{"id":75870,"date":"2023-06-03T13:30:20","date_gmt":"2023-06-03T11:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=75870"},"modified":"2023-06-03T13:30:20","modified_gmt":"2023-06-03T11:30:20","slug":"aussetzung-der-vollziehung-saeumniszuschlaege-bfh-beschluss-vom-28-dezember-2022-iii-b-48-22-adv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/aussetzung-der-vollziehung-saeumniszuschlaege-bfh-beschluss-vom-28-dezember-2022-iii-b-48-22-adv\/","title":{"rendered":"Aussetzung der Vollziehung; S\u00e4umniszuschl\u00e4ge &#8211; BFH-Beschluss vom 28. Dezember 2022, III B 48\/22 (AdV)"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2022:BA.281222.IIIB48.22.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH III. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 240 Abs 1 S 1, FGO \u00a7 69 Abs 2 S 2, AO \u00a7 238 Abs 1 S 1, GG Art 3 Abs 1, GG Art 20 Abs 3, GG Art 100 Abs 1 S 1<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnster, 29. April 2022, Az: 4 V 559\/22<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Es bestehen ernstliche Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des S\u00e4umniszuschl\u00e4ge betreffenden \u00a7 240 Abs. 1 Satz 1 AO, wenn mehrere BFH-Senate in vergleichbaren F\u00e4llen AdV gew\u00e4hrt und dabei ernstliche Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit dieser Norm ge\u00e4u\u00dfert haben. Ernstliche Zweifel i.S. von \u00a7 69 Abs. 2 Satz 2 FGO bestehen regelm\u00e4\u00dfig auch dann, wenn eine Entscheidung von einer Rechtsfrage abh\u00e4ngt, die von mehreren Senaten des BFH unterschiedlich bzw. widerspr\u00fcchlich beantwortet worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Werden die Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Bescheide entscheidend auch darauf gest\u00fctzt, dass bereits in anderen Senaten des BFH gewichtige Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit von \u00a7 240 AO und der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der auf diese Norm gest\u00fctzten Bescheide bejaht wurden, ist es folgerichtig, nicht hinter dem Umfang zur\u00fcckzubleiben, in dem diese Senate ausgesetzt haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde wird zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Verfahrens hat das Finanzamt zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Streitig ist, ob die Vollziehung von S\u00e4umniszuschl\u00e4ge (\u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung \u2011\u2011AO\u2011\u2011) betreffenden Abrechnungsbescheiden (\u00a7&nbsp;218 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 i.V.m. Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Halbsatz&nbsp;2 AO) gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;3, Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) wegen ernstlicher Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit von \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO auszusetzen oder aufzuheben ist.<\/li><li>Der Antragsgegner und Beschwerdef\u00fchrer (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) erlie\u00df gegen\u00fcber dem Antragsteller und Beschwerdegegner (Antragsteller) am 16.02.2022 Abrechnungsbescheide, die nach dem 31.12.2018 entstandene S\u00e4umniszuschl\u00e4ge auf Einkommensteuer und Solidarit\u00e4tszuschlag aus dem Zeitraum 2015 bis 2019 und auf Umsatzsteuer aus dem Zeitraum 2015 bis Januar 2020 auswiesen. Der Antragsteller legte am 21.02.2022 gegen die Abrechnungsbescheide jeweils Einspruch ein und beantragte Aussetzung oder Aufhebung der Vollziehung (AdV). Das FA lehnte die AdV-Antr\u00e4ge am 02.03.2022 ab.