{"id":75973,"date":"2023-07-10T12:53:11","date_gmt":"2023-07-10T10:53:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=75973"},"modified":"2023-07-10T12:53:11","modified_gmt":"2023-07-10T10:53:11","slug":"nichtzulassungsbeschwerde-ruege-einer-divergenz-verzicht-auf-muendliche-verhandlung-bfh-beschluss-vom-21-juni-2023-ix-b-58-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/nichtzulassungsbeschwerde-ruege-einer-divergenz-verzicht-auf-muendliche-verhandlung-bfh-beschluss-vom-21-juni-2023-ix-b-58-22\/","title":{"rendered":"Nichtzulassungsbeschwerde: R\u00fcge einer Divergenz, Verzicht auf m\u00fcndliche Verhandlung &#8211; BFH-Beschluss vom 21. Juni 2023, IX B 58\/22"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.210623.IXB58.22.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH IX. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>FGO \u00a7 5 Abs 3, FGO \u00a7 90 Abs 1 S 1, FGO \u00a7 90 Abs 2, FGO \u00a7 96 Abs 1 S 1, FGO \u00a7 96 Abs 2, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 2 Alt 2, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 3, FGO \u00a7 116 Abs 3 S 3, HGB \u00a7 255 Abs 2 S 1, GG Art 103 Abs 1<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend Finanzgericht Berlin-Brandenburg , 05. Mai 2022, Az: 9 K 9024\/21<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Die schl\u00fcssige R\u00fcge einer Divergenz erfordert die Darlegung, dass das FG bei gleichem oder vergleichbarem Sachverhalt in einer entscheidungserheblichen Rechtsfrage eine andere Auffassung vertritt als der BFH, ein anderes oberstes Bundesgericht oder ein FG.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Der Verzicht auf die m\u00fcndliche Verhandlung kann nur ausnahmsweise widerrufen werden, wenn sich die Prozesslage nach Abgabe der Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung wesentlich ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde der Kl\u00e4ger wegen Nichtzulassung der Revision gegen das Urteil des Finanzgerichts Berlin-Brandenburg vom 05.05.2022 &#8211; 9 K 9024\/21 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Beschwerdeverfahrens haben die Kl\u00e4ger zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde hat keinen Erfolg.<\/li><li>Die Revision ist weder wegen Divergenz (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2 Alternative&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011, dazu unter 1.) noch wegen eines Verfahrensfehlers (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;3 FGO, dazu unter 2.) zuzulassen.<\/li><li>1. Der von den Kl\u00e4gern und Beschwerdef\u00fchrern (Kl\u00e4ger) vorgebrachte Zulassungsgrund der Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2 Alternative&nbsp;2 FGO) ist nicht gegeben.<\/li><li>a) Die schl\u00fcssige R\u00fcge einer Divergenz erfordert die Darlegung, dass das Finanzgericht (FG) bei gleichem oder vergleichbarem Sachverhalt in einer entscheidungserheblichen Rechtsfrage eine andere Auffassung vertritt als der Bundesfinanzhof (BFH) oder ein anderes FG. Gleiches gilt f\u00fcr Entscheidungen eines anderen obersten Bundesgerichts. Dabei muss das FG seinem Urteil einen entscheidungserheblichen (tragenden) abstrakten Rechtssatz zugrunde gelegt haben, der mit den ebenfalls tragenden Rechtsausf\u00fchrungen in der Divergenzentscheidung des anderen Gerichts nicht \u00fcbereinstimmt (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. u.a. Senatsbeschluss vom 08.04.2020&nbsp;&#8211; IX&nbsp;B&nbsp;103\/19, BFH\/NV 2020, 898, Rz&nbsp;5).