{"id":64526,"date":"2015-05-15T10:02:18","date_gmt":"2015-05-15T08:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=64526"},"modified":"2015-05-15T10:02:18","modified_gmt":"2015-05-15T08:02:18","slug":"v-b-83-14-zur-schuldhaften-beweisvereitelung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/v-b-83-14-zur-schuldhaften-beweisvereitelung\/","title":{"rendered":"V&nbsp;B&nbsp;83\/14 &#8211; Zur schuldhaften Beweisvereitelung"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 11.3.2015, V B 83\/14<\/p>\n<p class=\"titel\">Zur schuldhaften Beweisvereitelung<\/p>\n<p class=\"tenor\">Tenor<\/p>\n<div>\n<p>Auf die Beschwerde der Kl&auml;gerin wegen Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des S&auml;chsischen Finanzgerichts vom 2. Juni 2014&nbsp;&nbsp;6 K 1308\/13 (Kg) aufgehoben.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Sache wird an das S&auml;chsische Finanzgericht zur&uuml;ckverwiesen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Diesem wird die Entscheidung &uuml;ber die Kosten des Beschwerdeverfahrens &uuml;bertragen.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>I. Die Kl&auml;gerin und Beschwerdef&uuml;hrerin (Kl&auml;gerin) erhielt Kindergeld f&uuml;r ihre Tochter T. Mit Bescheid vom 23.&nbsp;April 2013 hob die Beklagte und Beschwerdegegnerin (die Familienkasse) die Kindergeldfestsetzung auf. Ob die Kl&auml;gerin hiergegen mit Schreiben vom 3.&nbsp;Mai 2013 Einspruch eingelegt hat, ist streitig. Dokumentiert ist in der von der Familienkasse vorgelegten Aktenkopie nur der Eingang eines auf den 6.&nbsp;Juni 2013 datierten Schreibens der Kl&auml;gerin am 11.&nbsp;Juni 2013.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Das Finanzgericht (FG) forderte die Kindergeldkasse am 16.&nbsp;September 2013 zur Vorlage der Akten auf. Die Familienkasse hat daraufhin die in Papierform gef&uuml;hrten Akten gescannt und diese &quot;E-Akte&quot; dem FG zugeleitet. Das FG hat der Familienkasse am 17.&nbsp;November 2013 mitgeteilt, es stehe nicht fest, dass das &uuml;bermittelte Material eine &Uuml;berzeugung zugunsten der Familienkasse erm&ouml;gliche. Gleichwohl hat die Familienkasse die Originalakte vernichtet. Die &quot;E-Akte&quot; wies diverse M&auml;ngel auf und bildete nur einen Teil des Verfahrens ab.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Mit der Klagebegr&uuml;ndung vom 17.&nbsp;Oktober 2013 bot die Kl&auml;gerin Beweis f&uuml;r den rechtzeitig eingelegten Einspruch u.a. durch &quot;Schreiben der Kl&auml;gerin vom 03.05.2013 (Anlage <strong>K&nbsp;1<\/strong>)&quot; an.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Das FG wies die Klage ab, weil die Kl&auml;gerin die fristgerechte Einlegung des Einspruchs nicht bewiesen habe. Aufgrund der M&auml;ngel des Verwaltungsverfahrens und der Vernichtung der Originalakten sei zwar eine Beweislastumkehr zugunsten der Kl&auml;gerin in Betracht zu ziehen. Diese greife im Ergebnis aber nicht durch, weil die Kl&auml;gerin das Schreiben vom 3.&nbsp;Mai 2013 nicht vorgelegt und die angek&uuml;ndigte eidesstattliche Versicherung nicht abgegeben habe.