{"id":75142,"date":"2022-09-11T09:36:51","date_gmt":"2022-09-11T07:36:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=75142"},"modified":"2022-09-11T09:36:51","modified_gmt":"2022-09-11T07:36:51","slug":"anspruch-auf-kindergeld-in-den-wohnsitz-wohnsitz-faellen-bfh-urteil-vom-19-mai-2022-iii-r-32-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/anspruch-auf-kindergeld-in-den-wohnsitz-wohnsitz-faellen-bfh-urteil-vom-19-mai-2022-iii-r-32-20\/","title":{"rendered":"Anspruch auf Kindergeld in den Wohnsitz-Wohnsitz-F\u00e4llen &#8211; BFH-Urteil vom 19. Mai 2022, III R 32\/20"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2022:U.190522.IIIR32.20.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH III. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>EStG \u00a7 62 Abs 1, EStG \u00a7 63 Abs 1, EStG \u00a7 32, EGV 883\/2004 Art 68 Abs 2 S 3, AO \u00a7 8, EStG VZ 2014 , EStG VZ 2015<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend S\u00e4chsisches Finanzgericht , 25. April 2019, Az: 6 K 1720\/17 (Kg)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>NV: Die Koordinierungsregel des Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883\/2004 ist nur anwendbar, wenn konkurrierende Anspr\u00fcche im Sinne dieser Vorschrift vorliegen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision der Beklagten gegen das Urteil des S\u00e4chsischen Finanzgerichts vom 25.04.2019 &#8211; 6 K 1720\/17 (Kg) wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat die Beklagte zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Streitig ist der Anspruch auf Kindergeld f\u00fcr die Monate Januar 2014, Februar 2015 und Januar 2016.<\/li><li>Der aus der Republik Polen (Polen) stammende Kl\u00e4ger und Revisionsbeklagte (Kl\u00e4ger) hatte in L ein Gewerbe als selbstst\u00e4ndiger Eisenflechter angemeldet. Er lebte in den Zeiten, in denen er in der Bundesrepublik Deutschland (Deutschland) seiner Erwerbst\u00e4tigkeit nachging, in einer angemieteten Wohnung in L, ansonsten bei seiner in Polen wohnhaften Familie. Der Kl\u00e4ger und seine nicht erwerbst\u00e4tige Ehefrau haben vier Kinder, die in den streitigen Monaten noch minderj\u00e4hrig waren. F\u00fcr die Jahre 2015 und 2016 wurden der Kl\u00e4ger und seine Ehefrau gemeinsam nach \u00a7&nbsp;1 Abs.&nbsp;3 des Einkommensteuergesetzes (EStG) als unbeschr\u00e4nkt einkommensteuerpflichtig behandelt.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger bezog f\u00fcr die Kinder Kindergeld. Die Beklagte und Revisionskl\u00e4gerin (Familienkasse) hob die Festsetzung durch Bescheid vom 29.09.2017 f\u00fcr vier einzelne Monate auf, da der Kl\u00e4ger nicht nachweisen konnte, dass er in diesen Zeiten in Deutschland erwerbst\u00e4tig war. Dagegen wandte sich der Kl\u00e4ger ohne Erfolg mit Einspruch. Im anschlie\u00dfenden Klageverfahren beschr\u00e4nkte er sein Begehren auf die Monate Januar 2014, Februar 2015 und Januar 2016. Er trug vor, er sei in diesen Monaten durchaus einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachgegangen. Er habe Termine bei seinem Steuerberater wahrgenommen und mit planerischen \u00dcberlegungen sein Gewerbe betrieben.<\/li><li>Das Finanzgericht (FG) gab der Klage statt. Es war angesichts der vom Kl\u00e4ger vorgelegten Nachweise davon \u00fcberzeugt, dass dieser auch in den streitigen Monaten in Deutschland einen Wohnsitz hatte (\u00a7&nbsp;8 der Abgabenordnung \u2011\u2011AO\u2011\u2011). Die unzutreffende Behandlung nach \u00a7&nbsp;1 Abs.&nbsp;3 EStG durch das Finanzamt (FA) hatte nach Ansicht des FG kindergeldrechtlich keine Bindungswirkung. In den fraglichen Monaten sei der Kl\u00e4ger in Deutschland keiner Erwerbst\u00e4tigkeit nachgegangen. Ein Anspruch auf Familienleistungen nach polnischem Recht bestehe wegen des \u00dcberschreitens der Einkommensgrenze nicht.