{"id":74991,"date":"2022-07-28T12:40:30","date_gmt":"2022-07-28T10:40:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=74991"},"modified":"2022-07-28T12:40:30","modified_gmt":"2022-07-28T10:40:30","slug":"offenbare-unrichtigkeit-nach-%c2%a7-129-ao-bei-fehlender-erkennbarkeit-des-zutreffenden-werts-bfh-urteil-vom-08-dezember-2021-i-r-47-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/offenbare-unrichtigkeit-nach-%c2%a7-129-ao-bei-fehlender-erkennbarkeit-des-zutreffenden-werts-bfh-urteil-vom-08-dezember-2021-i-r-47-18\/","title":{"rendered":"Offenbare Unrichtigkeit nach \u00a7 129 AO bei fehlender Erkennbarkeit des zutreffenden Werts &#8211; BFH-Urteil vom 08. Dezember 2021, I R 47\/18"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2021:U.081221.IR47.18.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH I. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 129, KStG \u00a7 27 Abs 2, KStG \u00a7 28 Abs 1 S 3, KStG VZ 2012<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnchen, 17. September 2018, Az: 7 K 2805\/17<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. Allein der Umstand, dass zur Bestimmung der zutreffenden H\u00f6he des steuerlichen Einlagekontos nicht die mechanische \u00dcbernahme der im Jahresabschluss angegebenen Kapitalr\u00fccklage ausreicht, sondern auf einer zweiten Stufe noch weitere Sachverhaltsermittlungen zur tats\u00e4chlichen H\u00f6he des steuerlichen Einlagekontos erforderlich sind, schlie\u00dft eine offenbare Unrichtigkeit i.S. des \u00a7 129 Satz 1 AO nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Zumindest in denjenigen F\u00e4llen, in denen die offenbare Unrichtigkeit auf der versehentlichen Nichtangabe eines Werts in der Steuererkl\u00e4rung beruht, ist \u00a7 129 Satz 1 AO bereits dann anwendbar, wenn f\u00fcr jeden unvoreingenommenen Dritten klar und deutlich erkennbar ist, dass die Nichtangabe fehlerhaft ist (Anschluss an das BFH-Urteil vom 22.05.2019 &#8211; XI R 9\/18, BFHE 264, 393, BStBl II 2020, 37). Entsprechendes muss gelten, wenn (nur) die Angabe einer Endsumme mit 0 \u20ac erfolgt und dies erkennbar unrichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Auf die Revision der Kl\u00e4gerin wird das Urteil des Finanzgerichts M\u00fcnchen vom 17.09.2018 &#8211; 7 K 2805\/17 aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sache wird an das Finanzgericht M\u00fcnchen zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung zur\u00fcckverwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem wird die Entscheidung \u00fcber die Kosten des Verfahrens \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beteiligten streiten \u00fcber die \u00c4nderung eines Feststellungsbescheids wegen offenbarer Unrichtigkeit.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin und Revisionskl\u00e4gerin (Kl\u00e4gerin) ist eine im Jahr 2010 gegr\u00fcndete GmbH. An ihrem Stammkapital in H\u00f6he von 25.000&nbsp;\u20ac waren im Streitjahr (2012) zun\u00e4chst die Gr\u00fcndungsgesellschafter A und B mit einem Gesch\u00e4ftsanteil von jeweils 12.500&nbsp;\u20ac beteiligt.