{"id":75381,"date":"2022-12-03T15:48:24","date_gmt":"2022-12-03T13:48:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=75381"},"modified":"2022-12-03T15:48:24","modified_gmt":"2022-12-03T13:48:24","slug":"aussetzung-der-vollziehung-eines-abrechnungsbescheids-ueber-saeumniszuschlaege-bfh-beschluss-vom-11-november-2022-viii-b-64-22-adv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/aussetzung-der-vollziehung-eines-abrechnungsbescheids-ueber-saeumniszuschlaege-bfh-beschluss-vom-11-november-2022-viii-b-64-22-adv\/","title":{"rendered":"Aussetzung der Vollziehung eines Abrechnungsbescheids \u00fcber S\u00e4umniszuschl\u00e4ge &#8211; BFH-Beschluss vom 11. November 2022, VIII B 64\/22 (AdV)"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2022:BA.111122.VIIIB64.22.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH VIII. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 240 Abs 1 S 1, FGO \u00a7 69 Abs 3 S 1, FGO \u00a7 69 Abs 2 S 2, AO \u00a7 218 Abs 2, FGO \u00a7 11 Abs 2<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnster, 25. April 2022, Az: 12 V 570\/22 AO<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>Bei der im Aussetzungsverfahren nach \u00a7 69 Abs. 3 FGO gebotenen summarischen Pr\u00fcfung bestehen ernstliche verfassungsrechtliche Zweifel an der H\u00f6he der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge nach \u00a7 240 Abs. 1 Satz 1 AO, soweit diese nach dem 31.12.2018 entstanden sind (Anschluss an BFH-Beschl\u00fcsse vom 23.05.2022 &#8211; V B 4\/22 (AdV), zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung vorgesehen, und vom 31.08.2021 &#8211; VII B 69\/21 (AdV), n.v.).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde des Antragsgegners gegen den Beschluss des Finanzgerichts M\u00fcnster vom 25.04.2022 &#8211; 12 V 570\/22 AO wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Beschwerdeverfahrens hat der Antragsgegner zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beteiligten streiten \u00fcber die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der in den Abrechnungsbescheiden jeweils vom 10.01.2022 ausgewiesenen und nicht erlassenen S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zur Einkommensteuer 2019, zum Solidarit\u00e4tszuschlag zur Einkommensteuer 2019 sowie zur Einkommensteuervorauszahlung f\u00fcr das erste Kalendervierteljahr 2021.<\/li><li>Gegen die Abrechnungsbescheide vom 10.01.2022 legten die Antragsteller und Beschwerdegegner (Antragsteller) Einspruch ein und beantragten zugleich die Aussetzung und Aufhebung der Vollziehung (AdV).<\/li><li>Der Antragsgegner und Beschwerdef\u00fchrer (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) lehnte die begehrte AdV ab und stellte die gegen die Abrechnungsbescheide erhobenen Einspr\u00fcche im Hinblick auf das beim Bundesfinanzhof (BFH) anh\u00e4ngige Revisionsverfahren VII&nbsp;R&nbsp;55\/20 ruhend. Hierauf beantragten die Antragsteller beim Finanzgericht (FG) M\u00fcnster die AdV der angefochtenen Abrechnungsbescheide.<\/li><li>Das FG gab dem Antrag auf AdV mit seinem in Entscheidungen der Finanzgerichte 2022, 1083 ver\u00f6ffentlichten Beschluss vom 25.04.2022&nbsp;&#8211; 12&nbsp;V&nbsp;570\/22&nbsp;AO statt. Es war der Auffassung, die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der in den Abrechnungsbescheiden ausgewiesenen S\u00e4umniszuschl\u00e4ge sei ernstlich zweifelhaft, soweit die S\u00e4umniszuschl\u00e4ge \u2011\u2011wie im Streitfall\u2011\u2011 nach dem 31.12.2018 entstanden seien. Die ernstlichen Zweifel erg\u00e4ben sich unter Ber\u00fccksichtigung der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zur Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der Verzinsung von Steuernachforderungen und -erstattungen nach \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) daraus, dass auch S\u00e4umniszuschl\u00e4gen nicht nur die Funktion eines Druckmittels, sondern auch die einer Gegenleistung oder eines Ausgleichs f\u00fcr das Hinausschieben der Zahlung f\u00e4lliger Steuern, mithin auch eine zins\u00e4hnliche Funktion zukomme.