{"id":61071,"date":"1990-08-22T10:53:30","date_gmt":"1990-08-22T08:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=61071"},"modified":"2013-11-21T11:05:36","modified_gmt":"2013-11-21T09:05:36","slug":"bfh-urteil-vom-22-8-1990-i-r-42_88-bstbl-1991-ii-s-387","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-22-8-1990-i-r-42_88-bstbl-1991-ii-s-387\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 22.8.1990 (I R 42\/88) BStBl.     1991 II S. 387"},"content":{"rendered":"<p><strong>BFH-Urteil vom 22.8.1990 (I R 42\/88) BStBl. 1991 II S. 387<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Unter einem bestimmten Sachverhalt i.S. des \u00a7 174 Abs. 4 Satz 1 AO 1977 ist der einzelne Lebensvorgang zu verstehen, an den das Gesetz steuerliche Folgen kn\u00fcpft.<\/strong><\/p>\n<p><strong>2. Bezogen auf die Gesellschaftsteuer ist Sachverhalt, an den das KVStG 1972 steuerliche Folgen kn\u00fcpft, jede einzelne Form der Eigenkapitalzuf\u00fchrung durch die Gesellschafter an die inl\u00e4ndische Kapitalgesellschaft in tats\u00e4chlicher Hinsicht.<\/strong><\/p>\n<p>AO 1977 \u00a7 169 Abs. 1 Satz 1, \u00a7 174 Abs. 4; KVStG 1972 \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. a und b.<\/p>\n<p>Vorinstanz: FG K\u00f6ln<\/p>\n<p align=\"center\"><strong> Sachverhalt<\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>\u00a0Die Kl\u00e4gerin und Revisionsbeklagte (Kl\u00e4gerin) ist eine inl\u00e4ndische GmbH &amp; Co. KG, an der in den Jahren 1976 bis 1979 eine GmbH als pers\u00f6nlich haftende Gesellschafterin und die Eheleute E als Kommanditisten beteiligt waren.\u00a0\u00a0Nach \u00a7 5 Abs. 1 des Gesellschaftsvertrages der Kl\u00e4gerin sollte die Einlage der Kommanditisten auf einem festen Kapitalkonto gef\u00fchrt werden. Daneben sollte f\u00fcr jeden Gesellschafter ein Darlehenskonto eingerichtet werden. Auf diesen sollte das die Kommanditeinlagen \u00fcbersteigende Kapital laut Er\u00f6ffnungsbilanz vom 1. Januar 1966 gutgebracht werden. Au\u00dferdem sollten auf dem Darlehenskonto Forderungen der Gesellschafter gegen die Kl\u00e4gerin, entstandene Gewinne, Verluste, Entnahmen und Einlagen verbucht werden. Eine K\u00fcndigung der Darlehenskonten war ausgeschlossen. Die Kommanditisten sollten jedoch im Konkurs- oder Vergleichsfall der Kl\u00e4gerin oder der Komplement\u00e4r-GmbH berechtigt sein, ihre Guthaben auf den Darlehenskonten einzufordern. Die Guthaben sollten verzinst werden.<\/p>\n<table border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">Zu den Bilanzstichtagen 31. Dezember 1975 bis 31. Dezember 1979 wiesen die Darlehenskonten der Eheleute E folgende Best\u00e4nde auf:<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ehemann\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ehefrau<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 DM\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 DM<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;&#8212;&#8212;-<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">31. Dezember 1975\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 122.794\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 173.654<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">31. Dezember 1976\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 119.348\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 79.970<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">31. Dezember 1977\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 46.806\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 302.255<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">31. Dezember 1978\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 64.503\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 .