<\/li><li>Zur Begr\u00fcndung der Revision tr\u00e4gt die Familienkasse vor, das FG habe die \u00a7&nbsp;62 und \u00a7&nbsp;65 EStG sowie die Art.&nbsp;11 und Art.&nbsp;68 der Verordnung (EG) Nr.&nbsp;883\/2004 des Europ\u00e4ischen Parlaments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union 2004 Nr.&nbsp;L&nbsp;166, S.&nbsp;1) \u2011\u2011VO&nbsp;Nr.&nbsp;883\/2004\u2011\u2011 unzutreffend ausgelegt. Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 komme auch dann zur Anwendung, wenn im anderen Mitgliedstaat der Europ\u00e4ischen Union (EU) kein Anspruch auf Familienleistungen bestehe.<\/li><li>Die Familienkasse beantragt,<br \/>das angefochtene Urteil aufzuheben und die Klage abzuweisen.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger beantragt,<br \/>die Revision als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision der Familienkasse ist unbegr\u00fcndet und wird deshalb zur\u00fcckgewiesen (\u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011). Das FG hat zutreffend einen Anspruch des Kl\u00e4gers auf Kindergeld nach deutschem Recht f\u00fcr die streitigen Monate bejaht.<\/li><li>1. Der im Inland wohnende Kl\u00e4ger erf\u00fcllt die Anspruchsvoraussetzungen f\u00fcr den Bezug von Kindergeld gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1, \u00a7&nbsp;63 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 i.V.m. \u00a7&nbsp;32 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 und Abs.&nbsp;3 EStG f\u00fcr seine in Polen lebenden Kinder, die in den streitigen Zeitr\u00e4umen noch minderj\u00e4hrig waren.<\/li><li>a) Der Kl\u00e4ger hatte nach den Feststellungen des FG in den streitigen Monaten in Deutschland einen Wohnsitz (\u00a7&nbsp;8 AO). Der Umstand, dass er und seine Ehefrau antragsgem\u00e4\u00df \u2011\u2011zu Unrecht\u2011\u2011 f\u00fcr die Jahre 2015 und 2016 vom FA nach \u00a7&nbsp;1 Abs.&nbsp;3 EStG als unbeschr\u00e4nkt einkommensteuerpflichtig behandelt wurden, steht der Annahme eines inl\u00e4ndischen Wohnsitzes nicht entgegen. Das FG hat zutreffend darauf hingewiesen, dass die Behandlung durch das FA nach \u00a7&nbsp;1 Abs.&nbsp;3 EStG f\u00fcr die Familienkasse insoweit bindend ist, als es um das Vorliegen der Voraussetzungen des \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 Buchst.&nbsp;b EStG geht, nicht aber, soweit das FA f\u00e4lschlich davon ausgegangen ist, dass der Anspruchsberechtigte im Inland keinen Wohnsitz oder gew\u00f6hnlichen Aufenthalt nach \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 EStG hat (vgl. Senatsurteil vom 24.05.2012&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;14\/10, BFHE 237, 239, BStBl II 2012, 897). Der Anspruch des Kl\u00e4gers auf Kindergeld f\u00fcr die Monate Februar 2015 und Januar 2016 beruhte somit sowohl auf \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 als auch auf Nr.&nbsp;2 Buchst.&nbsp;b EStG.<\/li><li>b) Die Kinder leben im gemeinsamen Haushalt des Kl\u00e4gers und seiner Ehefrau in Polen, einem EU-Mitgliedstaat.<\/li><li>2. Der Anspruch des Kl\u00e4gers auf Gew\u00e4hrung von Kindergeld ist nicht nach Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 ausgeschlossen.<\/li><li>a) Der Anwendungsbereich der VO Nr.&nbsp;883\/2004 ist er\u00f6ffnet, denn der Kl\u00e4ger f\u00e4llt als Staatsangeh\u00f6riger eines EU-Mitgliedstaats nach Art.&nbsp;2 Abs.&nbsp;1 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 in den pers\u00f6nlichen Anwendungsbereich dieser Verordnung. Das Kindergeld nach dem EStG ist eine Familienleistung i.S. des Art.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;z der VO Nr.