{"id":65102,"date":"2015-11-06T17:04:05","date_gmt":"2015-11-06T15:04:05","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=65102"},"modified":"2015-11-06T17:04:05","modified_gmt":"2015-11-06T15:04:05","slug":"vi-r-77-12-telefoninterviewer-als-arbeitnehmer-revisibilitaet-der-beweiswuerdigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/vi-r-77-12-telefoninterviewer-als-arbeitnehmer-revisibilitaet-der-beweiswuerdigung\/","title":{"rendered":"VI&nbsp;R&nbsp;77\/12 &#8211; Telefoninterviewer als Arbeitnehmer, Revisibilit&auml;t der Beweisw&uuml;rdigung"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Urteil vom 18.6.2015, VI R 77\/12<\/p>\n<p class=\"titel\">Telefoninterviewer als Arbeitnehmer, Revisibilit&auml;t der Beweisw&uuml;rdigung<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Leits&auml;tze<\/p>\n<div>\n<p>1. Die Frage, ob eine T&auml;tigkeit selbst&auml;ndig oder nichtselbst&auml;ndig ausge&uuml;bt wird, ist anhand einer Vielzahl in Betracht kommender Merkmale nach dem Gesamtbild der Verh&auml;ltnisse zu beurteilen. In diese Gesamtw&uuml;rdigung ist auch einzubeziehen, wie das der Besch&auml;ftigung zugrunde liegende Vertragsverh&auml;ltnis ausgestaltet worden ist, sofern die Vereinbarungen ernsthaft gewollt und tats&auml;chlich durchgef&uuml;hrt worden sind (Best&auml;tigung der st&auml;ndigen Senatsrechtsprechung, Urteil vom 14. Juni 1985 VI R 150-152\/82, BFHE 144, 225, BStBl II 1985, 661).<\/p>\n<\/p>\n<p>2. Diese Gesamtw&uuml;rdigung ist als eine im Wesentlichen auf tatrichterlichem Gebiet liegende Beurteilung revisionsrechtlich nur begrenzt &uuml;berpr&uuml;fbar. Allerdings ist die Gesamtw&uuml;rdigung materiell-rechtlich fehlerhaft, wenn die Tatsacheninstanz die ma&szlig;geblichen Umst&auml;nde nicht vollst&auml;ndig oder ihrer Bedeutung entsprechend in ihre &Uuml;berzeugungsbildung einbezieht.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"tenor\">Tenor<\/p>\n<div>\n<p>Auf die Revision der Kl&auml;gerin wird das Urteil des Finanzgerichts K&ouml;ln vom 14. M&auml;rz 2012&nbsp;&nbsp;2 K 476\/06 aufgehoben.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Sache wird an das Finanzgericht K&ouml;ln zur&uuml;ckverwiesen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Diesem wird die Entscheidung &uuml;ber die Kosten des Revisionsverfahrens &uuml;bertragen.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>I. Streitig ist im Rahmen der &Uuml;berpr&uuml;fung der Rechtm&auml;&szlig;igkeit eines Lohnsteuerhaftungsbescheids, ob Telefoninterviewer als Arbeitnehmer nichtselbst&auml;ndig t&auml;tig waren.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Kl&auml;gerin und Revisionskl&auml;gerin (Kl&auml;gerin) betreibt ein Unternehmen im Bereich der Markt- und Meinungsforschung. F&uuml;r sie waren im streitigen Zeitraum (Januar 1998 bis September 2002) u.a. zwischen 450 und 620 Interviewer t&auml;tig, die Befragungen per Telefon durchf&uuml;hrten.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Kl&auml;gerin stellte dazu den Telefoninterviewern in A 60 und in B 40 Computerarbeitspl&auml;tze in B&uuml;ror&auml;umen zur Verf&uuml;gung. Dort f&uuml;hrten die Telefoninterviewer die Interviews. Grundlage waren vorgegebene, an den Bildschirmen angezeigte Frageb&ouml;gen, die Antworten wurden im Computersystem erfasst. Interviews dauerten, teilweise von einem sog. Supervisor &uuml;berwacht, zwischen f&uuml;nf und 25 Minuten. Die Interviewer waren zumeist in Zeitbl&ouml;cken von je vier Stunden t&auml;tig. Vertragliche Grundlage der T&auml;tigkeit war jeweils eine