{"id":66138,"date":"2017-01-18T12:45:20","date_gmt":"2017-01-18T10:45:20","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=66138"},"modified":"2017-01-18T12:45:20","modified_gmt":"2017-01-18T10:45:20","slug":"iii-r-17-13-kindergeld-persoenliche-anspruchsberechtigung-bei-grenzueberschreitenden-sachverhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/iii-r-17-13-kindergeld-persoenliche-anspruchsberechtigung-bei-grenzueberschreitenden-sachverhalten\/","title":{"rendered":"III&nbsp;R&nbsp;17\/13 &#8211; Kindergeld: Pers&ouml;nliche Anspruchsberechtigung bei grenz&uuml;berschreitenden Sachverhalten"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Urteil vom 4.2.2016, III R 17\/13<\/p>\n<p class=\"titel\">Kindergeld: Pers&ouml;nliche Anspruchsberechtigung bei grenz&uuml;berschreitenden Sachverhalten<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Leits&auml;tze<\/p>\n<div>\n<p>1. Die Fiktion des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987\/2009, wonach bei der Anwendung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883\/2004 die Situation der gesamten Familie in einer Weise zu ber&uuml;cksichtigen ist, als w&uuml;rden alle Beteiligten &#8211;insbesondere was das Recht zur Erhebung eines Leistungsanspruchs anbelangt&#8211; unter die Rechtsvorschriften des betreffenden Mitgliedstaats (hier: Deutschland) fallen und dort wohnen, kann dazu f&uuml;hren, dass der Anspruch auf Kindergeld nach &sect;&sect; 62 ff. EStG nicht dem in Deutschland, sondern dem im EU-Ausland lebenden Elternteil zusteht (EuGH-Urteil vom 22. Oktober 2015 C-378\/14, EU:C:2015:720, DStRE 2015, 1501). Kann wegen der &#8211;nicht nur r&auml;umlichen&#8211; Trennung der Eltern nicht fingiert werden, dass diese in Deutschland in einem gemeinsamen Haushalt leben, ist nach &sect; 64 Abs. 2 Satz 1 EStG der Elternteil kindergeldberechtigt, der das Kind in seinem Haushalt aufgenommen hat.<\/p>\n<\/p>\n<p>2. In einem derartigen Fall steht der Kindergeldanspruch auch dann nicht dem in Deutschland lebenden Elternteil zu, wenn der im EU-Ausland lebende Elternteil keinen Antrag auf Kindergeld gestellt hat.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"tenor\">Tenor<\/p>\n<div>\n<p>Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des Finanzgerichts D&uuml;sseldorf vom 13. M&auml;rz 2013&nbsp;&nbsp;15 K 4316\/12 Kg aufgehoben.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Klage wird abgewiesen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Kosten des gesamten Verfahrens hat der Kl&auml;ger zu tragen.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>\n<table width=100%>\n<tr>\n<td style=\"text-align:center\">I.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;Der in der Bundesrepublik Deutschland (Deutschland) wohnende Kl&auml;ger und Revisionsbeklagte (Kl&auml;ger) ist von seiner fr&uuml;heren Ehefrau, die zusammen mit dem im April 2000 geborenen gemeinsamen Sohn in Polen lebt, geschieden. Er bezog im streitigen Zeitraum (Januar 2011 bis Oktober 2012) zun&auml;chst Arbeitslosengeld. Von November 2011 bis zum 11.&nbsp;Januar 2012 sowie vom 1. bis zum 22.&nbsp;Februar 2012 war er in Deutschland nichtselbst&auml;ndig besch&auml;ftigt, danach bezog er Leistungen nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch. Die fr&uuml;here Ehefrau, die polnische Staatsangeh&ouml;rige ist, ging in Polen einer Erwerbst&auml;tigkeit nach. Sie hatte wegen der nach polnischem Recht bestehenden Einkommensgrenze keinen Anspruch auf polnische Familienleistungen f&uuml;r den hier streitigen Zeitraum. Einen Antrag auf Familienleistungen nach deutschem oder polnischem Recht hat sie nicht gestellt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Im August 2012 beantragte der Kl&auml;ger, der die deutsche Staatsb&uuml;rgerschaft besitzt, Kindergeld f&uuml;r seinen Sohn. Die Beklagte und Revisionskl&auml;gerin (Familienkasse) lehnte den Antrag mit Bescheid vom 3.