{"id":70776,"date":"2019-06-08T14:01:44","date_gmt":"2019-06-08T12:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/steuer.org\/?p=70776"},"modified":"2019-06-08T14:01:44","modified_gmt":"2019-06-08T12:01:44","slug":"ix-b-84-18-verfahrensmangel-erheblicher-rechtsfehler-bei-feststellung-von-rechtstatsachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/ix-b-84-18-verfahrensmangel-erheblicher-rechtsfehler-bei-feststellung-von-rechtstatsachen\/","title":{"rendered":"IX&nbsp;B&nbsp;84\/18 &#8211; Verfahrensmangel &#8211; erheblicher Rechtsfehler bei Feststellung von Rechtstatsachen"},"content":{"rendered":"<p class='ueberschrift'>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 29.3.2019, IX B 84\/18<br \/>ECLI:DE:BFH:2019:B.290319.IXB84.18.0<\/p>\n<p class=\"titel\">Verfahrensmangel &#8211; erheblicher Rechtsfehler bei Feststellung von Rechtstatsachen<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Leits&auml;tze<\/p>\n<div>\n<p>1. NV: Rechtsanwendungsfehler k&ouml;nnen die Zulassung der Revision grunds&auml;tzlich nicht rechtfertigen; das gilt grunds&auml;tzlich auch f&uuml;r Fehler bei der Feststellung einer Rechtstatsache als Indiz.<\/p>\n<\/p>\n<p>2. NV: Ein Verfahrensmangel liegt aber vor, wenn der Fehler so schwerwiegend erscheint, dass er das Vertrauen in die Rechtsprechung ersch&uuml;ttern w&uuml;rde, falls er bestehen bliebe. Das ist insbesondere der Fall, wenn die vom FG eingenommene Rechtsposition als schlechthin unvertretbar und mit geltendem Recht nicht vereinbar anzusehen ist.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"tenor\">Tenor<\/p>\n<div>\n<p>Auf die Beschwerde der Kl&auml;gerin wegen Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des Finanzgerichts Hamburg vom 21. Juni 2018&nbsp;&nbsp;1 K 248\/16 aufgehoben.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Sache wird an das Finanzgericht Hamburg zur&uuml;ckverwiesen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Diesem wird die Entscheidung &uuml;ber die Kosten des Beschwerdeverfahrens &uuml;bertragen.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"gruende\">Gr&uuml;nde<\/p>\n<div>\n<table>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>1<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Die Beschwerde ist begr&uuml;ndet. Sie f&uuml;hrt zur Aufhebung der Vorentscheidung und Zur&uuml;ckverweisung an das Finanzgericht (FG) gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;116 Abs.&nbsp;6 der Finanzgerichtsordnung (FGO). Das angefochtene Urteil leidet an einem Verfahrensmangel (&sect;&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;3 FGO). Das FG hat zu Unrecht angenommen, der Mieter habe einer einvernehmlichen Aufl&ouml;sung des Mietverh&auml;ltnisses zum 31.&nbsp;Dezember 2013 rechtswirksam zugestimmt. Die dahin gehende Auslegung der festgestellten Umst&auml;nde hat keine Grundlage.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>2<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>1. Der Mangel betrifft die Tatsachenw&uuml;rdigung (&sect;&nbsp;96 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 FGO). Das FG hat sich seine &Uuml;berzeugung zu der Frage, ob die Kl&auml;gerin und Beschwerdef&uuml;hrerin (Kl&auml;gerin) mit &Uuml;berschusserzielungsabsicht vermietet hat, auf teilweise unzutreffender Grundlage gebildet. Im Rahmen einer indiziellen Tatsachenfeststellung (hier: Feststellung der &Uuml;berschusserzielungsabsicht anhand von &auml;u&szlig;eren Ankn&uuml;pfungstatsachen) muss das Gericht, wie bei allen tats&auml;chlichen Schlussfolgerungen, von zutreffenden Tatsachen ausgehen. Es muss den Sachverhalt richtig erfassen. Das gilt grunds&auml;tzlich auch, soweit es um Rechtstatsachen und um die Beurteilung rechtlicher Vorfragen geht. Zu beachten