{"id":75171,"date":"2022-09-23T12:37:53","date_gmt":"2022-09-23T10:37:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=75171"},"modified":"2022-09-23T12:37:53","modified_gmt":"2022-09-23T10:37:53","slug":"erlass-von-zinsen-wegen-sachlicher-unbilligkeit-unerkannter-fall-des-%c2%a7-13b-ustg-unzutreffende-aber-folgerichtige-besteuerung-beim-leistenden-und-beim-leistungsempfaenger-ohne-liquiditaetsvorte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/erlass-von-zinsen-wegen-sachlicher-unbilligkeit-unerkannter-fall-des-%c2%a7-13b-ustg-unzutreffende-aber-folgerichtige-besteuerung-beim-leistenden-und-beim-leistungsempfaenger-ohne-liquiditaetsvorte\/","title":{"rendered":"Erlass von Zinsen wegen sachlicher Unbilligkeit; unerkannter Fall des \u00a7 13b UStG; unzutreffende, aber folgerichtige Besteuerung beim Leistenden und beim Leistungsempf\u00e4nger ohne Liquidit\u00e4tsvorteile oder -nachteile der Beteiligten und des Fiskus &#8211; BFH-Beschluss vom 28. Juni 2022, XI B 97\/21"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2022:B.280622.XIB97.21.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH XI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 227, FGO \u00a7 102, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 1, UStG \u00a7 13b Abs 2 Nr 3, UStG \u00a7 14c Abs 1, UStG \u00a7 13b Abs 1 S 1 Nr 3, UStG VZ 2005<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend Finanzgericht Baden-W\u00fcrttemberg , 08. November 2021, Az: 9 K 1121\/20<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>NV: Es ist nicht kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, dass die Grunds\u00e4tze des BFH-Urteils vom 26.09.2019 &#8211; V R 13\/18 (BFHE 266, 16) nicht nur f\u00fcr Bautr\u00e4ger-F\u00e4lle (\u00a7 13b Abs. 2 Nr. 4 UStG) gelten, sondern auch f\u00fcr andere F\u00e4lle, in denen der Leistende und Leistungsempf\u00e4nger zun\u00e4chst rechtsfehlerhaft davon ausgegangen sind, dass der Leistende Steuerschuldner ist, obwohl der Leistungsempf\u00e4nger die Steuer schuldet (\u00a7 13b UStG).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde des Beklagten wegen Nichtzulassung der Revision gegen das Urteil des Finanzgerichts Baden-W\u00fcrttemberg vom 08.11.2021 &#8211; 9 K 1121\/20 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Beschwerdeverfahrens hat der Beklagte zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde ist unbegr\u00fcndet; denn die vom Beklagten und Beschwerdef\u00fchrer (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) aufgeworfene Rechtsfrage, ob die Grunds\u00e4tze des Urteils des Bundesfinanzhofs (BFH) vom 26.09.2019&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;13\/18 (BFHE 266, 16) auf Bautr\u00e4ger-F\u00e4lle zu begrenzen sind, ist nicht kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/li><li>1. Grunds\u00e4tzliche Bedeutung i.S. von \u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;1 der Finanzgerichtsordnung (FGO) kommt einer Rechtssache zu, wenn die f\u00fcr die Beurteilung des Streitfalls ma\u00dfgebliche Rechtsfrage das abstrakte Interesse der Allgemeinheit an der einheitlichen Entwicklung und Handhabung des Rechts ber\u00fchrt. Au\u00dferdem muss die Rechtsfrage kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig und in einem k\u00fcnftigen Revisionsverfahren kl\u00e4rbar sein (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 10.02.2021&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;24\/20, BFH\/NV 2021, 549, Rz&nbsp;3; vom 20.04.2021&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;39\/20, BFH\/NV 2021, 1209, Rz&nbsp;8, m.w.N.). An der Kl\u00e4rungsbed\u00fcrftigkeit einer Rechtsfrage fehlt es, wenn sich die Beantwortung dieser Rechtsfrage ohne weiteres aus dem klaren Wortlaut und Sinngehalt des Gesetzes ergibt oder die Rechtsfrage offensichtlich so zu beantworten ist, wie es das Finanzgericht (FG) in seiner Entscheidung getan hat (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 05.12.2016&nbsp;&#8211; X&nbsp;B&nbsp;91\/16, BFH\/NV 2017, 287, Rz&nbsp;11; vom 07.12.2021&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;11\/21, BFH\/NV 2022, 355).<\/li><li>2. Nach diesen Grunds\u00e4tzen ist unter Umst\u00e4nden wie denen des Streitfalls die Reichweite der Grunds\u00e4tze des BFH-Urteils in BFHE 266, 16 nicht kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/li><li>a) Der BFH hat in seinem Urteil in BFHE 266, 16 entschieden (Leitsatz):&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Gehen der Leistende und Leistungsempf\u00e4nger rechtsfehlerhaft davon aus, dass der Leistende Steuerschuldner ist, obwohl der Leistungsempf\u00e4nger die Steuer schuldet (\u00a7&nbsp;13b UStG), sind die sich aus der Versagung des Vorsteuerabzugs beim Leistungsempf\u00e4nger entstehenden Zinsen aus sachlichen Billigkeitsgr\u00fcnden zu erlassen, wenn das FA die f\u00fcr die Leistung geschuldete Steuer vom vermeintlichen statt vom wirklichen Steuerschuldner vereinnahmt hatte, der Leistende seine Rechnungen mit Steuerausweis berichtigt und den sich hieraus ergebenden Verg\u00fctungsanspruch an den Leistungsempf\u00e4nger abtritt.