<\/li><li>Der hiergegen vom FG zugelassenen Beschwerde des FA hat das FG mit Beschluss vom 06.05.2022 nicht abgeholfen.<\/li><li>Das FA macht mit der Beschwerde geltend, die AdV sei im Streitfall bereits deswegen abzulehnen, weil den Antragstellern das besondere Aussetzungsinteresse fehle. Ein solches besonderes Aussetzungsinteresse sei erforderlich, wenn die Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des angefochtenen Verwaltungsakts auf Bedenken gegen die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des zugrunde liegenden Gesetzes beruhten. Zwar werde auch in diesen F\u00e4llen dem Aussetzungsinteresse des Steuerpflichtigen der Vorrang vor dem \u00f6ffentlichen Vollzugsinteresse einger\u00e4umt, wenn das BVerfG eine \u00e4hnliche Vorschrift f\u00fcr nichtig erkl\u00e4rt habe. Das sei vorliegend jedoch nicht der Fall. Die Entscheidung des BVerfG vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17 (BVerfGE 158, 282) zur H\u00f6he der Verzinsung von Steuernachforderungen und -erstattungen nach \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO sei nicht auf S\u00e4umniszuschl\u00e4ge \u00fcbertragbar, weil sich der Normzweck des \u00a7&nbsp;240 AO erheblich von dem des \u00a7&nbsp;233a AO unterscheide. Bei S\u00e4umniszuschl\u00e4gen handele es sich nicht in erster Linie um Zinsen, sondern um ein Sanktionsmittel eigener Art.<\/li><li>Das FA beantragt,<br \/>den Beschluss des FG vom 25.04.2022&nbsp;&#8211; 12&nbsp;V&nbsp;570\/22&nbsp;AO aufzuheben und den Antrag auf AdV abzulehnen.<\/li><li>Die Antragsteller beantragen,<br \/>die Beschwerde des FA zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die nach \u00a7&nbsp;128 Abs.&nbsp;3 der Finanzgerichtsordnung (FGO) zul\u00e4ssige Beschwerde ist unbegr\u00fcndet.<\/li><li>Das FG hat die angefochtenen Abrechnungsbescheide zu Recht von der Vollziehung ausgesetzt. Bei der im vorl\u00e4ufigen Verfahren gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;69 FGO gebotenen summarischen Pr\u00fcfung der Sach- und Rechtslage ist der Senat der Auffassung, dass an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der gesetzlich festgelegten H\u00f6he der nach dem 31.12.2018 verwirkten S\u00e4umniszuschl\u00e4ge ernstliche Zweifel bestehen.<\/li><li>1. Nach \u00a7&nbsp;128 Abs.&nbsp;3 i.V.m. \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1, Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 FGO ist die Vollziehung eines angefochtenen Verwaltungsakts ganz oder teilweise auszusetzen, wenn ernstliche Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des angefochtenen Verwaltungsakts bestehen oder wenn die Vollziehung f\u00fcr den Betroffenen eine unbillige H\u00e4rte zur Folge h\u00e4tte. Ist der Verwaltungsakt schon vollzogen, tritt an die Stelle der Aussetzung der Vollziehung die Aufhebung der Vollziehung (\u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;7 FGO).