{"id":74452,"date":"2022-01-07T13:19:06","date_gmt":"2022-01-07T11:19:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=74452"},"modified":"2022-01-07T13:19:06","modified_gmt":"2022-01-07T11:19:06","slug":"kindergeld-unionsrechtliche-familienbetrachtung-gilt-auch-im-verfahrensrecht-urteil-vom-31-august-2021-iii-r-10-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/kindergeld-unionsrechtliche-familienbetrachtung-gilt-auch-im-verfahrensrecht-urteil-vom-31-august-2021-iii-r-10-20\/","title":{"rendered":"Kindergeld: Unionsrechtliche Familienbetrachtung gilt auch im Verfahrensrecht &#8211; Urteil vom 31. August 2021, III R 10\/20"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2021:U.310821.IIIR10.20.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH III. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>EStG \u00a7\u00a7 31ff , EStG \u00a7 31 , EStG \u00a7\u00a7 62ff , EStG \u00a7 62 Abs 1 S 1 Nr 1 , AO \u00a7 155 Abs 5 , AO \u00a7\u00a7 169ff , AO \u00a7 169 , EGV 883\/2004 Art 67 S 1 , EGV 883\/2004 Art 68 Abs 2 S 3 , EGV 987\/2009 Art 60 Abs 1 S 2 , EStG \u00a7 32 Abs 1 Nr 1 , EStG \u00a7 32 Abs 3 , EStG \u00a7 63 Abs 1 S 1 Nr 1 , EStG \u00a7 64 Abs 1 , EStG \u00a7 64 Abs 2 S 1 , EGV 987\/2009 Art 60 Abs 1 S 3 , AO \u00a7 171 Abs 3 , EStG \u00a7 62 Abs 1 S 2 , EStG VZ 2012 , EStG VZ 2013 , EStG VZ 2014 , EStG VZ 2015<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnster, 10. Dezember 2019, Az: 11 K 2529\/18 Kg<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. Ein Kindergeldantrag, der von einem im Inland lebenden, jedoch nur nachrangig berechtigten Elternteil gestellt worden ist, hemmt den Ablauf der Festsetzungsfrist und verhindert den Eintritt der Festsetzungsverj\u00e4hrung zugunsten des anderen, im EU-Ausland lebenden Elternteils, der vorrangig anspruchsberechtigt ist, aber zun\u00e4chst keinen eigenen Kindergeldantrag gestellt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Ein derartiger, vor dem 01.01.2016 gestellter Antrag macht die Beachtung der strengeren Identifizierbarkeitsanforderungen des \u00a7 62 Abs. 1 Satz 2 EStG n.F. entbehrlich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision der Beklagten gegen das Urteil des Finanzgerichts M\u00fcnster vom 10.12.2019 &#8211; 11 K 2529\/18 Kg wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat die Beklagte zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Im Revisionsverfahren ist streitig, ob das Finanzgericht (FG) die Beklagte und Revisionskl\u00e4gerin (Familienkasse) zu Recht verpflichtet hat, zugunsten der Kl\u00e4gerin und Revisionsbeklagten (Kl\u00e4gerin) f\u00fcr die Zeit von Januar 2012 bis &#8230; 2015 (Streitzeitraum) Kindergeld gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a7&nbsp;62&nbsp;ff. des Einkommensteuergesetzes (EStG) f\u00fcr deren leibliche Tochter (T) festzusetzen.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin ist bulgarische Staatsangeh\u00f6rige und lebte im Streitzeitraum in der Hellenischen Republik (Griechenland). T lebte im Haushalt der Kl\u00e4gerin in Griechenland und ging dort zur Schule.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin erhielt f\u00fcr die laut Vorentscheidung am &#8230; 1996 (wohl Schreibfehler) bzw. ausweislich des von der Vorentscheidung in Bezug genommenen FG-Urteils vom 13.12.2017&nbsp;&#8211; 11&nbsp;K&nbsp;2502\/16&nbsp;Kg (nicht ver\u00f6ffentlicht &#8211;n.v.&#8211;) am &#8230; 1999 (dieses Datum wird auch in den Kindergeldakten genannt) geborene T in Griechenland keine Familienleistungen, da die Anspruchsvoraussetzungen nicht erf\u00fcllt waren. Die Kl\u00e4gerin war in Griechenland nicht erwerbst\u00e4tig und bezog auch keine Rente.