{"id":67120,"date":"2017-06-01T08:48:38","date_gmt":"2017-06-01T06:48:38","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=67120"},"modified":"2017-06-01T08:48:38","modified_gmt":"2017-06-01T06:48:38","slug":"ix-b-2-17-verletzung-des-rechtlichen-gehoers-durch-entscheidung-ohne-muendliche-verhandlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/ix-b-2-17-verletzung-des-rechtlichen-gehoers-durch-entscheidung-ohne-muendliche-verhandlung\/","title":{"rendered":"IX&nbsp;B&nbsp;2\/17 &#8211; Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs durch Entscheidung ohne m&uuml;ndliche Verhandlung"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 23.2.2017, IX B 2\/17<br \/>ECLI:DE:BFH:2017:B.230217.IXB2.17.0<\/p>\n<p class=\"titel\">Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs durch Entscheidung ohne m&uuml;ndliche Verhandlung<\/p>\n<p class=\"tenor\">Tenor<\/p>\n<div>\n<p>Auf die Beschwerde des Beklagten wegen Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des Schleswig-Holsteinischen Finanzgerichts vom 28. November 2016 3 K 144\/14 aufgehoben.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Sache wird an das Schleswig-Holsteinische Finanzgericht zur&uuml;ckverwiesen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Diesem wird die Entscheidung &uuml;ber die Kosten des Beschwerdeverfahrens &uuml;bertragen.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Tatbestand<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>I. Die Kl&auml;ger und Beschwerdegegner (Kl&auml;ger) wurden in den Streitjahren 2009 und 2010 zusammen zur Einkommensteuer veranlagt. Die Veranlagungen erfolgten zun&auml;chst erkl&auml;rungsgem&auml;&szlig;. Im Rahmen einer Betriebspr&uuml;fung bei der Kl&auml;gerin kam es zum Streit &uuml;ber verschiedene Punkte, u.a. um die Erfassung eines Gewinns aus der &Uuml;bertragung eines Sand- und Kiesvorkommens in H&ouml;he von insgesamt &#8230;&nbsp;EUR.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Gegen die ge&auml;nderten Einkommensteuerbescheide 2009 und 2010 legten die Kl&auml;ger Einspruch ein und erhoben anschlie&szlig;end Unt&auml;tigkeitsklage zum Finanzgericht (FG) mit dem Aktenzeichen 3&nbsp;K&nbsp;144\/14. In ihrer Klageschrift vom 8.&nbsp;August 2014 erkl&auml;rten die Kl&auml;ger, dass auf eine m&uuml;ndliche Verhandlung nicht verzichtet werde. Mit einer Entscheidung durch den Berichterstatter erkl&auml;rten sich die Kl&auml;ger einverstanden. Sie f&uuml;hrten weiter aus:<br \/>&quot;Ich bitte darum, in diesem Verfahren auch die in gleicher Sache eingelegte Klage vom 19.06.2014 (Az.: 3&nbsp;K&nbsp;105\/14) zu beachten. &#8230; Meiner Meinung nach kann man die Unt&auml;tigkeitsklage als Klageerweiterung der Klage vom 19.06.2014 (Az.: 3&nbsp;K&nbsp;105\/14) betrachten.&quot;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Zugleich mit der Klageerwiderung vom 10.&nbsp;Oktober 2014 erlie&szlig; der Beklagte und Beschwerdef&uuml;hrer (das Finanzamt &#8211;FA&#8211;) die Einspruchsentscheidung und wies die Einspr&uuml;che als unbegr&uuml;ndet zur&uuml;ck. Zudem verzichtete das FA auf die Durchf&uuml;hrung einer m&uuml;ndlichen Verhandlung und erkl&auml;rte sich mit einer Entscheidung durch den Berichterstatter einverstanden.<br \/>In einem weiteren Schreiben vom 22.&nbsp;Oktober 2014 erkl&auml;rten die Kl&auml;ger erneut, dass auf m&uuml;ndliche Verhandlung nicht verzichtet werde.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Am 10.&nbsp;November 2016 f&uuml;hrte die zust&auml;ndige Berichterstatterin am FG einen Er&ouml;rterungstermin durch. In dem Protokoll &uuml;ber den Termin zur Er&ouml;rterung der Sach- und Rechtslage hei&szlig;t es:<br \/>&quot;Die Sach- und Rechtslage wird mit den Beteiligten eingehend er&ouml;rtert.<br \/>Das beklagte Finanzamt verpflichtet sich, den Einkommensteuerbescheid f&uuml;r das Jahr 2010 &#8211; unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts &#8211; zu &auml;ndern.