<\/li><li>Ernstliche Zweifel i.S. von \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 FGO liegen bereits dann vor, wenn bei summarischer Pr\u00fcfung des angefochtenen Bescheids neben f\u00fcr seine Rechtm\u00e4\u00dfigkeit sprechenden Umst\u00e4nden gewichtige Gr\u00fcnde zutage treten, die Unentschiedenheit oder Unsicherheit in der Beurteilung von Rechtsfragen oder Unklarheit in der Beurteilung entscheidungserheblicher Tatfragen bewirken (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 30.03.2021&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;63\/20&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2021, 1212, und vom 08.04.2009&nbsp;&#8211; I&nbsp;B&nbsp;223\/08, BFH\/NV 2009, 1437). Dass die f\u00fcr die Rechtswidrigkeit sprechenden Gr\u00fcnde \u00fcberwiegen, wird dabei nicht vorausgesetzt (vgl. BFH-Beschluss vom 15.04.2020&nbsp;&#8211; IV&nbsp;B&nbsp;9\/20&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2020, 919, m.w.N.). Ernstliche Zweifel k\u00f6nnen auch verfassungsrechtliche Zweifel hinsichtlich einer dem angefochtenen Verwaltungsakt zugrunde liegenden Norm sein (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. z.B. BFH-Beschluss vom 04.07.2019&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;128\/18, BFH\/NV 2019, 1060, m.w.N.).<\/li><li>2. Ausgehend von diesen Grunds\u00e4tzen hat das FG die begehrte AdV der streitgegenst\u00e4ndlichen S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zu Recht gew\u00e4hrt.<\/li><li>a) Das FG ist insoweit zu Recht von dem Beschluss des BVerfG in BVerfGE 158, 282 ausgegangen. Danach verst\u00f6\u00dft \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO gegen Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes und ist daher verfassungswidrig, soweit er auf Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2014 zur Anwendung gelangt. Aufgrund einer Fortgeltungsanordnung f\u00fcr die Verzinsungszeitr\u00e4ume bis zum 31.12.2018 ist der Zinssatz von 6&nbsp;% p.a. allerdings erst f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2019 nicht mehr anwendbar.<\/li><li>b) Das BVerfG hat zwar in seinem Beschluss in BVerfGE 158, 282 festgestellt, dass andere Verzinsungstatbest\u00e4nde der AO einer eigenst\u00e4ndigen verfassungsrechtlichen Wertung bed\u00fcrften (BVerfG-Beschluss in BVerfGE 158, 282, Rz&nbsp;241&nbsp;f.). Sowohl der VII.&nbsp;Senat des BFH als auch der V.&nbsp;Senat des BFH haben jedoch auch im Anschluss an die Entscheidung des BVerfG ernstliche Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der gesetzlich festgelegten H\u00f6he der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge ge\u00e4u\u00dfert, soweit S\u00e4umniszuschl\u00e4gen nicht die Funktion eines Druckmittels zukommt, sondern sie die Funktion einer Gegenleistung oder eines Ausgleichs f\u00fcr das Hinausschieben der Zahlung f\u00e4lliger Steuern haben (zins\u00e4hnliche Funktion) (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse vom 31.08.2021&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;69\/21&nbsp;(AdV), nicht ver\u00f6ffentlicht \u2011\u2011n.v.\u2011\u2011, unter Hinweis u.a. auf BFH-Beschluss vom 14.04.2020&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;53\/19, BFH\/NV 2021, 177; BFH-Beschluss vom 23.05.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;4\/22&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2022, 1030). Soweit nach dem Beschluss des BVerfG hinsichtlich anderer Verzinsungstatbest\u00e4nde zu ber\u00fccksichtigen sei, dass Steuerpflichtige im Bereich der Teilverzinsungstatbest\u00e4nde grunds\u00e4tzlich die Wahl h\u00e4tten, ob sie den Zinstatbestand verwirklichen oder ob sie die Steuerschuld tilgen und sich im Bedarfsfall die erforderlichen Geldmittel zur Begleichung der Steuerschuld anderweitig zu g\u00fcnstigeren Konditionen beschafften (BVerfG-Beschluss in BVerfGE 158, 282, Rz&nbsp;243), m\u00fcsse im Hauptsacheverfahren gekl\u00e4rt werden, welche Bedeutung diesen \u00dcberlegungen in Bezug auf die Frage nach der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des \u00a7&nbsp;240 AO zukomme.