{"id":50901,"date":"1990-09-27T15:49:59","date_gmt":"1990-09-27T13:49:59","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=50901"},"modified":"2013-07-16T15:52:37","modified_gmt":"2013-07-16T13:52:37","slug":"bfh-urteil-vom-27-9-1990-i-r-143_87-bstbl-1991-ii-s-101","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-27-9-1990-i-r-143_87-bstbl-1991-ii-s-101\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 27.9.1990    (I R 143\/87) BStBl. 1991 II S. 101"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 27.9.1990 (I R 143\/87) BStBl. 1991 II S. 101<\/strong><\/p>\n<p>Die w\u00e4hrend der Aussetzung des Klageverfahrens in Ansehung der Hauptsache vorgenommenen Proze\u00dfhandlungen sind gegen\u00fcber den Proze\u00dfbeteiligten wirkungslos; dies gilt auch f\u00fcr die Proze\u00dfhandlungen und Entscheidungen des Gerichts.<\/p>\n<p>FGO \u00a7 74, \u00a7 155; ZPO \u00a7 150, \u00a7 249, \u00a7 250.<\/p>\n<p>Vorinstanz: FG K\u00f6ln <strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Sachverhalt<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Der Kl\u00e4ger und Revisionskl\u00e4ger (Kl\u00e4ger) wendet sich gegen die im Inland vom Beklagten und Revisionsbeklagten (Finanzamt &#8211; FA -) vorgenommene Besteuerung von Verg\u00fctungen. Diese hatte er aufgrund eines Anstellungsvertrags von der Europ\u00e4ischen Gesellschaft f\u00fcr Zusammenarbeit (EGZ), Br\u00fcssel, bezogen, f\u00fcr die er im Streitjahr 1975 in Afrika t\u00e4tig war.<\/p>\n<p>Das Finanzgericht (FG) hatte durch Beschlu\u00df vom 21. September 1984 das Klageverfahren bis zur Entscheidung des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften (EuGH) in der Rs&#8230;.. gem\u00e4\u00df \u00a7 74 der Finanzgerichtsordnung (FGO) ausgesetzt, weil die Entscheidung des Rechtsstreits von der Frage abh\u00e4nge, ob der Kl\u00e4ger als Beamter der Europ\u00e4ischen Kommission anzusehen sei. Wegen dieser Frage sei die Rs&#8230;.. bei dem EuGH anh\u00e4ngig und der Kl\u00e4ger verfahrensm\u00e4\u00dfig daran beteiligt.<\/p>\n<p>Bei einer telefonischen R\u00fcckfrage nach dem Sachstand am 3. September 1985 hatte der Berichterstatter des FG den Proze\u00dfbevollm\u00e4chtigten des Kl\u00e4gers dahin verstanden, da\u00df der EuGH f\u00fcr die Kl\u00e4ger des dortigen Verfahrens abschl\u00e4gig entschieden und ihnen die Beamteneigenschaft nicht zuerkannt habe. Eine Stellungnahme werde hierzu noch folgen.<\/p>\n<p>Mit Schriftsatz vom 5. September 1985 hatte der Kl\u00e4gervertreter ein klageabweisendes Urteil der zweiten Kammer des EuGH in den \u00e4hnlich liegenden verbundenen Rs&#8230;.. in Form eines Abdrucks aus dem Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften (ABlEG) \u00fcberreicht.<\/p>\n<p>Das FG hat diese Mitteilung als &#8222;Wiederaufnahme&#8220; des ausgesetzten Klageverfahrens angesehen und die Klage am 8. Januar 1986 (ohne vorherige Aufhebung des Aussetzungsbeschlusses) abgewiesen.