&quot;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Im Anschluss an den Er&ouml;rterungstermin fand &#8211;noch am gleichen Tag&#8211; ein Telefonat zwischen der Berichterstatterin und dem Prozessbevollm&auml;chtigten der Kl&auml;ger statt. In der Folge dieses Telefonats &auml;nderte die Berichterstatterin ihre Sach- und Rechtsauffassung; dies teilte sie der zust&auml;ndigen Sachbearbeiterin des FA telefonisch mit. Zudem versandte die Berichterstatterin am gleichen Tag eine E-Mail an die Sachbearbeiterin des FA. In dieser teilte sie mit, sie sei im Er&ouml;rterungstermin einem Sachverhaltsirrtum unterlegen. Nach ihrer Auffassung sei kein Gewinn aus einem privaten Ver&auml;u&szlig;erungsgesch&auml;ft anzusetzen.<br \/>Am folgenden Tag, dem 11.&nbsp;November 2016, fand ein Telefonat zwischen der Sachbearbeiterin des FA und der Berichterstatterin am FG statt. Die Sachbearbeiterin teilte mit, dass seitens des FA weiterer Sachvortrag vorbereitet werde, der zum Ansatz einer verdeckten Gewinnaussch&uuml;ttung (vGA) und damit von Eink&uuml;nften aus &sect;&nbsp;20 des Einkommensteuergesetzes (EStG) f&uuml;hre.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Im Anschluss an dieses Gespr&auml;ch nahm die Berichterstatterin telefonisch mit dem Prozessbevollm&auml;chtigten der Kl&auml;ger Kontakt auf. Sie wies darauf hin, dass das Verfahren m&uuml;ndlich verhandelt werde oder alternativ die Kl&auml;ger auch auf m&uuml;ndliche Verhandlung verzichten k&ouml;nnten. Der Prozessbevollm&auml;chtigte der Kl&auml;ger k&uuml;ndigte telefonisch eine entsprechende Verzichtserkl&auml;rung an. Vom Inhalt dieses Gespr&auml;chs wurde das FA nicht in Kenntnis gesetzt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Mit Schreiben des Prozessbevollm&auml;chtigten vom 18.&nbsp;November 2016, eingegangen beim FG am 21.&nbsp;November 2016, verzichteten die Kl&auml;ger auf die Durchf&uuml;hrung einer m&uuml;ndlichen Verhandlung.<br \/>Nach der &Uuml;bersendung des Protokolls des Er&ouml;rterungstermins wies das FA mit Schriftsatz vom 14.&nbsp;November 2016, eingegangen beim FG am 17.&nbsp;November 2016, darauf hin, dass im Hinblick auf die Abweichung zwischen zun&auml;chst er&ouml;rterter und nunmehr aufgezeigter Rechtslage die im Er&ouml;rterungstermin zugesagte &Auml;nderung der Einkommensteuerfestsetzung nicht m&ouml;glich sei.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Am 28.&nbsp;November 2016 erlie&szlig; die Berichterstatterin am FG ein Endurteil, das auf ihrer ge&auml;nderten Sach- und Rechtsauffassung beruhte und in dem ein Gewinn aus einem privaten Ver&auml;u&szlig;erungsgesch&auml;ft als nicht steuerbar behandelt wurde. Die Revision wurde nicht zugelassen. Zusammen mit dem Urteil wurde der Schriftsatz der Kl&auml;ger vom 18.&nbsp;November 2016 mit dem Verzicht auf m&uuml;ndliche Verhandlung an das FA &uuml;bersandt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Mit seiner Nichtzulassungsbeschwerde r&uuml;gt das FA die Verletzung rechtlichen Geh&ouml;rs (&sect;&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;3, &sect;&nbsp;96 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung &#8211;FGO&#8211;). Das FA sei davon ausgegangen, dass noch eine m&uuml;ndliche Verhandlung stattfinde. Von dem mit dem Urteil &uuml;bermittelten Schriftsatz vom 18.&nbsp;November 2016, der den Verhandlungsverzicht der Kl&auml;ger enthalten habe, habe man bis zur Bekanntgabe des Urteils keine Kenntnis gehabt. Dieser Schriftsatz habe aber vor Abschluss des Verfahrens &uuml;bermittelt werden m&uuml;ssen. Bis zur &uuml;berraschenden &Uuml;bermittlung des Urteils sei man &#8211;nicht zuletzt aufgrund der bis dahin bekannten eindeutigen &Auml;u&szlig;erungen der Kl&auml;gerseite&#8211; davon ausgegangen, es werde noch eine m&uuml;ndliche Verhandlung stattfinden. Daher bestehe noch die M&ouml;glichkeit, erg&auml;nzenden Sachvortrag vorzubringen. W&auml;re der Verzicht auf m&uuml;ndliche Verhandlung vor der Bekanntgabe der Entscheidung bekannt gewesen, h&auml;tte man noch rechtzeitig vor Erlass des Urteils erg&auml;nzend vorgetragen. Die Berichterstatterin habe aufgrund des Telefonats vom 11.