{"id":65144,"date":"2015-11-06T17:06:26","date_gmt":"2015-11-06T15:06:26","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=65144"},"modified":"2015-11-06T17:06:26","modified_gmt":"2015-11-06T15:06:26","slug":"vi-r-51-14-aenderung-von-steuerbescheiden-neue-tatsachen-is-des-par-173-abs-1-nr-1-ao-und-unlautere-mittel-is-des-par-172-abs-1-satz-1-nr-2-buchst-c-ao-definition-der-arglistigen-taeuschung-abweichend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/vi-r-51-14-aenderung-von-steuerbescheiden-neue-tatsachen-is-des-par-173-abs-1-nr-1-ao-und-unlautere-mittel-is-des-par-172-abs-1-satz-1-nr-2-buchst-c-ao-definition-der-arglistigen-taeuschung-abweichend\/","title":{"rendered":"VI&nbsp;R&nbsp;51\/14 &#8211; &Auml;nderung von Steuerbescheiden: Neue Tatsachen i.S. des &sect; 173 Abs. 1 Nr. 1 AO und unlautere Mittel i.S. des &sect; 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c AO &#8211; Definition der &quot;arglistigen T&auml;uschung&quot; &#8211; Abweichende rechtliche W&uuml;rdigung hinsichtlich der lohnsteuerlichen Behandlung einer Einzahlung in eine Direktversicherung"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Urteil vom 8.7.2015, VI R 51\/14<\/p>\n<p class=\"titel\">&Auml;nderung von Steuerbescheiden: Neue Tatsachen i.S. des &sect; 173 Abs. 1 Nr. 1 AO und unlautere Mittel i.S. des &sect; 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c AO &#8211; Definition der &quot;arglistigen T&auml;uschung&quot; &#8211; Abweichende rechtliche W&uuml;rdigung hinsichtlich der lohnsteuerlichen Behandlung einer Einzahlung in eine Direktversicherung<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Leits&auml;tze<\/p>\n<div>\n<p>Hat der Steuerpflichtige dem FA den f&uuml;r die Besteuerung ma&szlig;geblichen Sachverhalt im Veranlagungsverfahren vollst&auml;ndig offengelegt, handelt er nicht arglistig und bedient sich auch nicht sonstiger unlauterer Mittel i.S. des &sect; 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c AO, wenn er sich im Einspruchsverfahren weiterhin auf Angaben in der Lohnsteuerbescheinigung bezieht, denen nach Auffassung des FA eine unzutreffende rechtliche W&uuml;rdigung des Arbeitgebers zugrunde liegt.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"tenor\">Tenor<\/p>\n<div>\n<p>Die Revision des Beklagten gegen das Urteil des Finanzgerichts des Landes Sachsen-Anhalt vom 2. Juli 2014&nbsp;&nbsp;2 K 716\/11 wird als unbegr&uuml;ndet zur&uuml;ckgewiesen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat der Beklagte zu tragen.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>I. Streitig ist, ob der bestandskr&auml;ftige Einkommensteuerbescheid 2007 vom 4.&nbsp;Februar 2009 h&auml;tte ge&auml;ndert werden d&uuml;rfen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Kl&auml;ger und Revisionsbeklagten (Kl&auml;ger) sind Ehegatten und wurden f&uuml;r das Streitjahr zusammen zur Einkommensteuer veranlagt. Die Kl&auml;gerin war im Streitjahr vom 1.&nbsp;Januar bis zum 30.&nbsp;Juni bei der Wohnungsbaugesellschaft A mbH (A) und vom 1.&nbsp;Juli bis zum 31.&nbsp;Dezember bei der Steuerberaterin B (B) besch&auml;ftigt. In ihrer gemeinsamen Einkommensteuererkl&auml;rung erkl&auml;rten die Kl&auml;ger in der Anlage N zu den Eink&uuml;nften der Kl&auml;gerin aus nichtselbst&auml;ndiger Arbeit einen Bruttoarbeitslohn in H&ouml;he von .\/.&nbsp;20.201&nbsp;EUR und Entsch&auml;digungen in H&ouml;he von 174.034&nbsp;EUR. Die Arbeitgeber der Kl&auml;gerin &uuml;bermittelten dem Beklagten und Revisionskl&auml;ger (Finanzamt &#8211;FA&#8211;) elektronisch f&uuml;r die Zeit vom 1.&nbsp;Januar bis zum 30.&nbsp;Juni 2007 einen Bruttoarbeitslohn von .\/.&nbsp;26.980,08&nbsp;EUR und einen erm&auml;&szlig;igt besteuerten Arbeitslohn in H&ouml;he von 174.034,28&nbsp;EUR und vom 1.&nbsp;Juli bis zum 31.&nbsp;Dezember 2007 einen Bruttoarbeitslohn in H&ouml;he von 6.920&nbsp;EUR.