<\/p>\n<p>Der EuGH entschied erst durch Urteil der Vierten Kammer vom 13. Juli 1989 die Rs&#8230;.. zuungunsten von 182 klagenden Mitgliedern des Personals der EGZ.<\/p>\n<p>Mit der Revision r\u00fcgt der Kl\u00e4ger Verletzung formellen und materiellen Rechts.<strong><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>A. Die Revision ist unabh\u00e4ngig von der Aussetzung des Verfahrens durch das FG zul\u00e4ssig.<\/p>\n<p>Eine Aussetzung des Rechtsstreits hat nur die Unwirksamkeit von solchen Proze\u00dfhandlungen zur Folge, die gegen\u00fcber den Proze\u00dfbeteiligten vorzunehmen sind (\u00a7 155 FGO i.V.m. \u00a7 249 Abs. 2 der Zivilproze\u00dfordnung &#8211; ZPO -); das Rechtsmittel wird jedoch durch Einreichung eines Schriftsatzes beim Gericht eingelegt (vgl. Bundesgerichtshof &#8211; BGH &#8211; Beschlu\u00df vom 1. Dezember 1976 IV ZB 43\/76, Neue Juristische Wochenschrift &#8211; NJW &#8211; 1977, 717, 718 m.w.N.).<\/p>\n<p>B. Die Revision ist auch begr\u00fcndet. Das angefochtene Urteil war aufzuheben und die Sache an das FG zur\u00fcckzuverweisen (\u00a7 126 Abs. 3 Nr. 2 FGO).<\/p>\n<p>1. Die Vorentscheidung verst\u00f6\u00dft gegen \u00a7 155 FGO i.V.m. \u00a7 249 ZPO.<\/p>\n<p>a) Nach der gem\u00e4\u00df \u00a7 155 FGO im FG-Proze\u00df sinngem\u00e4\u00df anzuwendenden Vorschrift des \u00a7 249 Abs. 2 ZPO sind die w\u00e4hrend der Aussetzung in Ansehung der Hauptsache vorgenommenen Proze\u00dfhandlungen gegen\u00fcber den Proze\u00dfbeteiligten ohne Wirkung (s.o. zu A).<\/p>\n<p>Dieser Grundsatz gilt &#8211; wie sich im Gegenschlu\u00df aus \u00a7 249 Abs. 3 ZPO ergibt &#8211; auch f\u00fcr die Proze\u00dfhandlungen und Entscheidungen des Gerichts (vgl. BGH-Urteil vom 19. Dezember 1989 VI ZR 32\/89, NJW-Rechtsprechungs-Report Zivilrecht &#8211; NJW-RR &#8211; 1990, 342, m.w.N.).<\/p>\n<p>b) Die vom FG am 21. September 1984 gem\u00e4\u00df \u00a7 74 FGO beschlossene Aussetzung des Klageverfahrens endete &#8211; erst nach Erla\u00df des Urteils vom 8. Januar 1986 &#8211; durch die Entscheidung des EuGH vom 13. Juli 1989, ohne da\u00df es nach Eintritt dieses im Aussetzungsbeschlu\u00df bezeichneten Ereignisses noch eines Beschlusses \u00fcber die Aufhebung der Aussetzung bedurfte (vgl. BGH-Urteil vom 24. Januar 1989 XI ZR 75\/88, BGHZ 106, 295, 298).<\/p>\n<p>c) Eine unter bestimmten Umst\u00e4nden denkbare Beendigung der Aussetzung durch Aufhebung auf dem Beschlu\u00dfwege vor Eintritt des im Aussetzungsbeschlu\u00df bezeichneten Ereignisses (vgl. \u00a7 155 FGO i.V.m. \u00a7 150 ZPO; BGH-Beschlu\u00df vom 7. Juli 1952 IV ZB 55\/52, Lindenmaier\/M\u00f6hring (LM), Nachschlagewerk des Bundesgerichtshofs, ZPO, \u00a7 249 Nr. 2 m.w.N.) hat die Vorinstanz im Streitfall nicht ausgesprochen.