<\/li><li>Am 07.03.2022 beantragte der Antragsteller beim Finanzgericht (FG) die AdV der Abrechnungsbescheide, soweit diese ab dem 01.01.2019 angefallene S\u00e4umniszuschl\u00e4ge betrafen. Mit Beschluss vom 29.04.2022 setzte das FG die Vollziehung der Abrechnungsbescheide vom 16.02.2022 im beantragten Umfang jeweils bis einen Monat nach der Entscheidung \u00fcber die Einspr\u00fcche oder deren anderweitiger Erledigung aus und hob die Vollziehung auf, soweit bereits S\u00e4umniszuschl\u00e4ge gezahlt worden waren.<\/li><li>Mit der vom FG zugelassenen Beschwerde gegen den AdV-Beschluss tr\u00e4gt das FA u.a. vor, es best\u00fcnden keine ernstlichen Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Bescheide und der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der diesen zugrunde liegenden Norm (\u00a7&nbsp;240 AO). Das Interesse des Antragstellers gehe nicht \u00fcber dasjenige an einem Zahlungsaufschub hinaus.<\/li><li>Das FA beantragt sinngem\u00e4\u00df,<br \/>den Beschluss des FG M\u00fcnster vom 29.04.2022&nbsp;&#8211; 4&nbsp;V&nbsp;559\/22 aufzuheben und den Antrag des Antragstellers abzulehnen.<\/li><li>Der Antragsteller beantragt,<br \/>die Beschwerde zur\u00fcckzuweisen.<\/li><li>Das FG hat der Beschwerde nicht abgeholfen (Beschluss vom 25.08.2022&nbsp;&#8211; 4&nbsp;V&nbsp;559\/22).<\/li><li>\u00dcber den Einspruch des Antragstellers hat das FA noch nicht entschieden.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde des FA ist unbegr\u00fcndet.<\/li><li>1. Nach \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1, Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 FGO soll die Vollziehung eines angefochtenen Verwaltungsakts ganz oder teilweise ausgesetzt werden, wenn (u.a.) ernstliche Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des angefochtenen Verwaltungsakts bestehen.<\/li><li>a) Ernstliche Zweifel i.S. von \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 FGO sind gegeben, wenn bei summarischer Pr\u00fcfung des angefochtenen Bescheids neben f\u00fcr seine Rechtm\u00e4\u00dfigkeit sprechenden Umst\u00e4nden gewichtige Gr\u00fcnde zutage treten, die Unentschiedenheit oder Unsicherheit in der Beurteilung von Rechtsfragen oder Unklarheit in der Beurteilung entscheidungserheblicher Tatfragen bewirken (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. z.B. Beschluss des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 vom 11.11.2022&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;64\/22&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2023, 165, Rz&nbsp;12, m.w.N.). Ernstliche Zweifel k\u00f6nnen auch verfassungsrechtliche Zweifel hinsichtlich einer dem angefochtenen Verwaltungsakt zugrunde liegenden Norm sein (vgl. z.B. BFH-Beschluss vom 20.09.2022&nbsp;&#8211; II&nbsp;B&nbsp;3\/22&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2022, 1328, Rz&nbsp;8). Zur Gew\u00e4hrung der AdV ist es nicht erforderlich, dass die f\u00fcr die Rechtswidrigkeit sprechenden Gr\u00fcnde im Sinne einer Erfolgswahrscheinlichkeit \u00fcberwiegen (BFH-Beschluss vom 07.09.2011&nbsp;&#8211; I&nbsp;B&nbsp;157\/10, BFHE 235, 215, BStBl II 2012, 590, Rz&nbsp;12) oder dass der Senat von der Verfassungswidrigkeit des dem Bescheid zugrunde liegenden Gesetzes \u00fcberzeugt ist. Schon deshalb kann in der Hauptsache abweichend zu entscheiden sein. Denn dann gen\u00fcgen blo\u00dfe Zweifel nicht. Vielmehr m\u00fcsste der Senat dann davon \u00fcberzeugt sein, dass die zugrunde liegende Regelung verfassungswidrig ist (Art.&nbsp;100 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 des Grundgesetzes \u2011\u2011GG\u2011\u2011).