mit den Interviewern abgeschlossene sog. Rahmenvereinbarung; deren &sect;&nbsp;1 regelte, dass der Interviewer als freier Mitarbeiter t&auml;tig sei, sich die T&auml;tigkeit nach dem Einzelauftrag richte und Honorarh&ouml;he, Arbeitsumfang und Ablieferungstermin umfasse. &sect;&nbsp;2 regelte, dass die T&auml;tigkeit eine freiberufliche Nebent&auml;tigkeit f&uuml;r das Markt&#8211; und Meinungsforschungsinstitut sei, der freie Mitarbeiter die vorgeschlagenen Interviewzeiten ablehnen k&ouml;nne und auch keinen zeitlichen Bindungen unterliege. In sp&auml;teren Fassungen der Vereinbarung war auch noch ausdr&uuml;cklich geregelt, dass der Interviewer sich f&uuml;r die Annahme von Auftr&auml;gen nicht bereithalten m&uuml;sse, es keine Einsatzpl&auml;ne gebe und zu den &Ouml;ffnungszeiten beliebig kommen und gehen k&ouml;nne; Arbeitszeiten gebe es nicht, die vom Institut angegebenen Termine seien nur f&uuml;r &uuml;bernommene Auftr&auml;ge einzuhalten. Weiter regelte die Rahmenvereinbarung, dass die im Einzelfall durchzuf&uuml;hrenden Interviews ein einheitliches Werk i.S. des &sect;&nbsp;631 des B&uuml;rgerlichen Gesetzbuchs seien. Die Honorare waren danach f&uuml;r jeden Einzelauftrag gesondert vereinbart und vom freien Mitarbeiter monatlich in Rechnung zu stellen. Der Ablauf des Interviews richtete sich nach festen durch ein Computerprogramm vorgegebenen Regeln.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Kl&auml;gerin qualifizierte die Telefoninterviewer als selbst&auml;ndig T&auml;tige und behielt deshalb f&uuml;r die ausgezahlten Honorare weder Lohnsteuer noch Sozialversicherungsbeitr&auml;ge ein.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Der Beklagte und Revisionsbeklagte (das Finanzamt &#8211;FA&#8211;) qualifizierte dagegen nach einer Lohnsteuer-Au&szlig;enpr&uuml;fung die f&uuml;r die Kl&auml;gerin t&auml;tigen Telefoninterviewer als Arbeitnehmer und erlie&szlig; einen entsprechenden Haftungsbescheid &uuml;ber Lohnsteuer nebst Annexsteuern. Der Einspruch dagegen blieb insoweit erfolglos.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Klage war aus den in Entscheidungen der Finanzgerichte (EFG) 2012, 1650 ver&ouml;ffentlichen Gr&uuml;nden nur teilweise erfolgreich. Das Finanzgericht (FG) gelangte in Bezug auf die im Revisionsverfahren allein noch streitige Haftungsinanspruchnahme f&uuml;r die T&auml;tigkeit der Telefoninterviewer zu der Auffassung, dass die Telefoninterviewer Arbeitnehmer seien.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Kl&auml;gerin r&uuml;gt die Verletzung materiellen und formellen Rechts.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Sie beantragt,<br \/>das Urteil des FG K&ouml;ln vom 14.&nbsp;M&auml;rz 2012&nbsp;&nbsp;2&nbsp;K&nbsp;476\/06, den Haftungsbescheid &uuml;ber Lohnsteuer, Solidarit&auml;tszuschlag und Kirchensteuer f&uuml;r den Zeitraum vom 1.&nbsp;Januar 1998 bis 30.&nbsp;September 2002 vom 10.&nbsp;Februar 2003 in Gestalt des &Auml;nderungsbescheids vom 14.&nbsp;Dezember 2005 sowie die dazu ergangene Einspruchsentscheidung vom 4.&nbsp;Januar 2006 aufzuheben.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Das FA beantragt,<br \/>die Revision zur&uuml;ckzuweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>10<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>II. Die Revision der Kl&auml;gerin ist begr&uuml;ndet. Sie f&uuml;hrt zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Zur&uuml;ckverweisung der Sache an das FG zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung (&sect;&nbsp;126 Abs.&nbsp;3 Satz 1 Nr.