<\/li><li>Der im Streitzeitraum in der Bundesrepublik Deutschland (Deutschland) lebende leibliche Vater (V) der T, ein griechischer Staatsangeh\u00f6riger, war aufgrund eines Verkehrsunfalls erwerbsunf\u00e4hig und erhielt vom Unfallgegner aus dessen Haftpflichtversicherung bis &#8230; 2014 als Rente bezeichnete monatliche Geldleistungen und seit &#8230; 2015 die gesetzliche Altersrente, weshalb die Familienkasse den Kindergeldanspruch der Kl\u00e4gerin ab &#8230; 2015 anerkannte.<\/li><li>V stellte am 11.04.2013 einen Antrag auf Festsetzung von Kindergeld f\u00fcr T, der von der Familienkasse mit Bescheid vom 12.03.2015 abgelehnt wurde. Der am 24.03.2015 eingelegte Einspruch und die nach Ergehen der Einspruchsentscheidung am 24.06.2016 erhobene Klage des V hatten keinen Erfolg. Das FG hielt gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;64 Abs.&nbsp;1 EStG (allenfalls) die Kl\u00e4gerin, nicht aber den V, f\u00fcr anspruchsberechtigt (FG-Urteil vom 13.12.2017&nbsp;&#8211; 11&nbsp;K&nbsp;2502\/16&nbsp;Kg, n.v.).<\/li><li>Mit Datum vom 04.07.2017 stellte die Kl\u00e4gerin einen Kindergeldantrag, den die Familienkasse mit Bescheid vom 28.06.2018 ablehnte. Deutschland sei gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der Verordnung (EG) Nr.&nbsp;883\/2004 des Europ\u00e4ischen Parlaments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union &#8211;ABlEU&#8211; 2004 Nr.&nbsp;L&nbsp;166, S.&nbsp;1) in der f\u00fcr den Streitzeitraum ma\u00dfgeblichen Fassung (VO&nbsp;Nr.&nbsp;883\/2004 &#8211;Grundverordnung&#8211;) nicht zur Zahlung von Differenzkindergeld verpflichtet, weil der Kindergeldanspruch im Streitzeitraum nur auf dem Wohnsitz des V in Deutschland beruhe. Der bis &#8230; 2014 in Raten ausgezahlte Schadensersatz sei keine Rente i.S. des Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;a der VO Nr.&nbsp;883\/2004.<\/li><li>Auf die nach einem erfolglosen Einspruchsverfahren (Einspruchsentscheidung vom 27.07.2018) erhobene Klage der Kl\u00e4gerin hob das FG den ablehnenden Bescheid in Gestalt der Einspruchsentscheidung auf und verpflichtete die Familienkasse, zugunsten der Kl\u00e4gerin Kindergeld f\u00fcr das Kind T f\u00fcr den Zeitraum von Januar 2012 bis &#8230; 2015 festzusetzen. Nach Ansicht des FG gen\u00fcgte es, dass V seinen Wohnsitz in Deutschland gehabt und den Tatbestand des \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 EStG erf\u00fcllt habe. Der Wohnsitz der Kl\u00e4gerin in Deutschland werde nach dem einschl\u00e4gigen europ\u00e4ischen Recht fingiert. Nach diesen Vorschriften vermittle V der Kl\u00e4gerin f\u00fcr T, die gleichfalls in einem Mitgliedstaat der Europ\u00e4ischen Union (EU) gelebt habe, aufgrund seines Wohnsitzes in Deutschland einen Anspruch auf Kindergeld nach den \u00a7\u00a7&nbsp;62&nbsp;ff. EStG. Die Anspruchsvoraussetzungen der \u00a7\u00a7&nbsp;32, 62&nbsp;ff. EStG seien auch im \u00dcbrigen erf\u00fcllt. Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;64 Abs.&nbsp;1 und Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 EStG sei das Kindergeld zugunsten der Kl\u00e4gerin &#8211;und nicht zugunsten des V&#8211; festzusetzen, weil sie die T im ma\u00dfgeblichen Zeitraum in ihren Haushalt aufgenommen habe. Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO&nbsp;Nr.&nbsp;883\/2004, welcher die Gew\u00e4hrung von Differenzkindergeld eines nachrangig verpflichteten Staats in den F\u00e4llen einer sog. &#8222;Wohnsitz-Wohnsitz-Konstellation&#8220;, d.h. in den F\u00e4llen ausschlie\u00dfe, in denen der Kindergeldanspruch allein auf dem Wohnsitz beruhe, sei entgegen der Auffassung der Familienkasse nicht anwendbar, weil kein tats\u00e4chliches Zusammentreffen von Familienleistungen vorliege. Die Kl\u00e4gerin habe nur in Deutschland einen Kindergeldanspruch.<\/li><li>Hiergegen wendet sich die Familienkasse mit der Revision.