<\/li><li>b) Im Streitfall bestehen ernstliche Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der den Abrechnungsbescheiden zugrunde liegenden Norm, \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO, wonach 1&nbsp;% des abgerundeten r\u00fcckst\u00e4ndigen Steuerbetrags f\u00fcr jeden angefangenen Monat der S\u00e4umnis zu entrichten ist. Die Entscheidung des FG, die Vollziehung der Abrechnungsbescheide auszusetzen oder aufzuheben (zur AdV von Abrechnungsbescheiden s. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 10.11.1987&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;137\/87, BFHE 151, 128, BStBl II 1988, 43, und vom 19.01.2006&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;301\/05, BFH\/NV 2006, 916), ist deshalb nicht zu beanstanden.<\/li><li>aa) Ernstliche Zweifel bestehen schon deshalb, weil bereits mehrere BFH-Senate \u2011\u2011der VIII., der V. und der VII.&nbsp;Senat\u2011\u2011 in vergleichbaren F\u00e4llen AdV gew\u00e4hrt und dabei ernstliche Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der Norm dargelegt haben (z.B. BFH-Beschl\u00fcsse in BFH\/NV 2023, 165; vom 23.05.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;4\/22&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2022, 1030; vom 31.08.2021&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;69\/21&nbsp;(AdV), nicht ver\u00f6ffentlicht \u2011\u2011n.v.\u2011\u2011, unter Hinweis u.a. auf BFH-Beschluss vom 14.04.2020&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;53\/19, BFH\/NV 2021, 177; vom 26.05.2021&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;13\/21&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2022, 209, und vom 30.03.2021&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;63\/20&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2021, 1212). Schon im Hinblick auf diese Entscheidungen geht der Senat nicht davon aus, dass \u00a7&nbsp;240 AO unzweifelhaft verfassungsgem\u00e4\u00df ist und die Bescheide unzweifelhaft rechtm\u00e4\u00dfig sind.<\/li><li>bb) Die von den genannten Senaten ge\u00e4u\u00dferten verfassungsrechtlichen Zweifel beruhen im Kern darauf, dass die in \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO geregelte Zinsh\u00f6he f\u00fcr die streitgegenst\u00e4ndlichen Zeit als nicht realit\u00e4tsgerecht angesehen wird (vgl. bereits BFH-Beschluss vom 25.04.2018&nbsp;&#8211; IX&nbsp;B&nbsp;21\/18, BFHE 260, 431, BStBl II 2018, 415). Unter Ber\u00fccksichtigung des im Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes geltenden Pr\u00fcfungsma\u00dfstabs k\u00f6nnen die Zweifel auf die S\u00e4umniszuschl\u00e4ge gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;240 AO und die auf dieser Vorschrift beruhenden Abrechnungsbescheide \u00fcbertragen werden.<\/li><li>(1) Nach st\u00e4ndiger Rechtsprechung des BFH sind S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zum einen ein Druckmittel eigener Art, das den Steuerschuldner zur rechtzeitigen Zahlung anhalten soll. Dar\u00fcber hinaus sind sie eine Gegenleistung f\u00fcr das Hinausschieben der Zahlung f\u00e4lliger Steuerschulden und gelten Verwaltungsaufwendungen ab, die bei den steuerverwaltenden K\u00f6rperschaften regelm\u00e4\u00dfig entstehen, wenn Steuerpflichtige eine f\u00e4llige Steuer nicht oder nicht fristgem\u00e4\u00df bezahlen (BFH-Urteil vom 19.12.2000&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;63\/99, BFHE 193, 524, BStBl II 2001, 217).<\/li><li>(2) Soweit in den S\u00e4umniszuschl\u00e4gen ein Zinsanteil enthalten ist, der von Verwaltung (vgl. z.B. \u00a7&nbsp;240 Nr.&nbsp;5 Buchst.