&nbsp;November 2016 auch Kenntnis von dem beabsichtigten Sachvortrag gehabt. Zudem habe das FA auch keine genaue Kenntnis vom Inhalt der Gespr&auml;che zwischen der Berichterstatterin und dem Prozessbevollm&auml;chtigten der Kl&auml;ger erlangt. Der Anspruch auf rechtliches Geh&ouml;r gebiete jedoch, dass dazu Stellung genommen werden k&ouml;nne. Zudem sei aufgrund der &Auml;nderung der Sach- und Rechtsauffassung der Berichterstatterin das Ergebnis der bisherigen Er&ouml;rterungen gegenstandslos geworden. Damit habe sich die Prozesslage wesentlich ge&auml;ndert, was den zu Beginn des Verfahrens erkl&auml;rten Verzicht auf die m&uuml;ndliche Verhandlung hinf&auml;llig mache.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>10<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Das FA beantragt sinngem&auml;&szlig;,<br \/>das Urteil des Schleswig-Holsteinischen FG vom 28.&nbsp;November 2016&nbsp;&nbsp;3&nbsp;K&nbsp;144\/14 gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;6 FGO aufzuheben und den Rechtsstreit zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das FG zur&uuml;ckzuverweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>11<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Kl&auml;ger beantragen sinngem&auml;&szlig;,<br \/>die Nichtzulassungsbeschwerde zur&uuml;ckzuweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>12<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Sie f&uuml;hren aus, dass die Entscheidung f&uuml;r das FA nicht unerwartet gekommen sei. Im Er&ouml;rterungstermin h&auml;tten sie einen Vorschlag f&uuml;r eine tats&auml;chliche Verst&auml;ndigung gemacht, die genau dem Ergebnis des streitigen Urteils entsprochen habe. Zudem l&auml;gen die Voraussetzungen f&uuml;r die Annahme einer vGA nicht vor.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Entscheidungsgr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>13<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>II. Die Beschwerde, mit der das FA die Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs r&uuml;gt, ist zul&auml;ssig und begr&uuml;ndet. Sie f&uuml;hrt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und Zur&uuml;ckverweisung des Rechtsstreits an das FG zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;6 FGO.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>14<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Der vom FA ordnungsgem&auml;&szlig; (&sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;3 FGO) geltend gemachte Verfahrensmangel liegt vor. Das FG hat das Recht des FA auf rechtliches Geh&ouml;r (Art.&nbsp;103 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes &#8211;GG&#8211;, &sect;&nbsp;96 Abs.&nbsp;2 FGO) verletzt, indem es das Schreiben der Kl&auml;ger vom 18.&nbsp;November 2016 nicht vor der Bekanntgabe der Entscheidung an das FA &uuml;bermittelt und es ohne Ber&uuml;cksichtigung des vom FA bereits angek&uuml;ndigten neuen Sach- und Rechtsvortrags &uuml;berraschend nach &sect;&nbsp;90 Abs.&nbsp;2 FGO ohne m&uuml;ndliche Verhandlung entschieden hat.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>15<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>a) Der Anspruch auf rechtliches Geh&ouml;r umfasst das Recht der Verfahrensbeteiligten, sich vor Erlass einer Entscheidung zu den entscheidungserheblichen Tatsachen und -gegebenenfalls- Beweisergebnissen zu &auml;u&szlig;ern, sowie in rechtlicher Hinsicht alles vorzutragen, was sie f&uuml;r wesentlich halten (vgl. u.a. Beschluss des Bundesfinanzhofs &#8211;BFH&#8211; vom 10.&nbsp;Dezember 2012 VI&nbsp;B&nbsp;135\/12, BFH\/NV 2013, 569, unter 2.; Gr&auml;ber\/Ratschow, Finanzgerichtsordnung, 8.&nbsp;Aufl., &sect;&nbsp;119 Rz&nbsp;14, m.w.N.; Lange in H&uuml;bschmann\/Hepp\/Spitaler &#8211;HHSp&#8211;, &sect;&nbsp;96 FGO Rz&nbsp;217). Dar&uuml;ber hinaus gebietet es der Anspruch auf rechtliches Geh&ouml;r, f&uuml;r die Prozessbeteiligten &uuml;berraschende Entscheidungen zu unterlassen. Eine &Uuml;berraschungsentscheidung liegt vor, wenn das FG sein Urteil auf einen bis dahin nicht er&ouml;rterten oder nicht bekannten rechtlichen oder tats&auml;chlichen Gesichtspunkt st&uuml;tzt und damit dem Rechtsstreit eine Wendung gibt, mit der auch ein gewissenhafter und kundiger Prozessbeteiligter selbst unter Ber&uuml;cksichtigung der Vielzahl vertretbarer Auffassungen nach dem bisherigen Verlauf der Verhandlung nicht rechnen musste. Dies kann u.a. der Fall sein, wenn ein entscheidungserheblicher Umstand vom FG erst mit dem Endurteil in das Verfahren eingebracht wird (vgl. BFH-Beschluss vom 23.