<\/li><li>Die Familienkasse h\u00e4lt den Ausschlusstatbestand f\u00fcr Differenzkindergeld des Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 in einer &#8222;Wohnsitz-Wohnsitz-Konstellation&#8220; bereits dann f\u00fcr anwendbar, wenn in dem Mitgliedstaat, in dem der vorrangig Kindergeldberechtigte und das Kind ihren Wohnsitz h\u00e4tten, im Allgemeinen Familienleistungen gew\u00e4hrt w\u00fcrden, auch wenn im konkreten Fall tats\u00e4chlich kein derartiger Anspruch bestehe.<\/li><li>Die Familienkasse beantragt, das Urteil des FG M\u00fcnster vom 10.12.2019&nbsp;&#8211; 11&nbsp;K&nbsp;2529\/18&nbsp;Kg aufzuheben und die Klage abzuweisen.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin beantragt, die Revision zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision ist unbegr\u00fcndet und nach \u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) zur\u00fcckzuweisen. Das FG hat zutreffend entschieden, dass der Kl\u00e4gerin gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a7&nbsp;32, 62&nbsp;ff. EStG i.V.m. Art.&nbsp;67&nbsp;f. der VO Nr.&nbsp;883\/2004 und Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der Verordnung (EG) Nr.&nbsp;987\/2009 des Europ\u00e4ischen Parlaments und des Rates vom 16.09.2009 zur Festlegung der Modalit\u00e4ten f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der Verordnung (EG) Nr.&nbsp;883\/2004 \u00fcber die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (ABlEU 2009 Nr.&nbsp;L&nbsp;284, S.&nbsp;1) in der f\u00fcr den Streitzeitraum ma\u00dfgeblichen Fassung (VO Nr.&nbsp;987\/2009 &#8211;Durchf\u00fchrungsverordnung&#8211;) in dem vom FG zuerkannten Umfang Kindergeld zusteht.<\/li><li>1. Die Voraussetzungen f\u00fcr den Kindergeldanspruch der Kl\u00e4gerin gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;32 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 und Abs.&nbsp;3, \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1, \u00a7&nbsp;63 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1, \u00a7&nbsp;64 Abs.&nbsp;1 und Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 EStG liegen vor. Das FG hat nach Art.&nbsp;67 Satz&nbsp;1 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 i.V.m. Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 insbesondere auch zutreffend einen inl\u00e4ndischen Wohnsitz der Kl\u00e4gerin i.S. des \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 EStG fingiert.<\/li><li>a) Der Anwendungsbereich der VO Nr.&nbsp;883\/2004 und der dazu ergangenen VO Nr.&nbsp;987\/2009 ist er\u00f6ffnet. Die Kl\u00e4gerin ist bulgarische Staatsangeh\u00f6rige, also Staatsangeh\u00f6rige eines Mitgliedstaats der EU, und f\u00e4llt damit nach Art.&nbsp;2 Abs.&nbsp;1 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 in den pers\u00f6nlichen Anwendungsbereich dieser Verordnung. Das Kindergeld nach dem EStG ist eine Familienleistung i.S. des Art.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;z der VO Nr.&nbsp;883\/2004, weshalb gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;j der VO Nr.&nbsp;883\/2004 auch deren sachlicher Anwendungsbereich er\u00f6ffnet ist (vgl. z.B. Senatsurteil vom 26.07.2017&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;18\/16, BFHE 259, 98, BStBl II 2017, 1237, Rz&nbsp;13).<\/li><li>b) Gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;67 Satz&nbsp;1 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 hat eine Person auch f\u00fcr Familienangeh\u00f6rige, die in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, Anspruch auf Familienleistungen nach den Rechtsvorschriften des zust\u00e4ndigen Mitgliedstaats. Gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 ist bei der Anwendung von Art.