{"id":66996,"date":"2017-03-23T13:32:03","date_gmt":"2017-03-23T11:32:03","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=66996"},"modified":"2017-03-23T13:32:03","modified_gmt":"2017-03-23T11:32:03","slug":"iii-b-97-16-verletzung-des-rechtlichen-gehoers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/iii-b-97-16-verletzung-des-rechtlichen-gehoers\/","title":{"rendered":"III&nbsp;B&nbsp;97\/16 &#8211; Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 21.12.2016, III B 97\/16<br \/>ECLI:DE:BFH:2016:B.211216.IIIB97.16.0<\/p>\n<p class=\"titel\">Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs<\/p>\n<p class=\"tenor\">Tenor<\/p>\n<div>\n<p>Auf die Beschwerde der Kl&auml;gerin wegen Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des Finanzgerichts Hamburg vom 26. Mai 2016&nbsp;&nbsp;6 K 194\/14 aufgehoben.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Sache wird an das Finanzgericht Hamburg zur&uuml;ckverwiesen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Diesem wird die Entscheidung &uuml;ber die Kosten des Beschwerdeverfahrens &uuml;bertragen.<\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>I. Die Kl&auml;gerin und Beschwerdef&uuml;hrerin (Kl&auml;gerin) beantragte f&uuml;r ihre Tochter (T) Kindergeld. Die Beklagte und Beschwerdegegnerin (Familienkasse) setzte durch Bescheid vom 29.&nbsp;April 2014 Kindergeld ab M&auml;rz 2013 f&uuml;r T fest. Dagegen wandte sich die Kl&auml;gerin mit Einspruch, mit welchem sie geltend machte, ihr stehe auch f&uuml;r die Zeit vor M&auml;rz 2013 Kindergeld zu. Die Familienkasse verwarf den Rechtsbehelf durch Einspruchsentscheidung vom 14.&nbsp;August 2014 als unzul&auml;ssig. Die Kl&auml;gerin sei nicht beschwert, weil f&uuml;r die Zeit vor M&auml;rz 2013 keine ablehnende Verwaltungsentscheidung ergangen sei. Au&szlig;erdem entschied die Familienkasse, dass die im Rechtsbehelfsverfahren entstandenen Aufwendungen der Kl&auml;gerin nicht erstattet w&uuml;rden. Durch Bescheid vom 3.&nbsp;September 2014 setzte die Familienkasse f&uuml;r den Zeitraum Februar 2009 bis Februar 2013 Kindergeld in gesetzlicher H&ouml;he fest.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Kl&auml;gerin erhob Klage mit dem Ziel, die ihr im Einspruchsverfahren entstandenen Aufwendungen erstattet zu erhalten. Das Finanzgericht (FG) wies die Klage ab. Diese sei zwar ohne ein weiteres Einspruchsverfahren zul&auml;ssig, sei aber nicht begr&uuml;ndet, da der Einspruch gegen den Bescheid vom 29.&nbsp;April 2014 unzul&auml;ssig gewesen sei. In diesem Bescheid habe die Familienkasse keine Entscheidung f&uuml;r die Zeit vor M&auml;rz 2013 getroffen, es sei lediglich der Kindergeldantrag ab M&auml;rz 2013 positiv beschieden worden. Eine ablehnende Entscheidung f&uuml;r die Zeit vor M&auml;rz 2013 sei dem Bescheid nicht zu entnehmen. Hierf&uuml;r sei nicht zuletzt die fehlende Rechtsbehelfsbelehrung ein Indiz. Die Klage sei somit nicht erfolgreich i.S. von &sect;&nbsp;77 Abs.&nbsp;1 des Einkommensteuergesetzes gewesen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Gegen das Urteil des FG wendet sich die Kl&auml;gerin mit ihrer Nichtzulassungsbeschwerde, mit der sie die grunds&auml;tzliche Bedeutung der Rechtssache, die Erforderlichkeit einer Entscheidung des Bundesfinanzhofs (BFH) zur Fortbildung des Rechts und zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung sowie einen Verfahrensmangel geltend macht (&sect;&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nrn.&nbsp;1 bis 3 der Finanzgerichtsordnung &#8211;FGO&#8211;).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Zur Begr&uuml;ndung des Verfahrensmangels tr&auml;gt die Kl&auml;gerin vor, das FG habe die Pflicht zur Sachaufkl&auml;rung nach &sect;&nbsp;76 FGO verletzt. Entgegen der Sachverhaltsdarstellung im angefochtenen Urteil habe der Bescheid vom 29.&nbsp;April 2014 eine Rechtsbe-helfsbelehrung enthalten. Die Behauptung, der Bescheid enthalte keine Belehrung, sei erstmals in den Urteilsgr&uuml;nden aufgestellt worden. Letztlich liege auch eine &Uuml;berraschungsentscheidung vor.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>II. Die Beschwerde ist begr&uuml;ndet. Sie f&uuml;hrt zur Aufhebung des finanzgerichtlichen Urteils und zur Zur&uuml;ckverweisung der Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung (&sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;6 FGO).