{"id":74301,"date":"2021-11-11T17:36:15","date_gmt":"2021-11-11T15:36:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=74301"},"modified":"2021-11-11T17:36:15","modified_gmt":"2021-11-11T15:36:15","slug":"keine-erbschaftsteuerpause-urteil-vom-06-mai-2021-ii-r-1-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/keine-erbschaftsteuerpause-urteil-vom-06-mai-2021-ii-r-1-19\/","title":{"rendered":"Keine Erbschaftsteuerpause &#8211; Urteil vom 06. Mai 2021, II R 1\/19"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2021:U.060521.IIR1.19.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH II. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>ErbStG \u00a7 19 , GG Art 3 Abs 1 , GG Art 100 Abs 1 S 1 , FGO \u00a7 74 , GG Art 20 Abs 3 , ErbStG \u00a7 37 Abs 12 S 1 , GG Art 80 Abs 1 S 2 , BVerfGG \u00a7 13 Nr 11 , BVerfGG \u00a7 80<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG K\u00f6ln, 08. November 2018, Az: 7 K 3022\/17<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Regelungen des ErbStG i.d.F. des WBG 2009 betreffend den Erwerb von Privatverm\u00f6gen und den Steuersatz sind \u00fcber den 30.06.2016 hinaus weiter anwendbar.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision der Kl\u00e4gerin gegen das Urteil des Finanzgerichts K\u00f6ln vom 08.11.2018 &#8211; 7 K 3022\/17 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat die Kl\u00e4gerin zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Kl\u00e4gerin und Revisionskl\u00e4gerin (Kl\u00e4gerin) ist Alleinerbin nach ihrer am 28.08.2016 verstorbenen Tante. Der erbschaftsteuerpflichtige Erwerb bestand aus Privatverm\u00f6gen (im Wesentlichen Bankguthaben sowie eine ausgezahlte Lebensversicherung). Mit Bescheid vom 01.06.2017 setzte der Beklagte und Revisionsbeklagte (das Finanzamt &#8211;FA&#8211;) unter Anwendung eines Steuersatzes von 15&nbsp;% f\u00fcr die Steuerklasse&nbsp;II nach \u00a7&nbsp;19 Abs.&nbsp;1 des Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetzes (ErbStG) i.d.F. des Art.&nbsp;6 des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes vom 22.12.2009 &#8211;WBG 2009&#8211; (BStBl I 2009, 3950) Erbschaftsteuer fest.<\/li><li>Mit ihrem Einspruch machte die Kl\u00e4gerin geltend, dass am Stichtag, dem 28.08.2016, kein mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes (GG) in Einklang stehendes Erbschaftsteuergesetz mehr existiert habe, sodass der Erwerb nicht der Erbschaftsteuer unterliege. Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) habe mit seinem Urteil vom 17.12.2014&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;21\/12 (BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50) dem Gesetzgeber eine Frist zur Neuregelung bis zum 30.06.2016 einger\u00e4umt, die nicht verl\u00e4ngert worden sei. Das FA wies den Einspruch am 16.10.2017 als unbegr\u00fcndet zur\u00fcck.