&nbsp;67 und 68 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 die Situation der gesamten Familie in einer Weise zu ber\u00fccksichtigen, als w\u00fcrden alle beteiligten Personen unter die Rechtsvorschriften des betreffenden Mitgliedstaats fallen und dort wohnen (vgl. dazu z.B. Senatsurteil vom 04.02.2016&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;17\/13, BFHE 253, 134, BStBl II 2016, 612, Rz&nbsp;11&nbsp;ff. und Rz&nbsp;18, jeweils m.w.N.; Urteil des Bundesfinanzhofs &#8211;BFH&#8211; vom 13.07.2016&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;7\/15, BFH\/NV 2016, 1722, Rz&nbsp;21). Zu den &#8222;beteiligten Personen&#8220; i.S. des Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 geh\u00f6ren die Familienangeh\u00f6rigen i.S. des Art.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;i Nr.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;i der VO Nr.&nbsp;883\/2004. Darunter sind insbesondere die Eltern und das Kind zu verstehen (vgl. auch Senatsurteile in BFHE 253, 134, BStBl II 2016, 612, Rz&nbsp;18, und vom 28.04.2016&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;40\/12, BFH\/NV 2016, 1469, Rz&nbsp;22). Der Kindergeldanspruch gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a7&nbsp;62&nbsp;ff. EStG kann somit z.B. auch einem Elternteil zustehen, der nicht in Deutschland wohnt (Urteil des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union &#8211;EuGH&#8211; Trapkowski vom 22.10.2015&nbsp;&#8211; C-378\/14, EU:C:2015:720, Leitsatz&nbsp;1, Rz&nbsp;38 und Rz&nbsp;41; Senatsurteile in BFHE 253, 134, BStBl II 2016, 612, und vom 27.07.2017&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;17\/16, BFH\/NV 2018, 201, Rz&nbsp;10&nbsp;ff.).<\/li><li>c) Im Streitfall wird nach diesen Grunds\u00e4tzen der Wohnsitz der Kl\u00e4gerin in Deutschland gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;67 Satz&nbsp;1 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 i.V.m. Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 fingiert, weil der Kindsvater V damals seinen Wohnsitz in Deutschland hatte. Dies wird auch von der Familienkasse nicht angezweifelt.<\/li><li>2. Anders als die Familienkasse vortr\u00e4gt, ist der Anspruch der Kl\u00e4gerin auf Gew\u00e4hrung von (Differenz-)Kindergeld nicht gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 ausgeschlossen, obwohl der Kindergeldanspruch allein auf dem Wohnsitz des V beruht.<\/li><li>a) Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 ist nur anwendbar, wenn tats\u00e4chlich konkurrierende Anspr\u00fcche vorliegen. Nach seinem eindeutigen Wortlaut setzt Art.&nbsp;68 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 in den Abs.&nbsp;1 und 2 voraus, dass in mehr als einem Mitgliedstaat tats\u00e4chlich Anspr\u00fcche auf Familienleistungen bestehen. Kommt es nicht zu einer Kumulierung derartiger Anspr\u00fcche, weil nur in einem Mitgliedstaat die Tatbestandsvoraussetzungen des jeweiligen Anspruchs erf\u00fcllt sind, ist Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 nicht anwendbar (vgl. etwa Senatsurteil vom 18.02.2021&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;27\/19, BFHE 272, 60, BFH\/NV 2021, 886, Rz&nbsp;21).<\/li><li>b) Im Streitfall ist Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 hiernach nicht anwendbar, weil die Kl\u00e4gerin f\u00fcr den Streitzeitraum nur einen Anspruch auf deutsches Kindergeld hat. Nach den den Senat bindenden Feststellungen des FG (\u00a7&nbsp;118 Abs.&nbsp;2 FGO) hatte sie im ma\u00dfgeblichen Zeitraum keinen Anspruch auf griechische Familienleistungen. Dass die Kl\u00e4gerin einen Anspruch auf Familienleistungen eines anderen Staats &#8211;z.B. der Republik Bulgarien&#8211; oder dass V einen Anspruch auf Familienleistungen etwa nach griechischem Recht gehabt hat, hat das FG nicht festgestellt und wird auch von den Beteiligten nicht behauptet. Anders als im Fall des Senatsurteils vom 18.02.2021&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;71\/18 (BFHE 272, 53, BFH\/NV 2021, 884, Rz&nbsp;28) stehen im Streitfall neben dem deutschen Kindergeldanspruch keine weiteren Familienleistungsanspr\u00fcche im Raum.