strafrechtliche Verantwortlichkeit zu treffen. Die erkennenden Richter h\u00e4tten zu keinem Zeitpunkt Gelegenheit gehabt, sich einen pers\u00f6nlichen Eindruck von der k\u00f6rperlichen und geistigen Verfassung des E zu verschaffen. R\u00fcckschl\u00fcsse aus angeblichem gesch\u00e4ftlichen Verhalten k\u00f6nnten fehlende Kenntnisse und medizinische Gutachten nicht ersetzen. Bei Zweifeln m\u00fcsse uneingeschr\u00e4nkt der Grundsatz &#8222;in dubio pro reo&#8220; gelten.<\/p>\n<p>Das FG habe den Sachverhalt nicht ausreichend aufgekl\u00e4rt. Es habe einen entscheidungserheblichen Beweisantrag weitgehend \u00fcbergangen.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin beantragt, den Zinsbescheid vom 10. Dezember 1985 ersatzlos aufzuheben.<\/p>\n<p>Das FA beantragt, die Revision als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<\/p>\n<p>Das FA h\u00e4lt daran fest, da\u00df die Festsetzung der Hinterziehungszinsen zu Recht erfolgt sei. E habe vors\u00e4tzlich Steuern hinterzogen. Die Erhebung weiterer Beweise sei nicht notwendig gewesen.<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/p>\n<p>Die Revision ist unbegr\u00fcndet. Die Rechtsauffassung des FG, das FA habe gegen\u00fcber der Kl\u00e4gerin als Rechtsnachfolgerin des E die Hinterziehungszinsen zu Recht festgesetzt, ist nicht zu beanstanden.<\/p>\n<p>1. Nach \u00a7 235 Abs. 1 AO 1977 sind hinterzogene Steuern zu verzinsen. Zinsschuldner ist derjenige, zu dessen Vorteil die Steuern hinterzogen worden sind. \u00a7 235 AO 1977 gilt f\u00fcr Zinsen, die f\u00fcr die Zeit nach dem 31. Dezember 1976 entstehen (Art. 97 \u00a7 15 Abs. 1 des Einf\u00fchrungsgesetzes zur Abgabenordnung &#8211; EGAO 1977 -). F\u00fcr die Zeit davor richtet sich die Erhebung von Hinterziehungszinsen nach \u00a7 4 a des Steuers\u00e4umnisgesetzes (StS\u00e4umG), der im wesentlichen mit den Regelungen in \u00a7 235 AO 1977 \u00fcbereinstimmt.<\/p>\n<p>Die Erhebung von Hinterziehungszinsen setzt voraus, da\u00df objektiv und subjektiv die Tatbestandsmerkmale einer Steuerhinterziehung i. S. des \u00a7 370 AO 1977 und f\u00fcr die Zeit vor dem 1. Januar 1977 die des \u00a7 392 AO vorliegen (vgl. Urteile des Bundesfinanzhofs &#8211; BFH &#8211; vom 7. November 1973 I R 92\/72, BFHE 111, 7, BStBl II 1974, 125; vom 6. November 1974 II R 18\/72, BFHE 113, 426, BStBl II 1975, 129; BFH-Beschlu\u00df vom 12. November 1975 I B 72\/75, BFHE 117, 340, 342, BStBl II 1976, 260). Hinterziehungszinsen d\u00fcrfen nur bei einer vollendeten Steuerhinterziehung festgesetzt werden (BFH-Urteil vom 13. Dezember 1989 I R 39\/88, BFHE 159, 188, BStBl II 1990, 340, 343). Rechtfertigungs- und Schuldausschlie\u00dfungsgr\u00fcnde hindern die Entstehung des Zinsanspruchs.<\/p>\n<p>Bei der Erhebung von Hinterziehungszinsen handelt es sich nicht um eine Strafma\u00dfnahme. Die Regelungen in \u00a7 235 AO 1977 und \u00a7 4 a StS\u00e4umG bezwecken vielmehr, beim Nutznie\u00dfer einer Steuerhinterziehung dessen Zinsvorteil abzusch\u00f6pfen. Hier\u00fcber besteht in Rechtsprechung (BFH-Urteile vom 19. April 1989 X R 3\/86, BFHE 156, 383, BStBl II 1989, 596, m. w. N.; vom 19. April 1989 X R 19\/88, BFH\/NV 1990, 73) und im Schrifttum (v. Wallis in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, Kommentar zur Abgabenordnung und Finanzgerichtsordnung, 9. Aufl., \u00a7 235 AO 1977 Anm. 1; Koch\/H\u00f6llig, Kommentar