<\/li><li>c) Der Senat schlie\u00dft sich diesen Ausf\u00fchrungen an und teilt daher bei der gebotenen summarischen Pr\u00fcfung die ernstlichen Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des \u00a7&nbsp;240 AO. Denn es ist in der Rechtsprechung und \u00fcberwiegend auch im Schrifttum anerkannt, dass S\u00e4umniszuschl\u00e4gen auch die Funktion einer Gegenleistung f\u00fcr das Hinausschieben der Zahlung f\u00e4lliger Steuern zukommt (vgl. z.B. BFH-Urteile vom 30.06.2020&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;63\/18, BFHE 270, 7, BStBl II 2021, 191, Rz&nbsp;23; vom 17.09.2019&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;31\/18, BFHE 266, 113, Rz&nbsp;22, und vom 24.04.2014&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;52\/13, BFHE 245, 105, BStBl II 2015, 106, Rz&nbsp;13; Koenig\/Koenig, Abgabenordnung, 4.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;240 Rz&nbsp;3; Heuermann in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, \u00a7&nbsp;240 AO Rz&nbsp;13; Haselmann\/Maciejewski, Die Unternehmensbesteuerung 2022, 422, 427&nbsp;f.; Steck, Deutsche Steuer-Zeitung 2019, 143, 144&nbsp;ff.). Der Umstand, dass S\u00e4umniszuschl\u00e4ge nicht ausschlie\u00dflich zins\u00e4hnlichen Charakter haben, sondern ihnen auch die Funktion eines Druckmittels zukommt, das den Steuerpflichtigen zur rechtzeitigen Zahlung f\u00e4lliger Steuern anhalten, also verhaltenslenkend wirken, und zugleich entstandenen Verwaltungsaufwand ausgleichen soll, steht der Annahme ernstlicher Zweifel in Bezug auf die H\u00f6he der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge nach \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO nicht entgegen. Vielmehr f\u00fchrt das Bestehen ernstlicher Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der Zinsh\u00f6he in \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO dazu, dass die streitgegenst\u00e4ndlichen S\u00e4umniszuschl\u00e4ge in voller H\u00f6he von der Vollziehung auszusetzen sind, da es keine Teilverfassungswidrigkeit in Bezug auf einen bestimmten Zweck einer Norm gibt (vgl. bereits BFH-Beschluss in BFH\/NV 2019, 1060, Rz&nbsp;16 zu ernstlichen Zweifeln bei Aussetzungszinsen; gleicher Ansicht BFH-Beschluss in BFH\/NV 2022, 1030, Rz&nbsp;47 zu S\u00e4umniszuschl\u00e4gen).<\/li><li>d) Anders als das FA meint, hat das FG zu Recht auch ein berechtigtes Interesse der Antragsteller an der AdV der angefochtenen Abrechnungsbescheide bejaht. Dabei kann offen bleiben, ob es in den F\u00e4llen, in denen die ernstlichen Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des Verwaltungsakts auf verfassungsrechtlichen Zweifeln an der G\u00fcltigkeit der dem Verwaltungsakt zugrunde liegenden Norm beruhen, eines besonderen Aussetzungsinteresses bedarf (vgl. zum Streitstand BFH-Beschluss in BFH\/NV 2022, 1030, Rz&nbsp;22&nbsp;f., m.w.N.; vgl. auch BVerfG-Beschl\u00fcsse vom 24.10.2011&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1848\/11, 1&nbsp;BvR&nbsp;2162\/11, H\u00f6chstrichterliche Finanzrechtsprechung -HFR- 2012, 89, Rz 4, und vom 06.05.2013&nbsp;&#8211; 1 BvR 821\/13, HFR 2013, 639, Rz 7). Jedenfalls im Streitfall f\u00e4llt die Interessenabw\u00e4gung zugunsten der Antragsteller aus. Bei dieser Abw\u00e4gung hat sich der Senat davon leiten lassen, dass die Bedenken an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit hinsichtlich der H\u00f6he der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge nach \u00a7&nbsp;240 AO von hinreichendem Gewicht sind, zumal die Entscheidung des BVerfG zur Verfassungswidrigkeit der Zinsh\u00f6he nach \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO (BVerfG-Beschluss in BVerfGE 158, 282) bei der gebotenen summarischen Pr\u00fcfung auch eine \u00dcberpr\u00fcfung und ggf. Anpassung des in den S\u00e4umniszuschl\u00e4gen enthaltenen Zinsanteils erforderlich erscheinen l\u00e4sst (vgl. aber Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur \u00c4nderung der Abgabenordnung und des Einf\u00fchrungsgesetzes zur Abgabenordnung, BRDrucks 157\/22, S.