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung &#8211;FGO&#8211;). Die Gesamtw&uuml;rdigung des FG ber&uuml;cksichtigt nicht vollst&auml;ndig die ma&szlig;geblichen Umst&auml;nde, die f&uuml;r und gegen das Vorliegen eines Arbeitsverh&auml;ltnisses sprechen. Dies stellt einen materiell-rechtlichen Fehler dar. Das FG wird deshalb im zweiten Rechtsgang unter Einbeziehung aller entscheidungserheblichen Umst&auml;nde nach Ma&szlig;gabe der Urteilsgr&uuml;nde erneut den Sachverhalt zu w&uuml;rdigen haben.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>11<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Nach &sect;&nbsp;42d Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 i.V.m. &sect;&nbsp;38 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1 des Einkommensteuergesetzes (EStG) haftet der Arbeitgeber f&uuml;r die Lohnsteuer, die er f&uuml;r Rechnung des Arbeitnehmers bei jeder Lohnzahlung vom Arbeitslohn einzubehalten und abzuf&uuml;hren hat. Zum Arbeitslohn rechnen nach &sect;&nbsp;19 Abs.&nbsp;1 Satz 1 Nr.&nbsp;1 EStG u.a. Bez&uuml;ge und Vorteile, die f&uuml;r eine Besch&auml;ftigung im &ouml;ffentlichen oder privaten Dienst gew&auml;hrt werden. Gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;1 Abs.&nbsp;2 S&auml;tze 1 und 2 der Lohnsteuer-Durchf&uuml;hrungsverordnung (i.V.m. &sect;&nbsp;51 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;a EStG), die nach st&auml;ndiger Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH) den Arbeitnehmerbegriff zutreffend auslegen, liegt ein Dienstverh&auml;ltnis vor, wenn der Angestellte (Besch&auml;ftigte) dem Arbeitgeber seine Arbeitskraft schuldet.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>12<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Dies ist der Fall, wenn die t&auml;tige Person in der Bet&auml;tigung ihres gesch&auml;ftlichen Willens unter der Leitung des Arbeitgebers steht oder im gesch&auml;ftlichen Organismus des Arbeitgebers dessen Weisungen zu folgen verpflichtet ist (Senatsurteile vom 14.&nbsp;Juni 1985 VI&nbsp;R&nbsp;150-152\/82, BFHE 144, 225, BStBl II 1985, 661; vom 20.&nbsp;November 2008 VI&nbsp;R&nbsp;4\/06, BFHE 223, 425, BStBl II 2009, 374; jeweils m.w.N.).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>13<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Unter Beachtung dieser Bestimmung beurteilt sich die Frage, wer Arbeitnehmer ist, nach dem Gesamtbild der Verh&auml;ltnisse. Der erkennende Senat hat in seinem Urteil in BFHE 144, 225, BStBl II 1985, 661 zahlreiche Kriterien (Indizien) beispielhaft aufgef&uuml;hrt, die im Rahmen dieser W&uuml;rdigung nach dem Gesamtbild der Verh&auml;ltnisse f&uuml;r die Abgrenzung Bedeutung haben k&ouml;nnen und im konkreten Einzelfall jeweils zu gewichten und gegeneinander abzuw&auml;gen sind. Diese Indizien stehen allerdings nicht f&uuml;r sich allein. Denn in die W&uuml;rdigung ist insbesondere auch einzubeziehen, wie das der Besch&auml;ftigung zugrunde liegende Vertragsverh&auml;ltnis ausgestaltet worden ist, sofern die Vereinbarungen ernsthaft gewollt und tats&auml;chlich durchgef&uuml;hrt worden sind. Darauf hat der erkennende Senat bereits in seinem Urteil in BFHE 144, 225, BStBl II 1985, 661 ausdr&uuml;cklich hingewiesen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>14<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. Gemessen daran h&auml;lt die Vorentscheidung revisionsrechtlicher &Uuml;berpr&uuml;fung nicht stand. Es ist zwar eine im Wesentlichen vom FG als Tatsacheninstanz im Rahmen einer Gesamtw&uuml;rdigung zu