{"id":75828,"date":"2023-05-20T10:21:13","date_gmt":"2023-05-20T08:21:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=75828"},"modified":"2023-05-20T10:21:13","modified_gmt":"2023-05-20T08:21:13","slug":"aufwendungen-fuer-ein-hausnotrufsystem-keine-steuerermaessigung-nach-%c2%a7-35a-estg-bfh-urteil-vom-23-maerz-2023-vi-r-8-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/aufwendungen-fuer-ein-hausnotrufsystem-keine-steuerermaessigung-nach-%c2%a7-35a-estg-bfh-urteil-vom-23-maerz-2023-vi-r-8-21\/","title":{"rendered":"Aufwendungen f\u00fcr ein Hausnotrufsystem &#8211; keine Steuererm\u00e4\u00dfigung nach \u00a7 35a EStG &#8211; BFH-Urteil vom 23. M\u00e4rz 2023, VI R 8\/21"},"content":{"rendered":"\n<p>Weitgehend inhaltsgleich mit BFH-Urteil vom 15.02.2023 VI R 7\/21<\/p>\n\n\n\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:U.230323.VIR8.21.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH VI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>EStG \u00a7 35a Abs 2 S 1 Alt 2, EStG \u00a7 35a Abs 4 S 1, EStG VZ 2016<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnchen, 02. Dezember 2020, Az: 2 K 313\/18<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>NV: F\u00fcr ein Hausnotrufsystem, das im Notfall lediglich den Kontakt zu einer 24-Stunden-Servicezentrale herstellt, die soweit erforderlich Dritte verst\u00e4ndigt, kann die Steuererm\u00e4\u00dfigung nach \u00a7 35a Abs. 2 Satz 1 Alternative 2 EStG nicht in Anspruch genommen werden (Abgrenzung vom Senatsurteil vom 03.09.2015 &#8211; VI R 18\/14, BFHE 251, 435, BStBl II 2016, 272).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision der Kl\u00e4gerin gegen das Urteil des Finanzgerichts M\u00fcnchen vom 02.12.2020 &#8211; 2 K 313\/18 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat die Kl\u00e4gerin zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Kl\u00e4gerin und Revisionskl\u00e4gerin (Kl\u00e4gerin), die im Streitjahr (2016) das siebzigste Lebensjahr vollendet hat, erzielte Eink\u00fcnfte aus nichtselbst\u00e4ndiger Arbeit (Versorgungsbez\u00fcge) sowie sonstige Eink\u00fcnfte aus einer Leibrente.<\/li><li>Sie lebte im Streitjahr alleine in ihrer Wohnung und nahm ein Hausnotrufsystem der X in Anspruch, das aus einer in der Wohnung befindlichen Basisstation und einem am K\u00f6rper getragenen Funksender bestand. Die X gew\u00e4hrleisteten eine 24-st\u00fcndige Rufbereitschaft in der Notrufzentrale an 365&nbsp;Tagen im Jahr. Bei Bet\u00e4tigung des Notrufs wurde ein Funkkontakt mit der Notrufzentrale hergestellt. Die Mitarbeiter der Zentrale entschieden im Einzelfall, welche Hilfe angefordert wurde. Dies konnte eine pers\u00f6nliche Vertrauensperson sein, der X-Einsatzdienst oder der Rettungsdienst.<\/li><li>Hierf\u00fcr entstanden der Kl\u00e4gerin im Streitjahr Kosten in H\u00f6he von 355&nbsp;\u20ac. Nicht enthalten waren die Kosten f\u00fcr einen etwaigen Pflege- oder Rettungseinsatz.<\/li><li>In ihrer Einkommensteuererkl\u00e4rung f\u00fcr das Streitjahr machte die Kl\u00e4gerin die Aufwendungen als haushaltsnahe Dienstleistungen nach \u00a7&nbsp;35a des Einkommensteuergesetzes (EStG) geltend.<\/li><li>Der Beklagte und Revisionsbeklagte (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) lehnte eine Ber\u00fccksichtigung ab. Nach erfolglosem Einspruch erhob die Kl\u00e4gerin Klage, die das Finanzgericht (FG) als unbegr\u00fcndet abwies.<\/li><li>Mit der Revision r\u00fcgt die Kl\u00e4gerin die Verletzung materiellen Rechts.<\/li><li>Sie beantragt sinngem\u00e4\u00df,<br \/>das FG-Urteil sowie die Einspruchsentscheidung vom 03.01.2018 aufzuheben und den Einkommensteuerbescheid 2016 vom 19.10.2017 dahingehend zu \u00e4ndern, dass f\u00fcr die Aufwendungen f\u00fcr das Hausnotrufsystem in H\u00f6he von 355&nbsp;\u20ac die Steuererm\u00e4\u00dfigung nach \u00a7&nbsp;35a Abs.&nbsp;2 EStG gew\u00e4hrt wird.