<\/li><li>Die dagegen gerichtete Klage blieb ohne Erfolg. Das Finanzgericht (FG) f\u00fchrte zur Begr\u00fcndung im Wesentlichen aus, dass mit dem r\u00fcckwirkend zum 01.07.2016 in Kraft getretenen ErbStG i.d.F. des Gesetzes zur Anpassung des Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetzes an die Rechtsprechung des BVerfG vom 04.11.2016 (BGBl I 2016, 2464 &#8211;ErbStAnpG 2016&#8211;) &#8211;ErbStG 2016&#8211; eine umfassende Rechtsgrundlage f\u00fcr die Besteuerung von Erbf\u00e4llen und Schenkungen ab dem 01.07.2016 geschaffen worden sei. Die R\u00fcckwirkung sei verfassungsrechtlich zul\u00e4ssig. Die Entscheidung ist in Entscheidungen der Finanzgerichte (EFG) 2019, 455 ver\u00f6ffentlicht.<\/li><li>Mit ihrer Revision macht die Kl\u00e4gerin im Wesentlichen die Verletzung von Art.&nbsp;20 Abs.&nbsp;3 GG geltend.<\/li><li>\u00a7&nbsp;37 Abs.&nbsp;12 Satz&nbsp;1 ErbStG 2016 sei nichtig, da er i.V.m. Art.&nbsp;3 ErbStAnpG 2016 eine unzul\u00e4ssige R\u00fcckwirkung beinhalte. Es liege kein Fall einer ausnahmsweise zul\u00e4ssigen echten R\u00fcckwirkung vor, da die Kl\u00e4gerin aufgrund des verz\u00f6gerten Gesetzgebungsverfahrens auf einen Wegfall der Erbschaftsbesteuerung vertraut habe. Wegen einer Verklammerung der den Erwerb von Betriebsverm\u00f6gen betreffenden Regelungen mit der Tarifnorm des \u00a7&nbsp;19 ErbStG habe auch f\u00fcr solche Erbf\u00e4lle, die nur Privatverm\u00f6gen betrafen, nicht mehr mit einer Novellierung gerechnet werden m\u00fcssen. Ab dem 01.07.2016 sei die \u00dcbergangsregelung beendet gewesen. Dies gelte auch f\u00fcr \u00a7&nbsp;19 ErbStG, da die Erbschaftsteuererhebung ab dem 01.07.2016 insgesamt blockiert gewesen sei.<\/li><li>Die Regelungen des ErbStG 2016 seien auch aus anderen Gr\u00fcnden verfassungswidrig. Erwerber von Privatverm\u00f6gen seien in ihrem Recht auf eine gleichm\u00e4\u00dfige, an der wirtschaftlichen Leistungsf\u00e4higkeit orientierten Besteuerung verletzt. Die Bestimmungen zum Ausschluss des Verwaltungsverm\u00f6gens aus dem Verschonungsprivileg verstie\u00dfen zudem gegen das Gebot der Normenklarheit.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin beantragt sinngem\u00e4\u00df,<br \/>die Vorentscheidung, den Erbschaftsteuerbescheid vom 01.06.2017 und die Einspruchsentscheidung vom 16.10.2017 aufzuheben,<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Das FA beantragt,<br \/>die Revision als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das FA tr\u00e4gt vor, die Fortgeltungsanordnung durch das BVerfG sei ausdr\u00fccklich nicht befristet worden. Die R\u00fcckwirkung des ErbStAnpG 2016 sei zul\u00e4ssig, da angesichts der Entscheidung und der sp\u00e4teren \u00c4u\u00dferungen des BVerfG, des Verlaufs des Gesetzgebungsverfahrens und des begleitenden Verwaltungshandelns kein schutzw\u00fcrdiges Vertrauen dahingehend habe entstehen k\u00f6nnen, dass es einen erbschaftsteuerfreien Zeitraum nach dem 30.06.2016 geben werde. Bei der Beurteilung der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des ErbStG 2016 sei zu ber\u00fccksichtigen, dass das BVerfG dem Gesetzgeber einen gro\u00dfen Spielraum einger\u00e4umt habe, der auch eine enorme Bevorzugung von Unternehmenserben beinhalte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bundesministerium der Finanzen ist dem Verfahren am 07.05.2020 nach \u00a7&nbsp;122 Abs.