&nbsp;Oktober 2015 IX&nbsp;B&nbsp;92\/15, BFH\/NV 2016, 217, unter 1.; Gr&auml;ber\/Ratschow, a.a.O., &sect;&nbsp;119 Rz&nbsp;16; Lange in HHSp &sect;&nbsp;96 FGO Rz&nbsp;224). Die Gew&auml;hrung des rechtlichen Geh&ouml;rs verlangt daher auch, dass das Gericht den anderen Beteiligten &uuml;ber die Abgabe einer Erkl&auml;rung &uuml;ber den Verzicht auf m&uuml;ndliche Verhandlung informiert (Gr&auml;ber\/Herbert, a.a.O., &sect;&nbsp;90 Rz&nbsp;9 am Ende).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>16<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>b) Hier war dem FA in der Folge einer Entscheidung ohne m&uuml;ndliche Verhandlung von der Berichterstatterin am FG die M&ouml;glichkeit abgeschnitten worden, den telefonisch bereits angek&uuml;ndigten Sach- und Rechtsvortrag dem Gericht und dem Prozessgegner noch zur Kenntnis zu bringen. Nach dem Er&ouml;rterungstermin lag aufgrund der ge&auml;nderten Sach- und Rechtsauffassung der Berichterstatterin hinsichtlich der streitigen Eink&uuml;nfte aus &sect;&nbsp;23 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 EStG eine neue rechtliche und tats&auml;chliche Prozesssituation vor, die dem FA bis dahin noch nicht bekannt war. Einem Prozessbeteiligten muss hinreichend Gelegenheit gegeben werden, sich zu einer derartigen neuen Prozesssituation zu &auml;u&szlig;ern und im Rahmen der ihm obliegenden Feststellungslast neue Tatsachen darzulegen. Dies hat das FG unterlassen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>17<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Zudem lagen &#8211;mangels der nach &sect;&nbsp;77 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;4 FGO gebotenen &Uuml;bersendung des Verhandlungsverzichts der Kl&auml;gerseite vom 18.&nbsp;November 2016 an das FA&#8211; aus Sicht des FA bis zum Ergehen des Endurteils die Voraussetzungen f&uuml;r eine Entscheidung ohne m&uuml;ndliche Verhandlung nicht vor. Denn dem FA waren zu diesem Zeitpunkt nur die Klagebegr&uuml;ndung der Kl&auml;ger vom 8.&nbsp;August 2014 sowie das Schreiben vom 22.&nbsp;Oktober 2014 bekannt, in denen die Kl&auml;ger ausdr&uuml;cklich nicht auf die m&uuml;ndliche Verhandlung verzichtet hatten. Das FA konnte daher zu Recht davon ausgehen, bis zur Anberaumung einer m&uuml;ndlichen Verhandlung noch ausreichend Zeit und Gelegenheit f&uuml;r erg&auml;nzenden Vortrag zu haben und brauchte mit einer streitigen Entscheidung zu diesem Zeitpunkt nicht zu rechnen. Die M&ouml;glichkeit zum erg&auml;nzenden Vortrag ist dem FA durch die aus seiner Sicht &uuml;berraschende Entscheidung des FG entzogen worden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>18<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Daher braucht nicht mehr entschieden werden, ob der vom FA mit Schreiben vom 10.&nbsp;Oktober 2014 erkl&auml;rte Verzicht auf m&uuml;ndliche Verhandlung sich mit dem Er&ouml;rterungstermin vom 10.&nbsp;November 2016 verbraucht hatte (vgl. dazu z.B. BFH-Beschl&uuml;sse vom 5.&nbsp;Februar 2014 XI&nbsp;B&nbsp;7\/13, BFH\/NV 2014, 708, unter II.1.; vom 19.&nbsp;April 2016 IX&nbsp;B&nbsp;110\/15, BFH\/NV 2016, 1060, unter II.4.a&nbsp;aa, und vom 4.&nbsp;August 2016 X&nbsp;B&nbsp;145\/15, BFH\/NV 2016, 1744, unter III.1., jeweils m.w.N.).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>19<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. Der Senat h&auml;lt es f&uuml;r sachgerecht, die Vorentscheidung gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;6 FGO wegen des Verfahrensfehlers aufzuheben und den Rechtsstreit zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung zur&uuml;ckzuverweisen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>20<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>F&uuml;r das weitere Verfahren weist der Senat auf Folgendes hin:<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>21<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>a) Bei Vorliegen der Voraussetzungen des &sect;&nbsp;79a Abs.