<\/li><li>Das FA beantragt,<br \/>die Revision zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision ist unbegr\u00fcndet. Sie ist daher zur\u00fcckzuweisen (\u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011). Eine Steuererm\u00e4\u00dfigung nach \u00a7&nbsp;35a EStG kommt in Bezug auf die Aufwendungen der Kl\u00e4gerin f\u00fcr das Hausnotrufsystem nicht in Betracht.<\/li><li>1. Nach \u00a7&nbsp;35a Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 Alternative&nbsp;2 EStG erm\u00e4\u00dfigt sich die tarifliche Einkommensteuer, vermindert um die sonstigen Steuererm\u00e4\u00dfigungen, auf Antrag um 20&nbsp;%, h\u00f6chstens 4.000&nbsp;\u20ac, der Aufwendungen des Steuerpflichtigen f\u00fcr die Inanspruchnahme von haushaltsnahen Dienstleistungen, die nicht Dienstleistungen nach \u00a7&nbsp;35a Abs.&nbsp;3 EStG sind. Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;35a Abs.&nbsp;4 Satz&nbsp;1 EStG muss die Dienstleistung in einem in der Europ\u00e4ischen Union oder dem Europ\u00e4ischen Wirtschaftsraum liegenden Haushalt des Steuerpflichtigen erbracht werden.<\/li><li>a) Der Begriff &#8222;haushaltsnahe Dienstleistung&#8220; ist gesetzlich nicht n\u00e4her bestimmt. Nach der Rechtsprechung des Senats m\u00fcssen die Leistungen eine hinreichende N\u00e4he zur Haushaltsf\u00fchrung aufweisen bzw. damit im Zusammenhang stehen. Dazu geh\u00f6ren hauswirtschaftliche Verrichtungen, die gew\u00f6hnlich durch Mitglieder des privaten Haushalts oder entsprechend Besch\u00e4ftigte erledigt werden und in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden anfallen (Senatsurteile vom 13.07.2011&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;61\/10, BFHE 234, 391, BStBl II 2012, 232, Rz&nbsp;9, und vom 13.05.2020&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;4\/18, BFHE 269, 272, BStBl II 2021, 669, Rz&nbsp;17).<\/li><li>b) Dabei kann nach dem r\u00e4umlich-funktionalen Haushaltsbegriff des erkennenden Senats (hierzu Senatsurteil vom 21.02.2018&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;18\/16, BFHE 261, 42, BStBl II 2018, 641, Rz&nbsp;14&nbsp;f., f\u00fcr Handwerkerleistungen) auch die Inanspruchnahme von Diensten, die jenseits der Grundst\u00fccksgrenze auf fremdem, beispielsweise \u00f6ffentlichem Grund geleistet werden, als haushaltsnahe Dienstleistung nach \u00a7&nbsp;35a Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 EStG beg\u00fcnstigt sein. Es muss sich hierbei allerdings auch insoweit um T\u00e4tigkeiten handeln, die ansonsten \u00fcblicherweise von Familienmitgliedern erbracht und in unmittelbarem r\u00e4umlichen Zusammenhang zum Haushalt durchgef\u00fchrt werden und dem Haushalt dienen (Senatsurteil in BFHE 269, 272, BStBl II 2021, 669, Rz&nbsp;18).<\/li><li>aa) Nach dem eindeutigen Wortlaut des \u00a7&nbsp;35a Abs.&nbsp;4 Satz&nbsp;1 EStG sind Leistungen, die au\u00dferhalb des Haushalts erbracht werden, nicht beg\u00fcnstigt, auch wenn sie f\u00fcr den Haushalt erbracht werden. Insoweit kommt es auf die tats\u00e4chliche Erbringung der Leistung an (Senatsurteil in BFHE 269, 272, BStBl II 2021, 669, Rz&nbsp;26).<\/li><li>bb) Ob der Leistungserfolg im Haushalt erzielt wird, ist daher grunds\u00e4tzlich unerheblich; auf den zivilrechtlichen Leistungsort kommt es insoweit deshalb ebenfalls nicht an. Ein blo\u00dfes Abstellen auf den Leistungserfolg w\u00fcrde zu einer rein funktionalen Betrachtungsweise f\u00fchren, die vom Wortlaut des Gesetzes nicht mehr gedeckt ist und auch nicht dem r\u00e4umlich-funktionalen Verst\u00e4ndnis des erkennenden Senats entspricht. Die r\u00e4umlich-funktionale Verbindung zum Haushalt kann nicht allein dadurch begr\u00fcndet werden, dass sich die Leistung auf einen Haushaltsgegenstand bezieht (s. Senatsurteil in BFHE 269, 272, BStBl II 2021, 669, Rz&nbsp;27, f\u00fcr Handwerkerleistungen).<\/li><li>2. Bei Anwendung dieser Rechtsgrunds\u00e4tze kommt eine Steuererm\u00e4\u00dfigung nach \u00a7&nbsp;35a EStG f\u00fcr die von der Kl\u00e4gerin getragenen Aufwendungen f\u00fcr das Hausnotrufsystem vorliegend nicht in Betracht.