&nbsp;2 FGO beigetreten. Es unterst\u00fctzt in der Sache das Vorbringen des FA.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision ist unbegr\u00fcndet und war nach \u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 FGO zur\u00fcckzuweisen. Das FG hat zutreffend entschieden, dass die Festsetzung der Erbschaftsteuer wegen des Erwerbs von Todes wegen gegen die Kl\u00e4gerin rechtm\u00e4\u00dfig und verfassungskonform ist. Eine Aussetzung des Verfahrens gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;74 FGO ist nicht geboten.<\/li><li>1. Zur Beseitigung seiner Verfassungswidrigkeit wurde das bisherige Erbschaftsteuerrecht im November 2016 r\u00fcckwirkend zum 01.07.2016 neu geregelt.<\/li><li>a) Das BVerfG hatte mit Urteil in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50 entschieden, dass \u00a7&nbsp;13a ErbStG und \u00a7&nbsp;13b ErbStG i.d.F. des Erbschaftsteuerreformgesetzes vom 24.12.2008 (BGBl I 2008, 3018 &#8211;ErbStG 2008&#8211;) jeweils i.V.m. \u00a7&nbsp;19 Abs.&nbsp;1 ErbStG i.d.F. der Bekanntmachung vom 27.02.1997 (BGBl I 1997, 378 &#8211;ErbStG 1997&#8211;), auch in den seither geltenden Fassungen, mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG unvereinbar sind (vgl. Ziffer&nbsp;1 des Tenors des Urteils in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50).<\/li><li>Es tenorierte au\u00dferdem &#8222;Das bisherige Recht ist bis zu einer Neuregelung weiter anwendbar. Der Gesetzgeber ist verpflichtet, eine Neuregelung sp\u00e4testens bis zum 30.06.2016 zu treffen.&#8220; (vgl. Ziffer&nbsp;2 des Tenors des Urteils in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50).<\/li><li>b) Nach \u00a7&nbsp;37 Abs.&nbsp;12 Satz&nbsp;1 ErbStG 2016 (eingef\u00fcgt durch Art.&nbsp;1 Nr.&nbsp;10 ErbStAnpG 2016) finden die \u00a7\u00a7&nbsp;10, 13a bis 13d, 19a, 28 und 28a ErbStG 2016 auf Erwerbe Anwendung, f\u00fcr die die Steuer nach dem 30.06.2016 entsteht. Das ErbStAnpG 2016 wurde am 04.11.2016 beschlossen und am 09.11.2016 verk\u00fcndet. Gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;3 ErbStAnpG 2016 trat es mit Wirkung vom 01.07.2016 in Kraft.<\/li><li>2. Stellt das BVerfG die Verfassungswidrigkeit einer Norm fest, f\u00fchrt dies nicht zwangsl\u00e4ufig zur Nichtanwendbarkeit der Norm. Ma\u00dfgeblich ist der Tenor der Entscheidung des BVerfG.<\/li><li>a) Stellt das BVerfG die Unvereinbarkeit einer Norm mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG fest, folgt daraus in der Regel die Verpflichtung des Gesetzgebers, r\u00fcckwirkend, bezogen auf den in der gerichtlichen Feststellung genannten Zeitpunkt, die Rechtslage verfassungsgem\u00e4\u00df umzugestalten. Wird nicht zugleich eine Fortgeltungsanordnung getroffen, d\u00fcrfen Gerichte und Verwaltungsbeh\u00f6rden die Norm im Umfang der festgestellten Unvereinbarkeit nicht mehr anwenden, laufende Verfahren sind auszusetzen (BVerfG-Urteil vom 10.04.2018&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;11\/14, 1&nbsp;BvL&nbsp;12\/14, 1&nbsp;BvL&nbsp;1\/15, 1&nbsp;BvR&nbsp;639\/11, 1&nbsp;BvR&nbsp;889\/12, BVerfGE 148, 147, Rz&nbsp;165, m.w.N.).