<\/li><li>Mit notariellem Vertrag vom 31.08.2012 schlossen A und B mit der Kl\u00e4gerin einen Einbringungsvertrag, in dem sie sich verpflichteten, zur St\u00e4rkung des Kapitals der Kl\u00e4gerin voll werthaltige Darlehensforderungen gegen\u00fcber der C-GbR in H\u00f6he von 245.000&nbsp;\u20ac, 100.000&nbsp;\u20ac und 250.000&nbsp;\u20ac sowie Geldbetr\u00e4ge in H\u00f6he von 95.000&nbsp;CHF, 150.000&nbsp;\u20ac, 500.000&nbsp;\u20ac und 1.200.000&nbsp;CHF unentgeltlich einzubringen. Die Einlagen sollten als Kapitalr\u00fccklage gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;272 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;4 des Handelsgesetzbuchs (HGB) ausgewiesen werden.<\/li><li>Am 19.10.2012 \u00fcbertrugen sowohl A als auch B Gesch\u00e4ftsanteile an der Kl\u00e4gerin im Nennwert von jeweils 6.250&nbsp;\u20ac unentgeltlich auf ihre Kinder D und F.<\/li><li>Die K\u00f6rperschaftsteuererkl\u00e4rung f\u00fcr 2012 und die Erkl\u00e4rung zur gesonderten Feststellung des steuerlichen Einlagekontos zum 31.12.2012 wurden dem Beklagten und Revisionsbeklagten (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) am 15.05.2014 elektronisch \u00fcbermittelt; zugleich \u00fcbersandte die Kl\u00e4gerin dem FA ihren Jahresabschluss zum 31.12.2012 in Papierform.<\/li><li>Der Jahresabschluss weist eine Kapitalr\u00fccklage i.S. des \u00a7&nbsp;272 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;4 HGB in H\u00f6he von 2.315.017,50&nbsp;\u20ac aus und erl\u00e4utert diese Bilanzposition wie folgt: &#8222;Mit Einbringungsvertrag vom 31.08.2012 haben die Gesellschafter &#8230; [A] und &#8230; [B] ihre Darlehensforderungen an die &#8230; [C-GbR] in H\u00f6he von 245.000&nbsp;\u20ac und 100.000&nbsp;\u20ac sowie 250.000&nbsp;\u20ac per 15.09.2012 in die Kapitalr\u00fccklage nach \u00a7&nbsp;272 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;4 HGB eingebracht. Dar\u00fcber hinaus wurde die Einbringung von Geldbetr\u00e4gen von 95.000&nbsp;CHF &#8230; [A] und 1.200.000&nbsp;CHF &#8230; [B] beschlossen. Die Geldbetr\u00e4ge wurden per 25.09.2012 auf ein Girokonto der &#8230; [X-Bank] eingezahlt.&#8220; Im Umlaufverm\u00f6gen sind Darlehensforderungen gegen\u00fcber der C-GbR in H\u00f6he von 595.000&nbsp;\u20ac (Vorjahr 0&nbsp;\u20ac) und Guthaben bei der X-Bank in H\u00f6he von 1.072.420&nbsp;\u20ac (Vorjahr 0&nbsp;\u20ac) sowie bei der Y-Bank in H\u00f6he von 500.000&nbsp;\u20ac und 150.084,67&nbsp;\u20ac (Vorjahr jeweils 0&nbsp;\u20ac) ausgewiesen.<\/li><li>In der Erkl\u00e4rung zur gesonderten Feststellung des steuerlichen Einlagekontos zum 31.12.2012 war f\u00fcr den Schluss des vorangegangenen und f\u00fcr den Schluss des laufenden Wirtschaftsjahrs ein Bestand des steuerlichen Einlagekontos von jeweils 0&nbsp;\u20ac angegeben.<\/li><li>Entsprechend dieser Erkl\u00e4rung stellte das FA mit Bescheid vom 03.06.2014 \u00fcber die gesonderte Feststellung von Besteuerungsgrundlagen gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;27 Abs.&nbsp;2 und \u00a7&nbsp;28 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 des K\u00f6rperschaftsteuergesetzes in der f\u00fcr das Streitjahr geltenden Fassung (KStG) zum 31.12.2012 ein steuerliches Einlagekonto in H\u00f6he von 0&nbsp;\u20ac fest.<\/li><li>Am 03.06.2015 beantragte die Kl\u00e4gerin, diesen Feststellungsbescheid nach \u00a7&nbsp;129 der Abgabenordnung (AO) zu \u00e4ndern und den Bestand des steuerlichen Einlagekontos zum 31.12.2012 mit 2.315.017,50&nbsp;\u20ac festzustellen. Diesen Antrag lehnte das FA mit Bescheid vom 06.08.2015 ab. Der Einspruch blieb erfolglos.