&nbsp;September 2012 ab, da die Kindsmutter vorrangig zum Bezug von Kindergeld nach deutschem Recht berechtigt sei. Der dagegen gerichtete Einspruch hatte keinen Erfolg (Einspruchsentscheidung vom 18.&nbsp;Oktober 2012).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Das Finanzgericht (FG) gab der anschlie&szlig;end erhobenen Klage statt. Es verpflichtete die Familienkasse, Kindergeld f&uuml;r den Sohn ab Januar 2011 zu gew&auml;hren. Es war der Ansicht, die Bestimmung des Kindergeldberechtigten richte sich nicht nach &sect;&nbsp;64 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 des Einkommensteuergesetzes in der f&uuml;r die Jahre 2011 und 2012 geltenden Fassung (EStG), weil die Kindsmutter nicht die Anspruchsvoraussetzungen nach &sect;&sect;&nbsp;62&nbsp;ff. EStG erf&uuml;lle. Aus Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der Verordnung (EG) Nr.&nbsp;987\/2009 des Europ&auml;ischen Parlaments und des Rates vom 16.&nbsp;September 2009 zur Festlegung der Modalit&auml;ten f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung der Verordnung (EG) Nr.&nbsp;883\/2004 &uuml;ber die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (VO&nbsp;Nr.&nbsp;987\/2009) ergebe sich keine andere Beurteilung. Zwar sei aufgrund der darin enthaltenen Fiktion die Familie so zu behandeln, als habe sie ihren Wohnsitz in Deutschland. Damit k&ouml;nnten jedoch keine Rechte Dritter begr&uuml;ndet werden, durch die Rechte des Kl&auml;gers geschm&auml;lert oder ausgeschlossen w&uuml;rden. Die Vorschrift des Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO&nbsp;Nr.&nbsp;987\/2009 solle nur den Rechtsverlust einer aus dem Ausland zugewanderten Person verhindern. Der Anspruch der im Inland lebenden Person k&ouml;nne dadurch jedoch nicht begrenzt oder ausgeschlossen werden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Gegen die Entscheidung des FG wendet sich die Familienkasse mit ihrer Revision. Der Senat setzte mit Beschluss vom 8.&nbsp;Mai 2014 III&nbsp;R&nbsp;17\/13 (BFHE 245, 522, BStBl II 2015, 329) das Revisionsverfahren gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;121 i.V.m. &sect;&nbsp;74 der Finanzgerichtsordnung (FGO) aus und legte dem Gerichtshof der Europ&auml;ischen Union (EuGH) gem&auml;&szlig; Art.&nbsp;267 Abs.&nbsp;3 des Vertrags &uuml;ber die Arbeitsweise der Europ&auml;ischen Union folgende Rechtsfragen zur Vorabentscheidung vor:<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Ist in einem Fall, in dem eine in einem Mitgliedstaat (Inland) lebende Person Anspruch auf Kindergeld f&uuml;r Kinder hat, die in einem anderen Mitgliedstaat (Ausland) beim anderen, von ihm getrennt lebenden Ehegatten wohnen, Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 anzuwenden mit der Folge, dass die Fiktion, wonach bei der Anwendung von Art.&nbsp;67 und 68 der VO&nbsp;Nr.&nbsp;883\/2004 die Situation der gesamten Familie in einer Weise zu ber&uuml;cksichtigen ist, als w&uuml;rden alle Beteiligten &#8211;insbesondere was das Recht zur Erhebung eines Leistungsanspruchs anbelangt&#8211; unter die Rechtsvorschriften des betreffenden Mitgliedstaats fallen und dort wohnen, dazu f&uuml;hrt, dass der Anspruch auf Kindergeld ausschlie&szlig;lich dem im anderen Mitgliedstaat (Ausland) lebenden Elternteil zusteht, weil das nationale Recht des ersten Mitgliedstaats (Inland) vorsieht, dass bei mehreren Kindergeldberechtigten der Elternteil anspruchsberechtigt ist, der das Kind in seinen Haushalt aufgenommen hat?