<\/li><li>3. Bei Antragstellung war f\u00fcr das Kindergeld f\u00fcr die Zeit ab Januar 2012 noch keine Festsetzungsverj\u00e4hrung eingetreten, denn der f\u00fcr den Kindergeldanspruch der Kl\u00e4gerin ma\u00dfgebliche Antrag wurde nicht erst im Juli 2017, sondern bereits im April 2013 von V gestellt und mit Einspruch vom 24.03.2015 auf die Zeit bis Januar 2015 erstreckt.<\/li><li>a) Auf die Festsetzung von Kindergeld als Steuerverg\u00fctung (\u00a7&nbsp;31 Satz&nbsp;3 EStG) sind gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;155 Abs.&nbsp;5 der Abgabenordnung (AO) die Vorschriften \u00fcber die Steuerfestsetzung einschlie\u00dflich der Bestimmungen \u00fcber die Festsetzungsverj\u00e4hrung (\u00a7\u00a7&nbsp;169 bis 171 AO) sinngem\u00e4\u00df anzuwenden (z.B. BFH-Urteil vom 09.09.2015&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;9\/14, BFH\/NV 2016, 166, m.w.N.). Die Festsetzungsfrist betr\u00e4gt nach \u00a7&nbsp;169 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 AO im Regelfall vier Jahre und beginnt bei entsprechender Anwendung des \u00a7&nbsp;170 Abs.&nbsp;1 AO mit Ablauf des Jahres, in dem der Kindergeldanspruch entstanden ist.<\/li><li>Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;67 Satz&nbsp;1 EStG ist das Kindergeld bei der zust\u00e4ndigen Familienkasse schriftlich zu beantragen. Die Verwendung eines amtlichen Vordrucks ist nicht vorgeschrieben (Senatsbeschluss vom 25.08.2009&nbsp;&#8211; III&nbsp;B&nbsp;136\/08, juris, unter II.1.; Selder in Heuermann\/Brandis, \u00a7&nbsp;67 EStG Rz&nbsp;11; Schmidt\/Weber-Grellet, EStG, 40.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;67 Rz&nbsp;1; Wendl in Herrmann\/Heuer\/Raupach &#8211;HHR&#8211;, \u00a7&nbsp;67 EStG Rz&nbsp;6). Der Kindergeldantrag muss auch nicht eigenh\u00e4ndig unterschrieben werden; Vertretung ist zul\u00e4ssig (Senatsbeschluss vom 25.08.2009&nbsp;&#8211; III&nbsp;B&nbsp;136\/08, juris, unter II.3.). Zudem wirkt sich die Familienbetrachtung gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;67 Satz&nbsp;1 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 i.V.m. Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 S\u00e4tze&nbsp;2 und 3 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 auch in verfahrensrechtlicher Weise aus. Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 bestimmt, dass ein von einem Elternteil, einer als Elternteil behandelten Person oder einer als Vormund des Kindes handelnden Person oder Institution gestellter Antrag auch zugunsten einer Person zu ber\u00fccksichtigen ist, die selbst keinen Antrag gestellt hat. Damit wird u.a. vermieden, dass der an sich nur nachrangig zust\u00e4ndige Mitgliedstaat &#8211;wie in dem noch zur Vorg\u00e4ngerrechtslage ergangenen EuGH-Urteil Schwemmer vom 14.10.2010&nbsp;&#8211; C-16\/09 (EU:C:2010:605, Rz&nbsp;53&nbsp;ff. und 59)&#8211; nur deshalb die vollen Familienleistungen erbringen muss, weil im vorrangig zust\u00e4ndigen Mitgliedstaat kein Antrag auf Familienleistungen gestellt wurde (vgl. etwa Senatsurteil vom 22.02.2018&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;10\/17, BFHE 261, 214, BStBl II 2018, 717). Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 bewirkt dar\u00fcber hinaus aber auch allgemein, dass einem Elternteil oder Berechtigten ein Familienleistungsanspruch zustehen kann, obwohl er selbst keinen Antrag gestellt hat (vgl. etwa EuGH-Urteil Trapkowski vom 22.10.2015&nbsp;&#8211; C-378\/14, EU:C:2015:720, Rz&nbsp;47&nbsp;f.; BFH-Urteil vom 13.07.2016&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;44\/13, BFH\/NV 2016, 1720, Rz&nbsp;26; Senatsurteile in BFHE 253, 134, BStBl II 2016, 612; vom 28.04.2016&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;68\/13, BFHE 254, 20, BStBl II 2016, 776, Rz&nbsp;28; HHR\/Wendl, Vorbemerkungen vor \u00a7\u00a7&nbsp;62 bis 78, Rz&nbsp;28).