<\/li><li>b) Aus besonderem Grund, namentlich im Interesse einer verl\u00e4sslichen Finanz- und Haushaltsplanung und eines gleichm\u00e4\u00dfigen Verwaltungsvollzugs f\u00fcr Zeitr\u00e4ume einer weitgehend schon abgeschlossenen Veranlagung, hat das BVerfG allerdings wiederholt die weitere Anwendbarkeit verfassungswidriger Normen f\u00fcr gerechtfertigt erkl\u00e4rt und dem Gesetzgeber eine Frist einger\u00e4umt, um binnen angemessener Zeit verfassungsgem\u00e4\u00dfe Regelungen zu erlassen (Fortgeltungsanordnung, vgl. BVerfG-Beschluss vom 23.06.2015&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;13\/11, 1&nbsp;BvL&nbsp;14\/11, BVerfGE 139, 285, BStBl II 2015, 871, Rz&nbsp;89; BVerfG-Urteil in BVerfGE 148, 147, Rz&nbsp;170, m.w.N.). Bei einer derartigen im Tenor der verfassungsgerichtlichen Entscheidung ausdr\u00fccklich getroffenen Anordnung steht die verfassungsrechtliche Zul\u00e4ssigkeit der weiteren Anwendung der betreffenden Rechtsnorm &#8211;im vom Verfassungsgericht angeordneten Umfang&#8211; als solche au\u00dfer Frage (vgl. BVerfG-Beschluss vom 30.03.1998&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1831\/97, BStBl II 1998, 422; Beschluss des Bundesfinanzhofs &#8211;BFH&#8211; vom 23.10.2000&nbsp;&#8211; II&nbsp;B&nbsp;157\/99, BFH\/NV 2001, 498).<\/li><li>Teilweise ordnet das BVerfG die weitere Anwendbarkeit verfassungswidriger Normen bis zu der dem Gesetzgeber f\u00fcr eine Neuregelung gesetzten Frist an (vgl. BVerfG-Beschl\u00fcsse vom 22.06.1995&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;552\/91, BVerfGE 93, 165, BStBl II 1995, 671, und vom 22.06.1995&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvL&nbsp;37\/91, BVerfGE 93, 121, BStBl II 1995, 655; BVerfG-Urteile vom 09.02.2010&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;1\/09, 1&nbsp;BvL&nbsp;3\/09, 1&nbsp;BvL&nbsp;4\/09, BVerfGE 125, 175, und in BVerfGE 148, 147, Rz&nbsp;171 f.). Die Fortgeltungsanordnung ist jedoch nicht zwingend an die dem Gesetzgeber zur Neuregelung einger\u00e4umte Frist gekoppelt. Sie kann auch &#8211;unabh\u00e4ngig von einer Verpflichtung des Gesetzgebers&#8211; bis zu einem bestimmten Datum gelten (vgl. BVerfG-Beschl\u00fcsse vom 04.02.2009&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;8\/05, BVerfGE 123, 1, BStBl II 2009, 1035, und in BVerfGE 139, 285, BStBl II 2015, 871, jeweils Ziffer&nbsp;2 des Tenors).<\/li><li>c) F\u00fcr den Fall, dass der Gesetzgeber die gesetzte Frist zur Neuregelung verstreichen l\u00e4sst, stehen dem BVerfG hinsichtlich der Fortgeltungsanordnung verschiedene M\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung.<\/li><li>Im Fall der verfassungswidrigen Bemessung der Regelleistungen nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch f\u00fchrte das BVerfG z.B. aus, dass bei einer Frist\u00fcberschreitung durch den Gesetzgeber dieser verpflichtet w\u00e4re, ein sp\u00e4ter erlassenes Gesetz mit R\u00fcckwirkung zu erlassen (BVerfG-Urteil in BVerfGE 125, 175, Rz&nbsp;218). Dagegen traf es in den Beschl\u00fcssen vom 10.11.1998&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;1057\/91, 2&nbsp;BvR&nbsp;1226\/91, 2&nbsp;BvR&nbsp;980\/91 (BVerfGE 99, 216, BStBl II 1999, 182) und vom 13.02.2008&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvL&nbsp;1\/06 (BVerfGE 120, 125) selbst eine Regelung, sollte der Gesetzgeber die Frist verstreichen lassen.<\/li><li>Hinsichtlich der Verm\u00f6gensteuer hat das BVerfG in seinem Beschluss in BVerfGE 93, 121, BStBl II 1995, 655 unter Tenorierung einer befristeten Fortgeltungsanordnung bereits in den Gr\u00fcnden eine Neuregelung lediglich als eine der Handlungsoptionen betrachtet und nur f\u00fcr diesen Fall vorgesehen, dass der Gesetzgeber \u00dcbergangsregelungen treffen darf, die eine teilweise Fortgeltung der bisherigen Vorschriften anordnen (unter C.III.3.). Aufgrund der Unt\u00e4tigkeit des Gesetzgebers trat mit Fristablauf jedoch eine Anwendungssperre der Verm\u00f6gensteuer bez\u00fcglich der nach dem 31.12.1996 verwirklichten Tatbest\u00e4nde ein.<\/li><li>d) Entscheidet das BVerfG hingegen, dass das bisherige Recht bis zu einer Neuregelung weiter anwendbar und der Gesetzgeber bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einer Neuregelung verpflichtet ist (vgl. BVerfG-Beschluss vom 07.11.2006&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;10\/02, BVerfGE 117, 1, BStBl II 2007, 192), sind die verfassungswidrigen Regelungen entsprechend der Tenorierung unabh\u00e4ngig vom Fristlauf f\u00fcr den Gesetzgeber bis zu der tats\u00e4chlichen Neuregelung anwendbar (so auch Guerra\/M\u00fchlhaus, Erbschaftsteuerberater &#8211;ErbStB&#8211; 2016, 146; Eichberger in 54.&nbsp;Berliner Steuergespr\u00e4che vom 09.02.2015; vgl. Richter\/Welling, Finanz-Rundschau 2015, 497, 499 f.; Koblenzer\/G\u00fcnther, Der Betrieb &#8211;DB&#8211; 2016, 2016, 2018&nbsp;f.; BeckOK ErbStG\/Erkis, 11.&nbsp;Ed. 01.04.2021, ErbStG \u00a7&nbsp;37 Rz&nbsp;63; anderer Ansicht u.a. Crezelius, Zeitschrift f\u00fcr Erbrecht und Verm\u00f6gensnachfolge 2016, 367; Dr\u00fcen, Deutsches Steuerrecht 2016, 643; Seer, GmbH-Rundschau &#8211;GmbHR&#8211; 2016, 673; Wachter, GmbHR 2017, 1).<\/li><li>3. Die Regelungen des ErbStG waren im Hinblick auf den Erwerb von Privatverm\u00f6gen sowie den zugrunde zu legenden Steuersatz \u00fcber den 30.06.2016 hinaus anwendbar, ohne durch eine sp\u00e4tere r\u00fcckwirkende Regelung ersetzt zu werden.<\/li><li>a) Es bedarf in diesem Zusammenhang keiner Entscheidung, ob das BVerfG nur die Regelungen \u00fcber den Erwerb von Betriebsverm\u00f6gen nach \u00a7&nbsp;13a ErbStG, \u00a7&nbsp;13b ErbStG 2008 i.V.m. der Tarifnorm des \u00a7&nbsp;19 Abs.&nbsp;1 ErbStG 1997 f\u00fcr verfassungswidrig erkl\u00e4ren wollte und \u00a7&nbsp;19 Abs.&nbsp;1 ErbStG 1997 f\u00fcr den \u00dcbergang von Privatverm\u00f6gen schon deshalb auch \u00fcber den 30.06.2016 hinaus weiter anwendbar ist oder ob das BVerfG aufgrund der Tatsache, dass \u00a7&nbsp;19 Abs.