{"id":73478,"date":"2021-01-09T14:17:52","date_gmt":"2021-01-09T12:17:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=73478"},"modified":"2021-01-09T14:17:57","modified_gmt":"2021-01-09T12:17:57","slug":"zustaendiges-gericht-fuer-eine-klage-mit-der-ein-insolvenzverwalter-die-gesellschafter-einer-ohg-gemaess-%c2%a7-128-hgb-fuer-steuerschulden-der-ohg-persoenlich-als-gesamtschuldner-in-haftung-nimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/zustaendiges-gericht-fuer-eine-klage-mit-der-ein-insolvenzverwalter-die-gesellschafter-einer-ohg-gemaess-%c2%a7-128-hgb-fuer-steuerschulden-der-ohg-persoenlich-als-gesamtschuldner-in-haftung-nimmt\/","title":{"rendered":"Zust\u00e4ndiges Gericht f\u00fcr eine Klage, mit der ein Insolvenzverwalter die Gesellschafter einer OHG gem\u00e4\u00df \u00a7 128 HGB f\u00fcr Steuerschulden der OHG pers\u00f6nlich als Gesamtschuldner in Haftung nimmt"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Beschluss vom 10. November 2020, XI S 17\/20<\/h1>\n\n\n\n<p>ECLI:DE:BFH:2020:B.101120.XIS17.20.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH XI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>FGO \u00a7 38 , FGO \u00a7 39 Abs 1 Nr 5 , FGO \u00a7 39 Abs 2 S 1 , FGO \u00a7 155 S 1 , ZPO \u00a7 29 , HGB \u00a7 128 , InsO \u00a7 93<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend Th\u00fcringer Finanzgericht , 22. April 2020, Az: 1 K 559\/18<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Die Bestimmung des \u00f6rtlich zust\u00e4ndigen FG nach \u00a7 39 Abs. 1 Nr. 5 FGO kommt nur in Betracht, wenn der Finanzrechtsweg er\u00f6ffnet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Der Finanzrechtsweg ist er\u00f6ffnet, wenn ein pers\u00f6nlich haftender Gesellschafter einer OHG wegen \u00a7 93 InsO durch Klage des Insolvenzverwalters (dieser als gesetzlicher Prozessstandschafter des FA) in Haftung genommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>3. NV: Ist der Beklagte eine nat\u00fcrliche Person, kann f\u00fcr die Bestimmung des zust\u00e4ndigen Gerichts an dessen (Wohn-)Sitz anzukn\u00fcpfen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>4. NV: Verbindlichkeiten eines pers\u00f6nlich haftenden Gesellschafters gem\u00e4\u00df \u00a7 128 HGB geh\u00f6ren zu den Vertragsverh\u00e4ltnissen i.S. des \u00a7 29 ZPO.<\/p>\n\n\n\n<p>5. NV: Wird ein pers\u00f6nlich haftender Gesellschafter einer OHG wegen \u00a7 93 InsO nicht durch Haftungsbescheid des FA, sondern durch Klage des Insolvenzverwalters (dieser als gesetzlicher Prozessstandschafter des FA) in Haftung genommen, entspricht es den Wertungen des \u00a7 38 FGO, das FG zum zust\u00e4ndigen Gericht zu bestimmen, in dessen Bezirk das FA seinen Sitz hat und das deshalb f\u00fcr eine Klage gegen einen Haftungsbescheid zust\u00e4ndig w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>1. Zum zust\u00e4ndigen Finanzgericht wird das Th\u00fcringer Finanzgericht bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Eine Kostenentscheidung ist nicht zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der Kl\u00e4ger ist Insolvenzverwalter \u00fcber das Verm\u00f6gen der &#8230;&nbsp;OHG (OHG). Diese hat ihren Sitz in A, Bundesrepublik Deutschland (Deutschland). Pers\u00f6nlich haftende Gesellschafter der OHG sind nach Angaben des Kl\u00e4gers seit dem 06.11.2014 &#8230; (Beklagter zu&nbsp;1.) mit Wohnsitz in B, Slowakische Republik, und &#8230; (Beklagter zu&nbsp;2.) mit Wohnsitz in C, Deutschland. Zust\u00e4ndig f\u00fcr die Umsatzsteuer der OHG ist das Finanzamt &#8230; (FA) mit Sitz in D.