zur Abgabenordnung, 3. Aufl., \u00a7 235 AO 1977 Rz. 2; K\u00fchn\/Kutter\/Hofmann, Kommentar zur Abgabenordnung und Finanzgerichtsordnung, 16. Aufl., \u00a7 235 AO 1977 Bem. 1) Einvernehmen. Die Absch\u00f6pfung erfolgt bei einem Zinssatz von 6 v. H., wie Tipke\/Kruse (Abgabenordnung-Finanzgerichtsordnung, 13. Aufl., \u00a7 235 AO 1977 Tz. 1) mit Recht bemerken, in ma\u00dfvoller Weise. Einen Vorteil i. S. des \u00a7 235 AO 1977 erlangt der Schuldner der hinterzogenen Steuer auch dann, wenn er an der Steuerhinterziehung nicht mitgewirkt hat (BFH-Urteil vom 11. Mai 1982 VII R 97\/81, BFHE 136, 182, BStBl II 1982, 689). Der Vorteil liegt in der versp\u00e4teten Zahlung der geschuldeten Steuer.<\/p>\n<p>Das FG hat selbst\u00e4ndig zu entscheiden, ob die Voraussetzungen f\u00fcr die Erhebung von Hinterziehungszinsen gegeben sind. Eine strafrechtliche Verurteilung des T\u00e4ters ist nicht erforderlich (vgl. z. B. BFH in BFHE 111, 7, BStBl II 1974, 125).<\/p>\n<p>2. Das FG ist mit Recht davon ausgegangen, da\u00df Hinterziehungszinsen noch nach dem Tod des E festgesetzt werden durften.<\/p>\n<p>a) In der Rechtsprechung ist mehrfach ausgesprochen worden, da\u00df auch nach dem Tod des den objektiven Tatbestand der Steuerhinterziehung verwirklichenden Steuerpflichtigen festgestellt werden darf, er habe eine Steuerhinterziehung begangen. So hat der Reichsfinanzhof (RFH) entschieden, da\u00df die verl\u00e4ngerte Festsetzungsfrist f\u00fcr hinterzogene Steuern auch f\u00fcr den Erben gilt (Urteil vom 14. Juni 1934 III A 152\/34, RStBl 1934, 918). Im gleichen Sinn hat der BFH entschieden (Urteile vom 2. Dezember 1977 III R 117\/75, BFHE 124, 302, BStBl II 1978, 359; vom 12. September 1985 VIII R 322\/82, BFH\/NV 1986, 131, 133). Auch die FG haben mehrfach ausgesprochen, da\u00df hinterzogene Steuern noch nach dem Tod eines Steuerpflichtigen erhoben werden d\u00fcrfen und da\u00df hierbei zu pr\u00fcfen ist, ob die objektiven und subjektiven Tatbestandsmerkmale der Steuerhinterziehung vorliegen (FG M\u00fcnchen, Urteil vom 22. Februar 1988 XIII 30\/86 E, nrkr., Entscheidungen der Finanzgerichte &#8211; EFG &#8211; 1988, 545; FG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 12. Dezember 1988 5 K 158\/88, nicht ver\u00f6ffentlicht &#8211; n. v. -; Nieders\u00e4chsisches FG, Urteil vom 19. Januar 1989 VI 444\/87, n. v.; FG K\u00f6ln, Urteil vom 7. Juni 1990 2 K 2513\/88, rkr., EFG 1991, 107; FG M\u00fcnster, Urteil vom 18. Oktober 1990 VI 2303\/89 E, n. v.).<\/p>\n<p>b) Die Ausf\u00fchrungen der Kl\u00e4gerin in der Revisionsbegr\u00fcndung erfordern nicht, von dieser Rechtsprechung abzugehen.<\/p>\n<p>aa) Art. 103 Abs. 1 des Grundgesetzes (GG) i. V. m. \u00a7 96 Abs. 2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) und \u00a7 91 AO 1977 gew\u00e4hrleistet den Verfahrensbeteiligten die Gelegenheit, sich zu den der Entscheidung zugrunde liegenden Tatsachen und Beweisergebnissen zu \u00e4u\u00dfern (Beschl\u00fcsse des Bundesverfassungsgerichts &#8211; BVerfG &#8211; vom 9. M\u00e4rz 1965 2 BvR 176\/63, BVerfGE 18, 399, 404; vom 11. Mai 1965 2 BvR 242\/63, BVerfGE 19, 32, 36; vom 11. Oktober 1978 2 BvR 214\/76, BVerfGE 49, 325, 328; BFH-Urteil vom 30. Oktober 1986 IV R 175\/84, BFHE 148, 119, BStBl II 1987, 89, 92).