&nbsp;1 ErbStG 1997 als Klammervorschrift auch auf den Erwerb von Privatverm\u00f6gen Anwendung findet, ebenso die \u00fcbrigen &#8211;auf den Erwerb von Privatverm\u00f6gen anwendbaren&#8211; Bestimmungen des ErbStG f\u00fcr verfassungswidrig erkl\u00e4rt hat.<\/li><li>b) Die Anwendbarkeit des \u00a7&nbsp;19 Abs.&nbsp;1 ErbStG ergibt sich jedenfalls daraus, dass das BVerfG in Ziffer&nbsp;2 Satz&nbsp;1 des Tenors seines Urteils in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50 angeordnet hat, das bisherige Recht bleibe bis zu einer Neuregelung weiter anwendbar. Diese Regelung stellt eine unbefristete Fortgeltungsanordnung dar (siehe oben unter II.2.d). Ziffer&nbsp;2 Satz&nbsp;1 des Tenors ist insoweit eindeutig. Die Frist in Satz&nbsp;2 bezieht sich lediglich auf die Verpflichtung des Gesetzgebers, eine Neuregelung zu schaffen und \u00e4ndert an der Wirksamkeit der Fortgeltungsanordnung auch dann nichts, falls die Neuregelung pflichtwidrig nicht oder versp\u00e4tet geschaffen wird.<\/li><li>aa) F\u00fcr diese Auslegung der Ziffer&nbsp;2 des Tenors des BVerfG-Urteils in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50 spricht die oben dargestellte differenzierte Tenorierungspraxis des BVerfG, nach der das BVerfG in den F\u00e4llen, in denen eine Anwendungssperre bei Unt\u00e4tigkeit des Gesetzgebers in der gesetzten Frist eintreten soll, unmissverst\u00e4ndlich eine Fortgeltung nur befristet anordnet (vgl. z.B. BVerfG-Beschluss in BVerfGE 139, 285, BStBl II 2015, 871) und dies teilweise auch ausdr\u00fccklich rechtfertigt (vgl. BVerfG-Urteil in BVerfGE 148, 147, Rz&nbsp;176). Das BVerfG-Urteil in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50 enth\u00e4lt hingegen keine Befristung.<\/li><li>bb) Diese Auslegung des Tenors steht zudem im Einklang mit den Entscheidungsgr\u00fcnden des BVerfG-Urteils in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50. Die Fortgeltungsanordnung wird damit gerechtfertigt, dass sonst eine regellose \u00dcbergangszeit bis zur Neugestaltung der Bestimmungen bestehe, in der Erb- und Schenkungsf\u00e4lle steuerrechtlich nicht abgewickelt werden k\u00f6nnten (vgl. BVerfG-Urteil in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50, Rz&nbsp;289).<\/li><li>cc) Dem steht nicht entgegen, dass das Verstreichen der f\u00fcr das T\u00e4tigwerden des Gesetzgebers angeordneten Frist ohne Sanktionen bliebe. Denn wie das BVerfG in seiner Pressemitteilung Nr.&nbsp;41\/2016 vom 14.07.2016 (http:\/\/hbfm.link\/859) unter Verweis auf ein Schreiben des Vorsitzenden des Ersten Senats des BVerfG vom 12.07.2016 an die Bundesregierung, den Bundestag und den Bundesrat mitteilte, hatte das BVerfG bestehende Handlungsm\u00f6glichkeiten &#8211;z.B. eine Vollstreckungsanordnung nach \u00a7&nbsp;35 des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes (BVerfGG)&#8211; erwogen, um seiner Entscheidung Geltung zu verschaffen.