<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. F&uuml;r den Fall, dass die erste Frage zu bejahen sein sollte:<br \/>Ist bei dem unter 1. dargelegten Sachverhalt Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 dahin auszulegen, dass dem in einem Mitgliedstaat (Inland) lebenden Elternteil der Anspruch auf Kindergeld nach inl&auml;ndischem Recht zusteht, weil der im anderen Mitgliedstaat (Ausland) lebende andere Elternteil keinen Antrag auf Kindergeld gestellt hat?<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td>3. &#8230;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Der EuGH hat die Fragen mit Urteil vom 22.&nbsp;Oktober 2015 C-378\/14 (EU:C:2015:720, Deutsches Steuerrecht\/Entscheidungsdienst &#8211;DStRE&#8211; 2015, 1501) wie folgt beantwortet:<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz 2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 ist dahin auszulegen, dass die in dieser Bestimmung vorgesehene Fiktion dazu f&uuml;hren kann, dass der Anspruch auf Familienleistungen einer Person zusteht, die nicht in dem Mitgliedstaat wohnt, der f&uuml;r die Gew&auml;hrung dieser Leistungen zust&auml;ndig ist, sofern alle anderen durch das nationale Recht vorgeschriebenen Voraussetzungen f&uuml;r die Gew&auml;hrung erf&uuml;llt sind, was von dem vorlegenden Gericht zu pr&uuml;fen ist.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz 3 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 ist dahin auszulegen, dass danach nicht verlangt wird, dass der Anspruch auf Familienleistungen, die f&uuml;r ein Kind gew&auml;hrt werden, dem Elternteil des Kindes, der in dem f&uuml;r die Gew&auml;hrung dieser Leistungen zust&auml;ndigen Mitgliedstaat wohnt, deshalb zuerkannt werden muss, weil der andere Elternteil, der in einem anderen Mitgliedstaat wohnt, keinen Antrag auf Familienleistungen gestellt hat.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>10<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Familienkasse ist der Ansicht, der EuGH habe ihre Rechtsauffassung best&auml;tigt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>11<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Sie beantragt, das angefochtene Urteil aufzuheben und die Klage zur&uuml;ckzuweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>12<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Der Kl&auml;ger beantragt sinngem&auml;&szlig;, die Revision als unbegr&uuml;ndet zur&uuml;ckzuweisen. Es sei vorzugsw&uuml;rdig, wenn nach wie vor der Kindsvater einen unmittelbaren Anspruch auf Kindergeld habe. Die Entscheidung des EuGH lasse letzte Klarheit vermissen. Er habe die Vorlagefragen nur i.S. eines &quot;kann sein&quot; beantwortet.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>\n<table width=100%>\n<tr>\n<td style=\"text-align:center\">II.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>13<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Revision ist begr&uuml;ndet. Das angefochtene Urteil ist aufzuheben, die Klage ist abzuweisen (&sect;&nbsp;126 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 FGO). Das FG hat zu Unrecht entschieden, dass der Anspruch auf Kindergeld dem Kl&auml;ger zusteht. Vielmehr hat die in Polen lebende Kindsmutter einen vorrangigen Anspruch auf Kindergeld.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>14<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Der Anspruch auf Kindergeld nach den Vorschriften des EStG setzt gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 EStG u.a. voraus, dass der Berechtigte einen Wohnsitz (&sect;&nbsp;8 der Abgabenordnung &#8211;AO&#8211;) oder seinen gew&ouml;hnlichen Aufenthalt (&sect;&nbsp;9 AO) im Inland hat. Kindergeldrechtlich zu ber&uuml;cksichtigen sind u.a. Kinder, die &#8211;wie der Sohn des Kl&auml;gers&#8211; einen Wohnsitz oder ihren gew&ouml;hnlichen Aufenthalt in einem Mitgliedstaat der Europ&auml;ischen Union haben (&sect;&nbsp;63 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1, Satz&nbsp;3 EStG).