{"id":72693,"date":"2020-07-26T17:49:12","date_gmt":"2020-07-26T15:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=72693"},"modified":"2020-07-26T17:49:17","modified_gmt":"2020-07-26T15:49:17","slug":"zum-erlass-bestandskraeftig-festgesetzter-steuern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/zum-erlass-bestandskraeftig-festgesetzter-steuern\/","title":{"rendered":"Zum Erlass bestandskr\u00e4ftig festgesetzter Steuern"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Beschluss vom 11. Mai 2020, V B 99\/19<\/h1>\n\n\n\n<p>ECLI:DE:BFH:2020:B.110520.VB99.19.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH V. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 163 , AO \u00a7 172 , AO \u00a7 172ff , UStG \u00a7 15 Abs 1 S 1 Nr 1 , FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 1 , UStG VZ 2008 , UStG VZ 2009<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend Nieders\u00e4chsisches Finanzgericht , 19. September 2019, Az: 11 K 168\/16<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Die Frage, ob der Vorsteuerabzug auch bei Fehlen von formellen oder materiellen Voraussetzungen aufgrund besonderer Verh\u00e4ltnisse des Einzelfalls unter Vertrauensschutzgesichtspunkten im Billigkeitsverfahren zuerkannt werden kann und ob bei Ber\u00fccksichtigung von gemeinschaftsrechtlichen Regelungen das in \u00a7 163 AO einger\u00e4umte Ermessen des FA auf null reduziert sein kann, ist durch die Rechtsprechung des BFH bereits entschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Bestandskr\u00e4ftig festgesetzte Steuern k\u00f6nnen im Billigkeitsverfahren nur dann sachlich \u00fcberpr\u00fcft werden, wenn die Steuerfestsetzung offensichtlich und eindeutig falsch ist und wenn es dem Steuerpflichtigen nicht m\u00f6glich und nicht zumutbar war, sich gegen die Fehlerhaftigkeit rechtzeitig zu wehren.<\/p>\n\n\n\n<p>3. NV: Ein Erlass darf nicht \u00c4nderungsm\u00f6glichkeiten schaffen, die die \u00c4nderungsvorschriften der \u00a7\u00a7 172 ff. AO nicht vorsehen und nach der gesetzgeberischen Konzeption nicht vorsehen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>4. NV: Das Unionsrecht erfordert weder eine Aufhebung oder \u00c4nderung rechtskr\u00e4ftiger unionsrechtswidriger Urteile noch f\u00fchrt ein m\u00f6glicher unionsrechtlicher Entsch\u00e4digungsanspruch dazu, den Kl\u00e4gern die unionsrechtswidrig erhobenen Steuern zu erlassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde der Kl\u00e4gerin wegen Nichtzulassung der Revision gegen das Urteil des Nieders\u00e4chsischen Finanzgerichts vom 19.09.2019 &#8211; 11 K 168\/16 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Beschwerdeverfahrens hat die Kl\u00e4gerin zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde ist unbegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Voraussetzungen f\u00fcr eine Zulassung der Revision gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) sind nicht gegeben. Die Revision ist weder wegen grunds\u00e4tzlicher Bedeutung (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;1 FGO) noch zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2&nbsp;&nbsp;2.&nbsp;Alternative FGO) zuzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Die Frage, ob der Vorsteuerabzug auch bei Fehlen von formellen oder materiellen Voraussetzungen aufgrund besonderer Verh\u00e4ltnisse des Einzelfalls unter Vertrauensschutzgesichtspunkten im Billigkeitsverfahren zuerkannt werden kann und ob bei Ber\u00fccksichtigung von gemeinschaftsrechtlichen Regelungen das in \u00a7&nbsp;163 der Abgabenordnung (AO) einger\u00e4umte Ermessen des Finanzamts auf null reduziert sein kann, ist nicht grunds\u00e4tzlich bedeutsam i.S. von \u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;1 FGO, weil sie durch die Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH) bereits entschieden ist (vgl. zum ersten Teil der Frage Senatsurteil vom 14.02.2019&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;47\/16, BFHE 264, 76, Rz&nbsp;30; zum zweiten Teil der Frage Senatsurteil vom 08.10.2008&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;63\/07, BFH\/NV 2009, 1473, Rz&nbsp;64).<\/p>\n\n\n\n<p>2. Die geltend gemachte Divergenz (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2&nbsp;&nbsp;2.&nbsp;Alternative FGO) zu den Senatsurteilen in BFHE 264, 76 und in BFH\/NV 2009, 1473 liegt nicht vor.