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>II. Die Beschwerde der Kl&auml;gerin ist zul&auml;ssig und begr&uuml;ndet. Sie f&uuml;hrt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur Zur&uuml;ckverweisung des Rechtsstreits zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;6 der Finanzgerichtsordnung (FGO).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Der von der Kl&auml;gerin ordnungsgem&auml;&szlig; (&sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;3 FGO) geltend gemachte Verfahrensmangel liegt vor. Das FG hat das Recht der Kl&auml;gerin auf Gew&auml;hrung rechtlichen Geh&ouml;rs (Art.&nbsp;103 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes, &sect;&nbsp;96 Abs.&nbsp;2 FGO) verletzt, indem es vers&auml;umt hat, die Kl&auml;gerin darauf hinzuweisen, dass das von ihr als &quot;K&nbsp;1&quot; bezeichnete Schriftst&uuml;ck nicht zur FG-Akte gelangt ist. Auf diesem Fehler kann das FG-Urteil beruhen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Nach &sect;&nbsp;96 Abs.&nbsp;2 FGO, der im finanzgerichtlichen Verfahren der Verwirklichung des verfassungsrechtlich garantierten Anspruchs auf rechtliches Geh&ouml;r dient, darf das Urteil nur auf Tatsachen und Beweisergebnisse gest&uuml;tzt werden, zu denen die Beteiligten sich &auml;u&szlig;ern konnten. Aus dieser Vorschrift folgt u.a. das Verbot von &Uuml;berraschungsentscheidungen. Danach darf ein bisher nicht er&ouml;rterter Gesichtspunkt, der dem Rechtsstreit eine Wendung gibt, mit der ein gewissenhafter und kundiger Beteiligter nach dem bisherigen Verlauf des Verfahrens nicht hat rechnen m&uuml;ssen, nicht zur Grundlage der Entscheidung gemacht werden (Urteil des Bundesfinanzhofs &#8211;BFH&#8211; vom 21.&nbsp;August 2007 VII&nbsp;R&nbsp;37\/04, H&ouml;chstrichterliche Finanzrechtsprechung 2008, 254, unter&nbsp;II.; BFH-Beschl&uuml;sse vom 22.&nbsp;Juli 2014 XI&nbsp;B&nbsp;103\/13, BFH\/NV&nbsp;2014, 1761, unter II.2.a und b; vom 1.&nbsp;Februar 2012 VI&nbsp;B&nbsp;71\/11, BFH\/NV 2012, 767, unter Gr&uuml;nde 2.d).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. Eine derartige &Uuml;berraschungsentscheidung liegt hier vor, weil das FG sein Urteil u.a. darauf gest&uuml;tzt hat, dass die Kl&auml;gerin das streitige Schreiben vom 3.&nbsp;Mai 2013 dem FG nicht vorgelegt habe. Die Kl&auml;gerin hat mit der Klagebegr&uuml;ndung vom 17.&nbsp;Oktober 2013 Beweis angeboten durch Vorlage des Schreibens vom 3.&nbsp;Mai 2013 und mit dem Hinweis &quot;Anlage K&nbsp;1&quot; zum Ausdruck gebracht, dass diese Anlage dem Schriftsatz beigef&uuml;gt sei. F&uuml;r das FG war erkennbar, dass die Kl&auml;gerin von der &#8211;unzutreffenden&#8211; Annahme ausging, dass das Schreiben dem FG damit vorliege. Unter diesen Umst&auml;nden durfte das FG sein Urteil nicht (auch) auf die Nichtvorlage des Schreibens vom 3.&nbsp;Mai 2013 st&uuml;tzen, ohne die Kl&auml;gerin zuvor dar&uuml;ber in Kenntnis zu setzen, dass das Schreiben tats&auml;chlich nicht vorlag.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>3. Auf diesem Verfahrensmangel kann die Entscheidung des FG beruhen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>10<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>a) Das FG hat sein Urteil darauf gest&uuml;tzt, dass der Einspruch verfristet war. Die Einspruchsfrist des &sect;&nbsp;355 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) ist nur gewahrt, wenn der Einspruch der Beh&ouml;rde (&sect;&nbsp;357 Abs.