<\/li><li>Unter dem 21.08.2018 hat der Kl\u00e4ger gegen den Beklagten zu&nbsp;1. und den Beklagten zu&nbsp;2. beim Th\u00fcringer Finanzgericht (FG) Klage erhoben, \u00fcber die noch nicht entschieden ist. Er beantragt, die Beklagten als Gesamtschuldner zu verurteilen, an ihn &#8230;&nbsp;\u20ac zu zahlen. In dieser H\u00f6he seien aufgrund der Forderungsanmeldung des FA vom 25.05.2018 Abgabenforderungen (vor allem Umsatzsteuer) zur Insolvenztabelle festgestellt worden. Anspruchsgrundlage f\u00fcr die gesamtschuldnerische Haftung der Beklagten sei \u00a7&nbsp;93 der Insolvenzordnung (InsO) i.V.m. \u00a7&nbsp;128 des Handelsgesetzbuchs (HGB). F\u00fcr die Geltendmachung dieses Anspruchs, den der Kl\u00e4ger als gesetzlicher Prozessstandschafter f\u00fcr das FA geltend mache, sei der Finanzrechtsweg er\u00f6ffnet.<\/li><li>Am 22.04.2020 hat das FG beschlossen, den Bundesfinanzhof (BFH) um eine Entscheidung zu ersuchen, welches FG f\u00fcr den Rechtsstreit zust\u00e4ndig sei.<\/li><li>Die Beteiligten haben Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger beantragt, das Th\u00fcringer FG zum zust\u00e4ndigen Gericht zu bestimmen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der zul\u00e4ssige Antrag f\u00fchrt zur Bestimmung des Th\u00fcringer FG zum zust\u00e4ndigen FG.<\/li><li>1. Nach \u00a7&nbsp;39 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;5 der Finanzgerichtsordnung (FGO) wird das zust\u00e4ndige FG durch den BFH bestimmt, wenn eine \u00f6rtliche Zust\u00e4ndigkeit nach \u00a7&nbsp;38 FGO nicht gegeben ist. Jeder am Rechtsstreit Beteiligte und jedes mit dem Rechtsstreit befasste FG kann den BFH anrufen (\u00a7&nbsp;39 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO). In dem Verfahren muss au\u00dferdem der Finanzrechtsweg er\u00f6ffnet sein (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse vom 26.08.2008&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;68\/08, BFH\/NV 2008, 2036, unter II.1.a, Rz&nbsp;6; vom 10.02.2012&nbsp;&#8211; VI&nbsp;S&nbsp;10\/11, BFH\/NV 2012, 771, Rz&nbsp;7; vom 09.04.2014&nbsp;&#8211; III&nbsp;S&nbsp;4\/14, BFH\/NV 2014, 1077, Rz&nbsp;6).<\/li><li>2. Der Antrag des FG ist zul\u00e4ssig.<\/li><li>Das ersuchende FG ist i.S. des \u00a7&nbsp;39 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO als Gericht, bei dem der Kl\u00e4ger die Klage erhoben hat, mit dem Rechtsstreit befasst. Zutreffend hat das FG au\u00dferdem angenommen, dass f\u00fcr die auf \u00a7&nbsp;93 InsO gest\u00fctzte Klage der Finanzrechtsweg er\u00f6ffnet ist (vgl. allgemein BFH-Beschluss in BFH\/NV 2014, 1077, Rz&nbsp;7). Au\u00dferdem ist eine Zust\u00e4ndigkeit gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;38 FGO nicht gegeben, wenn die Beklagten &#8211;wie hier&#8211; keine Beh\u00f6rden sind (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse in BFH\/NV 2008, 2036, unter II.1.b, Rz&nbsp;7; in BFH\/NV 2012, 771, Rz&nbsp;8; in BFH\/NV 2014, 1077, Rz&nbsp;8).<\/li><li>3. Der Senat bestimmt das Th\u00fcringer FG zum zust\u00e4ndigen Gericht.<\/li><li>a) Daf\u00fcr spricht, soweit es um den Beklagten zu&nbsp;2. geht, der Rechtsgedanke des \u00a7&nbsp;38 FGO, der an den Sitz des Beklagten ankn\u00fcpft. Bei nat\u00fcrlichen Personen als Beklagten ist dies ebenfalls der (Wohn- oder Betriebs-)Sitz (vgl. BFH-Beschluss in BFH\/NV 2014, 1077, Rz&nbsp;9).<\/li><li>b) Zum Beklagten zu&nbsp;1., der keinen (Wohn- oder Betriebs-)Sitz im Inland hat, ber\u00fccksichtigt der Senat die Wertung des \u00a7&nbsp;29 der Zivilprozessordnung (ZPO), wonach f\u00fcr Streitigkeiten aus einem Vertragsverh\u00e4ltnis und \u00fcber dessen Bestehen das Gericht des Ortes zust\u00e4ndig ist, an dem die streitige Verpflichtung zu erf\u00fcllen ist; denn Haftungsverh\u00e4ltnisse geh\u00f6ren bei vertraglichen Verbindlichkeiten (z.B. nach \u00a7&nbsp;128 HGB) zu den Vertragsverh\u00e4ltnissen des \u00a7&nbsp;29 ZPO (vgl. Z\u00f6ller\/Schultzky, ZPO, 33.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;29 Rz&nbsp;6a; subsidi\u00e4r f\u00fcr \u00a7&nbsp;29 ZPO auch Haas in R\u00f6hricht\/Graf von Westphalen\/Haas, HGB, 5.