<\/li><li>Nach diesen Grunds\u00e4tzen enth\u00e4lt der von dem anderen Elternteil &#8211;ebenso der von einer als Elternteil behandelten Person oder von der Person oder Institution, die als Vormund des Kindes oder der Kinder handelt&#8211; gestellte Antrag gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 inzident auch einen Antrag zugunsten der berechtigten Person, die selbst keinen Leistungsantrag gestellt hat. Sowohl nach dem weit gefassten Wortlaut der Vorschrift als auch nach ihrem Sinn und Zweck ist davon auszugehen, dass dieser Antrag auch den Ablauf der Festsetzungsfrist gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3 AO zugunsten der anspruchsberechtigten Person solange hemmt, bis hier\u00fcber unanfechtbar entschieden worden ist.<\/li><li>b) Im Streitfall wurde der Kindergeldantrag f\u00fcr die Zeit ab Januar 2012 danach vor Eintritt der Festsetzungsverj\u00e4hrung gestellt, da zugunsten der Kl\u00e4gerin, die zun\u00e4chst keinen eigenen Antrag gestellt hatte, der Antrag des V vom 11.04.2013 und dessen Einspruch vom 24.03.2015 zu ber\u00fccksichtigen sind. Die Kl\u00e4gerin hat den Antrag des V bereits mit Schreiben vom 15.11.2016 ausdr\u00fccklich f\u00fcr sich in Anspruch genommen und den Kindergeldanspruch jedenfalls sp\u00e4testens mit dem entsprechenden Formblatt vom 04.07.2017, das am 07.07.2017 bei der Familienkasse eingegangen ist, vor Beendigung der den Ablauf der Festsetzungsfrist hemmenden Verfahren pr\u00e4zisiert. Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass die Kl\u00e4gerin ein eigenes Antragsverfahren neben dem zu ihren Gunsten von V ausgel\u00f6sten Verfahren betrieb, bestehen nicht.<\/li><li>4. Die Kl\u00e4gerin musste im Streitfall auch nicht gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 EStG in der ab 09.12.2014 geltenden Fassung identifizierbar sein (zu den Anforderungen bei einem Auslandssachverhalt vgl. Senatsurteil vom 01.07.2020&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;22\/19, BFHE 269, 320, Rz&nbsp;22). \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 EStG in der ab 09.12.2014 geltenden Fassung ist im Streitfall nicht anwendbar, weil die Vorschrift gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;49a S\u00e4tze&nbsp;4 und 5 EStG nur dann f\u00fcr Kindergeldfestsetzungen gilt, die Zeitr\u00e4ume betreffen, die vor dem 01.01.2016 liegen, wenn der Antrag auf Kindergeld erst nach dem 31.12.2015 gestellt wurde. Nach den obigen Ausf\u00fchrungen zu Art.&nbsp;60 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;987\/2009 wurde der f\u00fcr den Kindergeldanspruch der Kl\u00e4gerin ma\u00dfgebliche Kindergeldantrag des V vor dem 31.12.2015, n\u00e4mlich bereits am 11.04.2013 und in Bezug auf die Zeit bis einschlie\u00dflich &#8230; 2015 mit Erhebung des Einspruchs am 24.03.2015, gestellt. Die Kl\u00e4gerin hat den Antrag des Kl\u00e4gers als eigenen \u00fcbernommen und im weiteren Verfahren, insbesondere im Formblatt vom 04.07.2017 pr\u00e4zisiert.<\/li><li>5. Die Kostenentscheidung folgt aus \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2021:U.310821.IIIR10.20.0 BFH III. Senat EStG \u00a7\u00a7 31ff , EStG \u00a7 31 , EStG \u00a7\u00a7 62ff , EStG \u00a7 62 Abs 1 S 1 Nr 1 , AO \u00a7 155 Abs 5 , AO \u00a7\u00a7 169ff , AO \u00a7 169 , EGV 883\/2004 Art 67 S 1 , EGV 883\/2004 Art 68 Abs 2 S 3 &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/kindergeld-unionsrechtliche-familienbetrachtung-gilt-auch-im-verfahrensrecht-urteil-vom-31-august-2021-iii-r-10-20\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kindergeld: Unionsrechtliche Familienbetrachtung gilt auch im Verfahrensrecht &#8211; Urteil vom 31. 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