&nbsp;c bis e des Anwendungserlasses zur Abgabenordnung) und st\u00e4ndiger Rechtsprechung in Erlass- und Haftungsf\u00e4llen regelm\u00e4\u00dfig mit 0,5&nbsp;% pro Monat angenommen wird (vgl. z.B. BFH-Urteile vom 30.06.2020&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;63\/18, BFHE 270, 7, BStBl II 2021, 191, Rz&nbsp;23; vom 17.09.2019&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;31\/18, BFHE 266, 113, BFH\/NV 2020, 252, Rz&nbsp;22; vom 24.04.2014&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;52\/13, BFHE 245, 105, BStBl II 2015, 106, Rz&nbsp;13; vom 30.03.2006&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;2\/04, BFHE 212, 23, BStBl II 2006, 612; in BFHE 193, 524, BStBl II 2001, 217; vom 25.02.1997&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;15\/96, BFHE 182, 480, BStBl II 1998, 2, und vom 18.04.1996&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;55\/95, BFHE 180, 516, BStBl II 1996, 561; vgl. auch Heuermann in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, \u00a7&nbsp;240 AO Rz&nbsp;13; Klein\/R\u00fcsken, AO, 16.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;240, Rz&nbsp;47&nbsp;ff. und 51&nbsp;ff.; Koenig\/Koenig, Abgabenordnung, 4.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;240 Rz&nbsp;3), bestehen hinsichtlich ihrer H\u00f6he verfassungsrechtliche Zweifel.<\/li><li>(a) Der IX.&nbsp;Senat hat bereits im BFH-Beschluss in BFHE 260, 431, BStBl II 2018, 415 dargelegt, dass schwerwiegende Zweifel bestehen, ob in einer strukturellen Niedrigzinsphase eine Zinsh\u00f6he von 0,5&nbsp;% f\u00fcr jeden Monat (6&nbsp;% Zinsen pro Jahr) mit dem allgemeinen Gleichheitssatz des Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG und dem aus dem Rechtsstaatsprinzip des Art.&nbsp;20 Abs.&nbsp;3 GG abzuleitenden \u00dcberma\u00dfverbot vereinbar ist. Der Zweck der Zinsen, potenzielle Liquidit\u00e4ts- oder Zinsvorteile abzusch\u00f6pfen, geht f\u00fcr den Streitzeitraum ins Leere, weil der Steuerpflichtige keine M\u00f6glichkeit hatte, durch Anlage der nicht gezahlten Steuerbetr\u00e4ge oder durch die Ersparnis von Aufwendungen einen Zinsertrag in dieser H\u00f6he zu erzielen. Ebenso ist ein entsprechender Zinsnachteil des Fiskus, der den nicht gezahlten Steuerbetrag nicht anderweitig nutzen konnte, angesichts des sehr niedrige, teilweise sogar negative Zinss\u00e4tze ausweisenden Refinanzierungsniveaus am Kapitalmarkt ausgeschlossen (vgl. BFH-Beschluss in BFHE 260, 431, BStBl II 2018, 415).<\/li><li>Der Gesetzgeber hat bei der Einf\u00fchrung der seit dem Jahr 1961 unver\u00e4nderten Zinsh\u00f6he von 0,5&nbsp;% f\u00fcr jeden Monat (\u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO) die Typisierung des Zinssatzes mit dem Interesse an Praktikabilit\u00e4t und Verwaltungsvereinfachung gerechtfertigt. Solche Erw\u00e4gungen k\u00f6nnen angesichts des Einsatzes moderner Datenverarbeitungstechnik bei einer Anpassung der Zinsh\u00f6he an den jeweiligen Marktzinssatz oder an den Basiszinssatz i.S. des \u00a7&nbsp;247 des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuchs nicht mehr tragend sein (BFH-Beschluss in BFHE 260, 431, BStBl II 2018, 415).<\/li><li>Zur Vermeidung von Wiederholungen wird im \u00dcbrigen auf den BFH-Beschluss in BFHE 260, 431, BStBl II 2018, 415 verwiesen.<\/li><li>(b) Auch das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) und der Gesetzgeber haben zwischenzeitlich zumindest f\u00fcr einen Teilbereich anerkannt, dass die Zinsen in der AO zu hoch sind (vgl. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1a n.F. und BVerfG-Beschluss vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17, BVerfGE 158, 282).