{"id":74135,"date":"2021-09-11T12:23:48","date_gmt":"2021-09-11T10:23:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=74135"},"modified":"2021-09-11T12:23:48","modified_gmt":"2021-09-11T10:23:48","slug":"besteuerung-von-betreuungs-und-pflegeleistungen-anerkennung-des-leistenden-als-soziale-einrichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/besteuerung-von-betreuungs-und-pflegeleistungen-anerkennung-des-leistenden-als-soziale-einrichtung\/","title":{"rendered":"Besteuerung von Betreuungs- und Pflegeleistungen; Anerkennung des Leistenden als soziale Einrichtung"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Beschluss vom 01. Juni 2021, XI B 27\/20<\/h1>\n\n\n\n<p>ECLI:DE:BFH:2021:B.010621.XIB27.20.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH XI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>UStG \u00a7 4 Nr 16 S 1 Buchst l , UStG \u00a7 4 Nr 16 S 2 , EGRL 112\/2006 Art 132 Abs 1 Buchst g , UStG VZ 2018<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend Nieders\u00e4chsisches Finanzgericht , 11. Juni 2020, Az: 11 K 319\/19<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Wenn die Kosten f\u00fcr Pflegeleistungen nicht von Einrichtungen der sozialen Sicherheit &#8222;verg\u00fctet&#8220; werden, sondern die zu pflegende Person selbst aus eigenen Mitteln f\u00fcr die Pflegeleistungen aufzukommen hat, kann nicht von einer \u00dcbernahme der Kosten durch soziale Einrichtungen gesprochen werden; dies gilt auch, wenn der Leistungsempf\u00e4nger die f\u00fcr seine Pflege eingesetzten Mittel aus einer Altersrente bezogen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Setzt der Leistungsempf\u00e4nger seine Altersrente zur Finanzierung von Pflegekosten ein, liegt darin keine explizite Entscheidung der Kasse zugunsten der Kostenerstattung von Pflegeleistungen, mithin auch keine Anerkennung des Leistenden als &#8222;andere Einrichtung mit sozialem Charakter&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde des Kl\u00e4gers wegen Nichtzulassung der Revision gegen das Urteil des Nieders\u00e4chsischen Finanzgerichts vom 11.06.2020 &#8211; 11 K 319\/19 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Beschwerdeverfahrens hat der Kl\u00e4ger zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der Kl\u00e4ger und Beschwerdef\u00fchrer (Kl\u00e4ger) betrieb im 1.&nbsp;Kalendervierteljahr 2018 (Streitzeitraum) u.a. eine Seniorenbetreuung. Seine Leistungen umfassten die Grundpflege alter und pflegebed\u00fcrftiger Menschen, in der Regel solcher mit einer Einstufung in den Pflegestufen I bis V, sowie die Haushaltsf\u00fchrung als h\u00e4usliche Krankenpflege. F\u00fcr das Erbringen der Pflegeleistungen setzte der Kl\u00e4ger regelm\u00e4\u00dfig angestellte Arbeitskr\u00e4fte ein, zum gro\u00dfen Teil examinierte Fachkrankenschwestern.<\/li><li>Im Falle einer festgestellten Pflegestufe erstatteten die Kranken- oder Pflegekassen die betreffenden Kosten bis zur H\u00f6he des nach der jeweiligen Pflegestufe m\u00f6glichen H\u00f6chstbetrags f\u00fcr ambulante Pflegeleistungen. Diese Kostenerstattung deckte allerdings nicht in mindestens 25&nbsp;% der F\u00e4lle ganz oder zum \u00fcberwiegenden Teil das von den Patienten dem Kl\u00e4ger geschuldete Entgelt. Vertr\u00e4ge mit Krankenversicherungen nach den \u00a7\u00a7&nbsp;132 und 132a des F\u00fcnften Buches Sozialgesetzbuch und \u00a7\u00a7&nbsp;72 und 77 des Elften Buches Sozialgesetzbuch waren nicht abgeschlossen.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger beanspruchte f\u00fcr seine Leistungen die Steuerbefreiung des \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;l des Umsatzsteuergesetzes in der f\u00fcr den Streitzeitraum geltenden Fassung (UStG a.F.; nunmehr \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;m UStG). Bei der Bemessung der ganz oder zum \u00fcberwiegenden Teil durch Tr\u00e4ger der Sozialversicherung verg\u00fcteten Betr\u00e4ge seien auch die von den Patienten eingesetzten, von ihnen aus der gesetzlichen Rentenversicherung bezogenen Leistungen einzubeziehen.