{"id":55519,"date":"1994-11-09T18:15:16","date_gmt":"1994-11-09T16:15:16","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=55519"},"modified":"2013-08-14T18:22:04","modified_gmt":"2013-08-14T16:22:04","slug":"bfh-urteil-vom-9-11-1994-i-r-96_94-bstbl-1995-ii-s-204","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-9-11-1994-i-r-96_94-bstbl-1995-ii-s-204\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil      vom 9.11.1994 (I R 96\/94) BStBl. 1995 II S. 204"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 9.11.1994 (I R 96\/94) BStBl. 1995 II S. 204<\/strong><\/p>\n<p>Gesetzliche Vertreter einer juristischen Person bed\u00fcrfen auch dann keiner Proze\u00dfvollmacht i. S. des \u00a7 62 Abs. 3 FGO, wenn ihnen vom Gericht eine Ausschlu\u00dffrist gem\u00e4\u00df \u00a7 62 Abs. 3 Satz 3 FGO gesetzt worden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>FGO \u00a7 62 Abs. 3.<\/p>\n<p>Vorinstanz: FG K\u00f6ln<\/p>\n<p align=\"center\">Sachverhalt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin und Revisionskl\u00e4gerin (Kl\u00e4gerin) ist eine Steuerberatungs-GmbH. Gesellschafter sind Steuerberater A und seine Ehefrau je zur H\u00e4lfte. Alleinvertretungsberechtigter Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ist A.<\/p>\n<p>1. Die Kl\u00e4gerin, vertreten durch A, erhob nach erfolglosem Einspruchsverfahren gegen die auf einer Sch\u00e4tzung beruhenden K\u00f6rperschaftsteuer-, Umsatzsteuer- und Gewerbesteuerme\u00dfbescheide 1989 vom 5.\/11. Juni 1991 Klage. In der Klageschrift vom 26. November 1991 bezeichnete sich A als &#8222;Proze\u00dfbevollm\u00e4chtigter&#8220; der Kl\u00e4gerin. Das Finanzgericht (FG) forderte die Kl\u00e4gerin mit Verf\u00fcgung vom 5. Dezember 1991 auf, innerhalb von drei Wochen eine Proze\u00dfvollmacht f\u00fcr A vorzulegen. Als die Kl\u00e4gerin keine Vollmacht vorlegte, erging am 10. Januar 1992 eine zweite Aufforderung zur Vorlage der Vollmacht innerhalb von zwei Wochen. In dieser Verf\u00fcgung wurde die Kl\u00e4gerin darauf hingewiesen, da\u00df die nicht fristgerechte Vorlage der Vollmacht den Verlust des Rechtsbehelfs zur Folge haben werde (Art. 3 \u00a7 1 des Gesetzes zur Entlastung der Gerichte in der Verwaltungs- und Finanzgerichtsbarkeit &#8211; VGFGEntlG &#8211; vom 31. M\u00e4rz 1978, BGBl I 1978, 446, jetzt: \u00a7 62 Abs. 3 Satz 3 der Finanzgerichtsordnung &#8211; FGO -). Nach ergebnislosem Ablauf der zweiten Frist trug A vor, er sei alleiniger und alleinvertretungsberechtigter Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Kl\u00e4gerin und bed\u00fcrfe deshalb keiner Vollmacht. In der m\u00fcndlichen Verhandlung legte er die Kopie eines Handelsregisterauszugs vom 7. September 1988 vor. Danach war er ab 15. Juli 1987 alleinvertretungsberechtigter Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Kl\u00e4gerin.<\/p>\n<p>2. Das FG wies die Klage als unzul\u00e4ssig ab (Entscheidungen der Finanzgerichte 1993, 730). Es begr\u00fcndete seine Entscheidung mit dem Fehlen einer Proze\u00dfvollmacht. Die Vollmacht eines Proze\u00dfbevollm\u00e4chtigten sei dem Gericht gem\u00e4\u00df Art. 3 \u00a7 1 VGFGEntlG (\u00a7 62 Abs. 3 FGO) nachzuweisen. Werde die Vollmacht nicht innerhalb der vom Gericht nach Art. 3 \u00a7 1 VGFGEntlG gesetzten Frist vorgelegt, sei die Klage unzul\u00e4ssig. Selbst wenn dem Gericht aus anderen Verfahren die Eigenschaft des Proze\u00dfvertreters als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Kl\u00e4gerin bekannt sei, bedeute das nicht zwangsl\u00e4ufig, da\u00df er diese Funktion auch zur Zeit der Klageerhebung innegehabt habe. Aus dem von der Kl\u00e4gerin vorgelegten Handelsregisterauszug ergebe sich nichts anderes, da er erst nach Ablauf der Ausschlu\u00dffrist vorgelegt worden sei.<\/p>\n<p>3. Der Bundesfinanzhof (BFH) hat die Revision gegen das Urteil des FG wegen grunds\u00e4tzlicher Bedeutung zugelassen. Im Revisionsverfahren tr\u00e4gt die Kl\u00e4gerin vor, A sei als gesetzlicher Vertreter der Kl\u00e4gerin nicht zur Vorlage einer Proze\u00dfvollmacht verpflichtet.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin beantragt sinngem\u00e4\u00df,<\/p>\n<p>a) die K\u00f6rperschaftsteuer 1989 auf 0 DM festzusetzen,<\/p>\n<p>b) den Gewerbesteuerme\u00dfbetrag 1989 auf 0 DM festzusetzen und<\/p>\n<p>c) die Umsatzsteuer 1989 auf 6.345,50 DM festzusetzen.