<\/li><li>(c) Die ernstlichen Zweifel wurden durch den BVerfG-Beschluss in BVerfGE 158, 282 f\u00fcr \u00a7&nbsp;240 AO auch nicht ausger\u00e4umt, denn das BVerfG hat nicht entschieden, dass die Zinsen in der AO \u2011\u2011von der dort streitgegenst\u00e4ndlichen Vollverzinsung abgesehen\u2011\u2011 oder die S\u00e4umniszuschl\u00e4ge verfassungsgem\u00e4\u00df sind, sondern hat dies ausdr\u00fccklich offengelassen. Allein der Umstand, dass die Vollverzinsung auch von der Bearbeitungsdauer in der Finanzverwaltung abh\u00e4ngt und der Anfall von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen vom Steuerpflichtigen durch eine p\u00fcnktliche Steuerzahlung vermieden werden kann, bedeutet nicht, dass die in \u00a7&nbsp;240 AO geregelten S\u00e4umniszuschl\u00e4ge mit 12&nbsp;% pro Jahr in einer strukturellen Niedrigzinsphase richtig bemessen sind (s. oben unter 1.b&nbsp;bb).<\/li><li>(d) Die ernstlichen Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge lassen sich infolge der durch den BVerfG-Beschluss in BVerfGE 158, 282 veranlassten punktuellen Gesetzes\u00e4nderung nun auch darauf st\u00fctzen, dass der Gesetzgeber in \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1a AO den Zinssatz ab dem 01.01.2019 auf 0,15&nbsp;% pro Monat oder 1,8&nbsp;% pro Jahr abgesenkt hat und damit der Liquidit\u00e4tsvorteil des Steuerpflichtigen und der Liquidit\u00e4tsnachteil des Fiskus hier signifikant anders bewertet werden als im Rahmen von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen, wenn man davon ausgeht, dass in ihnen ein Zinsanteil von 0,5&nbsp;% pro Monat bzw. 6&nbsp;% pro Jahr enthalten ist (vgl. F\u00fcssenich, juris&nbsp;&#8211; Die Monatszeitschrift 2023, 34).<\/li><li>(e) Auf die Frage, ob die Regelung der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge in \u00a7&nbsp;240 AO gegen das aus dem Rechtsstaatsprinzip abzuleitende Transparenzgebot verst\u00f6\u00dft, weil der Gesetzgeber mit ihnen mehrere Ziele gleichzeitig verfolgt, ohne den Zielen konkrete Anteile an den S\u00e4umniszuschl\u00e4gen zuzuordnen (vgl. Seer, DB 2022, 1795), kommt es vor diesem Hintergrund nicht mehr an, da f\u00fcr eine AdV der Abrechnungsbescheide bereits andere gewichtige Gr\u00fcnde sprechen. Diese Frage w\u00e4re gegebenenfalls in einem Hauptsacheverfahren zu pr\u00fcfen.<\/li><li>cc) (1) Ernstliche Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit eines Verwaltungsakts sind nach der BFH-Rechtsprechung regelm\u00e4\u00dfig auch dann gerechtfertigt, wenn dies von einer Rechtsfrage abh\u00e4ngt, die von mehreren Senaten des BFH unterschiedlich oder widerspr\u00fcchlich entschieden worden ist; dann ist die Vollziehung auszusetzen oder aufzuheben (BFH-Beschl\u00fcsse vom 11.07.2013&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;41\/13, BFH\/NV 2013, 1647, und vom 05.02.1986&nbsp;&#8211; I&nbsp;B&nbsp;39\/85, BFHE 146, 105, BStBl II 1986, 490, wonach eine AdV auch dann geboten ist, wenn nach einem Urteil des erkennenden Senats die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des angefochtenen Verwaltungsakts zweifelhaft ist und der Zweifel nach einem damit in Widerspruch stehenden Urteil des selben Senats nicht besteht; BFH-Beschluss vom 22.11.1968&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;87\/68, BFHE 94, 206, BStBl II 1969, 145, wonach eine Rechtsfrage ernstlich zweifelhaft ist, wenn sie von zwei obersten Bundesgerichten unterschiedlich entschieden worden ist; vgl. auch BFH-Urteil vom 08.02.2017&nbsp;&#8211; X&nbsp;B&nbsp;138\/16, BFH\/NV 2017, 579 f\u00fcr den Fall, dass zwei finanzgerichtliche Entscheidungen im Widerspruch zueinander ergangen sind und der BFH die Rechtsfrage noch nicht entschieden hat; ebenso Gr\u00e4ber\/Stapperfend, Finanzgerichtsordnung, 9.