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>15<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Im Streitfall sind die Anspruchsvoraussetzungen nach den nationalen Rechtsvorschriften in der Person des Kl&auml;gers und nicht in der seiner geschiedenen Ehefrau erf&uuml;llt. Letztere lebt in Polen und hat in Deutschland weder einen Wohnsitz noch ihren gew&ouml;hnlichen Aufenthalt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>16<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. Dennoch ist die Kindsmutter vorrangig anspruchsberechtigt. Denn nach &sect;&nbsp;64 Abs.&nbsp;2 Satz 1 EStG wird bei mehreren Berechtigten das Kindergeld demjenigen gezahlt, der das Kind in seinen Haushalt aufgenommen hat. Die Vorschrift ist anzuwenden, da gem&auml;&szlig; Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 zu unterstellen ist, dass die Kindsmutter zusammen mit dem Sohn in einem eigenen Haushalt in Deutschland lebt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>17<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>a) Es handelt sich um einen grenz&uuml;berschreitenden Sachverhalt mit Unionsbezug, der zur Anwendung der Verordnung (EG) Nr.&nbsp;883\/2004 des Europ&auml;ischen Parlaments und des Rates vom 29.&nbsp;April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (VO Nr.&nbsp;883\/2004) sowie der dazu ergangenen Durchf&uuml;hrungsverordnung Nr.&nbsp;987\/2009 f&uuml;hrt. Der Kl&auml;ger f&auml;llt &#8211;wie auch aus dem EuGH-Urteil in DStRE 2015, 1501 hervorgeht&#8211; als deutscher Staatsb&uuml;rger gem&auml;&szlig; Art.&nbsp;2 Abs.&nbsp;1 der VO&nbsp;Nr.&nbsp;883\/2004 in deren pers&ouml;nlichen Anwendungsbereich. Ebenso ist der sachliche Anwendungsbereich er&ouml;ffnet; das Kindergeld ist eine Familienleistung i.S. von Art.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;z, Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;j der VO&nbsp;Nr.&nbsp;883\/2004. Auch ist Deutschland der f&uuml;r die Erbringung von Familienleistungen zust&auml;ndige Mitgliedstaat (Art.&nbsp;11 Abs.&nbsp;3 Buchst.&nbsp;a und e der VO Nr.&nbsp;883\/2004).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>18<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>b) Nach Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 ist bei der Anwendung von Art.&nbsp;67 und 68 der VO Nr.&nbsp;883\/2004, insbesondere was das Recht einer Person zur Erhebung eines Leistungsanspruchs anbelangt, die Situation der gesamten Familie in einer Weise zu ber&uuml;cksichtigen, als w&uuml;rden alle beteiligten Personen unter die Rechtsordnung des betreffenden Mitgliedstaats fallen und dort wohnen. Art.&nbsp;67 Satz&nbsp;1 der VO&nbsp;Nr.&nbsp;883\/2004, der bestimmt, dass eine Person auch f&uuml;r Familienangeh&ouml;rige, die in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, Anspruch auf Familienleistungen nach den Rechtsvorschriften des zust&auml;ndigen Mitgliedstaats hat, als ob die Familienangeh&ouml;rigen in diesem Mitgliedstaat wohnen w&uuml;rden, ist &#8211;wie auch aus dem EuGH-Urteil in DStRE 2015, 1501 hervorgeht&#8211; im Streitfall ungeachtet dessen anzuwenden, dass es bereits nach nationalem Recht nicht darauf ankommt, ob das Kind seinen Wohnsitz im Inland oder in einem EU-Mitgliedstaat hat (&sect;&nbsp;63 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1, Satz&nbsp;3 EStG). Zu den &quot;beteiligten Personen&quot; i.S. des Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 geh&ouml;ren die Familienangeh&ouml;rigen i.S. des Art.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;i Nr.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;i der VO&nbsp;Nr.&nbsp;883\/2004. Darunter sind neben den Eltern und dem Kind alle Personen zu verstehen, die nach nationalem Recht berechtigt sind, Anspruch auf Familienleistungen zu erheben (EuGH-Urteil in DStRE 2015, 1501).