<\/li><li>Der Beklagte und Beschwerdegegner (das Finanzamt &#8211;FA&#8211;) hingegen sah die betreffenden Leistungen als steuerpflichtig an und erlie\u00df am 11.02.2019 f\u00fcr den Streitzeitraum einen entsprechenden \u00c4nderungsbescheid \u00fcber Umsatzsteuer. Den Einspruch des Kl\u00e4gers wies das FA mit Einspruchsentscheidung vom 30.10.2019 als unbegr\u00fcndet zur\u00fcck.<\/li><li>Das Nieders\u00e4chsische Finanzgericht (FG) wies die Klage mit Urteil vom 11.06.2020&nbsp;&#8211; 11&nbsp;K&nbsp;319\/19 ab.<\/li><li>Hiergegen richtet sich die Beschwerde des Kl\u00e4gers wegen Nichtzulassung der Revision, mit der er die grunds\u00e4tzliche Bedeutung der Rechtssache (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;1 der Finanzgerichtsordnung &#8211;FGO&#8211;) sowie das Erfordernis einer Entscheidung des Bundesfinanzhofs (BFH) zur Fortbildung des Rechts (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2 Alternative&nbsp;1 FGO) geltend macht.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde ist unbegr\u00fcndet.<\/li><li>1. Die Rechtssache hat keine grunds\u00e4tzliche Bedeutung i.S. von \u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;1 FGO.<\/li><li>a) Der Kl\u00e4ger sieht es als in dem angestrebten Revisionsverfahren zu kl\u00e4rende Rechtsfrage an, &#8222;ob auch die mittelbar durch die Patienten erbrachten Leistungen, die aus Mitteln der gesetzlichen Rentenversicherung f\u00fcr die Pflegeleistung aufgewendet werden, unter den Begriff der &#8218;Leistung mit Mitteln von Tr\u00e4gern sozialer Einrichtungen'&#8220; nach \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;l UStG&nbsp;a.F. fallen.<\/li><li>b) Eine Rechtsfrage ist indes nicht kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, wenn sich die Antwort ohne weiteres aus dem Gesetz ergibt oder die Rechtsfrage offensichtlich so zu beantworten ist, wie es das FG getan hat, die Rechtslage also eindeutig ist (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 27.02.2018&nbsp;&#8211; I&nbsp;B&nbsp;37\/17, BFH\/NV 2018, 841, Rz&nbsp;12; vom 12.06.2019&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;71\/18, BFH\/NV 2019, 1329, Rz&nbsp;10; vom 19.01.2021&nbsp;&#8211; I&nbsp;B&nbsp;3\/20, BFH\/NV 2021, 648, Rz&nbsp;11; jeweils m.w.N.).<\/li><li>c) Dies ist hier der Fall. Auf der Grundlage der einschl\u00e4gigen Vorschriften sowie der dazu bereits ergangenen Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union (EuGH) und des BFH ist die vom Kl\u00e4ger aufgeworfene Frage eindeutig zu verneinen.<\/li><li>aa) Nach \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;l UStG a.F. sind die Leistungen der Einrichtungen, bei denen die Betreuungs- oder Pflegekosten in mindestens 25&nbsp;% der F\u00e4lle von den gesetzlichen Tr\u00e4gern der Sozialversicherung oder den weiteren in dieser Vorschrift angef\u00fchrten Tr\u00e4gern ganz oder zum \u00fcberwiegenden Teil verg\u00fctet werden, unter den weiteren Voraussetzungen des \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;2 UStG&nbsp;a.F. steuerfrei. Dieser Satz&nbsp;2 bestimmt, dass Leistungen i.S. des \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 UStG&nbsp;a.F., die von Einrichtungen nach \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;b bis l UStG&nbsp;a.F. erbracht werden, befreit sind, soweit es sich ihrer Art nach um Leistungen handelt, auf die sich die Anerkennung, der Vertrag oder die Vereinbarung nach Sozialrecht oder die Verg\u00fctung jeweils bezieht.<\/li><li>bb) \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;l UStG a.F. (nunmehr \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;m UStG) beruht unionsrechtlich auf Art.&nbsp;132 Abs.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;g der Richtlinie 2006\/112\/EG des Rates vom 28.11.2006 \u00fcber das gemeinsame Mehrwertsteuersystem (MwStSystRL). Danach befreien die Mitgliedstaaten &#8222;eng mit der Sozialf\u00fcrsorge und der sozialen Sicherheit verbundene Dienstleistungen und Lieferungen von Gegenst\u00e4nden, einschlie\u00dflich derjenigen, die durch Altenheime, Einrichtungen des \u00f6ffentlichen Rechts oder andere von dem betreffenden Mitgliedstaat als Einrichtungen mit sozialem Charakter anerkannte Einrichtungen bewirkt werden&#8220;.