&nbsp;2 AO) rechtzeitig zugegangen ist. Daf&uuml;r tr&auml;gt der Einspruchsf&uuml;hrer die Feststellungslast (vgl. BFH-Beschl&uuml;sse vom 24.&nbsp;Juli 2008 VII&nbsp;B&nbsp;41\/08, juris, unter II.1.; vom 21.&nbsp;September 2007 IX&nbsp;B&nbsp;79\/07, BFH\/NV 2008, 22).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>11<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>b) Die Kl&auml;gerin hat den Beweis des rechtzeitigen Zugangs des Schreibens vom 3.&nbsp;Mai 2013 zwar nicht gef&uuml;hrt. Das FG ist aber zutreffend davon ausgegangen, dass eine schuldhafte Beweisvereitelung, die anzunehmen ist, wenn ein Prozessbeteiligter einen Gegenstand vernichtet oder vernichten l&auml;sst, obwohl f&uuml;r ihn erkennbar ist, dass jenem eine Beweisfunktion zukommen kann, oder er dem Gegner auf sonstige Weise die Beweisf&uuml;hrung schuldhaft unm&ouml;glich macht, zu Beweiserleichterungen bis hin zur Umkehr der Beweislast f&uuml;hren kann (BFH-Urteil vom 3.&nbsp;M&auml;rz 2004 X&nbsp;R&nbsp;17\/98, BFH\/NV 2004, 1237, unter II.4.; BFH-Beschluss vom 7.&nbsp;April 2003 V&nbsp;B&nbsp;28\/02, BFH\/NV 2003, 1195, unter II.2.; vgl. auch Urteile des Bundesgerichtshofs vom 24.&nbsp;Januar 2012 II&nbsp;ZR&nbsp;119\/10, Der Betrieb 2012, 794, unter II.2.a; vom 12.&nbsp;M&auml;rz 2007 II&nbsp;ZR&nbsp;315\/05, Neue Juristische Wochenschrift &#8211;NJW&#8211; 2007, 3130, unter II.2.a&nbsp;bb; vom 1.&nbsp;Februar 1994 VI&nbsp;ZR&nbsp;65\/93, NJW 1994, 1594, 1595; vom 15.&nbsp;November 1984 IX&nbsp;ZR&nbsp;157\/83, Zeitschrift f&uuml;r Wirtschaftsrecht 1985, 312, 314, unter II.2.e). Nach den Feststellungen des FG hatte die Familienkasse die Nachvollziehbarkeit des genauen Ablaufs des Verwaltungsverfahrens anhand des Aktenbestandes schuldhaft vereitelt. Das FG hat deshalb zwar eine Umkehr der Beweislast in Betracht gezogen, im Ergebnis aber deshalb nicht angenommen, weil die Kl&auml;gerin das Schreiben vom 3.&nbsp;Mai 2013 nicht vorgelegt und die angek&uuml;ndigte eidesstattliche Versicherung nicht abgegeben habe. Die Entscheidung des FG w&auml;re deshalb m&ouml;glicherweise anders ausgefallen, wenn die Kl&auml;gerin Kenntnis davon erhalten h&auml;tte, dass das Schreiben vom 3.&nbsp;Mai 2013 dem FG tats&auml;chlich nicht vorlag und es dem FG noch rechtzeitig vorgelegt h&auml;tte.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>12<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>4. Die Kostenentscheidung beruht auf &sect;&nbsp;143 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p> <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 11.3.2015, V B 83\/14 Zur schuldhaften Beweisvereitelung Tenor Auf die Beschwerde der Kl&auml;gerin wegen Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des S&auml;chsischen Finanzgerichts vom 2. Juni 2014&nbsp;&nbsp;6 K 1308\/13 (Kg) aufgehoben. Die Sache wird an das S&auml;chsische Finanzgericht zur&uuml;ckverwiesen. Diesem wird die Entscheidung &uuml;ber die Kosten des Beschwerdeverfahrens &uuml;bertragen. 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