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>19<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>c) Aufgrund der Fiktion des Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO&nbsp;Nr.&nbsp;987\/2009 l&auml;sst sich nach dem EuGH-Urteil in DStRE 2015, 1501 &quot;nicht ausschlie&szlig;en&quot;, dass ein Elternteil, der in einem anderen als dem zur Gew&auml;hrung von Familienleistungen verpflichteten Mitgliedstaat wohnt, diejenige Person ist, die zum Bezug dieser Leistungen berechtigt ist. Dies ist der Fall, wenn &#8211;wie nach deutscher Rechtslage&#8211; bei konkurrierenden Anspr&uuml;chen derjenige Elternteil vorrangig kindergeldberechtigt ist, der das Kind in seinen Haushalt aufgenommen hat (&sect;&nbsp;64 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 EStG).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>20<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>d) Aus dem EuGH-Urteil in DStRE 2015, 1501 ist auch zu ersehen, dass das Fehlen eines im EU-Ausland gestellten Antrags auf Familienleistungen nicht dazu f&uuml;hrt, dass die Fiktionswirkung des Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 entf&auml;llt. Die Verpflichtung des zur Erbringung von Familienleistungen zust&auml;ndigen Mitgliedstaats gem&auml;&szlig; Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 der VO&nbsp;Nr.&nbsp;987\/2009, den im Inland gestellten Antrag auf Kindergeld zu ber&uuml;cksichtigen, bedeutet nicht, dass bei fehlender Antragstellung im Ausland der Anspruch auf den Elternteil &uuml;bergeht, der im Inland das Kindergeld beantragt hat.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>21<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>3. Somit ist gem&auml;&szlig; Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 zu fingieren, dass die geschiedene Ehefrau des Kl&auml;gers zusammen mit dem gemeinsamen Kind in einem eigenen Haushalt in Deutschland lebt. Damit ist sie nach &sect;&nbsp;64 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 EStG vorrangig kindergeldberechtigt, solange die Anspruchsvoraussetzungen dem Grunde nach in der Person des Kl&auml;gers erf&uuml;llt sind. Diesem steht der Anspruch auf Kindergeld im streitigen Zeitraum nicht zu.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>22<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>4. Die Kostenentscheidung beruht auf &sect;&nbsp;143 Abs.&nbsp;1, &sect;&nbsp;135 Abs.&nbsp;1 FGO.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p> <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Urteil vom 4.2.2016, III R 17\/13 Kindergeld: Pers&ouml;nliche Anspruchsberechtigung bei grenz&uuml;berschreitenden Sachverhalten Leits&auml;tze 1. Die Fiktion des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987\/2009, wonach bei der Anwendung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883\/2004 die Situation der gesamten Familie in einer Weise zu ber&uuml;cksichtigen ist, als w&uuml;rden alle &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/iii-r-17-13-kindergeld-persoenliche-anspruchsberechtigung-bei-grenzueberschreitenden-sachverhalten\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">III&nbsp;R&nbsp;17\/13 &#8211; Kindergeld: Pers&ouml;nliche Anspruchsberechtigung bei grenz&uuml;berschreitenden Sachverhalten<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-66138","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=66138"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66138\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=66138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=66138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=66138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}