<\/li><li>Das Finanzgericht (FG) M\u00fcnchen wies die hiergegen gerichtete Klage mit Urteil vom 17.09.2018&nbsp;&#8211; 7&nbsp;K&nbsp;2805\/17 als unbegr\u00fcndet ab (Entscheidungen der Finanzgerichte \u2011\u2011EFG\u2011\u2011 2019, 10). Zwar sei der Feststellungsbescheid fehlerhaft. Unter Ber\u00fccksichtigung des eingereichten Jahresabschlusses sei dies auch f\u00fcr jeden unvoreingenommenen Dritten erkennbar. Die Berichtigung nach \u00a7&nbsp;129 AO setze aber zus\u00e4tzlich die Erkennbarkeit des zutreffenden Werts voraus. Daran fehle es im Streitfall. Deshalb k\u00f6nne nicht ausgeschlossen werden, dass der Fehler auf mangelnder Sachverhaltsaufkl\u00e4rung beruhe.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin r\u00fcgt mit ihrer Revision die Verletzung materiellen Rechts und beantragt sinngem\u00e4\u00df, die Vorentscheidung sowie den Ablehnungsbescheid vom 06.08.2015 in Gestalt der Einspruchsentscheidung vom 11.10.2017 aufzuheben und das FA zu verpflichten, den Bescheid vom 03.06.2014 \u00fcber die gesonderte Feststellung von Besteuerungsgrundlagen gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;27 Abs.&nbsp;2 und \u00a7&nbsp;28 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 KStG zum 31.12.2012 dahin zu \u00e4ndern, dass der Bestand des steuerlichen Einlagekontos zum 31.12.2012 mit 2.315.017,50&nbsp;\u20ac festgestellt wird.<\/li><li>Das FA beantragt, die Revision der Kl\u00e4gerin als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision der Kl\u00e4gerin ist begr\u00fcndet; sie f\u00fchrt zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Zur\u00fcckverweisung der Sache an das FG zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung (\u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011). Das FG hat eine \u00c4nderung des Bescheids \u00fcber die gesonderte Feststellung von Besteuerungsgrundlagen gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;27 Abs.&nbsp;2 und \u00a7&nbsp;28 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 KStG zum 31.12.2012 zu Unrecht abgelehnt.<\/li><li>1. Nach \u00a7&nbsp;129 Satz&nbsp;1 AO kann die Finanzbeh\u00f6rde Schreibfehler, Rechenfehler und \u00e4hnliche offenbare Unrichtigkeiten, die beim Erlass eines Verwaltungsakts unterlaufen sind, jederzeit berichtigen. Bei berechtigtem Interesse des Beteiligten ist zu berichtigen (\u00a7&nbsp;129 Satz&nbsp;2 AO).<\/li><li>a) Die Berichtigungsm\u00f6glichkeit nach \u00a7&nbsp;129 AO setzt grunds\u00e4tzlich voraus, dass die offenbare Unrichtigkeit in der Sph\u00e4re der den Verwaltungsakt erlassenden Finanzbeh\u00f6rde entstanden ist (z.B. Urteil des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 vom 16.09.2015&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;37\/14, BFHE 250, 332, BStBl II 2015, 1040). Da die Unrichtigkeit aber nicht aus dem Bescheid selbst erkennbar sein muss, ist die Vorschrift auch dann anwendbar, wenn das FA offenbar fehlerhafte Angaben des Steuerpflichtigen als eigene \u00fcbernimmt (z.B. BFH-Urteil vom 03.05.2017&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;4\/16, BFH\/NV 2017, 1415, m.w.N.).