&#8220;<\/li><li>b) Das FG Baden-W\u00fcrttemberg hat diese Rechtsprechung mit seinem Urteil vom 08.11.2021&nbsp;&#8211; 9&nbsp;K&nbsp;1121\/20 (juris) auf den Streitfall angewendet, weil im Streitfall aufgrund eines Irrtums \u00fcber die Steuerschuldnerschaft eine zwar fehlerhafte, aber auf der Grundlage dieses Irrtums zun\u00e4chst folgerichtige Versteuerung durch den Leistenden und den Leistungsempf\u00e4nger erfolgt sei, nach Aufdeckung des Irrtums eine zutreffende umsatzsteuerrechtliche Besteuerung beim Leistenden und Leistungsempf\u00e4nger vorgenommen worden sei und (nur) f\u00fcr den streitgegenst\u00e4ndlichen Zeitraum, auf den sich der Teil-Erlass beziehe, keiner der am Leistungsaustausch Beteiligten einen Liquidit\u00e4tsvorteil erlangt habe. Das FG hat dabei angenommen, es sei unsch\u00e4dlich, dass im Streitfall ein Irrtum \u00fcber die Steuerschuldnerschaft bei Grundst\u00fcckslieferungen (jetzt: \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;3 des Umsatzsteuergesetzes \u2011\u2011UStG\u2011\u2011, vorher: \u00a7&nbsp;13 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;3 UStG 2005) vorliege, weil innerhalb des \u00a7&nbsp;13b UStG nicht weiter zu differenzieren sei (Rz&nbsp;21). Das FA habe keinerlei rechtliche Gegenargumente gegen die Grunds\u00e4tze aus dem BFH-Urteil in BFHE 266, 16 vorgebracht (Rz&nbsp;22).<\/li><li>c) Dem ist unter Umst\u00e4nden wie denen des Streitfalls beizupflichten. Die unter a zitierte Aussage des BFH im Urteil in BFHE 266, 16 stellt, wie das FG zu Recht angenommen hat, auf \u00a7&nbsp;13b UStG insgesamt ab; denn sie erw\u00e4hnt sowohl im Leitsatz als auch in der Rz&nbsp;18 \u00a7&nbsp;13b UStG (und nicht nur \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;4 UStG). Eine Begrenzung auf die &#8222;Bautr\u00e4ger-F\u00e4lle&#8220; des \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;4 UStG enth\u00e4lt es nicht.<\/li><li>d) Etwas anderes ergibt sich nicht aus dem vom FA angef\u00fchrten BFH-Beschluss vom 11.05.2020&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;76\/18 (BFH\/NV 2020, 1047). Der BFH hat dort zwar, wie das FA zu Recht geltend macht, entschieden, dass der Sonderfall eines Zinserlasses wegen beiderseitigen Irrtums \u00fcber den Steuerschuldner in Bautr\u00e4ger-F\u00e4llen nicht auf die vermeidbare Fehlbeurteilung des Orts einer sonstigen Leistung \u00fcbertragbar sei. Dass die Grunds\u00e4tze des BFH-Urteils in BFHE 266, 16 nicht auf Irrt\u00fcmer \u00fcber andere sog. \u00a7&nbsp;13b-F\u00e4lle \u00fcbertragbar w\u00e4ren, ergibt sich daraus jedoch ebenfalls nicht.<\/li><li>e) Der Senat verkennt dabei nicht, dass der in Rz&nbsp;18 des BFH-Urteils in BFHE 266, 16 ebenfalls angesprochene \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;7 UStG a.F. (jetzt: \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;8 UStG) nur auf bestimmte F\u00e4lle des \u00a7&nbsp;13b UStG begrenzt ist, zu denen \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;3 UStG nicht geh\u00f6rt. Die Beschr\u00e4nkung liegt aber daran, dass \u2011\u2011wie das FG zu Recht erkannt hat\u2011\u2011 nach der Begr\u00fcndung des \u00c4nderungsvorschlags des Finanzausschusses (BTDrucks 18\/1995, S.&nbsp;114) mit der Gesetzes\u00e4nderung die durch das BFH-Urteil vom 22.08.2013&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;37\/10 (BFHE 243, 20, BStBl II 2014, 128) verworfene fr\u00fchere Verwaltungsregelung wiederhergestellt werden sollte. Dass die Grunds\u00e4tze des BFH-Urteils in BFHE 266, 16 nur auf die in \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;7 UStG a.F. genannten F\u00e4lle begrenzt w\u00e4re, ergibt sich daraus ebenfalls nicht.<\/li><li>3. Der Senat sieht von einer weiteren Begr\u00fcndung ab (\u00a7&nbsp;116 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 Halbsatz&nbsp;2 FGO).<\/li><li>4. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2022:B.280622.XIB97.21.0 BFH XI. Senat AO \u00a7 227, FGO \u00a7 102, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 1, UStG \u00a7 13b Abs 2 Nr 3, UStG \u00a7 14c Abs 1, UStG \u00a7 13b Abs 1 S 1 Nr 3, UStG VZ 2005 vorgehend Finanzgericht Baden-W\u00fcrttemberg , 08. 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