\/. 37.254<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"607\">31. Dezember 1979\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 182.203\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 194.635<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Abweichend von dem Gesellschaftsvertrag wurden jedoch die Guthaben auf den Darlehenskonten nicht verzinst.\u00a0\u00a0In den Best\u00e4nden per 31. Dezember 1977 sind Gutschriften in H\u00f6he von 73.200 DM bzw. 57.210 DM enthalten. Die Gutschrift von 73.200 DM betrifft die Zuf\u00fchrung von geerbtem Geld zum Ausgleich vorangegangener Entnahmen durch den Ehemann. Die andere Gutschrift betrifft in H\u00f6he von 56.800 DM den Ausgleich vorangegangener Entnahmen durch die Ehefrau.\u00a0\u00a0Der Beklagte und Revisionskl\u00e4ger (das Finanzamt &#8211; FA -) behandelte urspr\u00fcnglich die auf den Darlehenskonten ausgewiesenen Betr\u00e4ge als individualisierte Gesellschafterforderungen. Entsprechend sah er in dem Verzicht auf Verzinsung der Darlehensforderungen einen gem\u00e4\u00df \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. b des Kapitalverkehrsteuergesetzes (KVStG) 1972 gesellschaftsteuerpflichtigen Vorgang. Der Steuerbescheid vom 11. September 1981 wurde jedoch durch Urteil des Finanzgerichts (FG) K\u00f6ln vom 11. Dezember 1985 aufgehoben. Das FG ging in seinen Entscheidungsgr\u00fcnden davon aus, da\u00df es sich bei den auf den Darlehenskonten verbuchten Betr\u00e4gen um gesamth\u00e4nderisch gebundene Gesellschaftsmittel handelte.\u00a0\u00a0Das FA erlie\u00df am 2. April 1986 einen Gesellschaftsteuerbescheid, in dem es unter Hinweis auf das FG-Urteil vom 11. Dezember 1985 die o.g. Gutschriften in H\u00f6he von insgesamt 130.410 DM als Zusch\u00fcsse gem\u00e4\u00df \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. a KVStG 1972 der Gesellschaftsteuer unterwarf. Die Kl\u00e4gerin legte erfolglos Einspruch ein. Das FG gab der Klage statt.\u00a0\u00a0Mit seiner vom FG zugelassenen Revision r\u00fcgt das FA die Verletzung des \u00a7 174 Abs. 4 der Abgabenordnung (AO 1977) und des \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. a KVStG 1972.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong> Entscheidungsgr\u00fcnde<\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Die Revision ist unbegr\u00fcndet. Sie war deshalb zur\u00fcckzuweisen (\u00a7 126 Abs. 2 der Finanzgerichtsordnung &#8211; FGO -). Das FG hat der Klage der Kl\u00e4gerin zu Recht stattgegeben.<\/p>\n<p>1. Das FA erlie\u00df am 2. April 1986 einen Gesellschaftsteuerbescheid als Erstbescheid. Der Bescheid betraf Lebensvorg\u00e4nge, die im Jahre 1977 verwirklicht wurden. Sollten die Lebensvorg\u00e4nge, was f\u00fcr die Entscheidung \u00fcber den Streitfall unentschieden bleiben kann, gesellschaftsteuerpflichtig sein, so h\u00e4tte die Kl\u00e4gerin die Rechtsvorg\u00e4nge beim FA anmelden m\u00fcssen (\u00a7 4 der Kapitalverkehrsteuer-Durchf\u00fchrungsverordnung &#8211; KVStDV -). Auf der Grundlage der tats\u00e4chlichen Feststellungen des FG, die den erkennenden Senat binden (\u00a7 118 Abs. 2 FGO), wurden die Rechtsvorg\u00e4nge beim FA nicht angemeldet. Deshalb begann die Festsetzungsfrist erst mit Ablauf des dritten Kalenderjahres, das auf das Kalenderjahr folgte, in dem die Steuer entstand (\u00a7 170 Abs. 2 Nr. 1 AO 1977). Die Gesellschaftsteuer entstand (was hier unterstellt wird) im Kalenderjahr 1977 (\u00a7 38 AO 1977). Deshalb begann die Festsetzungsfrist mit Ablauf des 31. Dezember 1980. Sie betrug vier Jahre (\u00a7 169 Abs. 2 Nr. 2 AO 1977) und lief am 31. Dezember 1984 ab. Die Anfechtung des Bescheides vom 2. April 1986 konnte deshalb keine Ablaufhemmung der Festsetzungsfrist mehr bewirken (\u00a7 171 Abs. 3 Satz 2 AO 1977).