<\/li><li>Im Einzelnen sind f\u00fcr die schl\u00fcssige R\u00fcge einer Divergenz gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;116 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;3 FGO die angeblichen Divergenzentscheidungen genau \u2011\u2011mit Datum und Aktenzeichen oder Fundstelle\u2011\u2011 zu bezeichnen sowie tragende, abstrakte Rechtss\u00e4tze aus dem angefochtenen Urteil des FG einerseits und aus den behaupteten Divergenzentscheidungen andererseits gegen\u00fcberzustellen, um die Abweichung deutlich zu machen. Dies erfordert auch die Darlegung, dass es sich im Streitfall um einen gleichen oder vergleichbaren Sachverhalt handelt, so dass sich in der angefochtenen und in der Divergenzentscheidung dieselbe Rechtsfrage stellt (vgl. u.a. Senatsbeschluss in BFH\/NV 2020, 898, Rz&nbsp;6). Dazu reichen weder eine Divergenz in der W\u00fcrdigung von Tatsachen noch die (vorgebliche) fehlerhafte Umsetzung von Rechtsprechungsgrunds\u00e4tzen auf die Besonderheiten des Einzelfalles noch blo\u00dfe Subsumtionsfehler des FG aus (vgl. Senatsbeschluss vom 13.07.2012&nbsp;&#8211; IX&nbsp;B&nbsp;3\/12, BFH\/NV 2012, 1635, Rz&nbsp;3).<\/li><li>b) Diesen Anforderungen gen\u00fcgt das Vorbringen der Kl\u00e4ger nicht. Zwar haben die Kl\u00e4ger drei Divergenzentscheidungen benannt (Senatsurteile vom 03.12.2002&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;64\/99, BFHE 201, 148, BStBl II 2003, 590; vom 14.07.2004&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;52\/02, BFHE 206, 441; BStBl II 2004, 949 und vom 12.09.2001&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;39\/97, BFHE 198, 74, BStBl II 2003, 569). Die Kl\u00e4ger arbeiten aus dem angefochtenen FG-Urteil jedoch keine entscheidungserheblichen abstrakten Rechtss\u00e4tze heraus, die in Widerspruch zu denen der Divergenzentscheidungen stehen. Im \u00dcbrigen \u00fcbersehen die Kl\u00e4ger, dass das FG in dem angefochtenen Urteil Herstellungskosten nicht aufgrund einer Verbesserung im Sinne von \u00a7&nbsp;255 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 Variante&nbsp;3 des Handelsgesetzbuchs (HGB), sondern aufgrund einer Erweiterung im Sinne von \u00a7&nbsp;255 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 Variante&nbsp;2 HGB angenommen hat. Mithin liegen den Divergenzentscheidungen und dem angefochtenen Urteil nicht dieselbe Rechtsfrage zugrunde.<\/li><li>2. Der ger\u00fcgte Verfahrensfehler (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;3 FGO) liegt nicht vor. Soweit die Kl\u00e4ger die Verletzung des rechtlichen Geh\u00f6rs (Art.&nbsp;103 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes, \u00a7&nbsp;96 Abs.&nbsp;2 FGO) r\u00fcgen und geltend machen, dass der Verzicht auf die m\u00fcndliche Verhandlung auf die fehlerhafte Suggestion der wesentlichen Erfolgsaussichten der Klage zur\u00fcckzuf\u00fchren sei, f\u00fchrt dies nicht zur Zulassung der Revision.<\/li><li>a) Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;90 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 FGO entscheidet das FG in Urteilsverfahren aufgrund m\u00fcndlicher Verhandlung. Nach \u00a7&nbsp;90 Abs.