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Nachdem das FA die Kl&auml;ger aufgefordert hatte, Unterlagen zur Berechnung und Zahlungsweise des erm&auml;&szlig;igt besteuerten Arbeitslohns der Kl&auml;gerin und eine Aufstellung einzureichen, aus der sich der negative Bruttoarbeitslohn der Kl&auml;gerin ergebe, reichten die Kl&auml;ger mit Schriftsatz vom 23.&nbsp;September 2008 einen Aufhebungsvertrag der Kl&auml;gerin mit der A vom 6.&nbsp;Juni 2007 ein. Danach sollte die Kl&auml;gerin aus Anlass der Aufl&ouml;sung des Arbeitsverh&auml;ltnisses zum 30.&nbsp;Juni 2007 eine Abfindung in H&ouml;he von 174.034,28&nbsp;EUR erhalten, von der ein Teilbetrag in H&ouml;he von 50.017&nbsp;EUR in eine Direktversicherung f&uuml;r die Kl&auml;gerin einbezahlt werden sollte. Des Weiteren reichten die Kl&auml;ger eine Bescheinigung der A vom 19.&nbsp;September 2008 mit einer &quot;Aufstellung der bescheinigten Summe in der Lohnsteuerbescheinigung Zeile&nbsp;3&quot; ein. Danach hatte die A bei der Berechnung des in Zeile&nbsp;3 der Lohnsteuerbescheinigung eingetragenen Bruttoarbeitslohns die &quot;Einzahlung aus Abfindung in Direktversicherung&quot; in H&ouml;he von 50.017&nbsp;EUR als Abzugsposten ber&uuml;cksichtigt und gelangte so zu einem Wert in H&ouml;he von .\/.&nbsp;26.980,08&nbsp;EUR.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Mit Einkommensteuerbescheid vom 25.&nbsp;November 2008 setzte daraufhin das FA die Einkommensteuer fest. In den Erl&auml;uterungen wies das FA darauf hin, dass der Bruttoarbeitslohn der Kl&auml;gerin 29.956&nbsp;EUR betrage. Der Betrag f&uuml;r die Direktversicherung in H&ouml;he von 50.017&nbsp;EUR sei nach &sect;&nbsp;3 Nr.&nbsp;63 des Einkommensteuergesetzes (EStG) steuerfrei und von der Abfindung abzuziehen, so dass 124.017&nbsp;EUR als erm&auml;&szlig;igt besteuerter Arbeitslohn zu ber&uuml;cksichtigen seien. Ein Abzug des steuerfreien Betrags vom Bruttoarbeitslohn sei nicht vorzunehmen, da die Zahlungen im Rahmen der Aufl&ouml;sung des Dienstverh&auml;ltnisses erfolgt und auch von der vereinbarten Abfindung einbehalten worden seien.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Dagegen legten die Kl&auml;ger Einspruch ein, den sie damit begr&uuml;ndeten, dass die Kl&auml;gerin eine Abfindung in H&ouml;he von 174.034,28&nbsp;EUR erhalten habe, die nach R&nbsp;34.1 der Einkommensteuer-Richtlinie zu ber&uuml;cksichtigen sei. Hierzu reichten sie eine Berechnung der Einkommensteuer, des Solidarit&auml;tszuschlags und der Kirchensteuer ein, in der sie f&uuml;r die Kl&auml;gerin einen Bruttoarbeitslohn in H&ouml;he von .\/.&nbsp;20.061&nbsp;EUR und einen erm&auml;&szlig;igt besteuerten Arbeitslohn in H&ouml;he von 174.034&nbsp;EUR ansetzten. Eine andere Sachbearbeiterin des FA half dem Einspruch mit &Auml;nderungsbescheid vom 4.&nbsp;Februar 2009 ab.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Am 14.&nbsp;Mai 2009 stellte das FA im Rahmen einer bei der A durchgef&uuml;hrten Lohnsteuer-Au&szlig;enpr&uuml;fung fest, dass durch eine falsche Lohnsteuerverschl&uuml;sselung Beitr&auml;ge zur Direktversicherung nicht mit der Abfindung, sondern mit dem Bruttoarbeitslohn verrechnet worden waren. Dadurch wurde auf der elektronischen Lohnsteuerbescheinigung ein negativer Bruttoarbeitslohn ausgewiesen. Tats&auml;chlich h&auml;tte A einen Bruttoarbeitslohn in H&ouml;he von 23.036,92&nbsp;EUR und eine Abfindung in H&ouml;he von 124.017,28&nbsp;EUR bescheinigen m&uuml;ssen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Daraufhin erlie&szlig; das FA am 8.&nbsp;April 2010 einen nach &sect;&nbsp;173 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) ge&auml;nderten Einkommensteuerbescheid und ber&uuml;cksichtigte dabei &#8211;wie im urspr&uuml;nglichen Bescheid vom 25.