<\/p>\n<p>Diese Grunds\u00e4tze sind entgegen der Auffassung der Kl\u00e4gerin, die sich hierbei auf die Ausf\u00fchrungen von Streck\/Rainer (Steuer und Wirtschaft &#8211; StuW &#8211; 1979, 267) st\u00fctzen, nicht deshalb verletzt, weil E nach seinem Tod nicht mehr vor Gericht geh\u00f6rt werden konnte. Anspruch auf rechtliches Geh\u00f6r haben die am Verfahren jeweils Beteiligten. Dies ist im Streitfall die Kl\u00e4gerin, nicht E. Diese hatte ausreichend Gelegenheit, sowohl vor dem FA als auch vor dem FG ihre Auffassung zu den Sach- und Rechtsfragen darzulegen.<\/p>\n<p>bb) Die Kl\u00e4gerin ist auch bei Anlegung dieses Ma\u00dfstabs in ihren Rechten ausreichend gesch\u00fctzt. Geh\u00f6rt zum Tatbestand einer steuerrechtlichen Norm die Begehung einer strafbaren Handlung, tr\u00e4gt die Finanzbeh\u00f6rde die objektive Feststellungslast (Beweislast) f\u00fcr das Vorliegen aller Tatbestandsmerkmale der strafbaren Handlung, und zwar auch in subjektiver Hinsicht (BFH-Beschlu\u00df vom 5. M\u00e4rz 1979 GrS 5\/77, BFHE 127, 140, BStBl II 1979, 570; BFH-Urteil vom 21. Oktober 1988 III R 194\/84, BFHE 155, 232, BStBl II 1989, 216, 219). Das ergibt sich schon daraus, da\u00df im finanzgerichtlichen Verfahren die objektive Feststellungslast (Beweislast) f\u00fcr die Tatsachen, die den Steueranspruch begr\u00fcnden, beim Steuergl\u00e4ubiger liegt. F\u00fcr die Feststellung einer Steuerhinterziehung, die nach \u00a7 76 Abs. 1 S\u00e4tze 1 und 5 FGO von Amts wegen zu treffen ist, ist kein h\u00f6herer Grad von Gewi\u00dfheit erforderlich als f\u00fcr die Feststellung anderer Tatsachen, f\u00fcr die das FA die Feststellungslast tr\u00e4gt (BFH in BFHE 127, 140, BStBl II 1979, 570; in BFHE 155, 232, BStBl II 1989, 216, 219; Klein\/Orlopp, Kommentar zur Abgabenordnung, 4. Aufl., \u00a7 235 Anm. 2, \u00a7 169 Anm. 7 c, m. w. N.; K\u00fchn\/Kutter\/Hofmann, a. a. O., \u00a7 235 Bem. 2).<\/p>\n<p>Der pers\u00f6nliche Eindruck vom Steuerpflichtigen kann &#8211; z. B. dort, wo sich aus \u00c4u\u00dferungen des Steuerpflichtigen, Urkunden oder sonstigen Indizien eindeutig ein Hinterziehungsvorsatz ergibt &#8211; f\u00fcr die \u00dcberzeugungsbildung des Gerichts ohne Bedeutung sein. Er kann aber auch zur \u00dcberzeugungsbildung notwendig sein, wenn die besonderen Umst\u00e4nde des jeweiligen Einzelfalles ohne Anh\u00f6rung des verstorbenen Steuerpflichtigen nicht ausreichend gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Zweifel gehen zu Lasten der Finanzbeh\u00f6rde (FG K\u00f6ln in EFG 1991, 107). Das neuere Schrifttum geht von den gleichen Grunds\u00e4tzen aus (Ruban in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, a. a. O., \u00a7 169 AO 1977 Rz. 40; v. Wallis in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, a. a. O., \u00a7 235 AO 1977 Anm. 8; Koch\/H\u00f6llig, a. a. O., \u00a7 235 Rz. 4; Tipke\/Kruse, a. a. O., \u00a7 169 AO 1977 Tz. 11; Weyand, Zeitschrift f\u00fcr Wirtschaft, Steuer, Strafrecht &#8211; wistra &#8211; 1989, 135, 138; Bublitz, Deutsches Steuerrecht &#8211; DStR &#8211; 1990, 438, 443).<\/p>\n<p>cc) Der Erhebung von Hinterziehungszinsen nach dem Tod des Erblassers steht Art. 6 Abs. 2 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten &#8211; MRK &#8211; (BGBl II 1952, 685, 953) nicht entgegen.<\/p>\n<p>Nach dieser Vorschrift wird bis zum gesetzlichen Nachweis einer Schuld vermutet, da\u00df der wegen einer strafbaren Handlung Angeklagte unschuldig ist.