<\/p>\n<p>2. Etwas anderes gilt auch nicht mit R\u00fccksicht auf \u00a7 174 Abs. 4 Satz 3 AO 1977. Zwar ist der Ablauf der Festsetzungsfrist nach dieser Vorschrift unbeachtlich. Dies gilt jedoch nur dann, wenn die Voraussetzungen des \u00a7 174 Abs. 4 S\u00e4tze 1 oder 2 AO 1977 erf\u00fcllt sind, d.h. wenn aufgrund irriger Beurteilung eines bestimmten Sachverhaltes ein Steuerbescheid ergangen ist, der aufgrund eines Rechtsbehelfs oder sonst auf Antrag des Steuerpflichtigen durch die Finanzbeh\u00f6rde oder durch das FG aufgehoben oder ge\u00e4ndert wird, und aus dem Sachverhalt nachtr\u00e4glich durch Erla\u00df oder \u00c4nderung eines Steuerbescheides die richtigen steuerlichen Folgerungen gezogen werden. Diese Voraussetzungen sind im Streitfall nicht erf\u00fcllt. Unter einem bestimmten Sachverhalt i.S. des \u00a7 174 Abs. 4 Satz 1 AO 1977 ist der einzelne Lebensvorgang zu verstehen, an den das Gesetz steuerliche Folgen kn\u00fcpft (vgl. Beschlu\u00df des Bundesfinanzhofs &#8211; BFH &#8211; vom 6. Dezember 1979 IV B 56\/79, BFHE 130, 1, BStBl II 1980, 314; BFH-Urteile vom 9. Mai 1984 II R 108\/83, BFHE 141, 118, BStBl II 1984, 593; vom 13. Dezember 1984 V R 47\/80, BFHE 143, 9, BStBl II 1985, 282; vom 24. November 1987 IX R 158\/83 BFHE 152, 203, BStBl II 1988, 404; vom 6. M\u00e4rz 1990 VIII R 28\/84, BFHE 160, 140, BStBl II 1990, 558; Tipke\/Kruse, Abgabenordnung-Finanzgerichtsordnung, \u00a7 174 AO 1977 Rdnr. 2; F\u00f6rster in Koch, Abgabenordnung, 3. Aufl., \u00a7 174 Anm. 3\/1; Woerner\/Grube, Die Aufhebung und \u00c4nderung von Steuerverwaltungsakten, 8. Aufl., S. 109; Klein\/Orlopp, Abgabenordnung, 4. Aufl., \u00a7 174 Rdnr. 3). Bezogen auf die Gesellschaftsteuer als eine Rechtsverkehrsteuer ist deshalb Sachverhalt, an den das KVStG 1972 steuerliche Folgen kn\u00fcpft, jede einzelne Form der Eigenkapitalzuf\u00fchrung durch die Gesellschafter an die inl\u00e4ndische Kapitalgesellschaft in tats\u00e4chlicher Hinsicht. So gesehen lag dem Steuerbescheid vom 11. September 1981 der (angebliche) Verzicht der Kommanditisten der Kl\u00e4gerin auf ihnen zustehende Zinsen (Leistung i.S. des \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. b KVStG 1972) als Sachverhalt zugrunde. Selbst wenn man unterstellt, da\u00df das FA diesen Sachverhalt irrig beurteilte, so beruht der Bescheid vom 2. April 1986 nicht auf der richtigen Folgerung i.S. des \u00a7 174 Abs. 4 Satz 1 AO 1977, die aus diesem Sachverhalt nachtr\u00e4glich gezogen wurde. Die richtige Folgerung des FA betrifft vielmehr einen anderen Sachverhalt, n\u00e4mlich den eines Zuschusses i.S. des \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. a KVStG 1972 in tats\u00e4chlicher Hinsicht. Der Forderungsverzicht i.S. des \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. b KVStG 1972 und der Zuschu\u00df i.S. des \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. a KVStG 1972 sind zwei verschiedene Sachverhalte, weil es sich in tats\u00e4chlicher Hinsicht um zwei verschiedene Formen der Eigenkapitalzuf\u00fchrung handelt, die sich tatbestandsm\u00e4\u00dfig nicht \u00fcberschneiden.