entscheidende Frage, ob nach dem Gesamtbild der Verh&auml;ltnisse eine T&auml;tigkeit selbst&auml;ndig oder nichtselbst&auml;ndig ausge&uuml;bt wird. Dementsprechend ist die im Wesentlichen auf tatrichterlichem Gebiet liegende Beurteilung revisionsrechtlich nur begrenzt &uuml;berpr&uuml;fbar (Senatsurteil in BFHE 223, 425, BStBl II 2009, 374, II.1.a, m.w.N.). Es stellt allerdings einen materiell-rechtlichen Fehler dar, wenn die Tatsacheninstanz die nach der Rechtsprechung des BFH ma&szlig;geblichen Umst&auml;nde nicht vollst&auml;ndig oder ihrer Bedeutung entsprechend in ihre &Uuml;berzeugungsbildung einbezieht. Eine solche Gesamtw&uuml;rdigung des FG ist rechtsfehlerhaft; sie bindet den Senat dementsprechend auch nicht gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;118 Abs.&nbsp;2 FGO (Senatsurteile vom 28.&nbsp;M&auml;rz 2012 VI&nbsp;R&nbsp;87\/10, BFHE 236, 553, BStBl II 2012, 800; vom 20.&nbsp;Mai 2010 VI&nbsp;R&nbsp;12\/08, BFHE 230, 136, BStBl II 2010, 1069).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>15<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>So liegt der Fall hier. Denn in der W&uuml;rdigung des FG fehlen wichtige Aspekte, die geeignet sind, die tatrichterliche Gesamtw&uuml;rdigung zu beeinflussen. Dar&uuml;ber hinaus sind entscheidende Gesichtspunkte nicht ihrer Bedeutung entsprechend in die Abw&auml;gung eingeflossen. Angesichts dessen ist die vom FG angestellte Gesamtw&uuml;rdigung rechtsfehlerhaft. Die Vorentscheidung ist deshalb aufzuheben und die Sache an das FG zur&uuml;ckzuverweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>16<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>a) Vereinbaren die Vertragsparteien eine Verg&uuml;tung auf der Basis von Erfolgshonoraren, ist dies ein wesentliches Indiz daf&uuml;r, dass kein lohnsteuerrechtlich erhebliches Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis vorliegt, sofern diese Vereinbarung den tats&auml;chlichen Verh&auml;ltnissen nicht widerspricht. Diesen Umstand hat das FG nur unzureichend ber&uuml;cksichtigt. Das FG hat ein Unternehmerrisiko der Interviewer damit verneint, dass die Kl&auml;gerin faktisch &quot;ein begrenzt variables Stundenhonorar&quot; gezahlt habe. Eine solche W&uuml;rdigung verkennt indessen bereits, dass Stundenhonorare auch im Rahmen von selbst&auml;ndigen und gewerblichen T&auml;tigkeiten durchaus &uuml;blich sind. So rechnen etwa selbst&auml;ndig t&auml;tige Handwerker ihre Leistungen regelm&auml;&szlig;ig auf Stundenbasis ab und auch selbst&auml;ndig t&auml;tige Rechtsanw&auml;lte stellen Honorare auf Stundenbasis in Rechnung (Senatsurteil in BFHE 144, 225, BStBl II 1985, 661). Die Erw&auml;gung des FG, ein ma&szlig;gebliches Unternehmerrisiko sei nicht darin zu sehen, dass es die jeweiligen Interviewer nach Ma&szlig;gabe des Rahmenhonorars in der Hand gehabt h&auml;tten, durch mehr Befragungen pro Zeiteinheit ihr Honorar zu steigern, ber&uuml;cksichtigt nicht hinreichend, dass auch andere zweifelsohne selbst&auml;ndig T&auml;tige ihre Eink&uuml;nfte ebenfalls nur durch entsprechend z&uuml;gigere oder zus&auml;tzliche Arbeit steigern k&ouml;nnen, etwa wenn es branchen- oder orts&uuml;bliche Stundenhonorars&auml;tze gibt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>17<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>b) Nicht nachvollziehbar ist die W&uuml;rdigung des FG, nach der das festgestellte Risiko eines m&ouml;glichen Honorarausfalls bei einem Interviewabbruch kein Unternehmerrisiko darstelle. Denn ein m&ouml;glicher Honorarausfall entspricht der typischen wirtschaftlichen Situation eines selbst&auml;ndig T&auml;tigen, findet sich dagegen praktisch nicht bei Arbeitnehmern. Das mithin gegebene Unternehmerrisiko entf&auml;llt auch nicht dadurch, dass nach den Feststellungen der Vorinstanz in rund 90&nbsp;% der F&auml;lle die Interviews zu Ende gef&uuml;hrt worden waren. Denn dies bedeutet zugleich, dass in 10&nbsp;% der F&auml;lle das Honorar ausgefallen war und es damit zu einem f&uuml;r Arbeitnehmer untypischen Verg&uuml;tungsausfall kam.