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin entnimmt dieser Vorschrift in \u00dcbereinstimmung mit Streck\/Rainer (StuW 1979, 267, 270), da\u00df sie jede Schuldfeststellung nach dem Tod eines B\u00fcrgers &#8211; und sei es nur nebenbei als Vorfrage &#8211; zwingend ausschlie\u00dfe.<\/p>\n<p>Dieser Auffassung wird Art. 6 Abs. 2 MRK nicht gerecht. Die Unschuldsvermutung der Menschenrechtskonvention gilt f\u00fcr Sanktionen im konkreten Strafverfahren (vgl. BVerfG-Beschlu\u00df vom 26. M\u00e4rz 1987 2 BvR 589\/79 u. a., Neue Juristische Wochenschrift &#8211; NJW &#8211; 1987, 2427), nicht f\u00fcr steuerrechtliche oder zivilrechtliche Anspr\u00fcche aufgrund einer strafbaren Handlung (FG M\u00fcnchen in EFG 1988, 545; v. Wallis in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, a. a. O., \u00a7 235 AO 1977 Anm. 8; Weyand, wistra 1989, 135, 138). Die Unschuldsvermutung geht auch bei strafrechtlichen Sanktionen nicht so weit, da\u00df die Erben eines verstorbenen Angeklagten Anspruch auf Erstattung der diesem entstandenen notwendigen Auslagen haben (vgl. Urteil des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte vom 25. August 1987 Nr. 9\/1986\/107\/155 &#8211; Fall Englert -, NJW 1988, 3257; Beschlu\u00df des Bundesgerichtshofs &#8211; BGH &#8211; vom 3. Oktober 1986 2 StR 193\/86, NJW 1987, 661). Dem BFH-Urteil vom 21. Juni 1989 X R 20\/88 (BFHE 157, 397, BStBl II 1989, 831), das sich mit der Frage befa\u00dft, ob Strafverteidigungskosten bei fehlender rechtskr\u00e4ftiger Verurteilung als au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung abziehbar sein k\u00f6nnen, kann nichts Gegenteiliges entnommen werden.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Kommission f\u00fcr Menschenrechte hat in st\u00e4ndiger Rechtsprechung die Einbeziehung steuerrechtlicher Verfahren &#8211; abgesehen von Steuerstrafverfahren &#8211; in den Schutzbereich des Art. 6 MRK abgelehnt (Nachweise bei M\u00f6ssner, StuW 1991, 224, 226). Angesichts des Wortlauts der Konvention und ihrer Entstehungsgeschichte ist eine andere Auslegung nicht m\u00f6glich (M\u00f6ssner, a. a. O.). Auch Frowein\/Peukert (Kommentar zur Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention, 1985, Art. 6 Rz. 111 ff.) beziehen steuerrechtliche Anspr\u00fcche nicht in den Anwendungsbereich von Art. 6 Abs. 2 MRK ein.<\/p>\n<p>3. Das FG ist von diesen Grunds\u00e4tzen ausgegangen. Es hat nach seiner freien, aus dem Gesamtergebnis des Verfahrens gewonnenen \u00dcberzeugung entschieden, da\u00df E durch unrichtige Angaben Einkommensteuer hinterzogen hat, die auf Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen zu erheben war. Dies ist nicht zu beanstanden.<\/p>\n<p>a) Nach \u00a7 370 Abs. 1 AO 1977 begeht eine Steuerhinterziehung, wer den Finanzbeh\u00f6rden \u00fcber steuerlich erhebliche Tatsachen unrichtige oder unvollst\u00e4ndige Angaben macht und dadurch Steuern verk\u00fcrzt. Entsprechendes gilt f\u00fcr die Zeit vor dem 1. Januar 1977 aufgrund von \u00a7 392 AO.<\/p>\n<p>Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen bezieht, wer Kapitalverm\u00f6gen gegen Entgelt zur Nutzung \u00fcberl\u00e4\u00dft (st\u00e4ndige Rechtsprechung des BFH, z. B. Urteil vom 24. April 1990 VIII R 170\/83, BFHE 160, 256, BStBl II 1990, 539). E hat ihm zugeflossene Einnahmen aus Kapitalverm\u00f6gen, die in ihrer H\u00f6he zwischen den Beteiligten nicht mehr streitig sind, in seinen Steuererkl\u00e4rungen nicht angegeben und dadurch die darauf entfallende Einkommensteuer verk\u00fcrzt.