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;69 Rz&nbsp;161). Welcher der widerstreitenden Auffassungen der Vorzug zu geben ist, kann im summarischen Verfahren des \u00a7&nbsp;69 FGO (und in einer Besetzung von drei Richtern, \u00a7&nbsp;10 Abs.&nbsp;3 FGO) nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt werden, sondern w\u00e4re gegebenenfalls in einem Hauptsacheverfahren, durch den Gro\u00dfen Senat (\u00a7&nbsp;11 Abs.&nbsp;2 und 3 FGO) oder durch das BVerfG (Art.&nbsp;100 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 GG, \u00a7\u00a7&nbsp;80&nbsp;ff. des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes) zu entscheiden (vgl. bereits BFH-Urteil in BFHE 94, 206, BStBl II 1969, 145).<\/li><li>(2) Auch aus diesem Grund ist im Streitfall die Vollziehung der Abrechnungsbescheide aufzuheben oder auszusetzen.<\/li><li>Wie ausgef\u00fchrt haben mehrere Senate in vergleichbaren F\u00e4llen AdV gew\u00e4hrt, weil sie Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit von \u00a7&nbsp;240 AO hatten (BFH-Beschl\u00fcsse in BFH\/NV 2023, 165; in BFH\/NV 2022, 1030; vom 31.08.2021&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B 69\/21&nbsp;(AdV), n.v.; in BFH\/NV 2022, 209, und in BFH\/NV 2021, 1212), Hingegen haben zwei BFH-Senate in vergleichbaren F\u00e4llen eine AdV abgelehnt (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse in BFH\/NV 2022, 1328, und vom 28.10.2022&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;15\/22&nbsp;(AdV), BStBl II 2023, 12, BFH\/NV 2023, 47, sowie weitere, in juris ver\u00f6ffentlichte Beschl\u00fcsse des VI.&nbsp;Senats vom selben Tag VI&nbsp;B&nbsp;27\/22&nbsp;(AdV), VI&nbsp;B&nbsp;31\/22&nbsp;(AdV), VI&nbsp;B&nbsp;35\/22&nbsp;(AdV), VI&nbsp;B&nbsp;38\/22&nbsp;(AdV) und VI&nbsp;B&nbsp;48\/22&nbsp;(AdV)). Sie hatten keine ernstlichen Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der angefochtenen Bescheide.<\/li><li>Die zeitlich nach dem BVerfG-Beschluss in BVerfGE 158, 282 ergangenen Entscheidungen divergieren auch hinsichtlich der Frage, ob der die Vollverzinsung gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 AO f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2014 f\u00fcr verfassungswidrig und ab dem Jahr 2019 f\u00fcr neu regelungsbed\u00fcrftig erkl\u00e4rende BVerfG-Beschluss bei summarischer Pr\u00fcfung im Ergebnis auf S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zumindest insoweit \u00fcbertragbar ist, als daraus auch Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der Zinsh\u00f6he in einer strukturellen Niedrigzinsphase abgeleitet werden k\u00f6nnen (bejaht BFH-Beschluss in BFH\/NV 2023, 165; verneint BFH-Beschl\u00fcsse in BFH\/NV 2022, 1328, Rz&nbsp;14&nbsp;ff., und in BStBl II 2023, 12, BFH\/NV 2023, 47, Rz&nbsp;18&nbsp;ff.).<\/li><li>2. Der Antragsteller hat auch ein berechtigtes Interesse an der AdV der Bescheide, weshalb dahinstehen kann, ob die AdV wegen des Geltungsanspruchs jedes formell zustande gekommenen Gesetzes in F\u00e4llen, in denen die ernstlichen Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des Verwaltungsakts auf Bedenken gegen die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit einer dem Verwaltungsakt zugrunde liegenden Gesetzesvorschrift beruhen, ein derartiges (besonderes) Interesse des Antragstellers an der Gew\u00e4hrung vorl\u00e4ufigen Rechtsschutzes voraussetzt (vgl. etwa BFH-Beschluss in BFH\/NV 2022, 1328; wie hier BFH-Beschluss in BFH\/NV 2023, 165, Rz&nbsp;17, m.w.N.).