ist allerdings, dass Rechtsanwendungsfehler grunds&auml;tzlich nicht zur Zulassung der Revision f&uuml;hren k&ouml;nnen. Dies muss grunds&auml;tzlich auch f&uuml;r die rechtsfehlerhafte Beurteilung zivilrechtlicher Vorfragen bei der Feststellung von rechtlich gepr&auml;gten Indiztatsachen gelten, denn es ist erst recht nicht die Aufgabe des Bundesfinanzhofs (BFH), die Richtigkeit jeder zivilrechtlichen Vorbeurteilung einer revisionsrechtlichen Kontrolle zu unterziehen. Etwas anderes gilt aber jedenfalls dann, wenn der Fehler so schwerwiegend erscheint, dass er das Vertrauen in die Rechtsprechung ersch&uuml;ttern w&uuml;rde, wenn er bestehen bliebe. Das ist insbesondere der Fall, wenn die vom FG eingenommene Rechtsposition als schlechthin unvertretbar und mit geltendem Recht nicht vereinbar anzusehen ist. Jedenfalls unter diesen engen Voraussetzungen &uuml;berpr&uuml;ft und korrigiert der BFH im Rahmen der Verfahrenskontrolle bei der Tatsachenw&uuml;rdigung auch eine fehlerhafte Rechtsanwendung durch das FG.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>3<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>2. Auf der Grundlage seiner tats&auml;chlichen Feststellungen konnte das FG in rechtlicher Hinsicht nicht annehmen, dass der Mietvertrag zum 31.&nbsp;Dezember 2013 enden und dass der Mieter das Haus bis zu diesem Zeitpunkt r&auml;umen w&uuml;rde.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>4<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>a) Zu Recht hat das FG im Ausgangspunkt angenommen, die &Uuml;berschusserzielungsabsicht der Kl&auml;gerin k&ouml;nne nur anhand objektiver Umst&auml;nde indiziell festgestellt werden. Zu diesen objektiven Umst&auml;nden geh&ouml;ren auch die rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit einer m&ouml;glichen Befristung, Aufl&ouml;sung oder K&uuml;ndigung des von der Kl&auml;gerin &quot;erworbenen&quot; Mietvertrags. Zu Recht ist das FG wohl auch davon ausgegangen, dass die Absicht nur verneint werden kann, wenn ein vorzeitiges Ende des Mietvertrags aus Sicht der Kl&auml;gerin &uuml;berwiegend wahrscheinlich war, wenn sie also damit rechnen konnte, das Objekt alsbald (und nicht irgendwann) selbst nutzen zu k&ouml;nnen. Das ergibt sich daraus, dass die &Uuml;berschusserzielungsabsicht bei einer auf Dauer angelegten Vermietungst&auml;tigkeit grunds&auml;tzlich vermutet wird. Ausnahmen, insbesondere im Fall der Befristung eines Mietverh&auml;ltnisses, bed&uuml;rfen nach der Rechtsprechung besonderer tats&auml;chlicher Feststellungen. Eine Befristung allein gen&uuml;gt noch nicht f&uuml;r die Annahme, dass die &Uuml;berschusserzielungsabsicht nicht vorlag.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>5<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>b) Von diesem Standpunkt aus hat das FG die Absicht der Kl&auml;gerin vor allem deshalb verneint, weil es angenommen hat, der Mieter des von der Kl&auml;gerin erworbenen Hauses habe mit seiner Unterschrift auf zwei Schreiben der ehemaligen Vermieterin vom M&auml;rz 2011 sein Einverst&auml;ndnis zu einer einvernehmlichen Aufhebung des Mietvertrags erteilt. Das FG hat dazu ausdr&uuml;cklich ausgef&uuml;hrt: &quot;&#8230; der Mieter &#8230; hat das Schreiben (&quot;Betr.: K&uuml;ndigung&quot;) vom 23.03.2011 der Aufforderung der Vermieterin entsprechend best&auml;tigt, indem er das Schreiben durch seine Unterschrift gegengezeichnet hat. Zur &Uuml;berzeugung des erkennenden Senats hat der Mieter &#8230; damit nicht etwa nur den blo&szlig;en Erhalt dieses Schreibens best&auml;tigt, sondern dessen Inhalt zugestimmt.&quot; Nach den Feststellungen des FG im Tatbestand des angefochtenen Urteils endete das Schreiben mit der Bitte um Best&auml;tigung durch Unterschrift.