<\/p>\n<p>3. Die Beurteilung der sog. Darlehenskonten der Kommanditisten als gesamth\u00e4nderisch gebundene Gesellschaftsmittel bzw. als individualisierte Gesellschafterforderungen ist zwar Teil beider Sachverhalte. Deshalb l\u00f6st die irrige Beurteilung des Forderungsverzichts i.S. des \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. b KVStG 1972 jedoch noch nicht die Annahme eines Zuschusses i.S. des \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. a KVStG 1972 aus. Letztere Folgerung kann erst gezogen werden, wenn der irrig beurteilte Sachverhalt um die Tatsache erg\u00e4nzt wird, da\u00df die Gesellschafter im Jahre 1977 freiwillige Zahlungen leisteten. \u00a7 174 Abs. 4 Satz 1 AO 1977 erlaubt jedoch eine solche Sachverhaltserg\u00e4nzung nicht. Die Vorschrift findet nur Anwendung, wenn aus dem Sachverhalt, der der irrigen Beurteilung zugrunde lag, andere steuerliche Folgerungen gezogen werden k\u00f6nnen und m\u00fcssen. Der irrigen Beurteilung unterlag aber nur der (angeblich) in den Jahren 1976 bis 1979 ausgesprochene Forderungsverzicht der Kommanditisten. Daraus ergibt sich nicht der (angeblich) im Jahr 1977 geleistete Zuschu\u00df.<\/p>\n<p>4. Die Ausf\u00fchrungen des FA zum Zusammentreffen von Haupt-, Neben- und Ersatztatbest\u00e4nden der Gesellschaftsteuer liegen neben der Sache. Die angeschnittene Problematik betrifft das Verh\u00e4ltnis verschiedener Besteuerungstatbest\u00e4nde des KVStG 1972 zueinander. Darum geht es im Streitfall nicht. Im Streitfall ist nur der Sachverhaltsbegriff i.S. des \u00a7 174 Abs. 4 Satz 1 AO 1977 zu bestimmen. Es kommt hinzu, da\u00df im Streitfall nur zwei sog. Nebentatbest\u00e4nde i.S. des \u00a7 2 Abs. 1 Nr. 4 KVStG 1972 voneinander abzugrenzen sind. Diese Nebentatbest\u00e4nde m\u00f6gen in rechtlicher Hinsicht miteinander vergleichbar sein. Ihnen liegt deshalb jedoch in tats\u00e4chlicher Hinsicht kein einheitlicher Sachverhalt zugrunde.<\/p>\n<p>5. Der Senat folgt auch nicht der Auffassung des FA, \u00a7 174 Abs. 4 AO 1977 m\u00fcsse im Interesse der materiellen Gerechtigkeit extensiv und ggf. analog ausgelegt werden. Dem steht der in \u00a7 169 Abs. 1 Satz 1 AO 1977 aufgestellte Grundsatz entgegen. Danach ist eine Steuerfestsetzung nicht mehr zul\u00e4ssig, wenn die Festsetzungsfrist abgelaufen ist. Die Unbeachtlichkeit des Ablaufs der Festsetzungsfrist gem\u00e4\u00df \u00a7 174 Abs. 4 Satz 3 AO 1977 ist gegen\u00fcber dem Grundsatz des \u00a7 169 Abs. 1 Satz 1 AO 1977 die Ausnahme. Sie kann nur unter den Voraussetzungen eingreifen, die in der Vorschrift ausdr\u00fccklich genannt sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFH-Urteil vom 22.8.1990 (I R 42\/88) BStBl. 1991 II S. 387 1. Unter einem bestimmten Sachverhalt i.S. des \u00a7 174 Abs. 4 Satz 1 AO 1977 ist der einzelne Lebensvorgang zu verstehen, an den das Gesetz steuerliche Folgen kn\u00fcpft. 2. Bezogen auf die Gesellschaftsteuer ist Sachverhalt, an den das KVStG 1972 steuerliche Folgen kn\u00fcpft, jede &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-22-8-1990-i-r-42_88-bstbl-1991-ii-s-387\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH-Urteil vom 22.8.1990 (I R 42\/88) BStBl.     1991 II S. 387<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-61071","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61071","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=61071"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61071\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=61071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=61071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=61071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}