<\/li><li>b) Offenbare Unrichtigkeiten i.S. des \u00a7&nbsp;129 AO sind mechanische Versehen wie beispielsweise Eingabe- oder \u00dcbertragungsfehler. Dagegen schlie\u00dfen Fehler bei der Auslegung oder Anwendung einer Rechtsnorm, eine unrichtige Tatsachenw\u00fcrdigung oder die unzutreffende Annahme eines in Wirklichkeit nicht vorliegenden Sachverhalts eine offenbare Unrichtigkeit aus. \u00a7&nbsp;129 AO ist nicht anwendbar, wenn auch nur die ernsthafte M\u00f6glichkeit besteht, dass die Nichtbeachtung einer feststehenden Tatsache in einer fehlerhaften Tatsachenw\u00fcrdigung oder einem sonstigen sachverhaltsbezogenen Denk- oder \u00dcberlegungsfehler begr\u00fcndet ist oder auf mangelnder Sachverhaltsaufkl\u00e4rung beruht (vgl. dazu insgesamt BFH-Urteil vom 17.05.2017&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;45\/16, BFH\/NV 2018, 10, m.w.N.). Dagegen ist die Berichtigungsm\u00f6glichkeit nach \u00a7&nbsp;129 AO nicht von Verschuldensfragen abh\u00e4ngig (vgl. BFH-Urteile vom 07.11.2013&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;13\/11, BFH\/NV 2014, 657; vom 16.01.2018&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;38\/16, BFH\/NV 2018, 513).<\/li><li>c) Ob ein mechanisches Versehen oder ein die Berichtigung nach \u00a7&nbsp;129 AO ausschlie\u00dfender Tatsachen- oder Rechtsirrtum vorliegt, muss nach den Verh\u00e4ltnissen des Einzelfalls beurteilt werden; es handelt sich im Wesentlichen um eine Tatfrage, die der revisionsgerichtlichen Pr\u00fcfung nur in eingeschr\u00e4nktem Umfang unterworfen ist (vgl. BFH-Urteile vom 03.08.2016&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;20\/15, BFH\/NV 2017, 438; vom 26.10.2016&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;1\/14, BFH\/NV 2017, 257; zu allem auch BFH-Urteile vom 22.05.2019&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;9\/18, BFHE 264, 393, BStBl II 2020, 37, und vom 26.05.2020&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;30\/19, BFH\/NV 2020, 1233).<\/li><li>2. Nach diesen Grunds\u00e4tzen hat das FG die Anwendbarkeit des \u00a7&nbsp;129 AO zu Unrecht abgelehnt. Die Vorentscheidung ist deshalb aufzuheben.<\/li><li>a) Nach den Feststellungen des FG war der Bescheid vom 03.06.2014 \u00fcber die gesonderte Feststellung von Besteuerungsgrundlagen gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;27 Abs.&nbsp;2 und \u00a7&nbsp;28 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;3 KStG zum 31.12.2012 unter Heranziehung des von der Kl\u00e4gerin in Papierform eingereichten Jahresabschlusses erkennbar unrichtig. Dass ein unvoreingenommener Dritter die Angabe des steuerlichen Einlagekontos zum 31.12.2012 mit 0&nbsp;\u20ac als zutreffend ansehen k\u00f6nnte, war ausgeschlossen.<\/li><li>Hierf\u00fcr stellt das FG vor allem auf die Erl\u00e4uterung der Kapitalr\u00fccklage im Jahresabschluss zum 31.12.2012 ab. Danach ist der Kl\u00e4gerin die Erh\u00f6hung der Kapitalr\u00fccklage um 2.315.017,50&nbsp;\u20ac zumindest teilweise zugeflossen, und zwar in Form von Darlehensforderungen gegen\u00fcber einem Dritten in H\u00f6he von insgesamt 595.000&nbsp;\u20ac und in Form von Geldbetr\u00e4gen in H\u00f6he von insgesamt 1.295.000&nbsp;CHF. Diese Feststellungen sind \u2011\u2011jedenfalls hinsichtlich der Geldbetr\u00e4ge\u2011\u2011 revisionsrechtlich nicht zu beanstanden und f\u00fcr den Senat bindend (\u00a7&nbsp;118 Abs.&nbsp;2 FGO).<\/li><li>b) Soweit das FG f\u00fcr die Korrektur nach \u00a7&nbsp;129 AO dar\u00fcber hinaus die Erkennbarkeit des zutreffenden Werts des steuerlichen Einlagekontos fordert (vgl. auch FG M\u00fcnchen, Urteil vom 15.03.2021&nbsp;&#8211; 7&nbsp;K&nbsp;2114\/18, EFG 2021, 1281), h\u00e4lt dies unter Ber\u00fccksichtigung der besonderen Umst\u00e4nde des Streitfalls einer revisionsrechtlichen Pr\u00fcfung nicht stand.