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>6<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>Diese vom FG vorgenommene Auslegung der Unterschrift des Mieters auf einem die K&uuml;ndigung des Mietverh&auml;ltnisses beinhaltenden Schreiben des Vermieters ist nicht vertretbar. Mit seiner Unterschrift hat der Mieter erkennbar nur zum Ausdruck gebracht, das Schreiben erhalten zu haben. Eine weiter gehende Bedeutung ist der Unterschrift nicht zu entnehmen. Daf&uuml;r fehlen jegliche Anhaltspunkte. Dass der Mieter auf einem anderen Schreiben seine Zustimmung zu einer Mieterh&ouml;hung erteilt hat, l&auml;sst keinen Schluss darauf zu, dass der Mieter auch der K&uuml;ndigung des Vertrags zustimmen wollte. Eine entsprechende Erkl&auml;rung h&auml;tte unschwer ausdr&uuml;cklich formuliert werden k&ouml;nnen. Sie h&auml;tte sich auch angeboten, um den Verkauf des Hauses zu erleichtern. Das ist jedoch nicht geschehen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>7<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>c) Auf der Grundlage der bisher vom FG festgestellten Umst&auml;nde ist davon auszugehen, dass die Kl&auml;gerin nicht sicher von der Beendigung des Mietverh&auml;ltnisses am 31.&nbsp;Dezember 2013 ausgehen konnte. Die im Mietvertrag vereinbarte Befristung war an pers&ouml;nliche Gr&uuml;nde gekn&uuml;pft, die die Kl&auml;gerin als Erwerberin des Hauses nicht geltend machen konnte. Die vom Voreigent&uuml;mer w&auml;hrend laufender Befristung ausgesprochene ordentliche K&uuml;ndigung war unwirksam, denn eine Befristung schlie&szlig;t eine ordentliche K&uuml;ndigung aus. Ein Aufhebungsvertrag zwischen dem Voreigent&uuml;mer und dem Mieter, in den die Kl&auml;gerin h&auml;tte eintreten k&ouml;nnen, ist &#8211;wie dargestellt&#8211; nicht anzunehmen. H&auml;tte die Kl&auml;gerin die alsbaldige Selbstnutzung der Immobilie angestrebt, h&auml;tte sie nach Erwerb eine auf ihren Eigenbedarf gest&uuml;tzte K&uuml;ndigung nachschieben m&uuml;ssen. Das ist jedoch nicht geschehen. Trotz zeitlicher N&auml;he zwischen dem Erwerb und dem Beginn der Selbstnutzung sprechen die Umst&auml;nde deshalb daf&uuml;r, dass die Kl&auml;gerin eine fristgerechte R&auml;umung durch den Mieter zwar m&ouml;glicherweise erhofft habe, dass sie davon jedoch nicht sicher ausgehen konnte und dass sie sie auch nicht aktiv herbeigef&uuml;hrt hat. Vielmehr hat die Kl&auml;gerin die Gelegenheit ergriffen, als sie sich ihr bot. Dies schlie&szlig;t die &Uuml;berschusserzielungsabsicht f&uuml;r den Zeitraum bis zum Auszug des Mieters nicht aus.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>8<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>d) Das FG wird die tats&auml;chlichen Umst&auml;nde noch einmal w&uuml;rdigen und sich im zweiten Rechtsgang auf ver&auml;nderter tats&auml;chlicher (und rechtlicher) Grundlage eine neue &Uuml;berzeugung bilden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign='top'>\n<table>\n<tr>\n<td><em>9<\/em>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<td>\n<table>\n<tr>\n<td>3. Die Kostenentscheidung beruht auf &sect;&nbsp;143 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<p> <!-- Ende des eingebetteten Dokumentes --><\/p>\n<p><small>Quelle: bundesfinanzhof.de<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BUNDESFINANZHOF Beschluss vom 29.3.2019, IX B 84\/18ECLI:DE:BFH:2019:B.290319.IXB84.18.0 Verfahrensmangel &#8211; erheblicher Rechtsfehler bei Feststellung von Rechtstatsachen Leits&auml;tze 1. NV: Rechtsanwendungsfehler k&ouml;nnen die Zulassung der Revision grunds&auml;tzlich nicht rechtfertigen; das gilt grunds&auml;tzlich auch f&uuml;r Fehler bei der Feststellung einer Rechtstatsache als Indiz. 2. 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