<\/li><li>Zum einen gehen die schwerwiegenden Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der dem angefochtenen Verwaltungsakt zugrunde liegenden gesetzlichen Regelung \u00fcber das Ma\u00df an Zweifeln hinaus, welches \u00fcblicherweise von der Rechtsprechung f\u00fcr die Gew\u00e4hrung der AdV f\u00fcr erforderlich gehalten wird.<\/li><li>Zum anderen ist weder dargelegt noch ersichtlich, dass eine AdV im Streitfall das \u00f6ffentliche Interesse an einer geordneten Haushaltsf\u00fchrung verletzen k\u00f6nnte; vielmehr ist dem Gesetzgeber seit Anh\u00e4ngigkeit der Verfahren in BVerfGE 158, 282, und dem Ergehen weiterer BFH-Entscheidungen (z.B. BFH-Beschl\u00fcsse des IX.&nbsp;Senats in BFHE 260, 431, BStBl II 2018, 415; des VIII.&nbsp;Senats vom 03.09.2018&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;15\/18, BFH\/NV 2018, 1279, und des VII.&nbsp;Senats in BFH\/NV 2021, 177), finanzgerichtlicher Beschl\u00fcsse (vgl. z.B. Beschluss des FG Hamburg vom 31.01.2019&nbsp;&#8211; 2&nbsp;V&nbsp;112\/18, Entscheidungen der Finanzgerichte 2019, 525) oder z.B. des Schreibens des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) vom 14.12.2018&nbsp;&#8211; IV&nbsp;A&nbsp;3 &#8211;&nbsp;S&nbsp;0465\/18\/10005-01, 2018\/1019336 (BStBl I 2018, 1393, erg\u00e4nzt durch BMF-Schreiben vom 27.11.2019&nbsp;&#8211; IV&nbsp;A&nbsp;3 &#8211;&nbsp;S&nbsp;0465\/19\/10004:001, 2019\/1038543, BStBl I 2019, 1266) bekannt, dass die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der H\u00f6he des Zinssatzes gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;238 AO und konsequenterweise auch der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;240 AO, die, wie ausgef\u00fchrt, einen entsprechenden Zinsanteil enthalten, auf dem Pr\u00fcfstand steht (zu \u00a7&nbsp;240 AO vgl. z.B. BFH-Urteil in BFHE 270, 7, BStBl II 2021, 191, Rz&nbsp;23; BFH-Beschluss in BFH\/NV 2021, 177).<\/li><li>3. Die Entscheidung des FG, das in vollem Umfang AdV gew\u00e4hrt hat, ist auch hinsichtlich des Aussetzungsumfangs nicht zu beanstanden. Da der Senat seine Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Bescheide entscheidend auch darauf st\u00fctzt, dass bereits in mehreren anderen Senaten des BFH gewichtige Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit von \u00a7&nbsp;240 AO und der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der auf diese Norm gest\u00fctzten Bescheide bejaht wurden (dazu oben unter 1.b&nbsp;aa), bleibt der Senat schon aus Gr\u00fcnden der Folgerichtigkeit nicht hinter dem Umfang zur\u00fcck, in dem diese Senate ausgesetzt haben (zuletzt BFH-Beschluss in BFH\/NV 2023, 165) und best\u00e4tigt deshalb die Entscheidung des FG.<\/li><li>4. Eine Verpflichtung, gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;11 Abs.&nbsp;2 FGO den Gro\u00dfen Senat des BFH anzurufen, besteht im AdV-Verfahren nicht, auch wenn zwei Senate in einer vergleichbaren Situation keine AdV gew\u00e4hrt haben (vgl. etwa BFH-Beschl\u00fcsse in BStBl II 2023, 12, BFH\/NV 2023, 47, und in BFH\/NV 2022, 1328), da eine endg\u00fcltige Kl\u00e4rung der Rechtsfrage, ob \u00a7&nbsp;240 AO verfassungsgem\u00e4\u00df ist, im Verfahren \u00fcber die AdV nicht erreicht werden kann (vgl. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse in BFH\/NV 2023, 165, Rz&nbsp;19, und vom 15.04.2010&nbsp;&#8211; IV&nbsp;B&nbsp;105\/09, BFHE 229, 199, BStBl II 2010, 971).<\/li><li>5. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2022:BA.281222.IIIB48.22.0 BFH III. Senat AO \u00a7 240 Abs 1 S 1, FGO \u00a7 69 Abs 2 S 2, AO \u00a7 238 Abs 1 S 1, GG Art 3 Abs 1, GG Art 20 Abs 3, GG Art 100 Abs 1 S 1 vorgehend FG M\u00fcnster, 29. 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