&nbsp;November 2008&#8211; einen Bruttoarbeitslohn der Kl&auml;gerin in H&ouml;he von 29.956&nbsp;EUR und eine Entsch&auml;digung in H&ouml;he von 124.017&nbsp;EUR.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Der hiergegen erhobenen Klage gab das Finanzgericht (FG) statt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<blockquote><\/blockquote>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table style=\"margin-left:18\"pt>\n<tr>\n<td>Mit der Revision r&uuml;gt das FA die Verletzung materiellen Rechts.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>10<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Es beantragt,<br \/>das Urteil des FG aufzuheben und die Klage abzuweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>11<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Kl&auml;ger beantragen,<br \/>die Revision zur&uuml;ckzuweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>12<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>II. Die Revision ist unbegr&uuml;ndet und daher nach &sect;&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) zur&uuml;ckzuweisen. Das FG hat zu Recht entschieden, dass der bestandskr&auml;ftige Einkommensteuerbescheid 2007 vom 4.&nbsp;Februar 2009 weder nach &sect;&nbsp;173 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO noch nach &sect;&nbsp;172 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 Buchst.&nbsp;c AO ge&auml;ndert werden durfte.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>13<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Nach &sect;&nbsp;173 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO sind Steuerbescheide aufzuheben oder zu &auml;ndern, soweit Tatsachen oder Beweismittel nachtr&auml;glich bekannt werden, die zu einer h&ouml;heren Steuer f&uuml;hren.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>14<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>a) Tatsache i.S. des &sect;&nbsp;173 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO ist jeder Lebenssachverhalt, der Merkmal oder Teilst&uuml;ck eines gesetzlichen Tatbestands sein kann, also Zust&auml;nde, Vorg&auml;nge, Beziehungen, Eigenschaften materieller oder immaterieller Art (st&auml;ndige Rechtsprechung, z.B. Senatsbeschluss vom 18.&nbsp;Dezember 2014 VI&nbsp;R&nbsp;21\/13, BFHE 248, 116; Urteil des Bundesfinanzhofs &#8211;BFH&#8211; vom 19.&nbsp;Februar 2013 IX&nbsp;R&nbsp;24\/12, BFHE 240, 265, BStBl II 2013, 484, m.w.N., und BFH-Beschluss vom 19.&nbsp;Oktober 2011 X&nbsp;R&nbsp;29\/10, BFH\/NV 2012, 227, m.w.N.). Nicht unter den Tatsachenbegriff fallen dagegen Schlussfolgerungen aller Art, rechtliche W&uuml;rdigungen und Bewertungen, Rechtsansichten und juristische Subsumtionen, bei denen auf Grund von Tatsachen anhand gesetzlicher Vorschriften ein bestimmter Schluss gezogen wird (BFH-Urteile vom 13.&nbsp;Oktober 1983 I&nbsp;R&nbsp;11\/79, BFHE 140, 2, BStBl II 1984, 181; vom 24.&nbsp;Juli 1984 VIII&nbsp;R&nbsp;304\/81, BFHE 141, 485, BStBl II 1984, 785; vom 27.&nbsp;Oktober 1992 VIII&nbsp;R&nbsp;41\/89, BFHE 170, 1, BStBl II 1993, 569; vom 23.&nbsp;November 2001 VI&nbsp;R&nbsp;125\/00, BFHE 197, 387, BStBl II 2002, 296; vom 28.&nbsp;Juni 2006 III&nbsp;R&nbsp;13\/06, BFHE 214, 287, BStBl II 2007, 714; vom 27.&nbsp;Januar 2011 III&nbsp;R&nbsp;90\/07, BFHE 232, 485, BStBl II 2011, 543). Nachtr&auml;glich werden Tatsachen oder Beweismittel bekannt, wenn deren Kenntnis nach dem Zeitpunkt erlangt wird, in dem die Willensbildung &uuml;ber die Steuerfestsetzung abgeschlossen ist. Grunds&auml;tzlich kommt es dabei auf den Wissensstand der zur Bearbeitung des Steuerfalls berufenen Dienststelle an, wobei aktenkundige Tatsachen stets als bekannt gelten (Senatsurteil vom 13.&nbsp;Juni 2012 VI&nbsp;R&nbsp;85\/10, BFHE 238, 295, BStBl II 2013, 5, m.w.N.).