<\/p>\n\n\n\n<p>a) Zur schl\u00fcssigen Darlegung einer Abweichung muss der Beschwerdef\u00fchrer aufzeigen, dass das Finanzgericht (FG) in einer Rechtsfrage von der Entscheidung eines anderen Gerichts abgewichen ist, dabei \u00fcber dieselbe Rechtsfrage entschieden wurde und diese f\u00fcr beide Entscheidungen rechtserheblich war, dass die Entscheidungen zu gleichen oder vergleichbaren Sachverhalten ergangen sind und die abweichend beantwortete Rechtsfrage im Revisionsverfahren gekl\u00e4rt werden kann (z.B. Senatsbeschluss vom 07.02.2019&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;68\/18, BFH\/NV 2019, 595; BFH-Beschluss vom 23.10.2019&nbsp;&#8211; IX&nbsp;B&nbsp;20\/19, BFH\/NV 2020, 215).<\/p>\n\n\n\n<p>b) Die Frage, ob die Rechtsansicht des FG, dass eine Rechnungsberichtigung nur im Festsetzungsverfahren, nicht aber im Billigkeitsverfahren erfolgen kann, im Widerspruch zu den tragenden Rechtss\u00e4tzen der Senatsurteile in BFHE 264, 76 und in BFH\/NV 2009, 1473 steht, kann keine Divergenz begr\u00fcnden, weil sie nicht entscheidungserheblich ist. Denn ein Erlass kommt bereits aus anderen Gr\u00fcnden vorliegend nicht in Betracht. Bestandskr\u00e4ftig festgesetzte Steuern k\u00f6nnen im Billigkeitsverfahren nur dann sachlich \u00fcberpr\u00fcft werden, wenn die Steuerfestsetzung offensichtlich und eindeutig falsch ist und wenn es dem Steuerpflichtigen nicht m\u00f6glich und nicht zumutbar war, sich gegen die Fehlerhaftigkeit rechtzeitig zu wehren (st\u00e4ndige Rechtsprechung, z.B. BFH-Urteile vom 30.04.1981&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;169\/78, BFHE 133, 255, BStBl II 1981, 611; vom 11.08.1987&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;121\/84, BFHE 150, 502, BStBl II 1988, 512; vom 21.07.1993&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;104\/91, BFH\/NV 1994, 597; vom 14.11.2007&nbsp;&#8211; II&nbsp;R&nbsp;3\/06, BFH\/NV 2008, 574; vom 21.01.2015&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;40\/12, BFHE 248, 485, BStBl II 2016, 117; vom 27.02.2019&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;34\/17, BFHE 264, 563). Ein Erlass darf nicht \u00c4nderungsm\u00f6glichkeiten schaffen, die die \u00c4nderungsvorschriften der \u00a7\u00a7&nbsp;172&nbsp;ff. AO nicht vorsehen und nach der gesetzgeberischen Konzeption nicht vorsehen sollten (BFH-Urteile in BFHE 248, 485, BStBl II 2016, 117, und vom 19.10.2010&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;9\/09, BFH\/NV 2011, 561).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umsatzsteuerbescheide 2008 und 2009 sind durch die Klager\u00fccknahme der Kl\u00e4gerin und Beschwerdef\u00fchrerin (Kl\u00e4gerin) in dem Finanzgerichtsverfahren 11&nbsp;K&nbsp;327\/12 im Jahr 2014 bestandskr\u00e4ftig geworden. Die Kl\u00e4gerin h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit gehabt, sich in diesem Verfahren gegen eine etwaige Rechtswidrigkeit dieser Bescheide zu wehren. Die Versagung des Vorsteuerabzugs aus den streitbefangenen Rechnungen war im Zeitpunkt der letzten Verwaltungsentscheidung im Festsetzungsverfahren (Einspruchsentscheidung) auch nicht offensichtlich und eindeutig falsch.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Ob die Versagung des Vorsteuerabzugs aus heutiger Sicht unionsrechtswidrig ist, kann dahingestellt bleiben. Denn das Unionsrecht erfordert weder eine Aufhebung oder \u00c4nderung rechtskr\u00e4ftiger unionsrechtswidriger Urteile noch f\u00fchrt ein m\u00f6glicher unionsrechtlicher Entsch\u00e4digungsanspruch dazu, den Kl\u00e4gern die unionsrechtswidrig erhobenen Steuern zu erlassen (BFH-Urteil in BFHE 248, 485, BStBl II 2016, 117, Rz&nbsp;44; Urteile des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union Eco&nbsp;Swiss vom 01.06.1999&nbsp;&#8211; C-126\/97, EU:C:1999:269, Rz&nbsp;47&nbsp;f., Neue Juristische Wochenschrift &#8211;NJW&#8211; 1999, 3549; K\u00f6bler vom 30.09.2003&nbsp;&#8211; C-224\/01, EU:C:2003:513, Rz&nbsp;38, NJW 2003, 3539; Kapferer vom 16.03.2006&nbsp;&#8211; C-234\/04, EU:C:2006:178, Rz&nbsp;20&nbsp;f., NJW 2006, 1577; Fallimento Olimpiclub vom 03.09.2009&nbsp;&#8211; C-2\/08, EU:C:2009:506, Rz&nbsp;22, Europ\u00e4ische Zeitschrift f\u00fcr Wirtschaftsrecht &#8211;EuZW&#8211; 2009, 739; Asturcom Telecomunicaciones vom 06.10.2009&nbsp;&#8211; C-40\/08, EU:C:2009:615, Rz&nbsp;35&nbsp;ff., EuZW 2009, 852). Dasselbe gilt, wenn die Bestandskraft nicht durch Urteil, sondern durch R\u00fccknahme der Klage eingetreten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beschluss vom 11. Mai 2020, V B 99\/19 ECLI:DE:BFH:2020:B.110520.VB99.19.0 BFH V. Senat AO \u00a7 163 , AO \u00a7 172 , AO \u00a7 172ff , UStG \u00a7 15 Abs 1 S 1 Nr 1 , FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 1 , UStG VZ 2008 , UStG VZ 2009 vorgehend Nieders\u00e4chsisches Finanzgericht , 19. 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