<\/p>\n<p>Der Beklagte und Revisionsbeklagte (das Finanzamt &#8211; FA -) beantragt, das angefochtene Urteil aufzuheben und die Sache an das FG zur\u00fcckzuverweisen.<\/p>\n<blockquote>\n<blockquote>\n<blockquote>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Arial; color: #800000; font-size: small;\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Die Revision der Kl\u00e4gerin ist begr\u00fcndet. Sie f\u00fchrte zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Zur\u00fcckverweisung der Sache an das FG (\u00a7 126 Abs. 3 Nr. 2 FGO).<\/p>\n<p>1. Gem\u00e4\u00df \u00a7 62 Abs. 3 FGO ist die Bevollm\u00e4chtigung eines Proze\u00dfbevollm\u00e4chtigten durch eine schriftliche Vollmacht nachzuweisen. Bevollm\u00e4chtigte sind rechtsgesch\u00e4ftlich bestellte (gewillk\u00fcrte) Vertreter des Verfahrensbeteiligten (Gr\u00e4ber\/Koch, Finanzgerichtsordnung, \u00a7 62 Rz. 4). Gesetzliche Vertreter, gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Gesellschafter (\u00a7 705 des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuches) und solche Personen, die kraft Gesetzes beh\u00f6rdlicher oder gerichtlicher Anordnung fremdes Verm\u00f6gen verwalten, bed\u00fcrfen keiner Proze\u00dfvollmacht (Tipke\/Kruse, Abgabenordnung-Finanzgerichtsordnung, \u00a7 62 FGO Tz. 8; Baumbach\/Lauterbach\/Albers\/Hartmann, Zivilproze\u00dfordnung, 52. Aufl., \u00a7 80 Anm. 1 E; Z\u00f6ller\/Vollkommer, Zivilproze\u00dfordnung, 18. Aufl., \u00a7 80 Tz. 9). Hier ergibt sich das Vertretungsrecht aus der sachlich-rechtlichen Vertretungsmacht, die die gerichtliche Vertretung umfa\u00dft (BFH-Urteil vom 4. Oktober 1984 IV R 16\/82, BFHE 142, 106, BStBl II 1985, 60). Der Senat schlie\u00dft sich dieser Auffassung an.<\/p>\n<p>Da der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Kl\u00e4gerin zur Zeit der Klageerhebung unstreitig ihr alleinvertretungsberechtigter Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer war, bedurfte er keiner Proze\u00dfvollmacht. Eine GmbH wird durch ihren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer gerichtlich und au\u00dfergerichtlich vertreten (\u00a7 35 des Gesetzes betreffend die Gesellschaften mit beschr\u00e4nkter Haftung).<\/p>\n<p>2. An dieser Rechtslage \u00e4nderte sich im Streitfall nichts durch die Fristsetzung des FG gem\u00e4\u00df Art. 3 \u00a7 1 VGFGEntlG (\u00a7 62 Abs. 3 Satz 3 FGO). Zwar kann das FG nach dieser Bestimmung zur Vorlage einer Proze\u00dfvollmacht eine Ausschlu\u00dffrist mit der Wirkung setzen, da\u00df die Vollmacht nach fruchtlosem Ablauf der Ausschlu\u00dffrist vom Gericht nur noch ber\u00fccksichtigt werden kann, wenn Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegeben sind (Art. 3 \u00a7 1 Satz 2 VGFGEntlG, jetzt: \u00a7 62 Abs. 3 Satz 4 FGO). Die Aufforderung kann ihre Wirkung jedoch nur entfalten, wenn die tatbestandlichen Voraussetzungen des \u00a7 62 FGO gegeben sind (BFH in BFHE 142, 106, BStBl II 1985, 60). Nur wenn eine Proze\u00dfvollmacht \u00fcberhaupt erforderlich war, kann das Gericht die Vollmacht &#8211; ggf. mit Ausschlu\u00dffrist &#8211; anfordern. Art. 3 Nr. 1 VGFGEntlG (\u00a7 62 Abs. 3 Satz 3 FGO) sieht eine Ausschlu\u00dffrist nur f\u00fcr das Einreichen der Proze\u00dfvollmacht, nicht aber f\u00fcr den Nachweis der sachlich-rechtlichen Vertretungsmacht vor. Die letztere ist vom Gericht von Amts wegen zu pr\u00fcfen (\u00a7 155 FGO, \u00a7 56 der Zivilproze\u00dfordnung; Baumbach\/Lauterbach\/Albers\/Hartmann, a. a. O., \u00a7 56 Anm. 1, 3).<\/p>\n<p>3. Der Rechtsstreit ist nicht entscheidungsreif. Das FG hat, auf der Grundlage seiner Rechtsauffassung zutreffend, keine Feststellungen zur Besteuerungsgrundlage der angefochtenen Sch\u00e4tzungsbescheide getroffen. Es wird diese Feststellungen im zweiten Rechtsgang nachholen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 9.11.1994 (I R 96\/94) BStBl. 1995 II S. 204 Gesetzliche Vertreter einer juristischen Person bed\u00fcrfen auch dann keiner Proze\u00dfvollmacht i. S. des \u00a7 62 Abs. 3 FGO, wenn ihnen vom Gericht eine Ausschlu\u00dffrist gem\u00e4\u00df \u00a7 62 Abs. 3 Satz 3 FGO gesetzt worden ist. &nbsp; FGO \u00a7 62 Abs. 3. 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