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>15<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>b) Nach diesen Grunds&auml;tzen konnte der Einkommensteuerbescheid 2007 vom 4.&nbsp;Februar 2009 durch das FA nicht nach &sect;&nbsp;173 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO ge&auml;ndert werden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>16<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>aa) Denn dem FA waren bereits bei Erlass des Einkommensteuerbescheids vom 4.&nbsp;Februar 2009 s&auml;mtliche f&uuml;r die Besteuerung ma&szlig;geblichen Tatsachen bekannt. Tatsachen sind in diesem Zusammenhang, dass die Kl&auml;gerin mit der A am 6.&nbsp;Juni 2007 einen Aufl&ouml;sungsvertrag geschlossen hatte, dass nach diesem die Kl&auml;gerin aus Anlass der Aufl&ouml;sung des Arbeitsverh&auml;ltnisses zum 30.&nbsp;Juni 2007 von der A eine Abfindungssumme in H&ouml;he von 174.034,28&nbsp;EUR erhielt und dass die A von dieser Abfindungssumme einen Teilbetrag in H&ouml;he von 50.017&nbsp;EUR in eine Direktversicherung f&uuml;r die Kl&auml;gerin einzubezahlen hatte. Tatsache ist des Weiteren, dass die A in der Lohnsteuerbescheinigung bei der Berechnung des Bruttoarbeitslohns der Kl&auml;gerin die Einzahlung in die Direktversicherung in H&ouml;he von 50.017&nbsp;EUR als Abzugsposten ber&uuml;cksichtigt hat. Diese Tatsachen waren bereits seit Einreichung des Kl&auml;gerschriftsatzes vom 23.&nbsp;September 2008 aktenkundig und damit dem FA bekannt. Auf die individuelle Kenntnis der neu zust&auml;ndigen Sachbearbeiterin kommt es nicht an (Senatsurteil in BFHE 238, 295, BStBl II 2013, 5).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>17<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>bb) Keine Tatsache i.S. des &sect;&nbsp;173 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO ist dagegen, dass das FA nach erneuter Pr&uuml;fung zu dem Ergebnis gelangt ist, dass die Einzahlung in die Direktversicherung mit der Entsch&auml;digung und nicht mit dem Bruttoarbeitslohn zu verrechnen ist. Es geht nunmehr davon aus, dass die Einzahlung in die Direktversicherung nach &sect;&nbsp;3 Nr.&nbsp;63 EStG steuerfrei und statt vom Bruttoarbeitslohn von der Entsch&auml;digungssumme in H&ouml;he von 174.034,28&nbsp;EUR abzuziehen war. Diese Beurteilung ist das Ergebnis einer Subsumtion des &sect;&nbsp;3 Nr.&nbsp;63 EStG und einer Auslegung des Abfindungsvertrags und nicht Folge neuer, nachtr&auml;glich bekannt gewordener Tatsachen. Das FA ist vielmehr zu einer anderen rechtlichen W&uuml;rdigung gelangt, als es im Abhilfebescheid vertreten hat.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>18<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. Nach &sect;&nbsp;172 Abs.&nbsp;1 Satz 1 Nr.&nbsp;2 Buchst.&nbsp;c AO darf ein Steuerbescheid ge&auml;ndert werden, soweit er durch unlautere Mittel, wie arglistige T&auml;uschung, Drohung oder Bestechung erwirkt worden ist.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>19<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>a) Unter arglistiger T&auml;uschung i.S. des &sect;&nbsp;172 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 Buchst.&nbsp;c AO ist die bewusste und vors&auml;tzliche Irref&uuml;hrung zu verstehen, wie jedes vors&auml;tzliche Verschweigen oder Vort&auml;uschen von Tatsachen, durch das die Willensbildung der Beh&ouml;rde unzul&auml;ssig beeinflusst wird (Wedelst&auml;dt in Beermann\/ Gosch, AO &sect;&nbsp;172 Rz&nbsp;194, m.w.N.). F&uuml;r Arglist reicht bereits das Bewusstsein aus, wahrheitswidrige Angaben zu machen. Nicht erforderlich ist dagegen die Absicht, damit das Finanzamt zu einer Entscheidung zu veranlassen (BFH-Urteil vom 14.&nbsp;Dezember 1994 XI&nbsp;R&nbsp;80\/92, BFHE 176, 308, BStBl II 1995, 293). Ein Mitverschulden der Finanzbeh&ouml;rde ist unerheblich, insbesondere der Umstand, dass es die Unrichtigkeit h&auml;tte durchschauen k&ouml;nnen (Wedelst&auml;dt, a.a.O., AO &sect;&nbsp;172 Rz&nbsp;197; Klein\/R&uuml;sken, AO, 12.