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>18<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>c) Rechtsfehlerhaft hat das FG im Rahmen seiner W&uuml;rdigung des Merkmals Unternehmerrisiko auch nicht die Rechtsprechung des erkennenden Senats ber&uuml;cksichtigt, dass dann, wenn &#8211;wie im hier gegebenen Streitfall&#8211; Auftragnehmer im Falle einer Erkrankung oder Urlaubsabwesenheit keine Auftr&auml;ge ausf&uuml;hren und keine Einnahmen erzielen k&ouml;nnen, typischerweise keine Arbeitnehmert&auml;tigkeit vorliegt (Senatsurteil in BFHE 144, 225, BStBl II 1985, 661). Entsprechendes gilt, wenn die Mitarbeiter &#8211;wie im Streitfall&#8211; dar&uuml;ber hinaus sogar die M&ouml;glichkeit hatten, Auftr&auml;ge abzulehnen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die betreffenden Mitarbeiter von dieser M&ouml;glichkeit in gro&szlig;em Umfang Gebrauch gemacht haben. Entscheidend ist vielmehr, ob sich dies aus den getroffenen Vereinbarungen ergibt und diese so tats&auml;chlich auch vollzogen werden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>19<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>d) Des Weiteren l&auml;sst sich ein fehlendes Unternehmerrisiko entgegen der Auffassung des FG nicht daraus ableiten, dass die Interviewer nach der Rahmenvereinbarung ausschlie&szlig;lich im Rahmen einer Nebent&auml;tigkeit, also in nur geringem zeitlichen Umfang arbeiten sollten. Denn der Umfang des wirtschaftlichen Risikos richtet sich nicht nach dem Verh&auml;ltnis der tats&auml;chlichen zu der maximal m&ouml;glichen gesamten Wochen- oder Monatsarbeitszeit; dementsprechend tr&auml;gt auch ein ganzt&auml;gig Besch&auml;ftigter nicht allein deshalb ein Unternehmerrisiko, weil er in Vollzeit t&auml;tig ist. Es ist im Streitfall auch nichts dazu festgestellt, dass die Kl&auml;gerin arbeitgeber&auml;hnlich ein wirtschaftliches Risiko der Interviewer aufgefangen h&auml;tte. Zudem spricht ein geringer zeitlicher Umfang einer T&auml;tigkeit nach der Rechtsprechung des Senats eher f&uuml;r eine selbst&auml;ndige als f&uuml;r eine nichtselbst&auml;ndige T&auml;tigkeit, weil in den F&auml;llen, in denen der Auftragnehmer jeweils nur kurz mit dem Betrieb des Auftragsgebers in Ber&uuml;hrung kommt, die Eingliederung in den Betrieb fehlen kann (so schon Senatsurteil in BFHE 144, 225, BStBl II 1985, 661, m.w.N.).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>20<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>e) Auch die W&uuml;rdigung, dass die Nichtgew&auml;hrung von Sozialleistungen, insbesondere die Nichtgew&auml;hrung von Lohnfortzahlungen im Urlaubs- und im Krankheitsfall nicht f&uuml;r die Selbst&auml;ndigkeit der Interviewer spreche, weil die Interviewer nur in Teilzeit im Rahmen einer Nebent&auml;tigkeit besch&auml;ftigt gewesen seien, findet in der bisherigen Rechtsprechung des erkennenden Senats keine Grundlage. Vielmehr hat der erkennende Senat die Merkmale Urlaubsanspruch, Anspruch auf sonstige Sozialleistungen und Anspruch auf Fortzahlung der Bez&uuml;ge im Krankheitsfall als Merkmale, die f&uuml;r eine Arbeitnehmereigenschaft sprechen, beurteilt (Senatsurteil in BFHE 144, 225, BStBl II 1985, 661); das entspricht auch der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (Urteil vom 30.