<\/p>\n<p>Das FG hat den Aussetzungsbeschlu\u00df auch nicht konkludent mit seinem Urteil aufgehoben. Wie sich aus dem Tatbestand (Urteilsausfertigung Seite 9) ergibt, nahm es aufgrund einer telefonischen Mitteilung des Proze\u00dfbevollm\u00e4chtigten des Kl\u00e4gers irrt\u00fcmlich an, da\u00df die Rechtssache der Kl\u00e4ger vom EuGH bereits abschl\u00e4gig entschieden worden war, wobei hier dahinstehen kann, ob dieser Irrtum auf einem Mi\u00dfverst\u00e4ndnis beruhte. Durch die irrt\u00fcmlich das Verfahren instanzm\u00e4\u00dfig beendende Entscheidung konnte der Stillstand des Verfahrens in der Instanz nicht aufgehoben werden (vgl. Wieczorek, Zivilproze\u00dfordnung, \u00a7 249 Anm. C.II.c.3.).<\/p>\n<p>d) Im \u00fcbrigen ging das FG offenbar davon aus, da\u00df das vorliegende Verfahren durch den Kl\u00e4ger mit Schriftsatz vom 5. September 1985 &#8222;wieder aufgenommen&#8220; worden sei.<\/p>\n<p>Ein ausgesetztes Verfahren kann jedoch nur dann von einem Beteiligten gem\u00e4\u00df \u00a7 155 FGO i.V.m. \u00a7 250 ZPO wieder aufgenommen werden, wenn dies im Gesetz vorgesehen ist (z.B. in den F\u00e4llen des \u00a7 246 Abs. 2 ZPO). \u00a7 250 ZPO regelt nur die Form der Aufnahme, nicht ihre Statthaftigkeit. Im Fall der nach gerichtlichem Ermessen angeordneten Aussetzung (\u00a7 74 FGO, vgl. entsprechend \u00a7 148 ZPO) steht die Aufnahme des Rechtsstreits nicht zur Disposition der Beteiligten.<\/p>\n<p>e) Der Versto\u00df des FG gegen \u00a7 155 FGO i.V.m. \u00a7 249 ZPO macht das Urteil nicht nichtig, sondern nur anfechtbar. Da der Kl\u00e4ger die Unwirksamkeit des Urteils zwischen den Beteiligten mit der Revision r\u00fcgt, ist der Fehler im Streitfall nicht geheilt.<\/p>\n<p>f) Eine Heilung des sich aus dem Urteil ergebenden Verfahrensmangels durch R\u00fcgeunterlassung oder Genehmigung in der Vorinstanz liegt nicht vor.<\/p>\n<p>g) Die w\u00e4hrend des Verfahrensstillstands ergangene Vorentscheidung ist auf die diesbez\u00fcgliche Revision ohne weitere Sachpr\u00fcfung aufzuheben (vgl. Urteile des Bundesfinanzhofs &#8211; BFH &#8211; vom 19. September 1985 V R 129\/79, BFH\/NV 1987, 515, 516 m.w.N.; vom 5. Februar 1985 VIII R 223\/79, BFH\/NV 1985, 88, 89, m.w.N.).<\/p>\n<p>2. Danach kann dahinstehen, ob das FG zugleich gegen das Gebot der Gew\u00e4hrung rechtlichen Geh\u00f6rs versto\u00dfen hat (vgl. \u00a7 119 Nr. 3 FGO; BFH-Urteil vom 5. Juni 1964 IV 309\/63, Steuerrechtsprechung in Karteiform, Reichsabgabenordnung, \u00a7 264, Rechtsspruch 7; Bundespatentgericht &#8211; BPatG &#8211; Beschlu\u00df vom 18. April 1966 21 W (Pat) 50\/66, BPatGE 8, 157). Insbesondere kann offenbleiben, ob die hierauf gerichtete R\u00fcge rechtzeitig und vollst\u00e4ndig erhoben worden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 27.9.1990 (I R 143\/87) BStBl. 1991 II S. 101 Die w\u00e4hrend der Aussetzung des Klageverfahrens in Ansehung der Hauptsache vorgenommenen Proze\u00dfhandlungen sind gegen\u00fcber den Proze\u00dfbeteiligten wirkungslos; dies gilt auch f\u00fcr die Proze\u00dfhandlungen und Entscheidungen des Gerichts. FGO \u00a7 74, \u00a7 155; ZPO \u00a7 150, \u00a7 249, \u00a7 250. 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