&nbsp;6). Au\u00dferdem ist weder dargelegt noch sonst ersichtlich, dass die Gew\u00e4hrung der AdV im Streitfall das \u00f6ffentliche Interesse an einer geordneten Haushaltsf\u00fchrung ber\u00fchren k\u00f6nnte. Angesichts dessen ist dem Interesse der Antragsteller an einer AdV der angefochtenen Abrechnungsbescheide Vorrang zu geben.<\/li><li>e) Aus der Entscheidung des BVerfG vom 04.05.2022&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvL&nbsp;1\/22 (BFH\/NV 2022, 895) zur Unzul\u00e4ssigkeit einer Richtervorlage hinsichtlich der Verfassungswidrigkeit der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge nach \u00a7&nbsp;193 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;2 des Gesetzes \u00fcber den Versicherungsvertrag (VVG) folgt f\u00fcr den Streitfall nichts anderes. Das BVerfG hat seine Entscheidung ma\u00dfgeblich damit begr\u00fcndet, das vorlegende Gericht habe bereits nicht hinreichend i.S. des \u00a7&nbsp;80 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes dargelegt, dass die Frage der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des \u00a7&nbsp;193 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;2 VVG im Ausgangsverfahren entscheidungserheblich sei und inwiefern von der Verfassungswidrigkeit dieser Norm ausgegangen werden k\u00f6nne (BVerfG-Beschluss in BFH\/NV 2022, 895, Rz&nbsp;20&nbsp;ff. und 25&nbsp;ff.). Ein entscheidungstragender Rechtssatz, dass die Grunds\u00e4tze der Rechtsprechung des BVerfG zur Verfassungswidrigkeit der Verzinsung von Steuernachforderungen und -erstattungen i.S. des \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO (BVerfG-Beschluss in BVerfGE 158, 282) in der Sache nicht auf einen in den S\u00e4umniszuschl\u00e4gen gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;240 AO enthaltenen Zinsanteil zu \u00fcbertragen seien, kann der Entscheidung nach Auffassung des Senats nicht entnommen werden.<\/li><li>f) Der Senat weicht mit seiner Entscheidung nicht i.S. von \u00a7&nbsp;11 Abs.&nbsp;2 FGO von der Entscheidung des II.&nbsp;Senats des BFH vom 20.09.2022&nbsp;&#8211; II&nbsp;B&nbsp;3\/22&nbsp;(AdV) \u2011\u2011Betriebs-Berater 2022, 2389\u2011\u2011 ab. Zwar hat der II.&nbsp;Senat des BFH dort die Gew\u00e4hrung der AdV eines Abrechnungsbescheids \u00fcber S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zur Grunderwerbsteuer mit der Begr\u00fcndung abgelehnt, dass sich im Hinblick auf die zwischenzeitlich ergangene Entscheidung des BVerfG in BFH\/NV 2022, 895, Rz&nbsp;18 ein Gleichlauf der verfassungsrechtlichen Beurteilung der H\u00f6he von Zinsen nach \u00a7&nbsp;233a AO und von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen nach \u00a7&nbsp;240 AO verbiete. Eine Anrufung des Gro\u00dfen Senats des BFH wegen einer Rechtsfrage im Verfahren der AdV, in dem die Rechtsfrage nicht abschlie\u00dfend zu beantworten ist, kommt jedoch nicht in Betracht (BFH-Beschluss vom 15.04.2010&nbsp;&#8211; IV&nbsp;B&nbsp;105\/09, BFHE 229, 199, BStBl II 2010, 971).<\/li><li>3. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2022:BA.111122.VIIIB64.22.0 BFH VIII. 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