&nbsp;Oktober 2013 B&nbsp;12&nbsp;KR&nbsp;17\/11&nbsp;R, juris, Rz&nbsp;27 der Gr&uuml;nde).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>21<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>3. Nachdem die Revision aus materiellen Gr&uuml;nden zur Aufhebung der Vorentscheidung f&uuml;hrt, kann offenbleiben, ob dem FG die von der Revision ger&uuml;gten Verfahrensfehler unterlaufen sind (dazu Senatsurteil vom 11.&nbsp;Februar 2010 VI&nbsp;R&nbsp;65\/08, BFHE 228, 421, BStBl II 2010, 628, m.w.N.). Dies gilt auch im Hinblick auf das Revisionsvorbringen, dass das FG gegen Art.&nbsp;103 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes versto&szlig;en habe, indem es der Kl&auml;gerin keine Gelegenheit gegeben habe, sich zu dem Inhalt der Sch&auml;tzung zu &auml;u&szlig;ern, wonach 40&nbsp;% der Interviewer der Lohnsteuerklasse I und 10&nbsp;% der Lohnsteuerklasse VI unterlegen h&auml;tten, dass 40&nbsp;% ihre Zahlungen bereits versteuert h&auml;tten und 10&nbsp;% als geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigte anzusehen seien. Entsprechendes gilt f&uuml;r das Vorbringen der Kl&auml;gerin, dass es f&uuml;r die vom FG gew&auml;hlte Aufteilung keinerlei tats&auml;chliche Grundlagen gebe, das FG diese Aufteilung auch in keiner Weise begr&uuml;ndet habe und deshalb das Urteil insoweit keine Begr&uuml;ndung enthalte. Zur Frage der Darlegung und Begr&uuml;ndung einer Sch&auml;tzung verweist der Senat auf sein Urteil vom 29.&nbsp;Mai 2008 VI&nbsp;R&nbsp;11\/07 (BFHE 221, 182, BStBl II 2008, 933) zu einem vergleichbaren Fall. Danach m&uuml;ssen die Sch&auml;tzergebnisse schl&uuml;ssig, wirtschaftlich m&ouml;glich und vern&uuml;nftig sein. Weiter muss die finanzgerichtliche Entscheidung in einer f&uuml;r die Revisionsinstanz nachpr&uuml;fbaren Weise erkennen lassen, dass die finanzgerichtliche Sch&auml;tzung den Anforderungen an eine m&ouml;glichst wirklichkeitsnahe Sch&auml;tzung entspricht.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>22<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>4. Die &Uuml;bertragung der Kostenentscheidung auf das FG folgt aus &sect;&nbsp;143 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p> <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Urteil vom 18.6.2015, VI R 77\/12 Telefoninterviewer als Arbeitnehmer, Revisibilit&auml;t der Beweisw&uuml;rdigung Leits&auml;tze 1. Die Frage, ob eine T&auml;tigkeit selbst&auml;ndig oder nichtselbst&auml;ndig ausge&uuml;bt wird, ist anhand einer Vielzahl in Betracht kommender Merkmale nach dem Gesamtbild der Verh&auml;ltnisse zu beurteilen. In diese Gesamtw&uuml;rdigung ist auch einzubeziehen, wie das der Besch&auml;ftigung zugrunde liegende Vertragsverh&auml;ltnis ausgestaltet worden &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/vi-r-77-12-telefoninterviewer-als-arbeitnehmer-revisibilitaet-der-beweiswuerdigung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">VI&nbsp;R&nbsp;77\/12 &#8211; Telefoninterviewer als Arbeitnehmer, Revisibilit&auml;t der Beweisw&uuml;rdigung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-65102","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65102","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65102"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65102\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}