&nbsp;Aufl., &sect;&nbsp;172 Rz&nbsp;55).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>20<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>b) Diesen Grunds&auml;tzen entsprechend durfte der Einkommensteuerbescheid 2007 vom 4.&nbsp;Februar 2009 nicht nach &sect;&nbsp;172 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 Buchst.&nbsp;c AO ge&auml;ndert werden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>21<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Eine arglistige T&auml;uschung liegt im Streitfall nicht vor. In der (erneuten) Bezugnahme auf die Angaben in der elektronischen Lohnsteuerbescheinigung im Rahmen des Einspruchsverfahrens ist keine Irref&uuml;hrung &uuml;ber Tatsachen oder das Bewusstsein, wahrheitswidrige Angaben zu machen, zu sehen. Denn nachdem der Sachverhalt dem FA bereits vollst&auml;ndig offengelegt war, haben die Kl&auml;ger hierdurch dem FA lediglich eine andere rechtliche W&uuml;rdigung hinsichtlich der lohnsteuerlichen Behandlung der Einzahlung in die Direktversicherung mitgeteilt. Der schlichte Vortrag einer anderen Rechtsauffassung im Rahmen des Einspruchsverfahrens ist jedoch nicht &quot;arglistig&quot; oder in sonstiger Weise &quot;unlauter&quot;. Zudem entfaltet die Lohnsteuerbescheinigung lediglich einen Beweiswert dahingehend, wie der Lohnsteuerabzug tats&auml;chlich stattgefunden hat (Senatsurteil vom 30.&nbsp;Oktober 2008 VI&nbsp;R&nbsp;10\/05, BFHE 223, 202, BStBl II 2009, 354) und gerade nicht dar&uuml;ber, wie er h&auml;tte durchgef&uuml;hrt werden m&uuml;ssen, so dass auch aus diesem Grund durch die Bezugnahme auf die Lohnsteuerbescheinigung keine &quot;unrichtigen (tats&auml;chlichen) Angaben&quot; gemacht wurden. Eine etwaige Hoffnung der Kl&auml;ger, das FA werde sich ohne eine weitere Sachpr&uuml;fung ihrer Rechtsauffassung anschlie&szlig;en, ist keine arglistige T&auml;uschung (FG K&ouml;ln, Urteil vom 12.&nbsp;Juni 1996&nbsp;&nbsp;10&nbsp;K&nbsp;1473\/91, Entscheidungen der Finanzgerichte 1996, 1073).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<blockquote><\/blockquote>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>22<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table style=\"margin-left:18\"pt>\n<tr>\n<td>3. Die Kostenentscheidung folgt aus &sect;&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p> <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Urteil vom 8.7.2015, VI R 51\/14 &Auml;nderung von Steuerbescheiden: Neue Tatsachen i.S. des &sect; 173 Abs. 1 Nr. 1 AO und unlautere Mittel i.S. des &sect; 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c AO &#8211; Definition der &quot;arglistigen T&auml;uschung&quot; &#8211; Abweichende rechtliche W&uuml;rdigung hinsichtlich der lohnsteuerlichen Behandlung einer Einzahlung in eine Direktversicherung &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/vi-r-51-14-aenderung-von-steuerbescheiden-neue-tatsachen-is-des-par-173-abs-1-nr-1-ao-und-unlautere-mittel-is-des-par-172-abs-1-satz-1-nr-2-buchst-c-ao-definition-der-arglistigen-taeuschung-abweichend\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">VI&nbsp;R&nbsp;51\/14 &#8211; &Auml;nderung von Steuerbescheiden: Neue Tatsachen i.S. des &sect; 173 Abs. 1 Nr. 1 AO und unlautere Mittel i.S. des &sect; 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c AO &#8211; Definition der &quot;arglistigen T&auml;uschung&quot; &#8211; Abweichende rechtliche W&uuml;rdigung hinsichtlich der lohnsteuerlichen Behandlung einer Einzahlung in eine Direktversicherung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-65144","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65144"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65144\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}