<\/li><li>c) \u00a7&nbsp;19 ErbStG ist damit, soweit die Vorschrift der Besteuerung der Kl\u00e4gerin zugrunde gelegt wird, nicht Gegenstand einer R\u00fcckwirkung durch das ErbStAnpG 2016, sondern Gegenstand der Fortgeltungsanordnung. Der Gesetzgeber hat mit dem ErbStAnpG 2016 lediglich die den \u00dcbergang von Betriebsverm\u00f6gen betreffenden Regelungen des ErbStG (\u00a7\u00a7&nbsp;10, 13a bis 13d, 19a, 28 und 28a ErbStG 2016) neu geregelt und insoweit in \u00a7&nbsp;37 Abs.&nbsp;12 Satz&nbsp;1 ErbStG 2016 R\u00fcckwirkung angeordnet. Die im Streitfall angewendeten \u00a7\u00a7&nbsp;1, 2, 3, 9&nbsp;ff., 13, 16, 19 ErbStG wurden durch das ErbStAnpG 2016 inhaltlich nicht ge\u00e4ndert. Sie waren deshalb auch nicht Gegenstand einer r\u00fcckwirkenden Neuregelung, sondern blieben unver\u00e4ndert erhalten.<\/li><li>4. Der Senat ist &#8211;wie das FG&#8211; nicht von der Verfassungswidrigkeit der angewandten Normen des materiellen Rechts \u00fcberzeugt. Eine Aussetzung des Verfahrens nach \u00a7&nbsp;74 FGO i.V.m. einer Vorlage des Rechtsstreits an das BVerfG nach Art.&nbsp;100 Abs.\u202f&nbsp;1 Satz&nbsp;1 GG i.V.m. \u00a7\u00a7\u202f&nbsp;13 Nr.&nbsp;\u202f11, 80 BVerfGG kommt daher nicht in Betracht. Insbesondere ist die im Streitfall vorgenommene Erbschaftsbesteuerung des Privatverm\u00f6gens nicht deshalb verfassungswidrig, weil in demselben Zeitraum eine erbschaftsteuerrechtliche \u00dcberbeg\u00fcnstigung des Betriebsverm\u00f6gens zu verzeichnen w\u00e4re.<\/li><li>a) Die vom BVerfG festgestellten Verfassungsverst\u00f6\u00dfe betrafen \u00a7&nbsp;13a ErbStG und \u00a7&nbsp;13b ErbStG 2008 in den in Rz&nbsp;278&nbsp;ff. des Urteils (in BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50) aufgef\u00fchrten Teilbereichen. Es waren steuerliche Gestaltungen er\u00f6ffnet worden, die zu nicht gerechtfertigten Ungleichbehandlungen f\u00fchren konnten. Diese erfassten-die Bestimmungen \u00fcber die Verschonung des unentgeltlichen Erwerbs beg\u00fcnstigten Verm\u00f6gens, soweit die Verschonung \u00fcber den Bereich kleiner und mittlerer Unternehmen hinausgreift, ohne eine Bed\u00fcrfnispr\u00fcfung vorzusehen,-die Freistellung von der Pflicht zur Einhaltung der Lohnsummenregelung nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;4 ErbStG als Voraussetzung der Verschonung, soweit sie f\u00fcr Betriebe mit bis zu 20&nbsp;Besch\u00e4ftigten galt,-die Regelung \u00fcber das Verwaltungsverm\u00f6gen in \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 ErbStG 2008, soweit sie bei Vorliegen der \u00fcbrigen F\u00f6rderbedingungen beg\u00fcnstigtes Verm\u00f6gen (vgl. \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;1 ErbStG 2008) selbst dann insgesamt in den Genuss des Verschonungsabschlags gelangen l\u00e4sst, wenn es bis zu 50&nbsp;% aus vom Gesetz als grunds\u00e4tzlich nicht f\u00f6rderungsw\u00fcrdig angesehenem Verwaltungsverm\u00f6gen besteht, sowie-die M\u00f6glichkeit exzessiver Ausnutzung der Befreiung von der Lohnsummenpflicht durch die Aufspaltung in Besitz- und Betriebsgesellschaft,-die einfach gestaltbare Umgehung der 50&nbsp;%-Regel des \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 ErbStG 2008 f\u00fcr Verwaltungsverm\u00f6gen durch Nutzung von Konzernstrukturen und die Beg\u00fcnstigung von Geldverm\u00f6gen durch die Schaffung von &#8222;Cash-Gesellschaften&#8220;.