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;128 Rz&nbsp;9a, 20d). Eine vorrangige Sonderregelung, die die Anwendung des \u00a7&nbsp;29 ZPO \u00fcber \u00a7&nbsp;155 Satz&nbsp;1 FGO ausschl\u00f6sse, enth\u00e4lt die FGO in Bezug auf Konstellationen wie im Streitfall nicht. Der Rechtsgedanke des \u00a7&nbsp;29 ZPO i.V.m. \u00a7&nbsp;155 Satz&nbsp;1 FGO spricht daher daf\u00fcr, mit Blick auf den Beklagten zu&nbsp;1. auf den Sitz der OHG in A abzustellen. Dieses Ergebnis stimmt au\u00dferdem mit der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) \u00fcberein, wonach Zahlungsverpflichtungen der organschaftlichen Vertreter einer zur Vertretung der Gesellschaft erm\u00e4chtigten Gesellschaft gegen\u00fcber der Gesellschaft gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;130a Abs.&nbsp;1, Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 HGB am Sitz der Gesellschaft zu erf\u00fcllen sind (vgl. BGH-Beschluss vom 06.08.2019&nbsp;&#8211; X&nbsp;ARZ&nbsp;317\/19, Zeitschrift f\u00fcr das gesamte Insolvenz- und Sanierungsrecht 2019, 1839, Rz&nbsp;15&nbsp;ff., 22, m.w.N.).<\/li><li>c) Zus\u00e4tzlich ber\u00fccksichtigt der Senat bei der Bestimmung aber auch folgende weitere \u00dcberlegung: In dem Fall, dass das FA Haftungsbescheide gegen die Beklagten erlie\u00dfe und diese jeweils anschlie\u00dfend (nach erfolglosem Einspruchsverfahren) Klage erheben w\u00fcrden, w\u00e4re daf\u00fcr wegen \u00a7&nbsp;38 FGO das Th\u00fcringer FG zust\u00e4ndig. Dies spricht daf\u00fcr, dessen Zust\u00e4ndigkeit auch insoweit anzunehmen, als w\u00e4hrend der Dauer des Insolvenzverfahrens aufgrund der Sperrwirkung des \u00a7&nbsp;93 InsO (vgl. zu deren Reichweite BFH-Beschl\u00fcsse vom 02.11.2001&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;155\/01, BFHE 197, 1, BStBl II 2002, 73; vom 15.11.2012&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;105\/12, BFH\/NV 2013, 587) die Inanspruchnahme nicht durch Bescheid des FA erfolgt, sondern durch Klage des Insolvenzverwalters als dessen gesetzlicher Prozessstandschafter (vgl. dazu BGH-Urteil vom 17.12.2015&nbsp;&#8211; IX&nbsp;ZR&nbsp;143\/13, BGHZ 208, 227, Rz&nbsp;10&nbsp;ff., 13; BFH-Urteil vom 18.09.2019&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;19\/17, BFHE 267, 98, BStBl II 2020, 172, Rz&nbsp;43).<\/li><li>d) Da die Orte A (als f\u00fcr den Beklagten zu&nbsp;1. ma\u00dfgeblicher Ort), C (als f\u00fcr den Beklagten zu&nbsp;2. ma\u00dfgeblicher Ort) und D (als f\u00fcr das FA ma\u00dfgeblicher Ort) im Zust\u00e4ndigkeitsbereich des Th\u00fcringer FG liegen, ist nach allen denkbaren Alternativen das Th\u00fcringer FG zum zust\u00e4ndigen Gericht zu bestimmen.<\/li><li>4. Eine Kostenentscheidung ist nicht zu treffen (vgl. BFH-Beschluss vom 27.01.2009&nbsp;&#8211; X&nbsp;S&nbsp;42\/08, BFH\/NV 2009, 780, unter II.3., Rz&nbsp;23).<\/li><li>5. Der Senat entscheidet ohne m\u00fcndliche Verhandlung (\u00a7&nbsp;39 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 FGO) in der Besetzung mit drei Richtern (\u00a7&nbsp;10 Abs.&nbsp;3 Halbsatz&nbsp;2 FGO).<\/li><li>6. Dieser Beschluss ist gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;155 Satz&nbsp;1 FGO i.V.m. \u00a7&nbsp;37 Abs.&nbsp;2 ZPO unanfechtbar (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse in BFH\/NV 2012, 771, Rz&nbsp;11; in BFH\/NV 2014, 1077, Rz&nbsp;11).<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beschluss vom 10. November 2020, XI S 17\/20 ECLI:DE:BFH:2020:B.101120.XIS17.20.0 BFH XI. Senat FGO \u00a7 38 , FGO \u00a7 39 Abs 1 Nr 5 , FGO \u00a7 39 Abs 2 S 1 , FGO \u00a7 155 S 1 , ZPO \u00a7 29 , HGB \u00a7 128 , InsO \u00a7 93 vorgehend Th\u00fcringer Finanzgericht , 22. 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