<\/li><li>cc) F\u00fcr den Kl\u00e4ger kommt lediglich eine Beg\u00fcnstigung als &#8222;andere von dem betreffenden Mitgliedstaat als Einrichtung mit sozialem Charakter anerkannte Einrichtung&#8220; in Betracht.<\/li><li>(1) Die Voraussetzungen und Modalit\u00e4ten der Anerkennung als soziale Einrichtung werden in Art.&nbsp;132 Abs.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;g MwStSystRL nicht festgelegt; vielmehr ist es Sache des innerstaatlichen Rechts eines jeden Mitgliedstaats, die Regeln aufzustellen, nach denen Einrichtungen die erforderliche Anerkennung gew\u00e4hrt werden kann (vgl. dazu EuGH-Urteile Les Jardins de Jouvence vom 21.01.2016&nbsp;&#8211; C-335\/14, EU:C:2016:36, Rz&nbsp;32&nbsp;ff.; Finanzamt D vom 08.10.2020&nbsp;&#8211; C-657\/19, EU:C:2020:811, Rz&nbsp;43; BFH-Urteile vom 28.06.2017&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;23\/14, BFHE 258, 517, Rz&nbsp;39; vom 13.06.2018&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;20\/16, BFHE 262, 220, Rz&nbsp;49).<\/li><li>(2) Zu den im Einklang mit dem Unionsrecht f\u00fcr die Anerkennung als soziale Einrichtung ma\u00dfgeblichen Gesichtspunkten geh\u00f6rt u.a. die \u00dcbernahme der Kosten f\u00fcr die fraglichen Leistungen zum gro\u00dfen Teil durch Krankenkassen oder durch andere Einrichtungen der sozialen Sicherheit (vgl. dazu EuGH-Urteile K\u00fcgler vom 10.09.2002&nbsp;&#8211; C-141\/00, EU:C:2002:473, Rz&nbsp;58; Zimmermann vom 15.11.2012&nbsp;&#8211; C-174\/11, EU:C:2012:716, Rz&nbsp;31; Les Jardins de Jouvence, EU:C:2016:36, Rz&nbsp;35; Finanzamt D, EU:C:2020:811, Rz&nbsp;44; z.B. BFH-Urteile vom 07.12.2016&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;5\/15, BFHE 256, 550, Rz&nbsp;29; in BFHE 258, 517, Rz&nbsp;40; in BFHE 262, 220, Rz&nbsp;50).<\/li><li>(3) Wenn &#8211;wie im Streitfall&#8211; die Kosten f\u00fcr die betreffenden Leistungen nicht in dem von \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;l UStG&nbsp;a.F. (nunmehr \u00a7&nbsp;4 Nr.&nbsp;16 Satz&nbsp;1 Buchst.&nbsp;m UStG) bestimmten Umfang von Einrichtungen der sozialen Sicherheit &#8222;verg\u00fctet&#8220; werden, sondern die zu pflegende Person selbst aus eigenen Mitteln f\u00fcr die Pflegeleistungen aufzukommen hat, kann insoweit nicht von einer \u00dcbernahme der Kosten durch soziale Einrichtungen gesprochen werden. Daran vermag auch nichts zu \u00e4ndern, dass der betreffende Leistungsempf\u00e4nger die f\u00fcr seine Pflege eingesetzten Mittel ggf. aus einer Altersrente bezogen hat. Setzt der Leistungsempf\u00e4nger seine Altersrente zur Finanzierung von Pflegekosten ein, liegt darin keine explizite Entscheidung der Kasse zugunsten der Kostenerstattung von Pflegeleistungen (vgl. EuGH-Urteil Finanzamt D, EU:C:2020:811, Rz&nbsp;51), mithin im Streitfall auch keine Anerkennung des Kl\u00e4gers als &#8222;andere Einrichtung mit sozialem Charakter&#8220;.<\/li><li>2. Da das Erfordernis einer Entscheidung des BFH zur Fortbildung des Rechts (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2 Alternative&nbsp;1 FGO) ein Unterfall des Zulassungsgrunds der grunds\u00e4tzlichen Bedeutung ist, kommt die Zulassung der Revision zur Fortbildung des Rechts aus denselben Gr\u00fcnden nicht in Frage (vgl. z.B. allgemein BFH-Beschl\u00fcsse vom 29.04.2020&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;113\/19, BFHE 268, 480, BStBl II 2020, 476, Rz&nbsp;24; vom 08.09.2020&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;17\/20, BFH\/NV 2021, 185, Rz&nbsp;13).<\/li><li>3. Der Senat sieht von einer weiteren Begr\u00fcndung ab (\u00a7&nbsp;116 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 Halbsatz&nbsp;2 FGO).<\/li><li>4. Die Kostenentscheidung folgt aus \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beschluss vom 01. Juni 2021, XI B 27\/20 ECLI:DE:BFH:2021:B.010621.XIB27.20.0 BFH XI. Senat UStG \u00a7 4 Nr 16 S 1 Buchst l , UStG \u00a7 4 Nr 16 S 2 , EGRL 112\/2006 Art 132 Abs 1 Buchst g , UStG VZ 2018 vorgehend Nieders\u00e4chsisches Finanzgericht , 11. 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