<\/p>\n<p>b) Nach den Feststellungen des FG hat E schuldhaft gehandelt.<\/p>\n<p>Nach \u00a7 118 Abs. 2 FGO ist der BFH an die im angefochtenen Urteil getroffenen tats\u00e4chlichen Feststellungen gebunden, es sei denn, da\u00df in bezug auf diese Feststellungen zul\u00e4ssige und begr\u00fcndete Revisionsgr\u00fcnde vorgebracht sind. Zu den der Bindung unterliegenden Feststellungen geh\u00f6ren auch die Schlu\u00dffolgerungen tats\u00e4chlicher Art. Die Bindung entf\u00e4llt nur dann, wenn die Folgerungen mit den Denkgesetzen oder Erfahrungss\u00e4tzen unvereinbar sind. Die Gesamtw\u00fcrdigung durch das FG bindet das Revisionsgericht auch dann, wenn sie zwar nicht zwingend, aber m\u00f6glich ist (Gr\u00e4ber\/Ruban, Finanzgerichtsordnung, 2. Aufl., \u00a7 118 Anm. 39 ff.).<\/p>\n<p>Die W\u00fcrdigung des FG im Streitfall verst\u00f6\u00dft weder gegen Denkgesetze noch gegen Erfahrungss\u00e4tze. Das FG konnte zu dem Schlu\u00df kommen, da\u00df E wissentlich und willentlich die gesetzlichen Tatbestandsmerkmale verwirklicht, also vors\u00e4tzlich gehandelt hat. Wenn es in diesem Zusammenhang besonders darauf abstellte, E habe seinen Sohn aufgefordert, von E erhaltene Geldzuwendungen zu Lebzeiten nicht zu verwenden, damit er &#8211; E &#8211; keinen \u00c4rger mit dem FA bekomme, so ist dies nicht zu beanstanden.<\/p>\n<p>Das FG konnte aufgrund der von ihm im einzelnen angef\u00fchrten Umst\u00e4nde auch zu der \u00dcberzeugung kommen, da\u00df E schuldf\u00e4hig war. Wenn das FG hierbei die langj\u00e4hrige F\u00fchrung der Gesch\u00e4fte einer gro\u00dfen Firma, den Abschlu\u00df mehrerer notarieller Vertr\u00e4ge, umfangreiche Bankgesch\u00e4fte, Verhandlungen mit dem FA und die Abgabe j\u00e4hrlicher Steuererkl\u00e4rungen im Benehmen mit dem Steuerberater erw\u00e4hnt und dabei darauf hinweist, da\u00df keiner der Gesch\u00e4ftspartner Zweifel an der Gesch\u00e4ftsf\u00e4higkeit des E ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tte, so ist in dieser W\u00fcrdigung weder ein Versto\u00df gegen Denkgesetze noch gegen Erfahrungss\u00e4tze zu sehen.<\/p>\n<p>c) Die von der Kl\u00e4gerin geltend gemachte Verfahrensr\u00fcge &#8211; Nichterheben von Beweisen &#8211; greift nicht durch. Der Senat sieht gem\u00e4\u00df Art. 1 Nr. 8 des Gesetzes zur Entlastung des Bundesfinanzhofs insoweit von einer Begr\u00fcndung ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 27.8.1991 (VIII R 84\/89) BStBl. 1992 II S. 9 1. 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Die Regelungen in \u00a7 235 AO 1977 bezwecken vielmehr, beim Nutznie\u00dfer einer Steuerhinterziehung dessen Zinsvorteil &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-27-8-1991-viii-r-84_89-bstbl-1992-ii-s-9\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH-Urteil vom 27.8.1991    (VIII R 84\/89) BStBl. 1992 II S. 9<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-49944","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=49944"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49944\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=49944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=49944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=49944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}