<\/li><li>a) Zwar liegt den Aufwendungen f\u00fcr das Hausnotrufsystem eine haushaltsnahe Dienstleistung zugrunde. Wie auch im vom Senat mit Urteil vom 03.09.2015&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;18\/14 (BFHE 251, 435, BStBl II 2016, 272) entschiedenen Fall wird durch das Hausnotrufsystem sichergestellt, dass die Kl\u00e4gerin, wenn sie sich im r\u00e4umlichen Bereich ihres Haushalts aufh\u00e4lt, im Bedarfsfall Hilfe rufen kann. Eine solche Rufbereitschaft leisten typischerweise in einer Haushaltsgemeinschaft zusammenlebende Familien- oder sonstige Haushaltsangeh\u00f6rige (Senatsurteil in BFHE 251, 435, BStBl II 2016, 272, Rz&nbsp;16). Dies ist zwischen den Beteiligten auch unstreitig.<\/li><li>b) Die Dienstleistung wird entgegen der Ansicht der Kl\u00e4gerin und anders als in dem der Entscheidung in BFHE 251, 435, BStBl II 2016, 272 zugrunde liegenden Sachverhalt jedoch nicht im Haushalt der Kl\u00e4gerin erbracht.<\/li><li>Vorliegend zahlt die Kl\u00e4gerin nicht nur f\u00fcr die Bereitstellung der erforderlichen Technik, mittels derer der Kontakt zu der Einsatzzentrale ausgel\u00f6st wird, sondern im Wesentlichen f\u00fcr das Bereithalten des Personals f\u00fcr die Entgegennahme eines eventuellen Notrufs (die Rufbereitschaft) und \u2011\u2011je nach Situation\u2011\u2011 anschlie\u00dfender Kontaktierung einer Vertrauensperson, eines vorhandenen Bereitschaftsdienstes oder Rettungsdienstes. Die wesentliche Dienstleistung ist mithin die Bearbeitung von eingehenden Alarmen und die Verst\u00e4ndigung einer Vertrauensperson, des X-Einsatzdienstes oder des Rettungsdienstes etc. per Telefon und nicht \u2011\u2011wie die Kl\u00e4gerin meint\u2011\u2011 das Rufen des Notdienstes durch diese selbst.<\/li><li>Wie das FG zu Recht ausf\u00fchrt, wird diese ma\u00dfgebende Dienstleistung nicht in der Wohnung der Steuerpflichtigen und damit nicht in deren Haushalt erbracht (Senatsurteil vom 15.02.2023&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;7\/21, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt; ebenso Schmidt\/Kr\u00fcger, EStG, 41.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;35a Rz&nbsp;21; Wackerbeck, EFG 2021, 219; Geserich, Der Betrieb 2017, 152, 154; s.a. FG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 13.09.2017&nbsp;&#8211; 7&nbsp;K&nbsp;7128\/17, EFG 2018, 40, und FG Hamburg, Urteil vom 20.01.2009&nbsp;&#8211; 3&nbsp;K&nbsp;245\/08, jeweils zu ausw\u00e4rtig untergebrachten Notrufzentralen in Form von Alarm\u00fcberwachungsleistungen, sowie Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen vom 09.11.2016&nbsp;&#8211; IV&nbsp;C&nbsp;8-S&nbsp;2296-b\/07\/10003:008, BStBl I 2016, 1213, Rz&nbsp;11).<\/li><li>Bei einem reinen Hausnotrufsystem im privaten Haushalt \u2011\u2011wie im Streitfall\u2011\u2011 wird auch keine unmittelbare Direkthilfe in Form eines Sofort-Helfer-Einsatzes in der Wohnung des Steuerpflichtigen geschuldet, sondern ggf. als eigenst\u00e4ndige Leistung Dritter vermittelt. Insoweit unterscheidet sich der Sachverhalt von demjenigen, der der Entscheidung in BFHE 251, 435, BStBl II 2016, 272 zugrunde lag. Dort hatten die im Bereich des Betreuten Wohnens besch\u00e4ftigten Pfleger jeweils einen sog. Piepser bei sich, der den Notruf sofort an sie weiterleitete. Geschuldet war dort entsprechend auch die Notfall-Soforthilfe im Haushalt durch das auf diese Weise verst\u00e4ndigte Pflegepersonal.<\/li><li>c) Mangels Leistungserbringung im Haushalt scheidet auch eine Steuererm\u00e4\u00dfigung f\u00fcr in Anspruch genommene Pflege- und Betreuungsleistungen i.S. des \u00a7&nbsp;35a Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 Alternative&nbsp;1 EStG aus.<\/li><li>3. Die Kostenentscheidung folgt aus \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weitgehend inhaltsgleich mit BFH-Urteil vom 15.02.2023 VI R 7\/21 ECLI:DE:BFH:2023:U.230323.VIR8.21.0 BFH VI. Senat EStG \u00a7 35a Abs 2 S 1 Alt 2, EStG \u00a7 35a Abs 4 S 1, EStG VZ 2016 vorgehend FG M\u00fcnchen, 02. 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