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Die von der Kl&auml;gerin ger&uuml;gte Verletzung des Rechts auf Geh&ouml;r liegt vor. Rechtliches Geh&ouml;r (Art.&nbsp;103 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes, &sect;&nbsp;96 Abs.&nbsp;2 FGO) wird den Beteiligten dadurch gew&auml;hrt, dass sie Gelegenheit erhalten, sich zu dem Sachverhalt zu &auml;u&szlig;ern, der einer gerichtlichen Entscheidung zu Grunde gelegt werden soll. Das rechtliche Geh&ouml;r bezieht sich vor allem auf Tatsachen und Beweisergebnisse; dar&uuml;ber hinaus darf das FG seine Entscheidung auf einen rechtlichen oder tats&auml;chlichen Gesichtspunkt nur st&uuml;tzen, wenn die Beteiligten zuvor Gelegenheit hatten, dazu Stellung zu nehmen (&sect;&nbsp;155 FGO i.V.m. &sect;&nbsp;139 Abs.&nbsp;2 der Zivilprozessordnung). Deshalb kann eine Verletzung des Rechts auf Geh&ouml;r vorliegen, wenn das Gericht die Beteiligten nicht auf einen rechtlichen oder tats&auml;chlichen Gesichtspunkt hinweist, den es seiner Entscheidung zu Grunde legen will und der dem Rechtsstreit eine Wendung gibt, mit dem auch ein kundiger Beteiligter nach dem bisherigen Verlauf des Verfahrens nicht hat rechnen m&uuml;ssen (vgl. z.B. BFH-Beschl&uuml;sse vom 15.&nbsp;Juni 2001 VII&nbsp;B&nbsp;45\/01, BFH\/NV 2001, 1580; vom 14.&nbsp;November 2002 XI&nbsp;B&nbsp;69\/02, BFH\/NV 2003, 293; vom 1.&nbsp;Juli 2003 III&nbsp;B&nbsp;94\/02, BFH\/NV 2003, 1591).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. Eine solche sog. &Uuml;berraschungsentscheidung stellt das angefochtene Urteil dar. Das FG hat seine Rechtsansicht, wonach im Bescheid vom 29.&nbsp;April 2014 hinsichtlich der Zeit vor M&auml;rz 2013 noch keine ablehnende Verwaltungsentscheidung getroffen worden sei, u.a. darauf gest&uuml;tzt, dass der Bescheid keine Rechtsbehelfsbelehrung enthalten habe. Dies trifft allerdings nicht zu, vielmehr war der Bescheid mit einer solchen Belehrung versehen. Die Kl&auml;gerin, die in ihrem Vorbringen im Klageverfahren das Vorhandensein einer Rechtsbehelfsbelehrung als Indiz f&uuml;r eine vollst&auml;ndige Bescheidung des Kindergeldantrags gewertet hatte, brauchte mit einer derartigen prozessualen Wendung nicht zu rechnen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>3. Es ist angezeigt, die Vorentscheidung nach &sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;6 FGO aufzuheben und den Rechtsstreit zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das FG zur&uuml;ckzuverweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Ohne Bindungswirkung f&uuml;r den zweiten Rechtsgang weist der Senat darauf hin, dass es aus seiner Sicht naheliegt, den Bescheid vom 28.&nbsp;April 2014 als eine &#8211;in zeitlicher Hinsicht umfassende&#8211; Verwaltungsentscheidung zu beurteilen, durch die nicht nur Kindergeld ab M&auml;rz 2013 festgesetzt, sondern dar&uuml;ber hinaus eine Festsetzung f&uuml;r die vorhergehende Zeit abgelehnt werden sollte. Aus der Begr&uuml;ndung des Bescheids geht hervor, dass nach damaliger Ansicht der Familienkasse die Anspruchsvoraussetzungen (erst) ab M&auml;rz 2013 vorgelegen hatten, u.a. deshalb, weil die Kl&auml;gerin am 15.&nbsp;M&auml;rz 2013 einen Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland begr&uuml;ndet habe. Die Kl&auml;gerin als Adressatin des Bescheids konnte diesen somit dahin verstehen, dass eine Kindergeldfestsetzung f&uuml;r die Zeit vor M&auml;rz 2013 nicht in Betracht kam und deshalb abgelehnt werden sollte.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>10<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>4. Die &Uuml;bertragung der Kostenentscheidung auf das FG beruht auf &sect;&nbsp;143 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p> <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 21.12.2016, III B 97\/16ECLI:DE:BFH:2016:B.211216.IIIB97.16.0 Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs Tenor Auf die Beschwerde der Kl&auml;gerin wegen Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des Finanzgerichts Hamburg vom 26. Mai 2016&nbsp;&nbsp;6 K 194\/14 aufgehoben. Die Sache wird an das Finanzgericht Hamburg zur&uuml;ckverwiesen. Diesem wird die Entscheidung &uuml;ber die Kosten des Beschwerdeverfahrens &uuml;bertragen. 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