&nbsp;883\/2004, weshalb auch deren sachlicher Anwendungsbereich nach Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;j der VO Nr.&nbsp;883\/2004 er\u00f6ffnet ist (Senatsurteil vom 26.07.2017&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;18\/16, BFHE 259, 98, BStBl II 2017, 1237).<\/li><li>b) Der Kl\u00e4ger unterliegt gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;11 Abs.&nbsp;3 Buchst.&nbsp;e der VO Nr.&nbsp;883\/2004 den Rechtsvorschriften Deutschlands. Er \u00fcbte nach den Feststellungen des FG in den streitigen Monaten keine Erwerbst\u00e4tigkeit aus (Art.&nbsp;11 Abs.&nbsp;3 Buchst.&nbsp;a der VO Nr.&nbsp;883\/2004) und bezog als Selbstst\u00e4ndiger keine Leistungen bei Arbeitslosigkeit (Art.&nbsp;11 Abs.&nbsp;3 Buchst.&nbsp;c der VO Nr.&nbsp;883\/2004). Die Ehefrau des Kl\u00e4gers und Kindsmutter unterlag aufgrund ihres Wohnsitzes den Rechtsvorschriften des Mitgliedstaats Polen, da auch sie in den streitigen Monaten keiner Erwerbst\u00e4tigkeit nachging.<\/li><li>c) Wird der Anspruch im anderen Mitgliedstaat ebenfalls durch den Wohnort ausgel\u00f6st und ist dieser Mitgliedstaat \u2011\u2011wie im Streitfall der Mitgliedstaat Polen\u2011\u2011 zugleich der Wohnort der Kinder, ist der Kindergeldanspruch in Deutschland nach Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;b Ziff.&nbsp;iii der VO Nr.&nbsp;883\/2004 nachrangig. Im Falle der Nachrangigkeit des Kindergeldanspruchs wird dieser nach Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 Halbsatz&nbsp;1 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 bis zur H\u00f6he des nach den vorrangig geltenden Rechtsvorschriften vorgesehenen Betrags ausgesetzt. Der nachrangig zust\u00e4ndige Staat hat nach Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 Halbsatz&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 einen etwaigen Differenzbetrag zu gew\u00e4hren, allerdings nach Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 nicht f\u00fcr die in einem Mitgliedstaat wohnenden Kinder, wenn der entsprechende Leistungsanspruch ausschlie\u00dflich durch den Wohnort ausgel\u00f6st wird (Senatsurteil vom 22.02.2018&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;10\/17, BFHE 261, 214, BStBl II 2018, 717, Rz&nbsp;28&nbsp;f.).<\/li><li>d) Hierzu hat der Senat in den Urteilen vom 18.02.2021&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;27\/19 (BFHE 272, 60, BStBl II 2022, 183) sowie III&nbsp;R&nbsp;60\/19 (BFH\/NV 2021, 942) und vom 31.08.2021&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;10\/20 (BFHE 273, 536, BStBl II 2022, 186) entschieden, dass die Koordinierungsregel des Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 der VO Nr.&nbsp;883\/2004 nur dann anwendbar ist, wenn tats\u00e4chlich konkurrierende Anspr\u00fcche bestehen. Dies ergibt sich bereits aus dem Wortlaut des Art.&nbsp;68 Abs.&nbsp;1 und Abs.&nbsp;2 der VO Nr.&nbsp;883\/2004. Zur Vermeidung von Wiederholungen verweist der Senat erg\u00e4nzend auf die genannten Entscheidungen.<\/li><li>e) Im Streitfall hat nach den bindenden Feststellungen des FG (\u00a7&nbsp;118 Abs.&nbsp;2 FGO) weder der Kl\u00e4ger noch die Kindsmutter einen Anspruch auf polnische Familienleistungen, sodass keine Anspr\u00fcche auf Familienleistungen in verschiedenen Mitgliedstaaten zu koordinieren sind. Es verbleibt bei der Anspruchsberechtigung des Kl\u00e4gers nach \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1, \u00a7&nbsp;63 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 i.V.m. \u00a7&nbsp;32 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 und Abs.&nbsp;3 EStG.<\/li><li>3. Die Kostenentscheidung folgt aus \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2022:U.190522.IIIR32.20.0 BFH III. 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