<\/li><li>b) Der Gesetzgeber hat mit dem ErbStAnpG 2016 Nachbesserungen vorgenommen. Ungeachtet einer nach wie vor sehr gro\u00dfz\u00fcgigen Beg\u00fcnstigung des Betriebsverm\u00f6gens ist der Senat nicht davon \u00fcberzeugt, dass die Regelungen gegen Art.&nbsp;3 GG versto\u00dfen. Das gilt auch deshalb, weil das BVerfG die Beg\u00fcnstigung des Betriebsverm\u00f6gens f\u00fcr kleinere und mittlere Unternehmen bis hin zur Vollverschonung f\u00fcr zul\u00e4ssig erachtet hat.<\/li><li>c) Das ErbStG verst\u00f6\u00dft nach Ansicht des Senats auch nicht insgesamt gegen das rechtsstaatliche Gebot der Bestimmtheit und Klarheit (vgl. kritisch z.B. Thomemann-Micker, DB 2016, 2312; S\u00f6ffing, ErbStB 2016, 339; Seer\/Michalowski, GmbHR 2017, 609; Seer, Steuer und Wirtschaft 2021, 111). Dabei kann dahinstehen, ob dies m\u00f6glicherweise f\u00fcr einzelne Normen der Verschonung des Betriebsverm\u00f6gens zutrifft. Diese erfassen grunds\u00e4tzlich nicht die Besteuerung des unentgeltlichen \u00dcbergangs von nicht beg\u00fcnstigtem (Privat-)Verm\u00f6gen.<\/li><li>5. Das FG hat vor diesem Hintergrund jedenfalls im Ergebnis zutreffend die Klage abgewiesen. Die Erbschaftsbesteuerung war unter Anwendung des \u00fcber den 30.06.2016 hinaus fortgeltenden ErbStG einschlie\u00dflich der Tarifvorschrift des \u00a7&nbsp;19 ErbStG vorzunehmen. Weitere Parameter der Besteuerung stehen zwischen den Beteiligten nicht im Streit.<\/li><li>6. Der Senat h\u00e4lt es f\u00fcr angebracht, ohne m\u00fcndliche Verhandlung durch Gerichtsbescheid zu entscheiden (\u00a7&nbsp;90a Abs.&nbsp;1, \u00a7&nbsp;121 Satz&nbsp;1 FGO).<\/li><li>7. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO. Der Antrag, die Zuziehung eines Bevollm\u00e4chtigten f\u00fcr das Vorverfahren f\u00fcr notwendig zu erkl\u00e4ren, ist im Revisionsverfahren unzul\u00e4ssig, da die Entscheidung nach \u00a7&nbsp;139 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;3 FGO sachlich zum Kostenfestsetzungsverfahren geh\u00f6rt. Zust\u00e4ndig ist insoweit das FG als das Gericht des ersten Rechtszugs (vgl. z.B. BFH-Urteil vom 29.05.2018&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;8\/17, BFH\/NV 2019, 386, Rz&nbsp;16).<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><a href=\"javascript:history.back()\">zu<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2021:U.060521.IIR1.19.0 BFH II. Senat ErbStG \u00a7 19 , GG Art 3 Abs 1 , GG Art 100 Abs 1 S 1 , FGO \u00a7 74 , GG Art 20 Abs 3 , ErbStG \u00a7 37 Abs 12 S 1 , GG Art 80 Abs 1 S 2 , BVerfGG \u00a7 13 Nr 11 , BVerfGG &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/keine-erbschaftsteuerpause-urteil-vom-06-mai-2021-ii-r-1-19\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Keine Erbschaftsteuerpause &#8211; Urteil vom 06. 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