<\/li><li>\u00a7&nbsp;129 Satz&nbsp;1 AO stellt auf eine offenbare &#8222;Unrichtigkeit&#8220; bei Erlass eines Verwaltungsakts ab. Auch wenn hierf\u00fcr ein mechanisches Versehen erforderlich ist, das einem Schreib- oder Rechenfehler \u00e4hnelt, bedeutet dies nicht, dass auch der zutreffende Wert ohne weitere Pr\u00fcfungen erkennbar sein muss. Zumindest in denjenigen F\u00e4llen, in denen die offenbare Unrichtigkeit auf der versehentlichen Nichtangabe eines Werts in der Steuererkl\u00e4rung beruht, ist \u00a7&nbsp;129 Satz&nbsp;1 AO bereits dann anwendbar, wenn f\u00fcr jeden unvoreingenommenen Dritten klar und deutlich erkennbar ist, dass die Nichtangabe fehlerhaft ist (Anschluss an das BFH-Urteil in BFHE 264, 393, BStBl II 2020, 37). Entsprechendes muss gelten, wenn (nur) die Angabe einer Endsumme mit 0&nbsp;\u20ac erfolgt und dies erkennbar unrichtig ist.<\/li><li>Allein der Umstand, dass zur Bestimmung der zutreffenden H\u00f6he des steuerlichen Einlagekontos der Kl\u00e4gerin nicht die mechanische \u00dcbernahme der im Jahresabschluss angegebenen Kapitalr\u00fccklage i.S. des \u00a7&nbsp;272 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;4 HGB ausreicht, sondern auf einer zweiten Stufe noch weitere Sachverhaltsermittlungen zur tats\u00e4chlichen H\u00f6he des steuerlichen Einlagekontos erforderlich sind, schlie\u00dft eine offenbare Unrichtigkeit i.S. des \u00a7&nbsp;129 Satz&nbsp;1 AO nicht aus (vgl. auch BFH-Urteil vom 27.08.2013&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;9\/11, BFHE 242, 302, BStBl II 2014, 439; sog. Anwendungserlass zur Abgabenordnung zu \u00a7&nbsp;129 Nr.&nbsp;4 Satz&nbsp;4; von&nbsp;Wedelst\u00e4dt in Gosch, \u00a7&nbsp;129 AO Rz&nbsp;43).<\/li><li>Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus dem vom FG zitierten BFH-Urteil vom 27.05.2009&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;47\/08 (BFHE 226, 8, BStBl II 2009, 946). Die dortige Abgrenzung zu einer Verletzung der Amtsermittlungspflicht, die eine Anwendung des \u00a7&nbsp;129 AO ausschlie\u00dfen w\u00fcrde, bezog sich auf das Unterlassen der Heranziehung von Unterlagen, bei denen es (auch) um die Erkennbarkeit der Unrichtigkeit dem Grunde nach ging.<\/li><li>c) Dass die Angabe des steuerlichen Einlagekontos zum 31.12.2012 in H\u00f6he von 0&nbsp;\u20ac auf einem Rechtsfehler der Kl\u00e4gerin beruht, ist ausgeschlossen. Eine Situation, in der die tats\u00e4chliche Angabe des Steuerpflichtigen in der Steuererkl\u00e4rung ggf. das Ergebnis rechtlicher \u00dcberlegungen sein k\u00f6nnte (vgl. hierzu BFH-Urteil in BFH\/NV 2018, 10 in Abgrenzung zum BFH-Urteil in BFHE 242, 302, BStBl II 2014, 439), liegt im Streitfall nicht vor.<\/li><li>Insofern ist zu ber\u00fccksichtigen, dass die Kl\u00e4gerin in der elektronischen Steuererkl\u00e4rung lediglich Angaben zur H\u00f6he des Endbestands des steuerlichen Einlagekontos zum Schluss des laufenden sowie zum Schluss des vorhergehenden Wirtschaftsjahrs gemacht hat. Dagegen weist das FA selbst darauf hin, dass die Kl\u00e4gerin zu weiteren Fragen, insbesondere zur Entwicklung des Einlagekontos, keine Angaben gemacht hat. H\u00e4tte die Kl\u00e4gerin die H\u00f6he des steuerlichen Einlagekontos aus rechtlichen Erw\u00e4gungen mit lediglich 0&nbsp;\u20ac