&nbsp;2 FGO kann das FG mit Einverst\u00e4ndnis der Beteiligten ohne m\u00fcndliche Verhandlung entscheiden. Ein Verzicht auf die m\u00fcndliche Verhandlung ist als Prozesshandlung nicht wegen Irrtums (auch \u00fcber die Tragweite des Verzichts) anfechtbar und auch nicht frei widerrufbar (BFH-Beschluss vom 10.03.2011&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;147\/10, BFHE 232, 322, BStBl II 2011, 556, Rz&nbsp;9, m.w.N.). Der Verzicht auf die m\u00fcndliche Verhandlung kann daher nur ausnahmsweise widerrufen werden, wenn sich die Prozesslage nach Abgabe der Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung wesentlich ge\u00e4ndert hat (Senatsbeschluss vom 19.04.2016&nbsp;&#8211; IX&nbsp;B&nbsp;110\/15, BFH\/NV 2016, 1060, Rz&nbsp;14, m.w.N.). Ausnahmsweise kann eine Prozesserkl\u00e4rung dar\u00fcber hinaus auch bereits unwirksam sein, wenn sie durch bewusste T\u00e4uschung, Drohung, durch eine bewusst falsche Auskunft oder mittels offensichtlich unzutreffender Erw\u00e4gungen \u2011\u2011insbesondere gegen\u00fcber rechtsunkundigen Personen\u2011\u2011 veranlasst worden war (BFH-Beschluss vom 08.06.2004&nbsp;&#8211; IV&nbsp;B&nbsp;180\/02, BFH\/NV 2004, 1634, unter 1.).<\/li><li>b) Die auch im finanzgerichtlichen Verfahren rechtskundig beratenen Kl\u00e4ger haben weder dargelegt, dass sie aufgrund einer bewussten T\u00e4uschung, Drohung, aufgrund einer bewusst falschen Auskunft oder mittels offensichtlich unzutreffender Erw\u00e4gungen auf die m\u00fcndliche Verhandlung verzichteten (dazu unter aa), noch, dass sich die Prozesslage seit der Erkl\u00e4rung des Verzichts auf die m\u00fcndliche Verhandlung wesentlich ge\u00e4ndert hat (dazu unter bb).<\/li><li>aa) Die Erkl\u00e4rung des Verzichts war nicht durch eine bewusste T\u00e4uschung, Drohung, durch eine bewusst falsche Auskunft oder mittels offensichtlich unzutreffender Erw\u00e4gungen veranlasst. Denn jedenfalls erst im Anschluss an den Verzicht erfolgte das Telefonat mit dem Berichterstatter, in dem dieser \u2011\u2011aus der Sicht der Kl\u00e4ger\u2011\u2011 falsche Angaben zu den Erfolgsaussichten der Klage gemacht haben soll.<\/li><li>bb) Auch hat sich die Prozesslage seit dem Verzicht auf die m\u00fcndliche Verhandlung nicht wesentlich ge\u00e4ndert, so dass die Kl\u00e4ger den Verzicht auf die m\u00fcndliche Verhandlung noch h\u00e4tten widerrufen k\u00f6nnen. Es kann dabei dahinstehen bleiben, inwiefern der Berichterstatter \u2011\u2011aus der Sicht der Kl\u00e4ger\u2011\u2011 fehlerhaft wesentliche Erfolgsaussichten der Klage suggerierte. Nach \u00a7&nbsp;5 Abs.&nbsp;3 FGO entscheidet der Senat in der dort vorgesehenen Besetzung nach seiner freien, aus dem Gesamtergebnis des Verfahrens gewonnenen \u00dcberzeugung (\u00a7&nbsp;96 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 FGO). Deshalb sind Hinweise des Berichterstatters, denen sich eine bestimmte Rechtsauffassung beziehungsweise Einsch\u00e4tzung zu den Erfolgsaussichten entnehmen l\u00e4sst, nicht bindend f\u00fcr die sp\u00e4tere Entscheidung des Senats (vgl. BFH-Urteil vom 20.10.1981&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;152\/80, juris, unter 4.; BFH-Beschluss in BFH\/NV 2004, 1634, unter 1.) und k\u00f6nnen mithin nicht zu einer wesentlichen \u00c4nderung der Prozesslage f\u00fchren.<\/li><li>3. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.210623.IXB58.22.0 BFH IX. 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