&nbsp;3, 4 FGO hat der Berichterstatter zwar die M&ouml;glichkeit, Entscheidungen allein zu treffen; denn nach dieser Vorschrift &quot;kann&quot; er im Einverst&auml;ndnis der Beteiligten auch sonst anstelle des Senats entscheiden (BFH-Beschluss vom 9.&nbsp;Juli 2003&nbsp;IX&nbsp;B&nbsp;34\/03, BFHE 202, 408, BStBl II 2003, 858). Dieses einger&auml;umte Ermessen hat der Berichterstatter bei der Frage der Bestellung zum konsentierten Einzelrichter pflichtgem&auml;&szlig; auszu&uuml;ben (vgl. zur Ermessensaus&uuml;bung Gr&auml;ber\/Stapperfend, a.a.O., &sect;&nbsp;79a Rz&nbsp;30; Seer in Tipke\/Kruse, Abgabenordnung, Finanzgerichtsordnung, &sect;&nbsp;79a FGO Rz&nbsp;17&nbsp;f., m.w.N.). Die angefochtene Entscheidung enth&auml;lt keine Ausf&uuml;hrungen dazu, weshalb trotz der offensichtlichen und erheblichen Schwierigkeit und Tragweite des Streitfalls eine Entscheidung durch den Berichterstatter sinnvoller sein soll als durch den zust&auml;ndigen Senat des FG. Zudem ist angesichts der tats&auml;chlichen und rechtlichen Komplexit&auml;t des Streitstoffs das Ermessen in diesem Einzelfall dahingehend reduziert, dass nur eine Entscheidung durch den Senat als pflichtgem&auml;&szlig; erscheint.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>22<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>b) In dem l&uuml;ckenhaften Protokoll &uuml;ber den Termin zur Er&ouml;rterung der Sach- und Rechtslage vom 10.&nbsp;November 2016 hat die Berichterstatterin am FG keine &quot;Rechtsauffassung des Gerichts&quot; dargestellt. Die in dem Protokoll enthaltenen unbestimmten und unklaren Ausf&uuml;hrungen k&ouml;nnen daher keine Handlungsverpflichtung eines Beteiligten begr&uuml;nden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>23<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>c) Schlie&szlig;lich hat das FG im zweiten Rechtsgang Ausf&uuml;hrungen zu dem prozessrechtlichen Verh&auml;ltnis der Klageverfahren 3&nbsp;K&nbsp;105\/14 und 3&nbsp;K&nbsp;144\/14 zu machen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>24<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>3. Der Senat sieht von einer weiteren Begr&uuml;ndung ab (&sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 FGO).<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>25<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>4. Die &Uuml;bertragung der Kostenentscheidung auf das FG beruht auf &sect;&nbsp;143 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p> <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 23.2.2017, IX B 2\/17ECLI:DE:BFH:2017:B.230217.IXB2.17.0 Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs durch Entscheidung ohne m&uuml;ndliche Verhandlung Tenor Auf die Beschwerde des Beklagten wegen Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des Schleswig-Holsteinischen Finanzgerichts vom 28. November 2016 3 K 144\/14 aufgehoben. Die Sache wird an das Schleswig-Holsteinische Finanzgericht zur&uuml;ckverwiesen. Diesem wird die Entscheidung &uuml;ber die Kosten &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/ix-b-2-17-verletzung-des-rechtlichen-gehoers-durch-entscheidung-ohne-muendliche-verhandlung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">IX&nbsp;B&nbsp;2\/17 &#8211; Verletzung des rechtlichen Geh&ouml;rs durch Entscheidung ohne m&uuml;ndliche Verhandlung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-67120","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67120","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=67120"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67120\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=67120"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=67120"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=67120"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}