angegeben, w\u00e4re aufgrund des Einbringungsvertrags zu erwarten, dass sie in der Steuererkl\u00e4rung auch Angaben zur H\u00f6he der Einlagen im laufenden Wirtschaftsjahr gemacht und diese ebenfalls mit 0&nbsp;\u20ac angegeben h\u00e4tte. Dass nur Angaben zu den Endbest\u00e4nden des steuerlichen Einlagekontos gemacht worden sind, spricht somit f\u00fcr eine versehentliche Nichtber\u00fccksichtigung der Einbringungsvorg\u00e4nge, die aufgrund der Erl\u00e4uterungen im Jahresabschluss auch f\u00fcr einen unvoreingenommenen Dritten erkennbar waren.<\/li><li>d) Das FA hat die offenbar unrichtigen Angaben der Kl\u00e4gerin aus der Steuerkl\u00e4rung \u00fcbernommen und das steuerliche Einlagekonto mit 0&nbsp;\u20ac festgestellt. Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass das FA bei der \u00dcbernahme der Angaben der Kl\u00e4gerin rechtliche \u00dcberlegungen angestellt haben k\u00f6nnte, sind weder vorgetragen noch ersichtlich. Damit liegt auch auf Ebene des FA ein mechanischer Fehler vor (sog. doppelter mechanischer Fehler, vgl. BFH-Urteil in BFHE 264, 393, BStBl II 2020, 37).<\/li><li>3. Die Sache ist nicht spruchreif. Die vom FG festgestellten Tatsachen reichen nicht aus, um die tats\u00e4chliche H\u00f6he des steuerlichen Einlagekontos zum 31.12.2012 zu ermitteln.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin kann sich nicht darauf berufen, dass das FG auf S.&nbsp;9 des Umdrucks der Vorentscheidung einen Zufluss zum steuerlichen Einlagekonto in H\u00f6he von 2.315.017,50&nbsp;\u20ac festgestellt habe. Vielmehr ergibt sich aus den Ausf\u00fchrungen des FG auf S.&nbsp;11&nbsp;ff. des Umdrucks, dass die genaue H\u00f6he der Einzahlungen in die Kapitalr\u00fccklage und damit auch die tats\u00e4chliche H\u00f6he des steuerlichen Einlagekontos weiterer Sachverhaltsermittlungen bedarf. Insbesondere weist das FG darauf hin, dass im Jahresabschluss Erl\u00e4uterungen zur Einzahlung eines Teils der im Einbringungsvertrag genannten Geldbetr\u00e4ge (500.000&nbsp;\u20ac und 150.000&nbsp;\u20ac) fehlen. Au\u00dferdem seien noch \u00dcberlegungen zur Bewertung der Einlagen nach \u00a7&nbsp;6 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;5 Satz&nbsp;1 des Einkommensteuergesetzes in der f\u00fcr das Streitjahr geltenden Fassung erforderlich. Diese Pr\u00fcfungen sind im zweiten Rechtsgang nachzuholen.<\/li><li>4. Die Entscheidung \u00fcber die Kosten des Verfahrens wird gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;143 Abs.&nbsp;2 FGO dem FG \u00fcbertragen.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2021:U.081221.IR47.18.0 BFH I. Senat AO \u00a7 129, KStG \u00a7 27 Abs 2, KStG \u00a7 28 Abs 1 S 3, KStG VZ 2012 vorgehend FG M\u00fcnchen, 17. September 2018, Az: 7 K 2805\/17 Leits\u00e4tze 1. Allein der Umstand, dass zur Bestimmung der zutreffenden H\u00f6he des steuerlichen Einlagekontos nicht die mechanische \u00dcbernahme der im Jahresabschluss angegebenen Kapitalr\u00fccklage &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/offenbare-unrichtigkeit-nach-%c2%a7-129-ao-bei-fehlender-erkennbarkeit-des-zutreffenden-werts-bfh-urteil-vom-08-dezember-2021-i-r-47-18\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Offenbare Unrichtigkeit nach \u00a7 129 AO bei fehlender Erkennbarkeit des zutreffenden Werts &#8211; BFH-Urteil vom 08. 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